Grand Prix Frankreich in Le Castellet (Archivversion) Fuchsjagd

Jürgen Fuchs blies beim Frankreich-Grand Prix zu einer tollen Jagd - doch am Ende machte nur Teamkollege Ralf Waldmann fette Beute.

Ralf Waldmann erbte den zweiten Platz beim Grand Prix Frankreich von seinem gestürzten Teampartner Jürgen Fuchs, feierte das bislang beste Resultat der Saison und trug eine ungebrochene Moral zur Schau. »Ich bin so motiviert wie immer und möchte meine Position als bester Honda-Fahrer bei den 250ern verteidigen. Selbst der zweite WM-Rang ist nicht außer Reichweite«, erklärte Waldi und atmete tief durch, weil der glückliche Erfolg genau im richtigen Moment Selbstvertrauen und den Marktwert bei neuen Arbeitgebern stärkte. Wenn das Wochenende so weitergelaufen wäre, wie es begonnen hatte, wäre Waldmanns Stimmung nach dem Rennen sicher auf dem Tiefpunkt gewesen. Denn am Donnerstag hatte Manager Dieter Stappert seinen Mannen die in Deutschland bereits veröffentlichte Hiobsbotschaft vom Rückzug des Teamsponsors HB zum Jahresende überbracht. Während die geschäftstüchtigen, an Selbständigkeit gewohnten HB-Fahrer Dirk Raudies und Jürgen Fuchs sofort über Alternativen nachzudenken begannen, schien der lebenslustige, auf Nestwärme besonders angewiesene Angestellte Ralf Waldmann wie vor den Kopf geschlagen. Obwohl er nach erfolgreichen Tests in Imola wieder sein auf ein senkrecht stehendes Federbein umgebautes Spezialfahrwerk verwendete, lief Waldi das Fahren auf dem Le Castellet-Kurs schlecht von der Hand. Und obwohl das ganze Team, allen voran der launische Dieter Stappert, den Schock des HB-Rückzugs mit honigsüßer Freundlichkeit zu überspielen versuchten, blieb die seit Saisonbeginn von unsichtbaren Stacheldrähten durchwobene Athmosphäre der beiden HB-Boxennachbarn gespannt. Als Jürgen Fuchs im Abschlußtraining schneller fuhr als sein berühmter Teamkollege, kam es schon wieder zu einer kleinen Eruption, weil sich Waldi beschwerte, Fuchs habe ihn nicht in den Windschatten genommen. Dabei kämpfen beide längst getrennt ums sportliche Überleben, was der sonst so kühl und überlegt agierende Fuchs mit einem besonders heißen Rennen unterstrich. Obwohl sein Motorrad auf der 1,1 Kilometer langen Mistralgeraden unterlegen war, schob er sich nach einem von Ruggia behinderten Start zügig nach vorn. Innen quetschte er sich an dem heftig schimpfenden Tetsuya Harada vorbei und übernahm Platz vier, dann rückte er auf Ralf Waldmann auf. »Meine Federung ist noch nicht der Weisheit letzter Schluß. Ab Mitte des Rennens haben Reifen und Fahrwerk spürbar nachgelassen. Ich konnte nicht schneller fahren, deshalb habe ich Fuchs vorbeigelassen«, berichtete Waldi. »Dann ließ ich mich sofort ein paar Meter zurückfallen, denn der Jürgen wirbelte dermaßen viel Steine auf, daß ich Angst um Kühler und Bremse bekam. Der ganze Lack am Helm ist abgeplatzt!« Aus sicherer Entfernung beobachtete Waldi, wie sein Teamkollege nun zur Jagd auf den entfesselt aufdrehenden, hinter Weltmeister Max Biaggi an zweiter Stelle fahrenden Olivier Jacque blies. Ein paarmal schob sich der in den langgezogenen Kurven schnellere Fuchs kurz nach vorn, verlor gegen Jacque aber immer wieder auf der Querspange von der Zielgerade zur Mistralgeraden und hatte wegen eines schlechter laufenden Motors Mühe, sich wieder heranzusaugen. »Deshalb wollte ich schon auf der Zielgeraden so dicht wie möglich an Jacque dranbleiben«, schilderte Fuchs den verhängnisvollen Zwischenfall eingangs der 22. Runde. »Ich war ein Meter hinter ihm, wir haben exakt gleichzeitig gebremst, doch meine Anlage hatte Fading, und obwohl ich voll gezogen habe, brachte ich einfach nicht dieselbe Verzögerung zustande. Ich kam ihm immer näher und fuhr ihm schließlich direkt in den Auspuff.« Damit waren beide Honda-Werksfahrer-Neulinge ihrer ungefährdeten Podestplätze und Jacque obendrein des großen Triumphes vor eigenem Publikum beraubt. Waldi durfte aufatmen, weil er einmal mehr als bester Honda-Pilot über die Ziellinie sauste, Fuchs brachte einen Spießrutenlauf zur Box hinter sich, bei dem die französischen Fans Flaschen und Büchsen schleuderten und den Bayern am liebsten gelyncht hätten. »Gott sei Dank waren die nicht bewaffnet«, grinste Fuchs. Es spricht für Jacque und dessen Chesterfield-elf-Teamchef Hervé Poncharral, daß sie die Entschuldigung von Fuchs und die beiden Flaschen Prosecco von Dieter Stappert mit einem Lächeln und einem Schulterklopfen in Empfang nahmen. Denn Fuchs war eindeutig »der Dackel«, wie es Fernsehzuschauer Mario Rubatto ausdrückte. Weil dieses Bremsfading schon in Jerez aufgetreten war, gehöre ihm, so Rubatto, »gleich zweimal der Duppel gebohrt«. Rubatto konnte sich solche Sprüche leisten, denn nach der wenig friedvollen Trennung von Seriensieger Dirk Raudies 1993 und Malaysia-Sieger Garry McCoy 1995 hatte sich der Ex-Rennfahrer und Fahrwerksspezialist wieder zum Erfolg durchgewühlt. Diesmal als Cheftechniker des deutschen United Grey-Teams und des Japaners Tomomi Manako. Vor den Augen des erstmals zum Grand Prix angereisten Teamchefs Ralf Schindler glühte Manako am Freitag zur vorläufigen Pole Position in der 125er Klasse, und obwohl er im Abschlußtraining und im Rennen mit Kraftmangel im fünften und sechsten Gang kämpfte, war er in der letzten Rennrunde zur Stelle. Auf der Mistralgeraden noch Vierter, schnappte er sich Nobby Ueda und Emili Alzamora in den anschließenden Kurven und feierte hinter Sieger Stefano Perugini einen formidablen zweiten Platz. »Der schnellste Fahrer auf dem langsamsten Motorrad«, stellte Thunderbike-Teamchef Peter Rubatto fest und tigerte zu seinem Bruder, um zu gratulieren. Der hatte nach fünf Rennen auf Showa-Federelementen nämlich zu einem bewährten Trick gegriffen - und das Motorrad auf Bitubo-Teile umgerüstet, die schon 1993 in der Weltmeister-Maschine von Dirk Raudies vortrefflich funktioniert hatten. Auch das Yamaha-Team des schwäbischen Händlers Hermann Kurz feierte endlich einen Erfolg. Yoshiaki Katoh landete einen fünften Platz, Teamkollege Youichi Ui sicherte trotz eines Sturzes im Rennen als 15. noch einen Punkt. Mit ihnen atmete Cheftechniker Heinz Röhrich auf: Bei Tests in Imola unmittelbar nach dem Mugello-Grand Prix hatte das Team nochmals ein neues Airbox-System mit Benzinpumpe ausprobiert, worauf die Motoren genügend Leistung hatten, ohne ständig wegen mangelnder Kraftstoffzufuhr festzugehen. Soviel Fortune hatte Dirk Raudies nicht, auch wenn er nach zwei Ausfällen hintereinander wenigstens wieder einmal Punkte holte. »Mein Start war gut, ich habe sogar Perugini überholen können und lag für eine Weile in Führung. Doch dann fuhr einer nach dem andern auf der Geraden vorbei. Das kotzt mich an«, beschwerte er sich über einen lahmen Motor. »Manako und Katoh hätte ich in Schach halten können. Aber meine Vorderleute haben sich gerammt wie die Blöden, und ich habe aus Sicherheitsgründen kurz das Gas gelupft.« Peter Öttl, Sieger des vorangegangenen Grand Prix in Mugello, ging in Frankreich hingegen aufs Ganze und schwor zu kämpfen, obwohl seine Schaltautomatik seit dem Sontagmorgen-Warm Up nicht mehr funktionierte und er bei jedem Gangwechsel das Gas zurückdrehen mußte. »Trotzdem kam ich kontinuierlich nach vorn und war schon Vierter, als ich vor einer Kurve auf Ueda auflief und extrahart bremsen mußte. Dabei gab´s einen kleinen Ruck - und schon ist es dahingegangen«, beschrieb er seinen Ausrutscher in der 18. Runde. Während sein Teamkollege Tex Geissler nach einer Feindberührung mit Akira Saito wenigstens Platz elf rettete, wurde das Schwarzwälder Ditter-Team vollständig aufgerieben. Masaki Tokudome startete wie schon in Mugello aus der Pole Position, ergriff hurtig die Führung, fiel aber einem abgeplatzten Stück Zylinderlauffläche zum Opfer und tuckerte deprimiert zur Box. Mysteriöser war der Defekt seines britischen Teamkollegen Darren Barton: Ein Plattfuß am Hinterrad, bei dem anschließend weder am Reifen selbst noch an Felge oder Ventil irgendein Defekt festgestellt werden konnte. Ausfälle reihenweise gab es auch im Halbliterlauf. Aprilia-Star Doriano Romboni erlebte einen kapitalen Motorschaden, Kenny Roberts junior rollte wegen einer gebrochenen hinteren Bremsscheibe aus. Sein Yamaha-Teamkollege Jean-Michel Bayle rutschte vor den eigenen Fans würdelos ins Kiesbett, Wayne Raineys Yamaha-Star Loris Capirossi stürzte gleich in der zweiten Runde in der Querspange nach der Zielgeraden und rettete sich mit Hechtsprüngen vor der herannahenden Meute. Das schweizerisch-französische Joint-venture elf 500 erlebte ebenfalls ein schwarzes Wochenende. Wild Card-Fahrer William Costes, statt des verletzten Adi Bosshard eingesetzt, verstauchte sich im Warm-Up den Knöchel und verzichtete, Star Juan Borja stürzte an vielversprechender Stelle. Weil schließlich auch noch Okada, Itoh, Checa und Jeandat zu Boden gingen, wurde der aus niederschmetternder 17. Position gestartete Luca Cadalora an die sechste Stelle gespült und gab einen denkwürdigen Satz zu Protokoll: »Ich hatte eine Pistole dabei, weil ich mich erschießen wollte. Doch dann gingen die anderen im Kugelhagel unter - und ich überlebte!« Neben Lucas Happy-End gab es auch noch eine Wiedergeburt. Ein Jahr zuvor, beim Frankreich-Grand Prix 1995 in Le Mans, hatte Alberto Puig bei einem 270-km/h-Sturz ein schrecklich zertrümmertes linkes Bein davongetragen. Noch heute ist der Unterschenkel des Spaniers bleistiftdünn und wegen der beschädigten Nerven völlig gefühllos, und das Trauma, das der tiefe Absturz wenige Wochen nach seinem historischen Triumph in Jerez hinterlassen hatte, ist noch immer unbewältigt. »Ich danke Gott, daß der Frankreich-GP dieses Jahr nicht in Le Mans stattfindet. Ich weiß nicht, ob ich das ausgehalten hätte«, erklärte der tiefgläubige Katholik, der selbst an den Rennwochenenden stets nach einer Möglichkeit Ausschau hält, eine Messe zu besuchen. In Le Castellet fuhr er dem Alptraum davon und aus der ersten Startreihe auf den dritten Platz, was nicht nur seinem eisernen Willen, sondern auch den Tips von Mick Doohan zu verdanken war, der selbst mit einem steifen Fußgelenk hatte umgehen lernen müssen. »Wie wohl jeder verstehen kann, hat es für mich eine besondere Bedeutung, in einem Frankreich-GP aufs Podest zu kommen«, murmelte er abgekämpft. Und schüttete sich erst einmal eine Flasche kaltes Wasser über den Kopf.

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