Grand Prix Frankreich in Le Mans (Archivversion) Maximum Max

Max Biaggi setzte der Siegesserie seines Erzrivalen Valentino Rossi ein vorläufiges Ende – und Yamaha freute sich über einen sensationellen Doppelsieg.

Garry McCoy driftete in seinem alten »King of Slide«-Stil zur vorläufigen Bestzeit in Le Mans. Seine Fans atmeten auf und erklärten die Durststrecke des Australiers für beendet. Der Yamaha-Pilot reagierte verwundert. »Jeder sagt mir, ich sähe hier entspannter aus im Sattel. Dabei fühle ich mich wie immer – ich habe einfach Spaß am Fahren«, erklärte er. Am nächsten Vormittag war der Spaß freilich vorbei. McCoy stürzte schwer, brach sich das linke Kahnbein und machte sich noch am selben Tag auf den Weg ins Krankenhaus.Abgesehen von McCoys persönlichem Pech drängte sich plötzlich wieder die Frage in den Vordergrund, wer sonst Valentino Rossi in seinem Durchmarsch zum Titel etwas bremsen und die Weltmeisterschaft spannend halten könnte. McCoys Markengefährte Olivier Jacque war dabei keine Hilfe. Nach seinem Unfall bei Vorsaisontests in Malaysia und einem Sturz in Jerez musste der 250-cm3-Weltmeister nach wenigen, schmerzhaften Proberunden in Le Mans ebenfalls zusammenpacken.Max Biaggi reiste nach seinen jüngsten Niederlagen kaum als Siegfavorit nach Frankreich an. Vielmehr orakelte die italienische Presse bereits, er werde Ende des Jahres zu Aprilia zurückkehren. Tatsächlich hatte Leandro Scomazzon, rechte Hand von Aprilia-Besitzer Ivano Beggio, bei Biaggi angefragt, ob er sich vorstellen könne, die neue Aprilia-Dreizylinder-Maschine für die kommende Viertakt-Ära in der GP1-Klasse zu steuern, die derzeit unter strengster Geheimhaltung gebaut wird. Nach den Eskapaden früherer Zeiten wehrt sich Beggio allerdings gegen eine erneute Verpflichtung des Römers. Auch der frühere Aprilia-Renndirektor Carlos Pernat, den Biaggi jüngst als persönlichen Manager verpflichten wollte, lehnte dankend ab. »Ich bleibe bei Loris Capirossi. Der ist mir sympathischer«, ließ Pernat wissen.Doch ein Max Biaggi steckt nicht so leicht den Kopf in den Sand. Kurz nach Pernats Absage verpflichtete er Gianpaolo Matteuci, den Agenten von Formel-1-Star Giancarlo Fisichella, als neuen Manager. In Le Mans entschied sich der Italiener endgültig für 16,50-Zoll-Reifen und wechselte nicht mehr ständig mit 17-Zöllern ab, was beim Set-up endlich zielstrebige Arbeit möglich machte. Biaggi schwang sich in einem aufregenden Abschlusstraining, in dem nicht weniger als achtmal die Führung wechselte, zu seiner ersten Pole Position des Jahres auf. Im Rennen hetzte er erst Kenny Roberts und ergriff die Führung, vertat sich dann aber beim Herunterschalten und ratterte durchs Kiesbett. Wieder vorn, unterlief ihm ein zweiter Fehler, worauf er sich abermals herankämpfen musste.Kurz nach Halbzeit hatte er die Konkurrenz endgültig in der Tasche. Dass die Wende so radikal ausfallen würde, überraschte auch die Yamaha-Manager. »Ein Traum ist wahr geworden«, jubelte Teamdirektor Hiroya Atsumi, weil auch Carlos Checa acht Runden lang geführt und am Ende einen Doppelsieg perfekt gemacht hatte. Valentino Rossi brauchte auf dem Podium dennoch nur den Helm zu schwenken, um beim Publikum auf der Haupttribüne Ovationen auszulösen. »Ich konnte das Gas nicht so hart aufdrehen, wie ich es gern getan hätte«, erläuterte der WM-Leader, der sich für eine harte Reifenmischung entschieden hatte und deshalb ungewöhnlich lange brauchte, um vom achten Platz nach einer Runde durch die Verfolgermeute zu fahren. »Als ich endlich Dritter war, war Checa schon um vier, fünf Sekunden entwischt. Doch ich bin zufrieden - immerhin führe ich noch in der Weltmeisterschaft.«Kenny Roberts hatte besonders verbissenen Widerstand geleistet, erst gegen Biaggi, dann gegen Rossi. Trotz des zweiten Platzes in der Startaufstellung reichte es dem Weltmeister am Ende wieder nur zum sechsten Platz. »Es ist die gleiche Geschichte wie immer. Solange die Reifen halten und ich genügend Kurvenspeed mitnehmen kann, sehen wir nicht so schlecht aus. Doch wenn du dich mit rutschenden Reifen und viel Motorleistung aus dem Loch ziehen musst, fallen wir zurück.«Bei den 250ern alles beim Alten. Tetsuya Harada leistete zwar erbittert Widerstand und zwängte sich mehrfach in Führung. Im Endspurt aber presste sich Daijiro Katoh dann doch wieder vorbei und stellte den vierten Sieg in Folge sicher. »Wir haben zwar mehr Topspeed, doch die Honda beschleunigt besser aus den Kurven«, verteidigte sich Harada. »Auf der schnellen Mugello-Strecke sollten wir besser aussehen.« Das hofft vor allem auch Marco Melandri. Nach der vorläufigen Bestzeit am Freitag kugelte sich der italienische Teenager bei einem Sturz im freien Training am Samstagmorgen die linke Schulter aus und verzichtete aufs Abschlusstraining. Im Rennen biss er heroisch auf die Zähne und fuhr auf Platz drei.Katja Poensgens unaufhaltsamer Aufstieg hatte in Le Mans dagegen ein vorläufiges Ende. Kam sie bei einem ersten Sturz wegen eines Kolbenklemmers am Freitag noch mit blauen Flecken davon, so kugelte sie sich bei einem Highsider am nächsten Vormittag die rechte Schulter aus und verzichtete wegen heftiger Schmerzen auf den Start, obwohl sie sich auch mit ihrer Freitagszeit locker qualifiziert hatte. »Heute morgen war ich übermotiviert und bin so schnell wie noch nie in die Schikane eingebogen«, berichtete die Renn-Lady. Wenigstens fuhr Teamkollege Alex Hofmann gegen eine Meute um bis zu elf km/h schnellerer Werkspiloten auf Platz elf und genoss es abermals, »den Klaus niederzukämpfen«. Klaus Nöhles auf der Werks-Aprilia wurde Zwölfter.Eine unerwartete Wendung nahm das Geschehen in der 125-cm3-Klasse. Youichi Ui war im Training klar Schnellster, wurde im Abschlusstraining aber in einen Unfall verwickelt, bei dem er sein Nummer-eins-Motorrad verbog. Im Rennen fuhr er deshalb auf seiner Ersatzmaschine, kam damit aber nie richtig in Schwung, wurde abgeschlagen Elfter und hatte dabei noch Mühe, den beherzt angreifenden Steve Jenkner in den Schranken zu halten. »Nach der Pole gestern hatte ich auf Sieg gesetzt. Ich bin bitter enttäuscht«, ließ der Japaner wissen.Überglücklich war dagegen sein versteckter Teamkollege. Gilera-Star Manuel Poggiali führte das Rennen souverän und schlug im Endspurt kühl zurück, als sich der verwegene junge Spanier Toni Elias für ein paar Kurven vorbeischob und auch der Italiener Mirko Giansanti nochmals alles auf eine Karte setzte. 38 Jahre, nachdem Romolo Ferri 1956 in Deutschland gewonnen hatte, feierte Gilera damit wieder einen Sieg in der 125er-Klasse. »Ich habe viel riskiert, doch es hat sich gelohnt: Ich war noch nie so glücklich«, strahlte der 18-Jährige.

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