Grand Prix Frankreich (Archivversion) Fieberkämpfe

Es war kein besonders gutes Wochenende für Valentino Rossi. Im Training suchte das Yamaha-Werksteam des MotoGP-Weltmeisters zu lange nach Traktion am Hinterrad. Die nötige Bremsstabilität für die als Stop-and-go-Kurs gefürchtete Le Mans-Strecke wurde erst gefunden,
als im Abschlusstraining hastig das Set-up des glücklicheren Carlos Checa übernommen wurde – zu spät für die Pole Position, zu spät auch für eine ernsthafte Chance auf den Sieg im Rennen.
Ab Rennmitte hielt der Champion zwar mit den Rundenzeiten des Führungstrios mit und ritt in der vorletzten Runde nochmals eine Attacke auf den drittplatzierten Max Biaggi, bei der die Verkleidungen aneinander scharrten. Doch im Ziel musste sich der Superstar wie schon zwei Wochen zuvor in Jerez mit Rang vier begnügen. »Das Motorrad benahm sich das ganze Wochenende über nicht richtig, vor allem beim Bremsen. Wenn alles richtig läuft, ist die Maschine wunderbar zu fahren. Doch wehe, wenn du mal Schwierigkeiten hast«, stöhnte Rossi.
Fast wäre es noch schlimmer ge-
kommen. Am Start der Aufwärmrunde
blieb sein mit einer neuen Magneti-Marelli-Elektronik ausgestattetes Motorrad nämlich unverhofft stehen, worauf drei Mechaniker sowie IRTA-Boss Mike Trimby zu Hilfe eilten. Rossi fuhr weiter, hätte den Regeln zufolge aber disqualifiziert werden müssen – 30 Sekunden vor dem Start der Aufwärmrunde müssen die Mechaniker vom Startplatz verschwunden sein, und das unwiderruflich. Renndirektor Paul Butler verzichtete »aus sportlichen Gründen« auf eine Bestrafung, Honda-Teamchef Shoji Tachikawa zeigte sich »enttäuscht darüber, dass die Regeln nicht eingehalten werden«.
Den drei Helden an der Spitze konnte es egal sein: Sete Gibernau gewann vor seinem Landsmann Carlos Checa, was
angesichts des zweiten Saisonsiegs von Dani Pedrosa in der 250er-Klasse eine
weitere Springflut der Begeisterung über die Iberische Halbinsel hereinbrechen ließ. »Ich wusste: In diesem Jahr kommt meine Chance auf den Erfolg zurück. Dieses Resultat gibt mir Selbstvertrauen – ich hoffe, dass ich bald ernsthaft um den Sieg
mitkämpfen kann«, jubelte Checa. Er hatte nach einem Raketenstart elf Runden lang geführt, war in einer der Spitzkehren aber von der Ideallinie abgekommen und musste Gibernau hindurchschlüpfen lassen.
Der ist mit zwei Siegen hintereinander zweifellos der Mann der Stunde. »Ich habe fahrerisch weiter dazugelernt und fühle mich stark. Ich bin von mir selbst überrascht, wie ich trotz Chattering und trotz Fieber meine Konzentration bewahren konnte, obwohl ich in den letzten fünf Runden wie ein Hund gelitten habe«, schilderte Sete, der mit einer starken Erkältung und 38 Grad Temperatur in den Sattel geklettert war. »Dabei haben wir immer noch einen Sack voller Probleme und sind längst noch nicht am Limit angelangt – das Beste kommt noch«, versprach er seinen Fans.
Das lag auch daran, dass er bei Honda schon nach dem Jerez-Rennen inoffiziell und am eigentlichen Repsol-Werksteam vorbei auf die Nummer-eins-Position gehievt wurde und am Mittwoch in Jerez
sehr zum Ärger des nicht eingeladenen Max Biaggi ein exklusives Sondertraining einlegen durfte.
Während Sete seinen Sonderstatus in Le Mans noch brav dementierte, rutschte Tachikawa in einem Interview heraus: Ja, Gibernau habe Spezialteile zur Verfügung. Dabei handele es sich nicht um greifbare Komponenten, sondern um die Kennfelder des elektronischen Motormanagements. »Mein Nummer-eins-Status besteht darin, dass ich das beste Team um mich habe. Und dass ich mein Material in Zukunft bis zum Letzten ausquetschen werde – was es auch sein mag«, erklärte Sete. fk

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