Grand Prix Holland in Assen (Archivversion) Stevie Wonder

Bei widriger Witterung in Assen machte Steve Jenkner endlich einmal alle Gegner nass. Auch Alex Hofmann zeigte sich wetterfest, holte Platz zehn – und wird schon als künftiger Ducati-Pilot gehandelt.

Beim verregneten Grand Prix von Suzuka 2002 hatte Steve Jenkner überlegen geführt. Bis ein Metallsplitter die Luft aus dem Hinterreifen ließ und die Träume vom ersten Sieg des Sachsen zum Platzen brachte. Beim Assen-Grand-Prix 2003 regnete es wieder in Strömen, doch diesmal hatte Jenkner endlich freie Fahrt. Im Abschlusstraining der 125er-Klasse war nämlich der Japaner Youichi Ui mit einem Plattfuß an den Streckenrand gerollt – er hatte sich eine Schraube eingefahren. »Das war die, die heute nicht mehr auf der Strecke gelegen ist”, begründete Steve Jenkner, warum er ein gutes Jahr nach dem Japan-Drama und über sechs Jahre nach Beginn seiner WM-Karriere, nach 98 Grand-Prix-Starts und bis dato zehn Podestplätzen, endlich seinen ersten Sieg feiern konnte. Es war im Übrigen der erste GP-Triumph eines Deutschen seit Donington 2000, als Ralf Waldmann ebenfalls im Regen gewonnen hatte.Mit einer Serie schneller Runden hatte Jenkner zu Rennbeginn seinen Vorsprung bis auf 15 Sekunden ausgebaut, gab dann aber wieder fünf Sekunden ab. »Ich habe zwischendurch versucht, etwas Tempo rauszunehmen, merkte jedoch, dass es schwieriger wurde, die Konzentration zu bewahren. Rennfahren geht nur voll oder gar nicht.«Deshalb machte der 27-jährige Rennprofi aus Hohenstein-Ernstthal im Endspurt nochmals Druck und sauste schließlich überzeugende 11,189 Sekunden vor seinem nächsten Verfolger an der Zielflagge vorbei. Damit baute er seinen Punktestand auf 98 Zähler aus und rückte WM-Leader Dani Pedrosa näher, der sich unter anderem dem neuen Schweizer Helden Thomas Lüthi geschlagen geben und mit Platz acht vorlieb nehmen musste. »Jetzt bin ich Zweiter, und natürlich ist die Weltmeisterschaft ein Thema – ich werde auf alle Fälle versuchen, den Titel zu gewinnen«, stellte Jenkner klar.Viel wichtiger als die Punktestatistik war freilich die Tatsache, dass endlich jener Knoten verpasster Siege durchschlagen war, der im Laufe der Jahre bereits gordische Ausmaße angenommen hatte.Was war nicht alles an Kritik gegen den kleinen Sachsen laut geworden, der 1994 zwar den ADAC-Junior-Cup gewonnen hatte, in den Anfangsjahren seiner Grand-Prix-Karriere ab 1997 aber keineswegs als Senkrechtstarter auf sich aufmerksam machte. Nach den Gesamt-rängen 19, 17, 15 und 12 gifteten seine Kritiker, er habe aus dem besten Material das Schlechtestmögliche herausgeholt und sei als Rennbeamter anzusehen.Auch als Jenkner 2001 bei einem italienischen Team anheuerte und auf eigene Faust, ohne deutsches Umfeld und deutsche Techniker, die ersten beiden Podestplätze eroberte, sorgte das für keinen überzeugenden Stimmungsumschwung. Weiterhin hieß es, dem Deutschen fehle der richtige Biss. Sein damaliger Hauptsponsor, UGT-Besitzer Ralf Schindler, versuchte gar, mit einem knallharten Leistungsvertrag Jenkners Angriffslust zu stimulieren und seinem Schützling »die Zündung einzustellen«.Selbst als Jenkner nach jenem Suzuka-Grand-Prix 2002 im weiteren Saisonverlauf noch fünf Podestplätze und den fünften WM-Endrang sicherstellte, hieß es in hämischen Kommentaren, er sei einfach nicht zu Siegen fähig. »So etwas hat mir nie jemand persönlich gesagt, das trauen sich diese Leute nicht«, wischt Jenkner die Negativ-Schlagzeilen der letzten Jahre vom Tisch. »Den Druck habe ich weniger von außen gespürt als von mir selbst. Es war keine angenehme Vorstellung, jetzt Ende Juli am Sachsenring zu meinem 100. Grand Prix anzutreten, ohne ein einziges Mal gewonnen zu haben. Deshalb bin ich happy, dass ich’s gerade so geschafft habe vor dem 100. – echt stark!«Dann holte er sich einen dicken Kuss von Freundin Mandy und pilgerte mit der Riesenflasche Siegersekt unterm Arm zu seinem Exalt-Cycle-Team weiter, das mit tosendem Applaus auf ihn wartete. In jenem Team zu sein war aus mehreren Gründen ein Glücksfall. Die Techniker, die 2002 schon Arnaud Vincent zum Weltmeister gemacht hatten, verfügen über immense Erfahrung und schafften es in Assen, Jenkner mit einer goldrichtigen Regenabstimmung auf die Strecke zu schicken, obwohl es an beiden Trainingstagen und noch im Warm-up knochentrocken gewesen war.Vor allem aber ist es die südländische Mentalität, in der Jenkner aufblüht wie eine Knospe in der Morgensonne. Sie stellt den Rennsport nicht ständig in Frage wie in Deutschland, wo Budgets so schwer zu kriegen sind. »Eigentlich geht es mir hier saugut«, ließ Jenkner schon vor Wochen beim Mugello-Grand-Prix wissen, obwohl er sich mit nur einem Motorrad, einem kleinen Campervan und einer geringen Grundgage von 40000 Euro begnügen muss. Wie Jenkner wird auch der deutsche MotoGP-Pilot Alex Hofmann kontinuierlich besser und schneller, ohne dabei mit Harakiri-Aktionen übers Ziel hinauszuschießen. Der 23-jährige Wildcard-Pilot stahl seinen Kawasaki-Teamkollegen Andrew Pitt und Garry McCoy erneut klar die Show und war im Training über eine Sekunde schneller als die beiden Australier. Nach dem Warm-up am Sonntagmorgen hatte sich an Hofmanns Motorrad ein Rahmenriss gezeigt, worauf die Mechaniker in einer hastigen Sonderschicht Andrew Pitts Ersatzmaschine auf Hofmanns Körpergröße und Set-up umrüsteten. Als es genau zum Rennstart der MotoGP-Klasse nach kurzer Pause wieder zu regnen anfing und die Teams in einer 20-minütigen Pause auf ein »Wet Race« umrüsteten, gesellte sich zum neuen Motorrad zudem noch ein neuer Dunlop-Regenreifen fürs Vorderrad, den Hofmann noch nie probiert hatte. Trotzdem war er abermals Schnellster des Trios und sicherte sich wie schon als Zweitakt-Wildcard-Pilot am Sachsenring vor einem Jahr den zehnten Platz, wobei er auch die Honda-Werkspiloten Nicky Hayden und Tohru Ukawa niederkämpfte. »Das ist eine Bombe«, war Hofmanns Manager Dieter Theis begeistert.Eine zweite Bombe tickt zur Zeit hinter den Kulissen. Denn während Kawasaki-Teamchef Harald Eckl darauf setzt, dass Hofmann ihm nach dem Lernjahr 2003 künftig ebenfalls die Treue halten wird, sickerte in Assen durch, Hofmann könne 2004 womöglich eine Ducati steuern, und zwar im Team des Spaniers Luis d’Antin. Zu dem Puzzle dieser Konstellation gehören mehrere Faktoren. Ducati will im nächsten Jahr auf jeden Fall mit einem zweiten Team antreten und dort voraussichtlich den in der Superbike-WM überlegenen Neil Hodgson unterbringen. Als zweiter Mann wäre Alex Hofmann durchaus willkommen, weil Ducati auf dem deutschen Markt einen Einbruch erlitten hat und die Promotion eines deutschen Stars gut gebrauchen könnte. Hofmanns Fürsprecher können die werbeträchtigen Direktübertragungen des Fernsehsenders RTL und in dessen Sog auch neue, potente Sponsoren in die Waagschale werfen. Für Carmelo Ezpeleta, Chef des WM-Promoters Dorna, wäre diese Konstellation aus mehreren Gründen optimal: Ein britischer Held wird für ein verstärktes Engagement des britischen Senders BBC ebenso dringend gesucht wie ein deutscher Superstar für RTL. Dass die beiden Europäer in diesem Fall auf einer europäischen Marke antreten würden, bringt zusätzliche Farbe ins Spiel. Harald Eckl wog sich nicht trotz, sondern gerade wegen der Zukunftsstrategien von Carmelo Ezpeleta in Sicherheit. »Carmelo will einen deutschen Fahrer in einem deutschen Team. Und das gibt es nur bei uns!“

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