Grand Prix Holland in Assen (Archivversion)

Aber nicht gleich in die Luft gehen

Nach seinem fünften Saisonsieg schwebte 125er Supermann Valentino Rossi auf Wolke sieben. Der disqualifizierte 250er Star Max Biaggi wäre vor Ärger am liebsten an die Decke gegangen.

»Wo ist Max?«, erkundigte sich Ralf Waldmann. Tetsuya Harada, Loris Capirossi und Olivier Jacque hatten sich bereits zur Pressekonferenz der Trainingsschnellsten niedergesetzt. Waldi, der das Quartett der ersten Reihe für den 250er Grand Prix von Holland in Assen komplettierte, stellte die Frage mit einer solchen Unschuldsmiene, daß er eine Lachsalve unter den Journalisten auslöste. Denn jeder wußte, daß sich der sechstplazierte Weltmeister gerade in der Kanemoto-Box die Haare raufte und sein Motorrad wegen unlösbar gebliebener Fahrwerksprobleme wie eines ratternden Vorderrads, Untersteuerns und mangelnder Handlichkeit verwünschte.»Wo ist Max?«, fragte anderntags auch Roberto Nosetto, und diesmal war es bitterer Ernst. Als gestrenger Regelhüter hatte der Renndirektor eine »Stop and Go«-Strafe über Biaggi verhängt und wartete drei Runden vergeblich darauf, daß der Honda-Pilot auf seine Boxenanzeige reagieren, in die Boxengasse einbiegen und zehn Sekunden nachsitzen würde. Max fuhr unbekümmert weiter und war wie vom Donner gerührt, als er in Runde sechs mit der schwarzen Flagge von der Strecke geholt und disqualifiziert wurde. »Es ist bestätigt mal wieder das Murphey’sche Gesetz: Alles, was schiefgehen kann, geht irgendwann mal schief«, seufzte Teamchef Erv Kanemoto und machte sich kopfschüttelnd daran, die Kisten zu packen.Kurioserweise wurde Biaggi zum Opfer einer Regel, für deren Zustandekommen er selbst ausschlaggebend war. Beim Grand Prix in Malaysia hatte Max mit einem Reifenwechsel am Startplatz eine Startverzögerung von zwei Minuten verursacht. Für diesen seltenen Verstoß, der im Regelbuch bislang unerwähnt geblieben war, beschloß der Weltverband FIM beim nächsten Rennen in Japan eine »Stop and Go«-Strafe, legte den Vollzug aber in den Ermessensspielraum des Renndirektors.Als Biaggi am Startplatz von Assen nun abermals das Drei-Minuten-Signal (»Helfer, Startplatz räumen«) verstreichen und seine halbzerlegte Maschine erst in die Boxengasse verfrachten ließ, als die andern Fahrer die Visiere für die Aufwärmrunde herunterklappten, machte Nosetto von diesem Ermessensspielraum Gebrauch.Daß sein kleiner Denkzettel so fatale Folgen haben würde, war nicht vorauszusehen. »Auf der Besichtigungsrunde entschied ich mich für einen härteren Vorderreifen. Am Startplatz fragte ich meine Mechaniker, ob die Zeit zum Wechsel von Rad und Bremsscheiben reichen würde. Sie sagten »vielleicht«, doch dann lief uns die Zeit davon«, schilderte Biaggi, der schließlich als Letzter aus der Boxengasse ins Rennen ging, nach einer flotten Aufholjagd jedoch alsbald an siebter Stelle auftauchte. »Dann sah ich meine Boxentafel, kapierte aber nicht, was die Aufschrift »T10 BOX« zu bedeuten hatte. Ich dachte, ich sei Zehnter und mit dem Motorrad sei etwas nicht in Ordnung, vielleicht irgendein Fehler beim hektischen Reifenwechsel. Doch weil es sich gut anfühlte, fuhr ich weiter. Jetzt habe ich eine Wut im Bauch. Ich war in etlichen Läufen wie in Japan in schlechter Verfassung und habe mich trotzdem zu ein paar Punkten durchgequält. Jetzt wegen einem solchen Mißverständnis zu verlieren ist bitter.«Und noch bitterer war, daß auch noch die WM-Führung verloren ging. Tatenlos mußte Biaggi mitansehen, wie Herausforderer Ralf Waldmann nach einer fehlerfreien Fahrt aufs Podest und damit auch an die Tabellenspitze stürmte. »Es ist schön, WM-Leader zu sein«, strahlte Waldi zufrieden, der nun mit sieben Punkten Vorsprung auf Biaggi führt.Und doch gab es nicht das ganz große Volksfest, auf das Zehntausende seiner deutschen Fans nach seinem triumphalen Vorjahressieg gewartet hatten. Blitzstarter Olivier Jacque war zwar an genau der gleichen Stelle wie im Vorjahr in Führung liegend gestürzt und hatte Waldi so die Führung in die Hand gespielt. Doch Verfolger Tetsuya Harada deutete schon früh an, daß er den Sieg nicht kampflos preisgeben würde. Auf der Geraden mit seiner Werks-Aprilia klar schneller, zeigte er Waldi gegen Rennende immer öfter das Vorderrad, sparte sich die Attacke dann aber für die letzte Runde auf. »Ich habe Waldi am Ende der Gegengeraden überholt und staunte nicht schlecht, als er kurz darauf zurückschlug. Mit dieser Attacke hatte ich nicht gerechnet«, schmunzelte Harada. »Allerdings verbremste sich Waldi vor der darauffolgenden Kurve, so daß ich abermals kontern und gewinnen konnte. Doch ich gebe zu: So gut lief meine Aprilia noch nie!«Falls Waldi nach seiner dritten Endspurtniederlage hintereinander enttäuscht war, verbarg er es geschickt. »Das Rennen hat viel Spaß gemacht und war unheimlich fair«, versicherte er. »Harada hat die ganze Zeit mit mir gespielt und hätte mich jederzeit überholen können. Lange Zeit bin ich bewußt in der Mitte der Fahrbahn geblieben, weil ich nicht wußte, ob er nun rechts oder links von mir auftauchen würde. Sein Motorrad war unheimlich schnell - beim Beschleunigen ebenso wie beim Topspeed!«, berichtete der deutsche GP-Star, bevor er sich zusammen mit Max Biaggi auf den Weg nach Mainz machte, wo die beiden Honda-Werksfahrer am Abend einen Auftritt im Aktuellen Sportstudio des ZDF hatten.Nur Loris Capirossi mußte um seinen Podestplatz zittern: Sechs Runden vor Schluß setzte plötzlich einer der beiden Zylinder aus. Capirossi fiel Sekunde um Sekunde zurück und rettete seinen dritten Platz gerade noch über die Linie, bevor sein Motor endgültig abstarb. »So betrachtet, war es mein Glückstag«, meinte er.Weil den Tüchtigen das Glück hilft, setzte auch Volksheld Valentino Rossi seinen Höhenflug in der 125er Klasse fort. Diesmal ließ er sich für seinen Sieg in einem blauen, lang wallenden Kostüm mit der Aufschrift »Superfumi« feiern, und es hätte niemanden überrascht, wenn er nicht nur zu den Zuschauern am Zaun emporgeklettert, sondern wie der echte Superman über die Ränge hinweggeschwebt wäre.Bei jedem anderen wären solche Comic-Klischees zu schrill - doch bei dem fröhlichen Eulenspiegel Valentino sind sie immer nur bunt und sympathisch. Kein anderer Rennfahrer spielt seine Rolle mit derart umwerfendem Charme wie der 18jährige italienische Teenager, der schon nach einem Trainingssturz am Freitag für ein paar Autogramme zu den Zuschauern über den Zaun stieg, anstatt beleidigt zur Box zurückzutrotten.Mit seinen Gegnern auf der Strecke geht Superfumi weniger freundlich um. Wie immer vermasselte er den Start und kam erst mit den Nachzüglern vom Fleck, tauchte aber schon nach einer Runde an zehnter Stelle auf. Eine Runde später war er Sechster, in Runde drei ergriff er erstmals die Führung.Wenn die Assen-Piste keine langen Geraden hätte, wäre das wohl die Entscheidung gewesen. »Doch aus dem Windschatten fielen die anderen immer wieder über mich her. Umgekehrt ging auch mein Motorrad wie eine Rakete, sowie ich ein, zwei Gegner vor mir hatte«, schilderte Rossi. »Richtig eng wurde es erst in der 13. Runde: Meine Karbonscheibe überhitzte, ich hatte kaum mehr Bremswirkung und mußte den Handbremshebel nachjustieren.« Kurzfristig auf Platz acht, war Rossi im Endspurt wieder zur Stelle und baute seine WM-Führung mit dem fünften Saisonsieg weiter aus.Die UGT 3000-Piloten Tomomi Manako und Kazuto Sakata auf den Plätzen zwei und drei fühlten sich trotz Rossis Übermacht als heimliche Sieger. Cheftechniker Mario Rubatto hatte Manakos Honda mit neuen Werks-Spezialteilen aufgepeppt, stellte nach dem zwölften Trainingsplatz aber fest, daß die giftig einsetzende Leistung zu Lasten des Fahrwerks ging. Am Sonntag rüstete er die Maschine wieder auf den alten Stand zurück und landete mit der Abstimmung einen Volltreffer.Noch radikaler war die Änderung an Sakatas Aprilia. Seit Saisonbeginn mit seinen Michelin-Reifen unzufrieden, hatte der Japaner nach seinem Sturz in Frankreich die Nase voll und setzte die Rückkehr zu Dunlop durch, der Firma, mit der er seine größten Erfolge einschließlich des WM-Titels von 1994 gefeiert hatte.Prompt qualifizierte sich Sakata für Startplatz zwei und sah auch im Rennen lange wie ein möglicher Sieger aus. »Leider hat zum Schluß die Motorleistung nachgelassen«, kommentierte er seinen dritten Platz. »Doch wenigstens kann ich wieder so sorglos aufdrehen wie früher.«Sein UGT-Teamkollege Peter Öttl, der sechs Wochen nach seinem Fußbruch von Mugello zum Comeback antrat, sah keinen Grund zu einem Reifenwechsel. Trotzdem benötigte er diplomatisches Geschick bei Michelin-Manager Jacques Morelli, um nicht in Sippenhaft genommen und aus der Verteilerliste für die französischen Pneus gestrichen zu werden.Bei der Lösung seiner Motorprobleme versagte dagegen bislang jede Diplomatie. Wie schon in den ersten Rennen der Saison hinkte er bei den Topspeedwerten sogar manchen Wild Card-Piloten hinterher und qualifizierte sich nur als 19.Im Rennen konnte er sich wenigstens im Windschatten hinter der Spitzengruppe halten, verpaßte ein mögliches Top-Ten-Resultat jedoch mit einem Sturz vier Runden vor Schluß. »Mein verletztes linkes Bein ist noch nicht kräftig genug. Weil ich beim Herunterschalten vor einer Kurve zu spät dran war, rutschte das Vorderrad weg«, berichtete er.Während Tex Geissler, der Öttl auf dessen Werks-Aprilia drei Rennen lang würdig vertreten hatte, nun auch mit seiner Honda als Zwölfter die ersten WM-Punkte feierte, erlebte Dirk Raudies mit seinem Honda-elf-Hybrid ein totales Desaster. Im Training war er nur 21., weil an einem Motorrad ein Kolbenbolzenlager und am anderen ein Kurbelwellenhauptlager festging. Nach der Besichtigungsrunde schoben seine Mechaniker die Maschine wegen einem Zylinderriß vom Startplatz. Drei Runden hetzte Raudies dem Feld mit der Ersatzmaschine hinterher und gab dann wegen einer verlorenen Schraube an der Vordergabel auf. »Fünf Defekte auf den letzten 60 Kilometern. Da kannst du mich mal«, murmelte er.Dafür fuhr Jürgen Fuchs seiner fortdauernden Misere mit der elf 500 auf und davon und ließ schon im Training mit dem zehnten Platz aufhorchen. Zum einen Teil lag der Erfolg am Motorrad, das die Trainings ohne die sonst üblichen kapitalen Schäden überstand, zum anderen an dem flüssigen Layout der Assen-Piste, das es erlaubte, ohne großen Zeitverlust einen Gang höher als üblich durch die Kurven zu fahren und so den aggressiven Leistungseinsatz des Motors zu bändigen. »Mein Ende am Marterpfahl ist aufgeschoben«, lachte der Bayer, der auch für seine teaminterne Stellung dringend ein gutes Resultat gebrauchen konnte.Das Glück blieb ihm im Rennen treu. Zunächst 16., als das Rennen wegen eines Regenschauers nach der elften Runde unterbrochen wurde, kam er mit seinen Intermediates auf abtrocknender Piste nach dem zweiten Start immer besser in Schwung und überholte Stars wie Tadayuki Okada und Norifumi Abe. Als Neunter feierte er die ersten WM-Punkte der Saison und schwenkte die auf der Auslaufrunde von einem Fan gereichte deutsche Flagge auch dann noch begeistert, als er längst vom Motorrad gestiegen war und gegenüber der Haupttribüne zu Fuß Richtung Box marschierte. Abends um zehn hingen die Fahnen dann schon wieder auf Halbmast. Weil Jürgens Mechaniker Konrad Hefele und Karl-Heinz Schmitt sich schon öfters über ihr Sammelsurium überalterter Gebrauchtteile beschwert hatten und auch am Freitag abend nicht widerspruchslos zur Kenntnis nahmen, daß sie eine neue Kurbelwelle in ein altes Gehäuse stecken sollten, wurden sie auf Drängen des Motorenkonstrukteurs Urs Wenger nach mehrstündigen Verhandlungen von Teambesitzer Michel Métraux gefeuert. »Dabei waren sie nachweislich für keinen einzigen der Ausfälle verantwortlich«, meinte Fuchs erschüttert. »Nur den dritten Mann, Stefan Haseneder, haben sie mir als seelischen Beistand gelassen.« Vor Jürgen Fuchs erbeutete Kenny Roberts junior als Achter sein bislang bestes Resultat der Saison. Teamkollege Jean-Michel Bayle blieb zwar wieder einmal mit abgestorbenem Motor stehen, trotzdem war der neueste Evolutionsschritt der mit Magnesiumgehäuse und einer neuen Benzinversorgung verbesserten Modenas KR V3 offensichtlich.Einen Überraschungscoup landete auch Doriano Romboni mit der Zweizylinder-Aprilia. Dank der 60 Starts, die er an einem einzigen Test-Tag in Mugello geübt hatte, kam der Italiener gut vom Fleck und lag nach dem ersten Teil des Rennens bereits an vielversprechender sechster Stelle. Die Entscheidung, mit handgeschnittenen Slicks zum zweiten Start anzutreten, erwies sich als goldrichtig: Im Endspurt hatte der Aprilia-Pilot die meisten Reserven und stieß an Puig, dem später gestürzten Borja und an Nobuatsu Aoki vorbei an die dritte Stelle vor. »Für diesen Podestplatz haben wir zwei Jahre hart gearbeitet und uns unterwegs etliche Narben zugefügt. Doch es hat sich gelohnt«, schmunzelte Romboni.Doch weder er noch der zweitplazierte Carlos Checa konnten einen weiteren Durchmarsch von Michael Doohan verhindern, der auf der Strecke seiner schlimmsten Niederlage mit seinem schweren Beinbruch 1992 souverän und fehlerlos blieb und beide Läufe klar für sich entschied. »Wegen der Übertragung des Formel 1-Abschlußtrainings in Frankreich wurde uns fünf Minuten Startverzögerung reingedrückt. Ist das zu glauben? Ohne diesen Vorgang hätten wir genügend Runden zustande gebracht, um ohne zweiten Start auszukommen«, bemerkte der Gewinner des traditionell bereits am Samstag ausgetragenen Rennens und fügte unter heftigem Applaus Genesungswünsche für den im Training schwer gestürzten Alex Crivillé an (siehe auch Kasten auf Seite 176).Denn außer ihm gibt es sonst ja nur noch Anthony Gobert, der den Weltmeister unermüdlich herausfordert. »Im zweiten Lauf habe ich Michael Doohan außen herum überholt. Ein großartiges Gefühl«, schilderte Gobert. »Leider ist mir kurz danach eine der elf-Maschinen ins Heck gedonnert und hat mich in die Wiese geschickt. Sonst wäre ich mit Vergnügen vor Doohan geblieben. Vielleicht das nächste Mal...“
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Parc fermé (Archivversion)

Team RaineyDoohan oderEdwardsWayne Rainey, der schon seit Jahren mit Michael Doohan über einen Wechsel in sein Yamaha-Team verhandelt, trommelte den Weltmeister und Vertreter des von Kenny Roberts´ Modenas-Projekt enttäuschten Sponsors Marlboro zu einem Gipfeltreffen zusammen. Diesmal könnte mehr hinter der Sache stecken als Preistreiberei gegenüber Doohans Arbeitgeber Repsol-Honda. Doohan ist sauer über die Politik von Honda, Entwicklungsinformationen »wie bei einem Production Racer« unter die anderen Teams zu streuen und fände einen Wechsel reizvoller denn je. »Yamaha wäre allerdings das einzige Motorrad, das in Frage käme. Während Suzuki extrafett bedüsen muß, nur damit die Kisten nicht festgehen, zeigt Luca Cadalora, daß man auf der Yamaha konkurrenzfähig sein kann. Die Frage ist, ob wir früh genug mit Testen anfangen - und ob sie mich bezahlen können«, meinte der 500er Weltmeister.Das scheint laut Wayne Rainey nicht das Problem zu sein. »Was Mick fordert, ist nicht aus der Welt. Weil er sich nicht mit Podestplätzen zufriedengibt, ist er auch viel mehr wert als die andern«, sagte er. Falls der Coup mißlingt, will er den jungen Texaner Colin Edwards II aus der Superbike-WM abwerben. Denn Norifumi Abe will er wohl auf jeden Fall loswerden. »Ich weiß nicht, ob Abe in der Lage wäre, eine Zündkerze zu wechseln. Ich weiß nur, daß ich mit 21 nicht mit dem Porsche durch die Gegend gefahren bin - sondern zum Lernen an die Rennstrecken ging!«Lucky StrikeRückzug?Der Tabakkonzern British American Tobacco (BAT) will sich mit einem Fünf-Jahres-Budget von 250 Millionen Dollar in die Formel 1 einkaufen, wahrscheinlich bei Tyrrell und mit der Marke »555«. Insider vermuten, daß dies zu Lasten des Motorradsports gehen wird - und daß sich nach HB 1996 zum Ende der Saison 1997 nun auch die mit Suzuki glücklose BAT-Marke Lucky Strike zurückzieht.Red Bull-YamahaKeine VerträgeIm Red Bull-Yamaha-Team gibt es immer noch keine Fahrerverträge. Luca Cadalora stahl sich nach dem Ausfall in Assen davon, ohne die vereinbarte Unterschrift geleistet zu haben. Völlig verhärtet sind die Fronten im Fall von Troy Corser: Der Anwalt des Australiers, eigens nach Assen angereist, empfand die Vertragskonditionen als nicht diskussionswürdig. Falls nicht umgehend ein besseres Angebot vorgelegt wird, fehlt der amtierende Superbike-Weltmeister womöglich schon beim nächsten Lauf in Imola: Ducati bot Corser die sofortige Rückkehr in die Superbike-WM an, um Carl Fogarty beim Titelgewinn zu helfen.Preins IdeeJet-SetterMaik StiefDocshop-Teammanager Stefan Prein arbeitet mit Hochdruck an der Zukunft seines Teams. Nicht nur, daß er den berühmten deutschen rennarzt Dr. Christoph Scholl für den Assen- Grand Prix engagierte, sondern er plant auch das GP-Comeback von Mike Stief mit strategischem Geschick. Weil Stief für den Sponsor die deutsche Meisterschaft gewinnen soll, für die WM-Qualifikation aber auch unter die ersten drei der Europameisterschaft kommen muß, soll er am 13. Juli nun vormittags den EM-Lauf in Most und nachmittags den DM-Lauf in Brünn bestreiten. DM-Leiter Gustav Lux verschob den 125er Lauf in Brünn extra von 14 auf 17 Uhr, Stief soll wie ein Weltmeister per Helikopter zu seinem zweiten Auftritt einschweben. In der Woche darauf fährt Stief dann mit einer Wild Card den WM-Lauf am Nürburgring.

Schwerer Trainingssturz (Archivversion) - Alptraum für Alex

Am Donnerstag um genau 14.34 Uhr war die Weltmeisterschaft der Halbliterklasse entschieden: Herausforderer Alex Crivillé, im Kampf gegen Michael Doohan ohnehin schon zurückgefallen, verlor im ersten Qualifikationstraining bei Vollgas im fünften Gang mit 250 km/h die Kontrolle über seine Repsol-Honda. Bei dem Sturz verhedderte sich die linke Hand unter dem Motorrad und raspelte in Fahrtrichtung über den Asphalt. Schon beim Aufstehen waren die Reste des Handschuhs blutdurchtränkt; Crivillé drückte den linken Unterarm mit der rechten Hand ab, starrte voller Entsetzen auf seine Wunde und rannte sofort über die Straße zu den Streckenposten, um sich ins Streckenspital bringen zu lassen.Von dort wurde er umgehend in die Universitätsklinik nach Groningen gebracht und am gleichen Abend zwei Stunden lang operiert. Der erste Verdacht einer gerissenen Arterie bestätigte sich zum Glück nicht. Die Arterie war ebenso wie die unter dem Handgelenk entlanglaufenden Nerven und Sehnen beschädigt, aber noch so weit erhalten geblieben, daß bis auf die optimale Blutversorgung und das Feingefühl im Daumen keine späteren Bewegungseinschränkungen zu befürchten sind.Trotzdem sprach Grand Prix-Arzt Claudio Costa, der dem Handspezialisten Dr. Robinson Valkenburg bei der Operation assistierte, von »der schlimmsten Handverletzung, die ich je gesehen habe«. Von der Daumenspitze über den Handballen bis zum Puls waren Haut, Fleisch und Muskelgewebe bis auf den Knochen weggeschmirgelt, am Daumengelenk war sogar der Knochen selbst angeschliffen.Haut- und Gewebeübertragungen vom linken Bein sollten die erheblichen Substanzverluste ausgleichen. Doch die Verletzung war so kompliziert, daß Crivillé nach der Rückkehr nach Barcelona gleich noch einmal operiert wurde. Danach begann das Warten, wie gut das verpflanzte Gewebe anwachsen und wie heftig die unvermeidliche Infektion sein würde. Die Ärzte rechnen mit einer Rennpause von mindestens zwei Monaten, wobei Crivillé in seinem Schmerz ganz andere Sorgen hatte als ein baldiges Comeback und nur über die Rettung seiner Hand besorgt war.Der Unfall kam zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt für den jungen Spanier. Nach den Mißerfolgen der letzten Rennen hatte er öffentlich darüber spekuliert, ob Konkurrenten wie Tadayuki Okada vielleicht bei Honda bevorzugt würden, weil sein Motorrad aus mysteriösen Gründen nicht so gut lief wie gewohnt. Eine gründliche Analyse seines Motors bei Honda in Japan war ohne Befund geblieben; um sich weiteren Ärger zu ersparen, hatte das Werk die Crivillé-Maschine für das Assen-Rennen vollkommen neu aufgebaut.Auf seiner Lieblingsstrecke, wo er 1992 den ersten 500er GP-Sieg gefeiert hatte, wollte sich Crivillé unbedingt als Sieger profilieren und damit auch eine Trumpfkarte für seine Vertragsverhandlungen erobern. Von Honda zu einer frühzeitigen Erneuerung seines Vertrags gedrängt, zögerte Crivillé seine Unterschrift bewußt hinaus. Doch statt der erhofften Wende zum Guten ging alles schief.Daß solche Unfälle immer wieder in Assen passieren, von Mick Doohans Beinbruch 1992 über das zertrümmerte Handgelenk von Kevin Schwantz 1994 bis hin zu Daryl Beatties Schlüsselbeinbruch 1995, kann schon kein Zufall mehr sein. »Auch der Sturz von Alex war typisch für Assen. Der Fahrbahnbelag hat ein abgerundetes Profil wie eine Landstraße. Deshalb wird die Maschine gefährlich leicht, sowie du beim Beschleunigen über die Fahrbahnmitte hinausgerätst«, erklärte Mick Doohan. »Mit den 500ern vor zehn, 15 Jahren mag das noch in Ordnung gewesen sein, und mit einer BSA vor 30 Jahren war das vielleicht alles ganz wunderbar. Doch moderne 500er sind auf dieser Strecke völlig außer Kontrolle!“

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