Grand Prix Holland in Assen (Archivversion) 100 Prozent

Besser geht es nicht: Bei Ralf Waldmanns 100. Grand Prix feierte das HB-Honda-Team einen historischen Doppelsieg im 250er Rennen.

»Vive la France«, schrie der französische Fotograf in der Strubbenkurve begeistert, weil Olivier Jacque bei den 250ern im Hurra-Stil in Führung stürmte und Jean-Philippe Ruggia an vierter Stelle das Bajonett aufpflanzte. Doch dann setzte in Assen ein ungemütlicher Nieselregen ein, und die französischen Grenadiere erlebten ihr Waterloo. Ruggia stürzte aus dem Windschatten von Jürgen Fuchs, weil seine elf-Chesterfield-Honda unverhofft festging. Jacque stürzte aus purem Übermut, weil er die feuchten Flecken auf der Piste unterschätzte und den rechten Drehgriff trotz des Nieselwetters ungerührt in Vollgasstellung hielt. Traurig ließ der Fotograf die Kamera auf die Reifenstapel sinken und duckte sich obendrein in seinen Regenmantel, weil nun die Salven deutscher Raketen, Böller und Bierdosen aus den Zuschauerrängen emporzusteigen begannen. Denn jetzt, endlich und erstmals in dieser Saison, lag Ralf Waldmann meilenweit und ungefährdet in Führung. Die letzten Runden gerieten ebenso wie die seines mutterseelenallein auf Platz zwei fahrenden Teamkollegen Jürgen Fuchs zum Triumphzug, und schließlich war ein deutscher Doppelsieg perfekt, der selbst den Erfolg von Dirk Raudies und Peter Öttl beim Assen-Grand Prix 1994 in den Schatten stellte. Neben tollem Sport wurden die Zuschauer durch das Fortsetzungsdrama um den HB-Rückzug in Atem gehalten. In der ersten Episode beim Frankreich-Grand Prix stand der vom Geldgeber gescholtene Team-Manager Dieter Stappert als zerknirschter Verlierer da. Jetzt, auf dem Siegerpodest von Assen, wuchs er turmhoch zwischen Ralf Waldmann und Jürgen Fuchs empor und strahlte wie Dallas-Star J.R. Ewing, wenn er eine Intrige mit einem noch schlaueren Schachzug pariert. Mit ihm sonnten sich die Fahrer in ihrem Erfolg. »Das war die beste Antwort, um zu bestätigen, daß vielleicht doch eine Fehlentschiedung vorliegt«, triumphierte Waldi nach dem 100. Grand Prix seiner Karriere. »Schon 1991 habe ich hier bei Nieselregen gewonnen, anscheinend liegen mir solche Bedingungen. Kurz nach Jacques Sturz wurde der Regen so stark, daß ich die Hand hob, weil ich dachte, die brechen ab. Doch eine Runde später hörte es auf, die Bedingungen wurden schnell wieder gut, und ich konnte wieder sehr flotte Zeiten vorlegen«, schilderte der Sieger. Nach den Fahrwerksschwierigkeiten von Frankreich hatte sich Waldmann in Assen wieder für die handelsübliche Standardschwinge mit liegendem Federbein entschieden, warf dafür aber seinen sicheren Instinkt fürs Abwarten in die Waagschale.Dieser siebte Sinn hatte seinem Teamkollegen Jürgen Fuchs beim Zusammenstoß mit Olivier Jacque drei Wochen zuvor in Le Castellet gefehlt, weshalb er seinen ersten Podestplatz in der Weltmeisterschaft mit enormer Erleichterung zur Kenntnis nahm. »Gigantisch! Das entlohnt mich für alles, was in Frankreich schiefgelaufen ist«, seufzte Fuchs, der nach dem fünften Trainingplatz »im Leben nicht« mit einem solchen Ergebnis gerechnet hätte. Die Bordkamera, die er in Assen mitschleppen mußte, brachte die Fahrwerksabstimmung mit zwei zusätzlichen Kilogramm unter dem Heck nämlich derart durcheinander, daß Chefmechaniker Konrad Hefele die Maschine mehrmals komplett und erfolglos umbaute. Weil es im Warm-Up am Samstag vormittag in Strömen regnete und Fuchs nichts mehr ausprobieren konnte, geriet das Set-Up zum reinen Pokerspiel. »Meinen Hinterreifen riß es buchstäblich in Fetzen. Er war schon nach drei Runden am Ende. In der Schikane war ich mehr neben als auf dem Motorrad. Als Ruggia mir auflauerte, fuhr ich nur noch so rund und sauber weiter, wie es irgend ging. Nach seinem Sturz war ich riesig erleichtert«, berichtete Fuchs. Keiner der beiden HB-Stars stellte in Abrede, daß es ein glücklicher Sieg gewesen war - vor allem auch deshalb, weil die anderen Superstars Max Biaggi und Tetsuya Harada weit unter ihrer Normalform um die Strecke schlichen. Bei Harada hatte der zehnte Platz technische und psychologische Gründe. Neue Zylinder, die bei Tests in Mugello deutlich mehr Schub geliefert hatten, erwiesen sich in Assen plötzlich als Flop. Trotz aller Einstellungstricks lief Haradas Yamaha-Motor zäh, und als er sich bei einem Sturz übers Vorderrad am Samstag morgen das Genick verstauchte und viel an kostbarer Trainingszeit verlor, war seine ohnehin angeschlagene Motivation dahin. Harada startete vom achten Platz und beendete das Rennen als Zehnter, wobei sich Teamchef Wayne Rainey über heftig schwankende Rundenzeiten wunderte. Anders Seriensieger Max Biaggi, den nichts aus der Bahn zu werfen scheint. Von der 0:2-Endspielniederlage in einem Lucky Strike-Fußballturnier ließ sich der Italiener genausowenig unterkriegen wie von einem spektakulären Sturz am Donnerstag nachmittag, bei dem er eine schwere Hüftprellung und eine tiefe Schnittwunde am linken kleinen Finger davontrug, die mit fünf Stichen genäht werden mußte. »Ich kann kaum laufen, geschweige denn fahren. Morgen brauche ich stärkere Schmerzmittel«, brummte Biaggi nach dem zweiten Platz im Abschlußtraining, ohne die Ursache seines Sturzes bekanntzugeben: Er hatte eines seiner langen Wheelies aufgeführt, kam mit eingeschlagenem Vorderrad auf und flog wie ein Torpedo über den Lenker. Im Rennen biß der Aprilia-Werkspilot die Zähne zusammen, arbeitete sich von Platz zehn nach einer Runde auf Schlußrang drei vor und hielt fest, das sei mehr ein Sieg über den Schmerz als einer über seine Gegner gewesen. Während Biaggi sich mit dem 17. Podestplatz hintereinander über den entgangenen Sieg hinwegtröstete, feierte der Schweizer Aprilia-Star Eskil Suter trotz eines verstauchten linken Knöchels und eines verstauchten linken Handgelenks das zweite große Jubiläum des Tages. Zur Feier seines 29. Geburtstags am 29. Juni stockte er sein mageres Konto mit seinem bislang besten GP-Resultat auf 29 WM-Punkte auf. Mit dem tollen fünften Platz hinter Lokalmatador Jürgen van den Goorbergh zog Suter auch bei dem von den Anfangsresultaten frustrierten Schweizer Aprilia-Importeur Alfred Staub den Kopf aus der Schlinge. Ein anderes Jubiläum fiel weniger glücklich aus. Dreimal hintereinander hatte Masaki Tokudome in der 125er Klasse die Pole Position erobert, dreimal hintereinander scheiterte er dann wegen kleiner Materialfehler an seiner Ditter Plastic-Aprilia. In Mugello versagte am Start die Kupplung. In Frankreich splitterte die Nikasil-Beschichtung des Zylinders. In Assen glühte er zwei Runden souverän voraus, dann wurde er schlagartig langsamer und rollte mit einer gebrochenen Zündkerze an die Box. »Offensichtlich bin ich verhext. Doch ich werde den Teufelskreis aus eigener Kraft durchbrechen - und beim nächsten GP am Nürburgring alles tun, um die vierte Pole Position zu erbeuten«, gab sich der Japaner trotz aller Enttäuschung kämpferisch. Für den Vorjahreszweiten Peter Öttl war das Rennen schon nach dem Abschlußtraining zu Ende. Der Star des Aprilia Eckl-Teams bog etwas zu schnell in eine Kurve ein und wollte noch korrigieren, geriet dabei aber auf die Wiese und schlug schließlich mit Tempo 80 in die Reifenstapel ein. Öttl konnte sich an nichts erinnern, redete wirr und mußte wegen einer schweren Gehirnerschütterung für zwei Tage das Krankenhausbett hüten. Die deutschen Fahrer, die übrigblieben, wurden zum Opfer der dubiosen Wetterverhältnisse und der Rennleitung, die den 125-cm3-Lauf erst unmittelbar vor dem Start zum »Dry Race«, also zum Trockenrennen, erklärte. »Ich hatte einen handgeschnittenen Slick am Vorderrad und überlebte etliche heftige Rutscher und Beinahe-Stürze. Aber wenigstens ließ ich mich nicht wie im letzten Rennen nach hinten durchreichen«, tröstete sich Öttls Teamkollege Tex Geissler nach dem achten Platz. Vorjahressieger Dirk Raudies war dagegen schon wieder sauer über Rang sechs. »Kaum war das Dry Race-Schild draußen, wurden meine Jungs beim Startplatz hinausgeworfen. Andere haben noch ewig weitergeschraubt, weil nicht genügend Ordner für alle da waren«, schilderte Raudies. »Außerdem wußte ich nicht, daß Michelin-Intermediates wirklich nur für nasses Wetter taugen. Als es trocken wurde, bin ich eingegangen.« United Grey-Cheftechniker Mario Rubatto brüstete sich nach dem fünften Platz von Tomomi Manako, das beste deutsche Team gestellt zu haben, denn die Spitze machten andere unter sich aus. Der Spanier Emili Alzamora sauste als Sieger über die Linie, im Windschatten hielt sich sein erst 16jähriger italienischer Cepsa-Teamkollege Ivan Goi und wurde als jüngster Fahrer aller Zeiten auf einem GP-Podest gefeiert. Nach Alzamoras Erfolg hofften die Spanier auch auf eine Großtat von Alex Crivillé in der Halbliterklasse, zumal er Michael Doohan im Training um eine halbe Sekunde distanziert und die Pole Position erbeutet hatte. Als das Rennen wegen eines kurzen, heftigeren Regenschauers nach acht Runden unterbrochen wurde, war noch nichts entschieden. Doohan lag nur 0,3 Sekunden vor Crivillé, und als der Spanier nach dem zweiten Start in Führung gehen und seinen Vorsprung stellenweise auf über eine Sekunde ausbauen konnte, machte er sich immer noch Hoffnungen. Doch dem Druck des kühl und fehlerfrei auftretenden Weltmeisters war Crivillé auch diesmal nicht gewachsen. Er verpaßte die Einfahrt zu Schikane und mußte wieder einmal zusehen, wie ihm Doohan den Sieg vor der Nase wegschnappte. »Ich habe einen Fehler gemacht und dafür bezahlt. Aber dafür ist Doohan auch zweifacher Weltmeister und kein Gegner wie jeder andere«, entschuldigte er sich. Bei 53 Punkten Vorsprung braucht sich Doohan in der Weltmeisterschaft nur vor einer Verletzung zu fürchten, andere Gegner gibt es nicht mehr. Nach seinem schweren Sturz in Frankreich wurde bei Vizeweltmeister Daryl Beattie ein Schädelbruch festgestellt; weil er schon beim Saisonauftakt in Malaysia eine Gehirnerschütterung erlitten hatte, die den Gleichgewichtssinn durcheinanderbrachte, bleibt er nun mindestens bis zum Brünn-Grand Prix außer Gefecht. In Assen erschien er nur zu einigen verdrießlichen Interviews und drückte sich vor der Gewitterstimmung, die nach den niederschmetternden Trainingsergebnissen des als 12. qualifizierten Ersatzfahrers Terry Rymer und des an 15. Stelle herumkrebsenden Scott Russell im Lucky Strike-Zelt herrschte. Erst durch den überraschenden vierten und siebten Platz im Rennen wurden die Gemüter der Verantwortlichen des Hauptsponsors wieder halbwegs beruhigt. Während sich Honda-Zweizylinder-As Tadayuki Okada mit kaputter Vorderbremse als 13. über die Ziellinie rettete, buchte sein italienischer Widerpart Doriano Romboni auf der Zweizylinder-Aprilia den kuriosesten Ausfall von allen. Nach einem zu mutigen Überholmanöver von der Spur abgekommen, blieb ihm als sicherster Notausgang nur noch die Boxenstraße. Einmal dort angekommen, war er in seiner hellen Aufregung so überzeugt, eine ganze Runde verloren zu haben, daß er vollends aufgab und seine Maschine in der Box abstellte. »Das war eine Dummheit, aber es hätte keinen Unterschied gemacht. Im Warm-Up ging meine beste Maschine kaputt, und das Ersatzmotorrad lief nicht richtig«, stellte er fest. Ein »Scheiß-Spiel« konstatierte auch Rolf Biland im ebenfalls von Regen unterbrochenen Rennen der Gespanne. Weltmeister Darren Dixon entriß dem Schweizer in der letzten Runde die Führung und stach dabei derart vehement in ein vermeintliches Loch, daß die Gespanne aneinanderknallten und der Kopf von Bilands Beifahrer Kurt Waltisperg eingeklemmt wurde. Wutentbrannt revanchierte sich Biland bei der nächsten Gelegenheit, worauf beide Gespanne von der Strecke trudelten. »Mein Pech: Darren stand in der Wiese und konnte weiterfahren und gewinnen, ich steckte tief im Kies«, erzählte Biland, der mit qualmendem Motor als Sechster einlief und ein Loch im Verkleidungsbug zur Schau trug, als hätte der weiße Hai hineingebissen. Auch Ralph Bohnhorst hatte sich sein Comeback etwas anders vorgestellt. Um an erfolgreiche alte Zeiten anzuknüpfen, legten Ex-Weltmeister Rolf Steinhausen und er einen seit langem schwelenden Streit beiseite und machten wieder gemeinsame Sache. Steinhausen wechselte die Kolben des ADM-Motors, die wegen einer defekten Zündanlage im Training reihenweise festgingen; Bohni beschäftigte sich derweil mit psychologischer Kriegsführung und rannte nach dem deutschen Halbfinalsieg in der Fußball-Europameisterschaft mit einem Schild durch das von Engländern bestimmte Gespannfahrerlager, auf dem die mächtigen Ziffern »6:5« zu lesen waren.Doch am Ende war die ganze Mühe umsonst. »Ab Mitte des Rennens fühlte sich die Bremse an wie Matsch, ich mußte 200 Meter früher bremsen als normal«, kommentierte Bohnhorst seinen zehnten Platz.

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