Grand Prix Imola (Archivversion) Das Milliarden-Spiel

Beim Rennen gewann Loris Capirossi gegen Aprilia mit neun Sekunden Vorsprung. Vor Gericht will er von seinem früheren Arbeitgeber neun Milliarden Lire erzwingen.

Zum Saisonende 1998 von Aprilia unehrenhaft entlassen, beim Mugello-Grand Prix 1999 disqualifiziert und für ein weiteres Rennen gesperrt - lange Zeit schien es, als sei »Rotkäppchen« Loris Capirossi im dunklen Wald verlorengegangen. Doch in Imola kehrte der geschmähte Weltmeister als hungriger Wolf zurück. War schon der lupenreine Start-Ziel-Sieg über Valentino Rossi ein Festschmaus für den im Dorf Borgo Rivola residierenden Lokalmatadoren, so richtet sich der kleine Italiener derzeit auch noch einen bekömmlichen Nachtisch an. Neun Sekunden knöpfte er Rossi ab, neun Milliarden Lire oder rund neun Millionen Mark will er bei Aprilia abräumen. Die Hälfte davon errechnet sich aus seinem nichtbezahlten Jahresgehalt für 1999 von 2,4 Millionen Dollar plus Verzugszinsen, die andere Hälfte ist als Schmerzensgeld wegen Rufschädigung gedacht. Die Anwälte Capirossis erwirkten eine einstweilige Verfügung gegen die für Fahrerverträge zuständigen »Aprilia World Services«, zwei Konten der Firma mit Sitz in Holland und Filiale in der Schweiz wurden von Gerichten in Rotterdam und Lugano vorläufig beschlagnahmt. Verhandelt wird der Fall Ende September in Venedig, der für die Aktivitäten der in Noale ansässigen Muttergesellschaft zuständigen Gerichtsbarkeit. Noch beim Brünn-Grand Prix hatte Aprilia-Direktor Ivano Beggio vor Mikrofonen des italienischen Fernsehens von »Harmonie« mit seinem früheren Piloten gesprochen. Doch genau diese Äußerung war der Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen brachte. »Aprilia will die Schulden an mich immer noch nicht bezahlen, erklärt aber öffentlich, alles sei in bester Ordnung. Das ist zu bequem«, kontert Capirossi. »Und ich werde einmal mehr an der Nase herumgeführt. Ich habe alles versucht, den Rechtsweg zu vermeiden und die Angelegenheit mit der gebotenen Zurückhaltung zu bereinigen. Schon in Assen hätte ich die Aprilia-Werksmaschinen beschlagnahmen lassen können, habe aber darauf verzichtet. Doch jetzt habe ich es satt!« Bereits im Frühjahr 1998, der zweiten Saison eines Drei-Jahres-Vertrages zwischen Capirossi und Aprilia, begannen die ersten Unstimmigkeiten. Ab dem zweiten Rennen fühlte sich der Italiener gegenüber seinen Teamkollegen Valentino Rossi und Tetsuya Harada technisch benachteiligt, und zu Saisonmitte machten Gerüchte die Runde, Aprilia habe zu viele Superstars unter Vertrag und suche nach einem Weg, Capirossi loszuwerden. Die Gelegenheit kam beim Saisonfinale in Argentinien. Harada führte im Rennen, Capirossi stach in der letzten Runde mit einer Verzweiflungsaktion in eine vermeintliche Lücke, brachte den Japaner zu Fall und den eigentlich schon verlorenen WM-Titel unter Dach und Fach. Aprilia wertete die Aktion als »enormen Imageverlust«, berief sich auf eine Vertragsklausel, in der die Piloten zu »höchster Loyalität und sportlicher Korrektheit« verdonnert werden, und schickte Capirossi in die Wüste. Doch die Kündigung wurde zum Bumerang. Denn das Schiedsgericht des Weltverbands FIM wertete Capirossis Attacke als hart, aber korrekt und schmetterte die Proteste gegen seinen Sieg in Argentinien im Nachhinein ab. Aprilia hatte es fortan schwer, den Vertragsbruch zu rechtfertigen, und bot Capirossi im Februar 1999 kurioserweise sogar ein neues Drei-Jahres-Engagement an - freilich ohne Garantie auf erstklassiges Material. Der 250er-Weltmeister hatte zu diesem Zeitpunkt aber schon bei Honda unterschrieben. Sensationell gewann er das erste Rennen, wurde in Mugello aber schon wieder zum Sündenbock, weil er Aprilia-Werksfahrer Marcellino Lucchi aus dem Sattel torpedierte. »Auch in diesem Jahr, nach dem Vorfall in Mugello, erlebte ich eine schreckliche Zeit«, erinnert sich Capirossi. »Ich stieß ohne jede Absicht mit Lucchi zusammen, wurde disqualifiziert, und daraufhin wollte ich alles hinschmeißen und aufhören. Aber das wäre das Schlechteste gewesen, was ich in diesem Moment hätte tun können.«. Statt dessen zog er sich an den eigenen Haaren aus dem Morast. Derzeit redet keiner der 250-cm3-Stars schlecht über Capirossi. Ralf Waldmann nicht, der in Imola mit Siegambitionen aus der zweiten Reihe startete, aber wegen Fahrwerksproblemen auf Rang sieben zurückfiel. Der Franzose Olivier Jacque nicht, der seinem Yamaha-Chesterfield-Team nach monatelangen Verletzungssorgen als Dritter endlich wieder einen Podestplatz bescherte.Und selbst Capirossis Paradegegner Valentino Rossi, der sich zu Ehren seines Cheftechnikers Rossano Brazzi eine Dreiviertels-Glatze hatte rasieren lassen, zeigte auf ironische Weise Respekt. »Wenn man durchs Herunterfahren eines Kollegen neun Milliarden Lire verdienen kann, will ich das auch versuchen«, kündigte er scherzhaft an. »Man muss mir nur sagen, auf wen ich zielen soll!«

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