Grand Prix Imola/I (Archivversion) Vor allem eins

Die Weltmeister hatten in Imola ihren großen Auftritt: Max Biaggi entriß Ralf Waldmann bei den 250ern die WM-Führung, Michael Doohan demonstrierte bei den 500ern einmal mehr seine kaltblütige Überlegenheit.

Ralf Waldmann glühte im Hurra-Stil nach vorn und schien die Situation auch noch im Griff zu haben, als Max Biaggi ihn in Runde sechs von der Spitze verscheuchte. Erst im letzten Renndrittel wurde für die 28000 Zuschauer offensichtlich, daß Waldi nicht mehr kontern würde. Seine Maschine, die zu Anfang des 250-cm³-Rennens in Imola lammfromm alle Bodenwellen hinweggebügelt hatte, versetzte beim Beschleunigen, und je schlimmer sich das Fahrwerk aufbäumte, desto weiter fiel der große Herausforderer im Titel-Kampf zurück.Aprilias Riesenpech war am Ende noch Waldis kleines Glück: Loris Capirossi fiel mit abgerissenem Pleuel aus, Tetsuya Harada mit abgeplatzter Zylinderlauffläche zurück, so daß der Vizeweltmeister hinter seinen Honda-Gefährten Biaggi, Ukawa und Jacque wenigstens noch Platz vier einfahren konnte.Nach einer besonders eiligen Auslaufrunde setzte sich der geschlagene Vorjahressieger kopfschüttelnd auf die Werkbank in der Box. »Ich bin ratlos«, meinte Waldi. Denn nach der Freitagsbestzeit hatte sich sein Team mit der Abstimmung verirrt und war fürs Rennen zur Grundeinstellung des ersten Tags zurückgekehrt. »Ich war trotzdem überzeugt, bis zum Schluß an der Spitze mitfahren zu können. Doch Reifen und Fahrwerk haben unerwartet stark abgebaut.«Aus war der Traum, bei seinem Heim-GP auf dem Nürburgring am 20. Juli statt wieder als wackerer Herausforderer endlich als strahlender Favorit antreten zu können. Erzrivale Biaggi hatte den Spieß mal wieder umgedreht und mit dem Sieg auch die Tabellenführung zurückgeholt. »Es ist nicht so schlimm. Es sind nur fünf Punkte - und noch sieben Rennen. Am Ring wird es anders laufen«, blieb Waldi kämpferisch.Gegen Max Biaggi in dieser Form wird er es jedoch schwer haben. Der Weltmeister fuhr zwar an beiden Trainingstagen knapp an der Bestzeit vorbei, verlor aber jeweils nur Sekundenbruchteile und rieb sich die Hände. »Normalerweise habe ja nur ich Fahrwerksschwierigkeiten. Wahrscheinlich sitzen wir aber wegen der vielen Bodenwellen hier alle im gleichen Boot«, kündigte er an.Den Rest der kostbaren Zeit, die Super-Max der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte, nutzte er zur Imagepflege. So nahm er erster Motorradrennfahrer die höchste Ehrung des italienischen Nationalen Olympischen Komittees in Empfang. Auch die Chance, zu seiner Stop and Go-Strafe und der Disqualifikation in Assen Stellung zu nehmen, ließ er sich nicht entgehen. »In finde, wer wegen technischer Probleme aus der Boxengasse starten muß, ist mehr als genug gestraft. Ihm zusätzlich noch weitere zehn Sekunden aufzubrummen, ist übertrieben«, kommentierte er bei einer Pressekonferenz. Und betonte gleich noch seine maßgebende Rolle für den Motoradrennsport bei der Frage einer italienischen Journalistin, warum der Motorradsport weniger populär sei als die Formel 1. »Wenn es zehn Max Biaggi gäbe, wäre er genauso populär«, antwortete Gott.Dank seines überirdischen Selbstvertrauens hatte Max auch im Rennen das letzte Wort. Am Start wurde er zwischen Jacque und Waldmann eingeklemmt und fiel ein paar Meter zurück, weil sein vorderer Bremshebel an Waldis Verkleidung hängenblieb. Vierter nach einer Runde, setzte er sich zügig gegen Capirossi, Jacque und Waldmann durch und schaffte es zu Rennmitte auch, den hartnäckig angreifenden Tohru Ukawa abzuschütteln, der trotz eines gebrochenen Fingers das bislang beste Rennen der Saison absolvierte.Am Ende sauste Biaggi mit einem Vorsprung von 0,6 Sekunden über die Linie.Auf dem Podest feierte er ausgelassen mit seinem gerührten Teamchef Erv Kanemoto, äußerte wenig später jedoch etwas Bemerkenswertes. »Ich bin zwar sehr zufrieden, doch die Siege sind nicht mehr die große Befreiung, die sie mal waren. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, daß ich zu den 500ern wechseln muß.«Dort könnten neue Talente nicht schaden. Denn trotz aller hingebungsvollen Versuche, Michael Doohan zu schlagen, waren die Gegner des überlegenen Weltmeisters auch in Imola wieder nur Kanonenfutter. Am aufmüpfigsten drängte Anthony Gobert in den Vordergrund. Obwohl der Australier die Imola-Piste nie zuvor gesehen hatte, prügelte er seine Suzuki auf den dritten Startplatz und scheiterte erst mit einem Sturz, als er kurz vor Ende des Abschlußtrainings auch noch die Pole Position knacken wollte.Die Pressekonferenz der vier Trainingsschnellsten war besser besetzt denn je; wohl, weil die Journalisten hofften, Gobert werde seinem Erzfeind Michael Doohan öffentlich an die Gurgel gehen. Doch der wilde Anthony, der Mick in einer Zeitschriften-Kolumne unlängst als Rotznase bezeichnet hatte, blieb auffallend friedlich. »Ich habe viele Freunde. Auf einen weniger kommt es mir nicht an«, war das einzige, was er sich zum Thema Doohan entlocken ließ. »Was wir miteinander zu klären haben, machen wir auf der Strecke aus«, fügte er noch hinzu.Es muß niederschmetternd für Gobert gewesen sein, daß das Rennen länger als drei Runden dauerte. So lange gelang es ihm nämlich, Doohan in Schach zu halten, bevor sich die Rollen ins Gegenteil verkehrten - der Weltmeister vertrieb Gobert von Platz drei und nahm mit der langsamen Kaltblütigkeit eines Scharfschützen die Spitze ins Visier, während der junge Heißsporn zügig zurückfiel, kleinlaut von Wadenkrämpfen wegen eines zu hohen Schalthebels berichtete und am Ende betreten als Zehnter zurückkam.Auch Carlos Checa, seit der Verletzung von Alex Crivillé als bester Spanier ins Rampenlicht gerückt, mußte seine in Assen genährte Wunschvorstellung, bald ernsthaft mit Doohan konkurrieren zu können, wieder den wahren Gegebenheiten anpassen. Sechs Runden verteidigte er die Spitze und fiel dann zurück:»Es war merkwürdig - ich kam einfach nicht auf dieselben Zeiten wie im Training. Drei Runden vor Schluß wäre ich um ein Haar gestürztAlles in allem setzten sich hinter Doohan die Aoki-Brüder noch am besten in Szene. Nobuatsu, der als Leasingkunde im elf-Rheos-Team keinen besseren Status genießt als Checa im MoviStar-Team von Sito Pons, startete voller Begeisterung über die Imola-Piste aus der ersten Startreihe, hielt sich die meiste Zeit des Rennens an zweiter Stelle auf und schaffte es kurz nach Rennmitte sogar, für tapfere drei Runden Doohan von der Spitze zu verdrängen. Ebenso tollkühn war die Fahrt von Bruder Takuma: Auf seiner Zweizylinder-Honda arbeitete er sich vom fünften auf den dritten Platz vor.Bester Laune war auch 125-cm³-Held Valentino Rossi. Diesmal sorgte der umtriebige Teenager mit seiner Vespa Ape, einem zur »Rossi-Hospitality« umgebauten Dreirad-Gemüsetransporter, für Aufsehen im Fahrerlager. Seine Kollegen auf der Rennstrecke machte er allerdings mit gewohnter Erbarmungslosigkeit zur Schnecke. Nach einem wie üblich ruhigen Beginn schwang er sich zum sechsten Sieg im achten Rennen auf. Der Rest der Achtelliter-Welt fährt nur noch um den Vize-Titel. Auf den sind die Chancen des derzeitigen WM-Zweiten Nobbu Ueda wahrscheinlich aber geringer sind als die zweier seiner japanischen Landsleute. Denn für Tomomi Manako und Kazuto Sakata erweist sich der Wechsel von Bridgestone- auf Dunlop-Reifen immer mehr als Volltreffer. Unsicher und mit wie Fieberkurven hin- und herzuckenden Rundenzeiten in die Saison gestartet, ziehen die ungleichen UGT-Zwillinge nun als letzte verbliebene Herausforderer Rossis ihre Spur. Wie schon in Assen lief Honda-Star Manako als Zweiter vor Aprilias Ex-Weltmeister Sakata ein.Und trotzdem war es nicht dasselbe. »Tomomi ist das Rennen seines Lebens gefahren. Über 21 Runden hinweg habe ich ihn noch nie so kämpfen sehen«, murmelte Manakos Cheftechniker Mario Rubatto bewegt. Trotz Rossis motorischer Überlegenheit beim Beschleunigen hatte sich Manako förmlich im Heck des Italieners festgebissen und bis zum Zieleinlauf nur 1,6 Sekunden verloren.Ein solches Rennen wären auch die deutschen Stars gern gefahren. Doch viel mehr als Geschlossenheit demonstrierten Peter Öttl, Tex Geissler, Dirk Raudies und Steve Jenkner nicht: Sie fuhren einträchtig auf die Plätze 15, 16, 17 und 18.

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