Grand Prix in Barcelona/E (Archivversion) Kleine Wunder

Die Schlussattacke von Tomoyoshi Koyama war so vehement, dass sein Gegner Sergio Gadea Angst vor einem Sturz bekam und das Gas zurückdrehte. Damit war der erste Grand-Prix-Sieg des kleinen Japaners perfekt – und zugleich der erste, sehnsüchtig erwartete 125-cm3-GP-Sieg des Jahres für KTM.
Doch zunächst hatte Koyamas Teamkollege Randy Krummenacher für eine Überraschung gesorgt und vier Runden zuvor die Führung erobert. Dass er Koyama und dem neuen WM-Leader Gabor Talmacsi im Endspurt noch Platz machen musste, war nur ein kleiner Schönheitsfehler – der dritte Platz beim Grand Prix von Katalonien in Barcelona war auch so der größte Erfolg in der Karriere des 17-jährigen Schweizer Teenagers.
Verdutzt waren nicht nur die 112600 Zuschauer an der Strecke, die fest mit einer weiteren Fiesta ihrer spanischen Helden gerechnet hatten. Verblüfft war auch das KTM-Team selbst, das zuletzt nichts als Pleiten, Pech und Pannen erlebt hatte. »Wir haben immer gewusst, dass unsere Motorräder schnell sind. Die Frage war, wo und wann unsere Fahrer das umsetzen würden«, erklärte Konstrukteur Harald Bartol. Die heftige Angriffslust, die Koyama plötzlich entwickelte, hing zudem mit dem starken Auftritt des Team-Juniors zusammen. »Als Krummenacher in Führung ging, war das für Koyama, als halte man einem Hasen eine Karotte vor die Nase. Er hat bestimmt gedacht: Was der kann, kann ich auch«, schmunzelte Bartol.
Der Sturmlauf des Schweizers blieb indes eines jener kleinen Wunder im Rennsport, die sich kaum erklären lassen. Sicher half der weiche Hinterreifen, der ihm von Technikchef Konrad Hefele empfohlen worden war. Vielleicht trug außerdem das lange, vertrauliche Gespräch dazu bei, das Bartol und Krummenacher am Vorabend geführt hatten und in dem der Konstrukteur seinem Schützling einschärfte, sich mehr aufs Fahren zu konzentrieren und weniger über die Technik nachzugrübeln.
Jedenfalls war plötzlich die Blockade weg, die Krummenacher, bei seinem KTM-Einstieg Mitte letzten Jahres als eines der außergewöhnlichsten Talente des GP-Sports gefeiert, zu Anfang seiner ersten kompletten Saison gehabt hatte. »Ich habe schon gewusst, dass ich’s kann und dass ich irgendwann die Chance haben werde, ums Podium zu kämpfen. Aber dass es nach dem 15. Trainingsplatz hier und
heu-te passiert, ist unglaublich«, schwärmte Krummenacher, nachdem er sich bei seinem Durchmarsch durchs Feld bemüht hatte, »nicht daran zu denken, mit welchen großen Namen« er es zu tun hatte.
»Traumziel erreicht«, jubelte auch der als Wild-Card-Fahrer gestartete Bayer Stefan Bradl, der den 125er-Lauf mit einem tollen neunten Platz beendet und dabei unter anderem den Österreicher Michael Ranseder und den Schwaben Sandro Cortese abgehängt hatte. Beim ersten Grand Prix seit seinem Beinbruch beim Malaysia-GP 2006 hatte der Sohn von Ex-Vizeweltmeister Helmut Bradl zunächst um die Qualifikation gebangt, weil ein Sturzschaden am Getriebe seiner Bluesens-Aprilia unentdeckt geblieben war und das gesamte erste Zeittraining verstrich, ohne dass der 17-Jährige auch nur eine flotte Runde drehen konnte.
Ab Samstag ging’s für Bradl aber nur noch bergauf, sodass er sich jetzt auf die nächsten Wild-Card-Einsätze in Assen und am Sachsenring freuen und womöglich einen endgültigen Schlussstrich unter die Querelen der Vergangenheit – Entlassung von KTM Ende 2006, unrühmlicher Ausstieg bei Repsol-Honda Anfang 2007 – ziehen kann. »Ich denke, das war eines meiner besten Rennen. Und ich hoffe, ich bin zurück«, erklärte er.
So wie Tom Lüthi, der sich mit seinem vierten Platz im 250er-Rennen endgültig in der Weltspitze etablierte. »Ich bin sehr glücklich, weil ich so konstant durchfahren konnte. Dieses Rennen war ein entscheidender Meilenstein in meiner Karriere«, berichtete der 20-jährige Aprilia-Werkspilot nach dem Zieldurchlauf erschöpft. Weniger der drückend überlegene Jorge Lorenzo, sondern die anschwellenden und schmerzenden Unterarmen sind derzeit Lüthis größtes Problem. »Ich bin überzeugt: Mit dem richtigen Training und der richtigen Fahrweise kann man das genauso gut auskurieren«, riet Lüthis Fahrer-Coach und Berater Andy Ibott von einer Operation dieses typischen Rennfahrerleidens ab.
Casey Stoner litt noch vor einem Jahr unter dem Karpaltunnelsyndrom und ist jetzt der überlegene Mann der MotoGP-Klasse. In Barcelona wehrte er sämtliche Angriffe von Valentino Rossi bravourös
ab und widerstand allen Versuchen des
Superstars, ihn am Ende vielleicht noch in einen Fehler zu hetzen. Neben dem Topspeed der Ducati – aus dem Windschatten auf der Zielgeraden schnellte er immer wieder locker an Rossi vorbei, während der sich umgekehrt noch mit Ach und Krach in Stoners Sog halten konnte – war vor allem der Gleichmut überzeugend, mit dem der junge Australier Rossis ständiges Trommelfeuer wegsteckte. »Rossi ist dafür bekannt, dass er seine Gegner einzuschüchtern versucht, auf und neben der Piste. Mit mir braucht er das nicht zu versuchen – für mich ist er ein Gegner wie jeder andere«, meinte Stoner nach seinem vierten Saisonsieg.
Von einem solchen Erfolg konnte Markengefährte Alex Hofmann lediglich träumen. Im Training noch hoffnungsvoller Zehnter, war seine Pramac-Ducati im Rennen wegen mangelnden Hinterradgrips
nur noch schwer zu beherrschen. »Das war
die schlechteste Vorstellung des Jahres«, seufzte er nach Rang 13 enttäuscht. fk

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