Grand Prix in Laguna Seca/USA (Archivversion) Southern Men

Erstmals in seiner 49-jährigen Geschichte war der Laguna Seca Raceway komplett ausverkauft, und die 58000 am Renntag angereisten Fans hatten den richtigen Riecher. Kentucky Kid Nicky Lee Hayden und Texas Tornado Colin Edwards holten einen frenetisch umjubelten Doppel-
Heimsieg.
Noch bevor am Freitagmorgen in den Dünen hoch über der nordkalifornischen Monterey Bay das erste Grand-Prix-
Training seit knapp elf Jahren begann, stellte Colin Edwards klar: »Laguna Seca unterscheidet sich grundsätzlich von allen
anderen MotoGP-Rennstrecken. Da sind
die Berg-und-Tal-Charakteristik, die engen Kurven, die mehr oder weniger fehlende Gerade«, dozierte der Yamaha-Werksfahrer, »das alles Entscheidende jedoch ist bekanntlich Turn 8, der Corkscrew. Dort brauchst du unendlich viel Erfahrung und auch Einsichten in physikalische Grundgesetze, die dir dort sehr helfen können. Viel mehr möchte ich aus eigenem Interesse nicht verraten.« Das Einzige, was Colin noch zu entlocken war, war der Hinweis auf einen Lehrmeister: »Ben Bostrom ist
in dieser Kurve der Allerbeste, von ihm
konnte ich viel abschauen.«
Genau Ben Bostrom aber, heute auf
einer ziemlich hoffnungslosen privaten Honda im Mittelfeld der Superbike-WM unterwegs, machte nie einen Hehl daraus, dass er nicht gerade sehr viel von einem jungen Rennfahrer aus Kentucky namens Nicky Lee Hayden hielt. Nun stand ausgerechnet dieser beim ersten MotoGP-
Rennen der USA auf der Pole Position, dazu mit einer vorher nicht so recht für möglich gehaltenen Fabelzeit von 1.22,670 Minuten – über zwei Sekunden schneller als alles, was hier zuvor auf zwei Rädern unterwegs gewesen war.
Hayden hatte damit noch nicht genug. Nach perfektem Start schenkte er seinen Fans einen makellosen Start-Ziel-Sieg, an dem niemand auch nur annähernd kratzen konnte. Selbst die beiden Yamaha-Helden Colin Edwards und Weltmeister Valentino Rossi nicht, die zur Feier des 50. Geburtstags der Yamaha Motor Company in den traditionellen Rennfarben Gelb-Schwarz-Weiß der Kenny-Roberts-Senior-Ära angetreten waren.
Nicky Hayden schien seine Siegesfahrt locker von der Hand gegangen zu sein. »Ich wollte unbedingt vom Start weg vorn bleiben«, so der Honda-Werksfahrer, »denn in Laguna Seca kannst du die Sache
von vorn viel besser kontrollieren. Als ich tatsächlich an der Spitze war, habe ich
einfach das ganze Rennen über alles
gegeben, was ich und meine Honda zu
bieten hatten, und nicht groß rumtaktiert«,
jubelte der völlig enthusiastische Südstaatler. »Nach über zwei Jahren in der MotoGP-WM die erste Pole Position, der erste Sieg und dann noch zu Hause beim ersten US-Grand-Prix nach elf Jahren, das ist völlig unglaublich.«
Den etablierten GP-Stars dürfte die
Laguna-Seca-Lehrstunde der Herren Hayden und Edwards noch einige Zeit im Gedächtnis bleiben. Denn tatsächlich hatte außer Ausnahmefahrer Valentino Rossi niemand der honorigen Weltstars den Hauch einer Chance, die Magie von Laguna Seca und der Korkenzieher-Kurve zu entschlüsseln. Mehr noch: Große Helden wie Sete Gibernau, Max Biaggi oder Troy Bayliss, immerhin vor drei Jahren schon einmal Sieger in einem Superbike-WM-Rennen auf dieser Piste, mussten sich von Colin Edwards richtiggehend vorführen lassen. Der überrumpelte die Honda-Stars gleich im Dreier-Pack, und zwar in Turn 6, einer Bergauf-Links-Kurve vor der Auffahrt zum Corkscrew, wo europäische Rennfahrer-Hirne das Überholen bisher schlichtweg für unmöglich hielten.
Sein Meisterstück aber gelang Edwards zur Rennmitte. In der 16. von 32 Runden schoss der Texas Tornado eingangs Corkscrew an seinem Teamkollegen Rossi vorbei, als sei das eine Anfängerübung. Valentino war sichtlich beeindruckt von diesem unerwarteten Manöver und benötigte die komplette zweite Rennhälfte, bis er sich von diesem Schreck erholte und Edwards wieder massiv bedrängen konnte. »Ich dachte, die Sache wäre längst erledigt«, erinnert sich Edwards mit Schaudern, »ich hatte auf Valentino konstant zwei Sekunden Vorsprung. Doch zu Beginn der letzten Runde war er wieder da.« Mit letztem Kampfesmut und vor allem der Hilfe von Magie und Physik in Turn 8 verteidigte der Texaner die nationale Ehre.
Wie zahlreiche Kollegen wurde leider auch der deutsche Alex Hofmann nicht richtig warm mit der Laguna-Seca-Piste. »Ich habe weder im Training noch im
Rennen einen wirklich flüssigen Rhythmus
gefunden. Dazu kamen im Rennen noch massive Schaltprobleme«, resümiert der zwölftplatzierte Kawasaki-Reiter verärgert, »die mich um mindestens drei Plätze zurückgeworfen haben.« mtr

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