Grand Prix in Le Mans/F (Archivversion) Schwyzerdütsch

Thomas Lüthi auf der Strecke, Techniker Sepp Schlögl hinter den Kulissen – dem Schweizer Gewinner des 125-cm3-WM-Laufs von Frankreich und der bayerischen Schrauberlegende ist es zu verdanken, dass Interviews mit einem Grand-Prix-Sieger seit langer Zeit einmal wieder auf Deutsch geführt werden können.
Ebenfalls erfreulich: Die Deutschen Dario Giuseppetti und Sandro Cortese holten in Frankreich ihre ersten WM-Punkte der Saison. Sonst jedoch läuft derzeit
vieles schief im deutschen Lager. Alex Hofmann und Sascha Hommel traten wegen ihrer Verletzungen gar nicht an, und im 250er-Rennen kam es gleich in der ersten Runde zum Drama: Steve Jenkner verlor, womöglich wegen seines noch nicht
völlig ausgeheilten Bruch des rechten Mittelhandknochens, die Kontrolle über seine Aprilia, der hinterherfahrende Dirk Heidolf konnte nicht mehr ausweichen, rammte seinen sächsischen Landsmann und ging ebenfalls schwer zu Boden. Jenkner trug eine Fußverletzung und zwei gebrochene Finger davon, zur Abwechslung auf der linken Seite. Heidolfs Knochen blieben heil, aber er war eine Viertelstunde bewusstlos.
Lüthis Wechsel in die Erfolgsspur hatte sich schon seit den ersten Wintertests mit souveränen Rundenzeiten auf allen Pisten abgezeichnet. In Le Mans passte dann alles. Wetterlaunen mit ständig wechselnden Bedingungen sorgten dafür, dass Schlögl bei der Abstimmung seine jahrzehntelange Zweitakterfahrung in die Waagschale werfen konnte, denn Lüthis Honda lief an allen drei Tagen wie ein Schweizer Uhrwerk und war perfekt auf optimale Beschleunigung aus den vielen langsamen Ecken der Stop-and-go-Piste abgestimmt. Lüthi, der nach einem Krisenjahr 2004 von der ruhigen, besonnenen Art Schlögls ebenso profitiert wie vom mentalen Training einer psychologischen Betreuerin, gab denn auch unbeschwert Vollgas: Pole Position, schnellste Rennrunde und ein klarer Sieg.
Die Schweizer Journalisten rechneten sofort nach und stellten fest, dass 16
Jahre seit dem letzten Schweizer Grand-Prix-Sieg, dem Erfolg von Jacque Cornu
in Spa-Francorchamps 1989, verstrichen
waren. Just an diesem historischen Tag von Le Mans feierte Cornu seinen 52. Geburtstag und hatte das 125er-Rennen im Fernsehen verfolgen können. »Das schönste Geburtstagsgeschenk. Wenn du mich fragst: So, wie Lüthi gefahren ist, wird der Weltmeister«, ließ er aus der Ferne wissen.
Das einzige Missgeschick des ganzen Wochenendes passierte nach Rennende: Tom Lüthi blieb in der Ehrenrunde wegen
Benzinmangels stehen und schwang sich zur Rückreise auf den Soziussitz von
Alex Hofmann, der das Rennen auf einem Roller live vom Streckenrand verfolgt hatte. Auf dem Podium wirkte der 18-Jährige denn auch eher verstört als außer Rand und Band vor Begeisterung: Er hatte –
unbegründet – Angst, wegen der Panne könne die Rennleitung im Nachhinein noch eine Strafe verhängen.
Seine Freude laut herauszuschreien ist auch die Art des 58-jährigen Sepp Schlögl nicht. Mit stillem Lächeln stand der bayerische Gemütsmensch im Zielraum und bestätigte nur: »Die Taktik ist voll aufgegangen. Wir hatten weiche Reifen aufgezogen, mit denen Tom gleich angreifen, wegfahren und dann seinen eigenen Rhythmus finden sollte. Wenn die Reifen erst einmal die Hälfte oder zwei Drittel des Rennens überstanden haben, halten sie meistens auch bis zum Ende durch.«
»Die Zusammenarbeit mit Sepp ist perfekt«, sagt der junge Schweizer. »Schon nach den ersten fünf, sechs Trainingsrunden war mir klar, wie stark wir waren. Selbst als ich im Rennen das Tempo drosseln und meinen Vorsprung kontrollieren wollte, war ich verblüfft, dass ich pro
Runde immer noch zwei Zehntel auf die anderen gut machte«, schilderte er. »Wir sind kein Werksteam mehr, doch die
Zusammenarbeit mit Honda ist besser denn je«, rieb sich Daniel Epp, der Manager des Elit-Teams, ebenfalls die Hände.
Tatsächlich hatte man Lüthis Honda für 2005 zurückgerüstet. Tom hat zwar immer noch einen Motor mit Werkskit zur Verfügung, bevorzugt aber das Standardfahrwerk, das ihm mehr Gefühl für den Grenzbereich vermittelt als das Werks-Chassis.
Manchmal können auch vermeintlich kleine Änderungen die Welt bedeuten. So wie bei Colin Edwards, der den Schwerpunkt an seiner MotoGP-Yamaha YZR-M1 verschieben ließ, plötzlich die lange vermisste Traktion spürte, 20 Rennrunden lang souverän führte und nach hartem Kampf gegen Valentino Rossi und Sete
Gibernau schließlich den dritten Platz einstrich. »Ich wollte gewinnen, doch diese Bastarde waren viel schneller. Zeiten um 1.34 Minuten hätte ich den ganzen Tag fahren können, aber 1.33 wie Valentino – unmöglich«, so der »Texas Tornado«.
Trotzdem wirkte Edwards nach dem ersten Erfolgserlebnis seit dem Wechsel von Honda auf Yamaha wie ausgewechselt. »Ich bin sauer hier angekommen. Nach den ersten drei Rennen war ich müde, hatte nicht das nötige Feuer.
Außerdem ging mir die Kritik von Fans und
Presseleuten auf die Nerven, ich solle endlich Gas geben.«
Sein Erfolg unterstrich nur den beeindruckenden Auftritt des Yamaha-Teams, das sich im Vorjahr noch mit einem vierten Platz von Valentino Rossi hatte abfinden müssen, nun aber auch auf der gefürchteten Stop-and-go-Piste auftrumpfte. »Es gibt hier einige Kurven, die mir überhaupt nicht liegen. In Le Mans zu gewinnen
ist großartig«, bestätigte Valentino. Zumal Honda-Herausforderer Sete Gibernau sich diesmal zwar an seinem Hinterrad halten konnte, doch in der WM mit 42 Punkten Rückstand weit abgeschlagen ist.
Bemerkenswerter als Setes zweiter Platz war die Aufholjagd Max Biaggis, der bei einem Sturz im Warm-up am Vormittag wuchtig auf dem verlängerten Rücken
gelandet war und sich danach bis eine halbe Stunde vor dem Start von den Therapeuten des Rennarztes Dr. Claudio Costa hatte behandeln lassen. »Es ist wirklich ein Wunder, dass ich überhaupt starten konnte«, erklärte er später einer Schar neugieriger italienischer Journalisten, drehte sich um – und präsentierte zum Beweis seinen blauen, geschwollenen Hintern. fk

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