Grand Prix in Losail/Qatar (Archivversion) Fünf auf die zwei

Der neue Weltmeister Valentino Rossi gewinnt weiter Rennen – aber in seinem Windschatten balgen sich seit dem Grand Prix im Wüstenstaat Qatar gleich fünf Kontrahenten um den Vizetitel.

Valentino Rossi hat in Qatar zwar das zehnte der bislang 14 ge-
fahrenen MotoGP-Rennen dieser Saison gewonnen, tut aber weiterhin fast alles, um seine krasse Überlegenheit zu kaschieren. Zurückhaltende Starts aus mitunter gar nicht so guten Positionen gehören ebenso zum Programm wie die dann folgenden Aufholjagden mit intensivsten Zweikämpfen.
So fühlen sich die Fans rund um den Globus bestens unterhalten, obwohl Rossi den Titel bereits sicher hat. Die gegen ihn chancenlosen Gegner, untereinander einigermaßen auf Augenhöhe, bringen derweil jede Menge Spannung und Brisanz in die Auseinandersetzung um die Rolle des Kronprinzen.
Immerhin fünf Fahrer, die in der WM-Tabelle lediglich elf
Punkte auseinander liegen, kämpfen mit großer Inbrunst um den inoffiziellen Titel »Bester vom Rest«. Leicht favorisiert erscheinen dabei die beiden italienischen Landsleute des großen Meisters, Marco Melandri und Loris Capirossi.
Melandri auf der Telefonica-Movistar-Honda darf über die gesamte Saison gesehen nach Rossi als aktivster und aggressivster Fahrer bezeichnet werden. Der 250er-Ex-Weltmeister hat
alle anderen Vizeweltmeister-Kandidaten wie Max Biaggi, Colin Edwards, Nicky Hayden und Loris Capirossi im bisherigen Saisonverlauf öfter geschlagen als sie ihn. Auf der anderen Seite seines Punktekontos stehen jedoch drei Nullrunden.
Beim Qatar-GP lieferte Melandri als Einziger dem Überflieger Rossi einen echten Kampf um den Sieg. »Ich fühle mich sehr gut, habe viel riskiert und wollte unbedingt vor Valentino ins Ziel kommen. Das hat leider nicht ganz geklappt – noch nicht«, ist er dennoch bester Dinge für die letzten drei GP.
Lebt Melandri von einem starken Saisonbeginn und seiner Angriffslust, meldet Ducati-Superheld Loris Capirossi seine Ansprüche auf den zweiten WM-Gesamtrang hauptsächlich auf der Basis von Konstanz und einer immer stärker werdenden zweiten Saisonhälfte an. Bei allen bisherigen 2005er-GP in den Punkterängen, holte der Evergreen in Rot in den letzten vier Rennen mit 76 Punkten sogar sechs Zähler mehr als Weltmeister Rossi. Die bärenstarke, für ihre Blitzstarts berühmte Werks-Ducati sowie die überraschend zu Spitzenleistungen aufgestiegenen Bridgestone-Reifen bringen Capirossi in eine hervorragende Ausgangsposition für die letzten drei Rennen. »Qatar war leider wieder eine problematische Strecke für unsere Reifen, ich bin ziemlich heftig herumgerutscht«, erklärte er seinen diskreten zehnten Platz, »aber unsere Chancen, noch Vizeweltmeister zu werden, sind absolut intakt.«
Rein nach Punkten betrachtet sitzt derzeit noch Honda-Werksfahrer Max Biaggi auf dem Platz neben Sonnenkönig Rossi. Seine Aufgabe in Qatar wegen angeblicher Schwierigkeiten mit der Motorelektronik erinnert allerdings mehr an seinen völlig verhagelten Saisonauftakt in Jerez als an seine stärkeren Vorstellungen in Mugello, Brünn oder Motegi. Und ein frustrierter
Satz wie: »Ich bin beim Einlenken einfach zu langsam und weiß nicht genau, woran es liegt«, macht den Römer nicht gerade zum
Favoriten im Vizeweltmeister-Fünfkampf.
Colin Edwards und Nicky Hayden sind im freundschaftlichen Infight um die Position des besten US-MotoGP-Fahrers verbissen, der sie beide durchaus noch weiter nach vorn bringen könnte
als auf die Plätze vier und fünf, ihre derzeitigen Tabellenränge. Yamaha-Fahrer Edwards glänzt dabei wie Capirossi mit Beständigkeit. In jedem Rennen war der Texaner in den Top Ten, während bei Hayden erst nach seinem Heimsieg in Laguna Seca der Knoten geplatzt ist. Dazu kommt Haydens ganz spezielle Motivation, seinen im Vorfeld höher eingeschätzten Teamgefährten Max Biaggi in die Schranken zu verweisen. Dazu müsste er noch neun Punkte gut machen.
In den zwei kleineren WM-Klassen ist nicht der Vizetitel, sondern die WM-Entscheidung selbst überaus eng. 250er-Titelverteidiger Daniel Pedrosa schwächelt deutlich. In den letzten drei sieglosen Rennen holte der Honda-Werksfahrer 33 Punkte, gerade halb so viel wie der australische Qatar-Sieger Casey Stoner auf LCR-Aprilia. Sollte dies so weitergehen, bleibt am Ende von Pedrosas momentanem 26-Punkte-Vorsprung nichts übrig.
Die 125er-Klasse wird immer kurioser. Profitiert der Schweizer Honda-Fahrer Thomas Lüthi kräftig von den 20 geschenkten Punkten, als er nach Sturz und anschließendem Rennabbruch in Japan noch als Zweiter gewertet wurde, arbeitet das KTM-Werksteam offenbar nicht unbedingt perfekt zusammen. Auf der Ziel-
linie von Qatar schnappte sich Gabor Talmacsi den Sieg vor
WM-Tabellenführer Mika Kallio, der so nur zwei statt sieben
Punkten vor Lüthi liegt. Auch hier dürfen bis zum Saisonfinale am 6. November in Valencia weitere Sensationen erwartet werden.

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