Grand Prix in Montmeló/E (Archivversion)

Knall auf Fall

Der 500er Titel ist vergeben, doch bei den 125ern kam es zum Paukenschlag - durch Überraschungssieger Tomomi Manako.

»Paß auf. Das Rennen wird nicht in der ersten Runde entschieden«, raunte Teambesitzer Rolf-Peter Ditter seinem Star vor dem Start zum 125-cm³-Lauf in Montmeló vor den Toren Barcelonas ins Ohr. Doch grau ist alle Theorie, wenn sich 31 Mann gleichzeitig durch ein Nadelöhr fädeln wollen, und deshalb war Masaki Tokudomes Rennen bereits in der ersten Kurve zu Ende. Rechts ratterte Perugini über die Bordsteine und versperrte Tokudome bei der Rückkehr auf die Strecke den Weg, an Tokudomes linker Verkleidungsseite kam es deshalb zur Kollision mit Lucio Cecchinello. Valentino Rossi konnte nicht mehr ausweichen und schanzte über die beiden Maschinen hinweg, Sekundenbruchteile später wurde auch Akira Saito noch zum unschuldigen Opfer der Havarie. Hastig versuchte Tokudome, die schwarze Ditter-Aprilia wieder aufzurichten. »Ich schob mindestens 20 Meter, aber die Airbox hatte bereits zuviel Kies angesaugt. Nichts ging mehr«, schilderte der Japaner und sah hilflos mitan, wie sein in Imola auf drei Punkte geschrumpfter Rückstand in der Weltmeisterschaft wieder auf 14 Punkte anschwoll.Denn Haruchika Aoki machte das Beste aus seinem 14. Startplatz. Ohne sich allzusehr in die Streitigkeiten des bis zu 15 Mann starken Führungspulks einzumischen, hielt er als Zehnter den Anschluß, spurtete in den letzten vier Runden los und traf nach kühl kalkulierter Fahrt als Fünfter ein. Noch besser machte es Tomomi Manako. Während die spanischen Helden Jorge Martínez und Emilio Alzamora nur kurz an der Spitze auftauchten und mit ihrer grimmigen Fahrweise früh die Reifen ruinierten, balancierte der Star des deutschen United Grey-Teams um die Kurven, als habe er rohe Eier im Gepäck. Acht Runden vor Schluß startete er dann einen verwegenen Überraschungsangriff. Nur Garry McCoy, der schon zu Rennbeginn lange in Führung gelegen hatte, gelang es, sich im Windschatten Manakos zu halten. Der Japaner feierte den ersten GP-Sieg seiner Karriere und duschte Teamchef und Cheftechniker Mario Rubatto ausgiebig mit Champagner ab. »Mein Plan, die Reifen bis zum Finish zu schonen, ist prächtig aufgegangen. Trotzdem kann ich es nicht fassen, daß ich gewonnen habe«, strahlte Manako. Wenn man das Ausfallrisiko von Tokudomes Werks-Aprilia und die zuletzt mittelprächtigen Resultate Aokis gegen den in Hochform auftretenden und bislang bei allen Rennen punktenden Manako in die Waagschale wirft, ist das United Grey-Team sogar heimlicher Titelfavorit. Und auch das dritte deutsche Team mit japanischen Fahrern kommt kurz vor Saisonschluß noch groß in Schwung. Yamaha-Kurz-Pilot Youichi Ui schaffte in Montmeló die erste Pole Position seiner GP-Karriere. Im Rennen landete Ui an sechster und Yoshiaki Katoh an siebter Stelle. Teambesitzer Hermann Kurz freute sich über das bislang beste Resultat seiner Jungs und die Zusicherung aus Japan, auch 1997 als offizielles Yamaha-Team betreut zu werden. Die rein deutschen Teams konnten weder im Rennen noch in Sachen Zukunftssicherung mithalten. Dirk Raudies hielt mit seiner brandheißen, im Training 230 km/h schnellen gelben Honda zwar in der Führungsgruppe mit, schätzte im Endspurt aber seine Reifenreserven falsch ein und ließ sich auf Rang zehn abdrängen. Die Sponsorsorgen für 1997 treiben ihn ebenso um wie das Aprilia-Team von Harald Eckl, der um sein Marlboro-Budget bangt und dazu noch einen sportlichen Totalausfall erlebte. Peter Öttl stürzte schon in der vierten Runde und zog sich neben einer Bänderverletzung im Knie erneut eine Gehirnerschütterung zu. Tex Geissler stürzte in der letzten Runde, als ihm Stefano Perugini die Tür zuknallte, blieb aber unversehrt. Auch in der 250er Klasse fand das Wechselbad deutscher Gefühle seine Fortsetzung. Imola-Sieger Ralf Waldmann hatte den Gedanken an einen weiteren Sieg von vornherein aus seinem Repertoire gestrichen, plagte sich im Training erst mit einem kaputten Getriebe, dann mit einer defekten Wasserpumpe und qualifizierte sich nur als Sechster. Neue, aus Japan gelieferte Leistungsteile waren zu diesem Zeitpunkt schon wieder schubladisiert, weil sie keine Verbesserung gebracht hatten. Der talentierte Olivier Jacque setzte diese neuen Teile dagegen an seiner Chesterfield-Honda ein und flitzte auf den zweiten Startplatz. Im Rennen leistete der Franzose tapfer Widerstand und gab sich dem übermächtigen, im Training um eine Sekunde schnelleren Max Biaggi erst nach fünf Runden geschlagen. Ab diesem Zeitpunkt leistete er Titelverteidiger und WM-Leader Biaggi Schützenhilfe und nahm dem drittplazierten Ralf Waldmann wertvolle Punkte weg.Fast hätte Waldi noch ein paar Zähler mehr verloren. In der vorletzten Runde tauchte plötzlich Teamkollege Jürgen Fuchs vor ihm und Tohru Ukawa auf und hätte den Dreikampf möglicherweise sogar gewonnen. Doch Waldi hatte unerwartete Reserven. Aus dem Windschatten schlug er in der letzten Runde zurück und holte sich wieder Rang drei. Fuchs wurde unmittelbar darauf von einer Biene gestochen, die sich unter sein Leder verirrt hatte, rutschte vor Schreck und Schmerz von der Fußraste und war endgültig geschlagener Fünfter. »Wenn wir Dritter geworden wären, wären wir sofort fluchtartig abgereist«, grinste Mechaniker Konrad Hefele angesichts der von Teammanager Dieter Stappert gewünschten, aber nie offiziell verhängten Stallorder. Doch auch mit dem dritten Platz sind Waldis WM-Chancen auf ein Minimum gesunken. Mit einem Sieg beim vorletzten GP in Rio kann Biaggi den dritten Titel in Folge bereits unter Dach und Fach bringen. Waldi, dessen Sponsor HB aussteigt, macht sich derweil schon an den Kehraus der Saison: Trotz aller offiziellen Bekenntnisse zu Stappert verhandelt er längst wieder mit Docshop-Manager Stefan Prein, weil auch er Stappert mittlerweile nicht mehr zutraut, ein ordentliches Budget für 1997 aufzutreiben. Die Finanzen es offiziellen Honda-Halbliterteams sind dagegen gesichert. Manager von Honda und Repsol trafen sich in Barcelona zur öffentlichen Unterzeichnung eines neuen Zwei-Jahres-Vertrags und freuten sich darauf, daß ihre Helden Mick Doohan und Alex Crivillé den nächsten Doppelsieg abräumen würden. Doch Carlos Checa, Nachwuchsfahrer im Team Fortuna-Honda-Pons, machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Schon im Vorjahr hatte Checa den GP in Montmeló überlegen angeführt, war aber acht Runden vor Schluß gestürzt und seither mit mittelmäßigen Resultaten in der Versenkung verschwunden. Keiner glaubte nach Checas viertem Trainingsplatz an einen möglichen Sieg - außer ihm selbst. Im Rennen stürmte er mühelos an Crivillé und dem zunächst führenden Luca Cadalora vorbei, übernahm in Runde drei die Führung und machte sich zielstrebig aus dem Staub. Auf einer fehlerfreien Fahrt brach er viermal den eigenen Rundenrekord, häufte 6,5 Sekunden Vorsprung an und feierte ausgelassen seinen ersten GP-Sieg. Wie Norifumi Abe, der zwei Jahre nach seinem Sturz als Sieger nach Suzuka zurückkehrte und zur Legende wurde, stieg auch Checa zum neuen Volkshelden auf. 62 500 Zuschauer schwenkten spanische und katalonische Flaggen, brannten ein Feuerwerk von Böllerschüssen ab, und als Checa aufs Podium kletterte, waren die Könige unter sich: Seine Majestät Juan Carlos I., Ehrengast des GP und selbst leidenschaftlicher Motorradfahrer, nahm Checa herzlich in die Arme.»Im letzten Jahr war ich von meiner Führung überrascht und konnte den Druck nicht bewältigen. Doch diesmal war ich vorbereitet«, strahlte Checa. »Jetzt wird es mit dem Erwartungsdruck weitergehen. Aber ich genieße die Situation!«Teamchef Sito Pons ist es gelungen, alle drei Fahrer, die er in die Halbliterklasse brachte, auch zu Siegern zu formen - Checa 1996, Puig 1995 und Crivillé 1992. Crivillé führte den Verfolgerpulk mit Doohan und Cadalora die meiste Zeit über an, radierte aber mit den spektakulärsten Slides über den Asphalt, obwohl er die gleiche Gummimischung wie Checa verwendet hatte. Seine Rutscher flößten sogar Michael Doohan Respekt ein. »Immer, wenn Alex Gas gab, war es, als entfache er ein Barbecue«, schilderte Doohan, der sich den Teamkollegen schließlich schnappte und mit einer Motorradlänge Vorsprung Platz zwei im Rennen und den dritten WM-Titel hintereinander einheimste. »Normalerweise genieße ich Siege, doch diesmal habe ich nur an den Titel gedacht. Um Checa entwischen zu lassen, habe ich Crivillé sogar absichtlich aufgehalten«, verriet Doohan. »Jetzt habe ich drei Titel und bin mit Größen wie Lawson, Roberts und Rainey in bester Gesellschaft. Ende 1992 saß ich in der Box von Südafrika und dachte, ich würde wegen meiner Verletzungen nie wieder Rennen fahren. Die drei Titel und meinen heutigen Lebensstil habe ich Grand Prix-Arzt Claudio Costa zu verdanken!«Jetzt freut er sich auf die nächste Saison, ebenso wie Gespann-Vizeweltmeister Rolf Biland. Als Happy-End einer niederschmetternd begonnenen Saison preschte er am stark erkälteten Klaus Klaffenböck vorbei in Führung, holte den 81. GP-Sieg und verschwendet trotz seiner 45 Jahre und trotz der unsicheren Zukunft der Gespann-WM an einen Rücktritt keinen Gedanken.
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Parc ferme (Archivversion)

Tristes ComebackBeattiean die BoxNach 14 Wochen Pause wegen eines Schädelbruchs wagte Daryl Beattie sein Comeback, war aber trotz Eingewöhnungs-Tests in Mugello und wissenschaftlich überwachtem Fitneßtraining außer Form. Sein beim Sturz in Le Castellet gebrochener und von den französischen Ärzten genagelter linker Unterarm war rätselhafterweise immer noch kraftlos. Trotz etlicher Fahrwerksumbauten, die die in Montmeló besonders störrische Suzuki gefügiger machen sollten, qualifizierte sich Beattie nur als 15. Auch im Rennen fuhr er wie ein Schluck Wasser um die Kurven und tuckerte zu Rennmitte aus 17. Position zur Box. »Meine Zehen am linken Fuß zu verlieren war schlimm«, spielte Beattie auf seinen schweren Unfall von 1994 an. »Doch ich hätte lieber die Zehen am rechten Fuß hergegeben, als wochenlang jeden Morgen benommen und schwindlig aufzuwachen und nicht zu wissen, wie es weitergeht - es war deprimierend.«Scott RussellVertragmit elf?Beatties Teamkollege Scott Russell kam auch nicht über Rang elf hinaus, doch ist der Amerikaner weniger wegen der Handlingsprobleme mit der Suzuki als wegen des frostigen Arbeitsklimas frustriert. Seit er zu Saisonbeginn ein paar Einsätze des Teams platzen ließ, ist Russell teamintern isoliert und bei Teammanager Garry Taylor unten durch. Trotz steigender Erfolgskurve zeigt Taylor kein Interesse, eine bis Ende September laufende Option wahrzunehmen und Russell zu halten. Deshalb sucht Russell einen neuen Job. Weil er nicht in die Superbike-WM zurück will, schlug er eine Ein-Million-Dollar-Offerte von Castrol Honda aus, brachte dafür aber seinen Anwalt Alan Miller mit, um Vertragsverhandlungen mit dem elf 500-Team von Michel Métraux zu führen. »Dort zu fahren wäre bestimmt ein Spaß. Schnell genug ist das Bike - und schlechter als das Suzuki-Fahrwerk ist das ROC-Chassis sicher nicht«, grinste Russell.Kenny RobertsGoodbye,YamahaAm Rande der Montmeló-Rennstrecke stampfte Kenny Roberts seine Trainings-Ranch aus dem Boden und feierte mit dem »Dirt Track USA« im Abendprogramm des Grand Prix einen großartigen Erfolg. Jetzt sattelt der Cowboy auch im GP-Geschäft ein neues Pferd. Die Trennung von Yamaha ist definitiv. Erstmals gab der amerikanische Teamchef den Bau eines eigenen Dreizylindermotorrads unumwunden zu, das mit mehr PS als die V2-Modelle von Honda und Aprilia, aber mit 15 Kilogramm weniger Gewicht als die V4-Brocken auf vielen Strecken zum Joker werden soll. Kenny Roberts junior und Jean-Michel Bayle sind die designierten Fahrer, allerdings hat Bayle, der ein erhebliches Teilbudget von Marlboro mitbringt, eine Rückzugsklausel im Vertrag, falls sich die Maschine als Flop entpuppt. Unbestätigt blieben Gerüchte, wonach Aprilia-Ingenieur Jan Witteveen maßgeblich an dem Projekt beteiligt sein soll. Undenkbar ist eine solche Zusammenarbeit nicht: Das Aprilia 250-Team wird im nächsten Jahr ebenfalls von Marlboro finanziert, außerdem ließ Witteveen verlauten, 1997 den erfolglosen V2 einzumotten und durch einen V3 oder V4 zu ersetzen.Pech beim EinstandDie Kettevon SeteTetsuya Harada wurde im Yamaha 250-Team von Wayne Rainey nicht nur vorläufig ersetzt, sondern endgültig gefeuert. In einer Pressekonferenz feuerte Rainey etliche Breitseiten auf den einstigen Superstar und warf ihm vor, das Gas bei etlichen Rennen bewußt zurückgedreht zu haben. Der Spanier Sete Gibernau fährt die YZR 250 nun auch in Brasilien und Australien, hatte aber beim Einstand in Barcelona Pech: Sowohl im Abschlußtraining als auch nach der ersten Rennrunde sprang die Antriebskette ab.Hondas Halbliterbilanz100 SiegeCarlos Checa bescherte Honda den 100. Halblitersieg der GP-Geschichte. Spitzenreiter der Hitliste ist Mick Doohan mit 33 Honda-Siegen, gefolgt von Freddie Spencer (20), Wayne Gardner (18), Mike Hailwood (8), Randy Mamola, Eddie Lawson und Alex Crivillé (je 4), Luca Cadalora und Jim Redman (je 2) sowie Daryl Beattie, Pierfrancesco Chili, Takazumi Katayama, Alberto Puig und Checa (je 1).

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