Grand Prix in Valencia/E (Archivversion) Trotzreaktion

Die Schweizer können allerhand: als Binnenland ohne Meer die besten Segler des America’s Cup stellen und mit Tom Lüthi (12) den 125er-WM-Titel gewinnen – auch ohne eigene Rennstrecke.

Nur ein einziger Punkt fehlte der Schweizer Gespannlegende Rolf Biland zum Titelgewinn, als er 1988 in Brünn zum Saisonfinale antrat. Doch im Rennen ereilte ihn ein Getriebeschaden. Hilflos musste er vom Streckenrand mitansehen, wie sein Rivale Steve Webster zu Sieg und Weltmeisterschaft enteilte.
Nur zwei Punkte fehlten Thomas Lüthi, um beim Saisonfinale 2005 alles klar zu machen. Und eben weil im Rennsport alles möglich ist, knisterte es im Elit-Grand-Prix-Team vor Anspannung. Die Mechaniker überprüften jede Schraube zweimal an der weiß-blauen Honda RS 125 und dachten an den Saisonstart in Jerez, bei dem Lüthis Motor aufgewirbelten Staub angesaugt hatte
und mit abgeplatzter Zylinderbeschichtung stehen geblieben war.
Lüthi selbst dachte an seinen spektakulären Sturz in Japan, bei dem er das doppelte Glück gehabt hatte, von schwereren Verletzungen verschont geblieben zu sein und trotz des durch ihn verursachten Abbruchs 20 Punkte für den zweiten Platz kassiert zu haben. Konzentration und Ruhe bewahren, hieß deshalb
die vordringliche Losung. Statt voreilig WM-Feiern zu diskutieren, ließ Teamchef Daniel Epp seinen Schützling denn auch so gut
wie möglich abschirmen vor den über 60 Schweizer Journalisten, Fotografen und Kameraleuten, die zum letzten Grand Prix der
Saison nach Valencia gereist waren.
Zu den wenigen, die uneingeschränkt Zugang zu Lüthi hatten, zählte der Engländer Andy Abbott. Der Fahrer-Coach, der in der »California Superbike School« das Beobachten und Analysieren gelernt hat, machte schon im ersten Training Schwachstellen aus. »Dein Blick ist auf den Kurvenscheitelpunkt fixiert. So fährst du nur eine Kurve nach der anderen, ohne den richtigen Fluss. Du musst dir Bezugspunkte suchen, die hinter der Kurve liegen«, riet er seinem Schüler.
Lüthi fand seinen Rhythmus und mühte sich tags darauf nur noch mit einer Kurve, in der er wenig Vertrauen zum Vorderrad hatte. »Halte das Motorrad länger aufgerichtet, dann kannst du härter bremsen und später einbiegen«, schlug Abbott diesmal vor. Lüthi setzte den Tipp um und bugsierte die 125er in die erste Startreihe.
Auch im Rennen zeigte er, dass er seine Lektion aus dem ständigen Auf und Ab der Saison gelernt hat. »Ich hatte einige Rutscher. Daraufhin habe ich realisiert, dass ich heute zurückstecken muss und nur versucht, mindestens 13. zu bleiben«, erklärte Lüthi. »Ich bin Rennfahrer, und natürlich wollte ich schneller fahren. Es ist schwer, wenn du so kalkulieren musst.«
Dann jedoch kam die Zielflagge, und die ganze Anspannung wich grenzenloser Begeisterung. Bei Nachbarn, Freunden und Bekannten in Lüthis Heimatort Linden, einem 1300-Seelen-Nest zwischen Emmental und dem Berner Oberland, in dem sich für die Lüthi-Party am Rennsonntag nicht weniger als 4500 Leute drängten. Bei den Fans in der ganzen Schweizer Nation, die den Grand-Prix-Übertragungen im Schweizer Fernsehen schon zwei Wochen zuvor Rekordquoten beschert hatten: Beim Istanbul-Grand-Prix saßen 510000 Schweizer vor den Bildschirmen, mehr als beim Wimbledon-Finale des Schweizer Tennis-Genies Thomas Federer.
Und natürlich jubelte auch das Team, wo sich der bayerische
Cheftechniker Sepp Schlögl erst einmal ein spanisches Fläschchen Bier gönnte. »Das ist jetzt für mich das Größte«, erkärte er, was er im MOTORRAD-Interview (siehe Kasten) noch näher erläutert hatte. »So, wie sich Tom entwickelt hat und wie das Ganze hier organisiert ist, können wir noch sehr viel weiterkommen«,
fügte der ruhige Tuner hinzu.
Bereits während der niederschmetternd verlaufenen vergangenen Saison hatte Lüthi mit der Psychologin Marlies Bernhard ein mentales Training abseits der Rennstrecken aufgenommen. Bei den Wintertests stieß dann Andy Abbott zum Team und begann, am Fahrstil des Teenagers zu feilen, wobei ihm sofort der in Rechtskurven weit abgespreizte linke Ellbogen Lüthis auffiel. »Eine Schutzhaltung, weil er letztes Jahr so oft in Rechtskurven gestürzt ist«, wusste Abbott und begann, Lüthi eine entspanntere Körperhaltung anzuerziehen.
Doch trotz dieser im Motorrad-Rennsport neuen Art der Betreuung, die es sonst eher etwa bei alpinen Ski-Rennläufern gibt, sieht Lüthi die Arbeit von Sepp Schlögl als eigentlichen Schlüssel zum Erfolg. »Er war der wichtigste Faktor für mich. Ich habe einen Riesenrespekt davor, wie er sich auf einen Fahrer einstellen
kann und das Motorrad immer wieder hinkriegt. Das hat einfach hundertprozentig gepasst. Auch ohne viel zu reden: Wir beide sind ruhige Typen, und manchmal genügen uns wenige Worte,
um uns zu verstehen«, erzählt Lüthi.
Genauso zielgerichtet und ruhig wird es weitergehen:
Teamchef Daniel Epp hat die Zukunft des Teams dank
eines neuen Sponsors, der Joghurt-Firma Emmi, zwar langfristig abgesichert und für 2007 bereits Honda-NSR 250-Werksmaschinen fix. Trotzdem waren sich alle im Team einig, den Wechsel in die nächsthöhere Klasse nicht zu hastig in Angriff
zu nehmen – statt einer 250er erhält Lüthi einen Teamkollegen, den 15-jährigen Deutschen Sandro Cortese vom Kiefer-Castrol-Rennteam, und soll ein weiteres Jahr Abstimmungs- und Rennerfahrung sammeln. »Seit Valentino Rossi WM-Titel zu sammeln
begann, sind schnelle Klassenwechsel Mode geworden. Doch Valentino ist ein ganz Spezieller, nicht von diesem Planeten – für mich ist es auf jeden Fall besser, vor einem Wechsel noch stärker zu werden, ein noch besseres Gefühl fürs Motorrad und noch besseres Verständnis mit dem Team zu entwickeln und Konstanz in die Erfolge zu bringen«, ist Lüthi mit diesen Plänen einverstanden.
Zeit genug hat er, denn mit 19 Jahren steht der Schweizer
erst am Anfang einer Karriere, in der er sich um die nötige finanzielle und moralische Rückendeckung aus der Alpenrepublik keine
Sorgen zu machen braucht. »Die Begeisterung in der Schweiz ist gewaltig, bei überzeugten Fans ebenso wie bei Mami und Papi
von nebenan, die am Beispiel von Thomas Lüthi sehen, dass Motorradrennfahrer keine Trottel, keine Muskelpakete und keine tätowierten Außenseiter sind«, erklärt Teamchef Daniel Epp.
»Derzeit werden wir zu einer Motorradsportnation ohne Renn-
strecke – so wie wir mit der Alinghi und dem Sieg im America’s Cup zu einer Segelnation ohne Meer wurden.“

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