Grand Prix Indonesien und Australien (Archivversion) Sekt und Selters

Ralf Waldmann gewann zwar das letzte Rennen, verlor aber die Weltmeisterschaft - und die Rückendeckung seines Teamchefs.

Die Hoffnung auf einen Spitzenplatz erlosch nach der sechsten Runde. Ralf Waldmann, als WM-Leader zum vorletzten Grand Prix nach Indonesien gekommen, wurde in der Verfolgergruppe nach hinten durchgereicht und verlor den Windschatten von Tohru Ukawa, Olivier Jacque und Tetsuya Harada. Selbst gegen Takeshi Tsujimura und Haruchika Aoki hing der große deutsche 250er Star wie ein torkelnder Boxer in den Seilen. Daß die letzte Runde beim Indonesien-GP an die japanischen Außenseiter ging, war ein Tiefschlag, der nicht nur Waldi selbst, sondern sein ganzes Marlboro-Honda-Team erschütterte. »Dös gibt´s ja net«, schrie der gepeinigte Teamchef Dieter Stappert an der Boxenmauer verzweifelt, als Waldi geschlagen als Siebter über die Linie ächzte. Den Sieg von Max Biaggi hatte man nach seiner überlegenen Pole Position noch als möglichen Betriebsunfall einkalkuliert. Der dreifache Weltmeister war im Training um fast eine Sekunde schneller als sein Herausforderer und glühte auch im Rennen uneinholbar auf und davon. »Wir haben am Freitag allerlei Abstimmungsvarianten durchprobiert und am Samstag den besten Motor ins beste Fahrwerk verpflanzt - ein phantastischer Cocktail«, berichtete er nach dem fünften Saisonsieg sowie der Rückkehr an die Tabellenspitze. »Max war dreimal Weltmeister, ist ein absoluter Spitzenfahrer und hat ein saugutes Team hinter sich«, akzeptierte Waldi die Niederlage mit einem unnötigen Seitenhieb auf seine eigene Truppe und forderte »grundlegende Fahrwerksänderungen, um gleichwertig zu sein«.Unakzeptabel blieb, daß er nicht nur verlor, sondern gleich derart katastrophal unterging. Ohne das Genie Biaggis, aber auch ohne große Pannen hatte Waldi bislang regelmäßig gute Resultate zustandegebracht. Im Endspurt zum Titel nun förmlich von der Strecke radiert und vom WM-Favoriten wieder zum Außenseiter degradiert zu werden kam einer Hinrichtung gleich. »Ein Super-GAU«, sagte Dieter Stappert düster. »Das Schlimmste ist, daß wir es nicht mehr aus eigener Kraft schaffen können«, zog Cheftechniker Sepp Schlögl in Indonesien angesichts des Sieben- Punkte-Rückstands auf Biaggi Bilanz und deutete an, Waldi hätte am Kurvenausgang früher aufrichten und so die Reifen schonen sollen. Fahrphysikalische Ursachen für die Niederlage waren nicht festzustellen. »Wir haben im Training alle Einstellungsvarianten und sogar verschiedene Federn durchprobiert, und das Set-Up im Abschlußtraining war optimal. Deshalb haben wir fürs Rennen nichts geändert und sind auch den gleichen Reifen gefahren wie alle andern. Vor dem Rennen war ich ganz ruhig und habe sogar noch ein Mittagsschläfchen gehalten«, schilderte Waldi selbst. »Trotzdem habe ich nichts machen können. Wenn man in einer Runde drei, vier, fünf Riesenrutscher erlebt und fast herunterfällt, verliert man irgendwo das Selbstvertrauen.« Die Niederlage gegen Tsujimura und Aoki war Waldi peinlich. Seine WM-Chancen sah er denn auch realistisch. »Wenn man die starke Leistung von Biaggi in Augenschein nimmt, ist die Sache im Grunde gelaufen. Meine einzige Hoffnung ist Tetsuya Harada. Wenn es ihm gelingt, sich zwischen uns zu schieben, kann es nochmals lustig werden...« Der Japaner hatte das Untersteuern seiner Aprilia auf der Sentul-Piste besser im Griff als sonst, beschwerte sich nach dem vierten Platz aber bitter über den französischen Tech 3-Piloten William Costes: »Er hat mir beim Überrunden die Tür zugeschlagen.« In der WM-Wertung Kopf an Kopf mit Ralf Waldmann, hatte der Weltmeister von 1993 eine Woche später beim Finale im australischen Phillip Island die gleichen rechnerischen Chancen auf den Titel. Im Abschlußtraining schrumpften sie aber zu reiner Theorie. Harada war bereits für Startplatz drei qualifiziert, als er drei Minuten vor dem Abwinken in einer Rechtskurve bei über 200 km/h die Kontrolle über seine Maschine verlor. Mit Prellungen und einem verstauchten linken Knöchel kam Harada noch glimpflich davon, verzichtete wegen der Schmerzen aber aufs Warm-Up am Sonntag morgen und stieg erst in den Sattel, als Grand Prix-Arzt Claudio Costa einen dicken Tapeverband angelegt hatte. Sein fünfter Platz im Rennen bedeutete Rang drei in der WM-Endabrechnung. Ralf Waldmann war der stärkste Fahrer des Wochenendes, spulte schnelle Runden wie ein Uhrwerk herunter und verlor auch die Zuversicht nicht, als Max Biaggi ihm in letzter Sekunde die Pole Position vor der Nase wegschnappte. Im Rennen verdrängte er den Weltmeister nach einer Runde von der Spitze und fuhr fortan überlegen dem vierten Saisonsieg entgegen. »Ich wollte zeigen, daß ich stärker bin als Max Biaggi. Und das ist mir gelungen«, triumphierte der alte und neue Vize-Weltmeister. Doch mehr als siegen kann man nicht. Und natürlich hatte Waldi keine Chance, Biaggi von seiner sorgfältig kalkulierten Genußfahrt auf den zweiten Platz abzuhalten. »Ich bin auf Wolke sieben. Laßt mich ein paar Stunden fliegen, bevor ich wieder mit beiden Füßen auf der Erde stehe«, strahlte Max nach seinem vierten WM-Titel. »Es war eine seltsame Saison, in der ich mit einer untauglichen Abstimmmung oft zuviel riskiert habe. Heute habe ich gezeigt, daß ich auch ohne Siege gewinnen kann. Ich habe Ralf benutzt, um von den Verfolgern wegzukommen. Er war heute sehr schnell, und ich möchte ihm gratulieren - er ist ein toller Fahrer.« Waldis Teamchef Dieter Stappert raunte seinem Schützling nach der Ehrenrunde etwas ganz anderes ins Ohr. Er möge in der Pressekonferenz auf eine Erwähnung des schmalen Jahresbudgets verzichten, weil Sponsor Marlboro dergleichen nicht mehr hören könne. Außerdem seien seine Mechaniker sauer auf ihn, weil er sich so negativ über das Fahrwerk geäußert habe.Stappert, für seine feinfühlige Art der Menschenführung bekannt, machte Waldi damit zum traurigsten Sieger des Jahres. Mit Tränen in den Augen stieg er aufs Podest, und in der Siegerpressekonferenz erklärte er trotzig, sein Team sei enttäuscht von ihm, und wenn sich die Sache nicht klären lasse, müsse er sich für die Zukunft etwas anderes überlegen. Die Aussprache in der Box währte nur wenige Minuten, bevor der halb niedergeschlagene, halb aufgebrachte Waldmann wieder davonstapfte. Noch eine halbe Stunde später war er so aufgewühlt, daß er ein Fernsehinterview weinend abbrach. »Ich bin ein ehrlicher Mensch, der stets die Wahrheit sagt. Soll ich mir das abgewöhnen? Soll ich bei Niederlagen alles auf mich nehmen, auch wenn´s nicht so ist? Ich habe auch in Indonesien mein Bestes gegeben - doch es ging einfach nicht schneller!« meinte Waldi verzweifelt.Stein des Anstoßes war Waldis Chassis, das Cheftechniker Sepp Schlögl und sein Adlatus Mike Leitner mit einer selbstgebauten Hebelumlenkung schon zu Saisonbeginn grundlegend verbessert hatten - sogar Max Biaggi kam am Sonntag abend zu einer Stippvisite in die Waldmann-Box, um sich nach dem erfolgreichen Trick gegen das Rutschen und Rattern zu erkundigen. »Auf allen ausgesprochenen Fahrwerksstrecken wie hier, Jerez und Donington haben wir gewonnen«, verwies Sepp Schlögl. »Der Dieter und der Waldi haben nach Jerez trotzdem von ähnlichen Fahrwerksproblemen wie Biaggi geredet, vielleicht um ihn in Sicherheit zu wiegen. Das war ein Riesenschmarrn.« Jetzt nannte Stappert das Schlögl-Fahrwerk einen »Geniestreich«, außerdem gab er zu, Waldi im falschen Moment angegangen zu sein. »Ich habe mich mit dem Zeitpunkt und mit der Wortwahl vergriffen. Es tut mir leid«, räumte der Teamchef ein.Bei der nächsten Aussprache wird wohl auch Ralf Waldmann einen Standpunkt revidieren müssen.«Wir stehen alle hinter dem Waldi, gar keine Frage«, erklärt Sepp Schlögl. »Aber man kann ihm zu seiner Fahrweise nur schlecht etwas sagen. Das ist, als ob ein Fußballtrainer mit seiner Mannschaft nicht mehr übers Toreschießen reden kann.« Auch Michael Doohan zielte zum Saisonende völlig daneben. Im Endspurt beim Indonesien-Grand Prix knapp von Tadayuki Okada ausgetrickst, gab es nur noch den Heimsieg in Phillip Island, der seine makellose 500er Saison mit zwölf Siegen und zwei zweiten Plätzen hätte krönen können. Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Schon im Training bezahlte Doohan den Versuch, überall und unter allen Umständen Überlegenheit zu demonstrieren, mit dem ersten Sturz der Saison. Und als er auch im Rennen über alle Berge davonglühte und nach 16 Runden immer noch nicht aufhörte, zornig seinen Sieben-Sekunden-Vorsprung auszubauen, erwischte es den längst als Champion feststehenden Honda-Piloten in der erstsen schnellen Rechtskurve erneut. Ein Meer von Fans, das nach dem Abwinken die Zielgerade überflutete, forderte »We want Mick«, doch der alte Doohan-Rivale, der statt dem Champion auf der höchsten Treppenstufe stand, lächelte nur freundlich und zufrieden zurück. »Das ist ein besseres Saisonfinale, als ich mir je erträumt hätte«, genoß Alex Crivillé den Triumph nach seiner schweren Handverletzung. Takuma Aoki bescherte der Zweizylinder-Honda auf Rang zwei das beste Resultat, Indonesien-Sieger Tadayuki Okada stellte mit Rang vier endgültig die Vizeweltmeisterschaft sicher. Bei den 125ern reichte Noboru Ueda schon der vierte Platz in Indonesien, um WM-Vize zu werden, sein Überraschungssieg in Australien war nur ein Sahnehäubchen obendrauf. UGT 3000-Star Tomomi Manako verteidigte mit Platz drei in Phillip Island auch seinen dritten WM-Rang, worauf sich Teammanager Mario Rubatto »zwei Tonnen leichter« fühlte. Valentino Rossi hatte einen schlechten Tag, weil sein Motor in der 14. Runde kurzzeitig klemmte und er auf Rang sechs zurückfiel. Dafür hatte er eine Woche zuvor in Indonesien nochmals einen großen Auftritt gehabt: Zu seinem elften Saisonsieg stieg der Weltmeister dort mit einem Turban aufs Podest.Viele der Zuschauer dachten, das sei eine Hommage an ihr überwiegend moslemisches Land. Doch der demonstrative blaue Kopfverband hatte einen ganz anderen Grund: Eine Woche zuvor hatte Rossis Papa Graziano mit dem Porsche von Loris Capirossi und dem Sohnemann auf dem Beifahrersitz einen kapitalen Crash gebaut. Valentino hatte dabei eine Gehirnerschütterung davongetragen.

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