Grand Prix Italien in Mugello (Archivversion) West und Rest

Im Regen-Grand-Prix von Mugello feierten die Honda-Teamkollegen Alex Barros und Loris Capirossi einen souveränen Doppelsieg. Die meisten anderen Favoriten gingen in den Fluten unter.

Max Biaggi und Loris Capirossi führten das Rennen an, und weil in der fünften Runde auch der etwas verhaltener gestartete Valentino Rossi von hinten anklopfte, bot sich den Fans in Mugello jenes Bild, das sie nach dem legendären Dreikampf der italienischen Halbliter-Asse beim letzten Italien-GP auch für die Neuauflage erwarteten.Biaggi war als Einziger des Trios mit einem 17-Zoll-Hinterreifen ausgerückt, und es wäre interessant gewesen zu beobachten, ob er sich dank der besseren Handlichkeit dieser Dimension gegen die Langlebigkeit der 16,5-Zoll-Reifen seiner beiden Rivalen hätte durchsetzen können. Spannung versprach auch das Duell der beiden Honda-Stars: Capirossi hatte zwar ein paar neue Motorteile erhalten, sein Vorjahres-Fahrwerk hinkte dem neuen Modell von Rossi aber um Längen hinterher. Kamen die beiden bei der Zeitenjagd im Training noch auf ähnliche Rundenzeiten, so ging Valentinos neue NSR dank besserer Gewichtsverteilung und gutmütigerem Verhalten beim Einlenken und Herausbeschleunigen schonender mit den Reifen um und brachte deshalb auf die gesamte Renndistanz gesehen Vorteile.In der achten Runde spielten solche Feinheiten allerdings keinerlei Rolle mehr. Schon ein paar Minuten zuvor hatte es zu tröpfeln begonnen, und als der Regen stärker wurde, hob Alex Barros die Hand – Abbruch des Rennens. Jede Hoffnung, der Himmel werde sich wie nach den Läufen der 125er und 250er noch einmal lichten, verflog, weil es sich einzuregnen begann. Die Tifosi aus Tavullia nutzten ihre gelben Schilder mit Rossis Startnummer 46 nun, um vor den Elementen Schutz zu suchen.Noch schlimmer für die Fans des WM-Leaders war freilich der Schreck, als »Il Stratosferico« wie ein ganz normaler, unkonzentrierter Alltagsfahrer in der Besichtigungsrunde des als Regenrennen ausgerufenen zweiten Teils zu Boden ging. »Ich war so langsam unterwegs wie die Oma auf dem Markt und hätte nie gedacht, dass mir das zustoßen könnte«, wunderte sich Rossi.Weil das Missgeschick zu weit von der Box entfernt passierte, als dass er hätte zurückjoggen können, dachte Rossi schon, sein Rennen sei auf diese unrühmliche Weise zu Ende gegangen. Doch Ex-Rennfahrer Gianni Rolando, ein Freund der Familie, stand als rettender Engel mit einem Roller parat. Nicht ganz regelkonform, düsten sie geradewegs in die Boxengasse, wo das Honda-Team von Jerry Burgess mit einer perfekt vorbereiteten Ersatzmaschine aufwartete.Es dauerte ein Zeitlang, bis Rossi wieder seinen Rhythmus gefunden hatte. Dann aber kämpfte er sich durchs Feld, brachte im Endspurt erst Max Biaggi, schließlich sogar noch Loris Capirossi zur Strecke und lag in der letzten Runde an zweiter Stelle. »Es herrschten gefährliche Bedingungen. Auf der Zielgeraden Vollgas zu geben war, wie gegen eine Mauer aus Wasser zu fahren. Deshalb wusste ich auch nicht, an welcher Position ich fuhr – ich dachte, ich hätte immer noch Roberts und Checa vor mir«, schilderte er später.Ausgangs der vorletzten Kurve wartete das Verhängnis. »Ich bin an die Begrenzungslinie gekommen, die mit mindestens zehn Zentimeter Wasser bedeckt war«, erklärte er, warum ihm abermals, und diesmal ohne jede Chance einer Rettung, das Vorderrad wegrutschte. »Letztes Jahr bin ich anderthalb Runden vor dem Ziel gestürzt, diesmal 500 Meter. Im nächsten Jahr schaffe ich es bis zum Zielstrich und gewinne«, bewies er trotzdem noch Humor.Max Biaggi hatte den Sturz von hinten beobachtet und kam nach den Ausrutschern von Kenny Roberts, Norick Abe und seines Erzfeindes in den Genuss des dritten Platzes. »Jetzt ist die Weltmeisterschaft wieder offen«, atmete er auf und trank erst mal einen Becher heißen Tee. »Die Regentropfen haben mich bei vollem Speed wie Hagelkörner gebeutelt. Wegen der Kälte verkrampfte ich mich derart, dass ich jetzt Zahnschmerzen habe«, klagte der Römer, dessen Teamkollege Carlos Checa das Ziel wegen einer verbrannten Kupplung verpasste.Fast hätte Biaggi sogar den zweiten Platz geerbt. Loris Capirossi hatte seinen Honda-Pons-Teamkollegen Alex Barros zwei Runden vor Schluss bereits eingefangen und hätte nun um knapp eine Sekunde davon fahren müssen, um den Brasilianer in der Addition beider Läufe zu besiegen. Dabei überlastete er den Vorderreifen und musste durchs Kiesbett, um seine Maschine wieder unter Kontrolle zu bringen. »Dann überholte mich Rossi. Beim Versuch, an ihm dran zu bleiben, war ich ein zweites Mal drauf und dran, alles in den Sand zu setzen. Just an der Stelle, wo er zu Boden ging, rutschte auch mir nochmals das Vorderrad weg«, berichtete Capirossi.Der über sein Happy-End mit Platz zwei am Ende genauso glücklich wie sein Teamkollege mit dem Sieg. Denn im Dreikampf der Italiener war Capirossi eines besonders wichtig: »Honda hat mir mehr Unterstützung versprochen, wenn ich bei Saisonmitte vor einigen der offiziellen Werksfahrer liege. Jetzt bin ich überzeugt, dass mir das gelingen wird – meine Weltmeisterschaft hat eben erst begonnen«, meinte er kämpferisch.Eine ähnlich rosige Zukunft sieht auch Tetsuya Harada, der erstmals seit Brünn 1998 wieder einen 250er-Grand-Prix gewann und seinen WM-Rückstand auf Honda-Star Daijiro Katoh auf fünf Punkte verkürzte. Das Honda-Gresini-Team hatte bei nasser Piste zwar wie alle anderen auf Regenreifen gesetzt, aber eine zu harte Miaschung gewählt, mit der Katoh hoffnungslos hinterherfuhr und auch bei allmählich abtrocknender Piste zum Rennende hin nicht mehr als den zehnten Platz retten konnte. »Man kann nicht jedes Rennen gewinnen«, tröstete der 13-fache Champion und Generalmanager des Teams, Angel Nieto.Tragischer Held war freilich nicht Katoh, sondern Publikumsliebling Marcellino Lucchi. Erst stürzte er im Training schwer auf den Rücken. Dann brach er sich bei einem zweiten Trainingscrash drei Knochen im Fuß und gab immer noch nicht auf. Im Rennen führte der 44-jährige Aprilia-Testpilot souverän, bevor er den Grenzbereich mit seinem nagelneuen 250er Prototyp abermals falsch einschätzte. In der gleichen Runde erwischte es auch den irischen Regenspezialisten Jeremy McWiliams. Trotzdem blieben noch fünf starke Aprilia-Piloten übrig, beim Heimspiel der Drehschieber-Raketen aus Noale die ersten fünf Plätze zu belegen. Der sympathische Privatfahrer Roberto Rolfo, ein Student von Sprache und Literatur, war dabei die große Überraschung mit Rang zwei noch vor dem angeschlagenen Marco Melandri.Die größte Sensation spielte sich nur unwesentlich weiter hinten im Felde ab. Katja Poensgen hatte sich nach ihrem Trainingssturz in Le Mans nochmals gründlich untersuchen lassen. Ein gebrochenes Schultereckgelenk und ein verschobenes Schlüsselbein lautete die niederschmetternde Diagnose. Der behandelnde Arzt wollte sofort operieren, doch Katja unterzog sich lieber dem Spezialtraining eines österreichischen Sport-Therapeuten, um in Mugello wieder fahren zu können.Am ersten Trainingstag kämpfte sie noch um die Qualifikation. »Jede Zehntelsekunde, die ich schneller fahren will, bedeutet zusätzliche Schmerzen. Vor allem beim Anbremsen«, seufzte die 24-jährige Renn-Lady. Fit dank der Massagen der Therapeuten von Rennarzt Claudio Costa, beflügelt aber auch von der Begegnung mit ihrem Idol Kevin Schwantz, der als VIP-Fahrer beim BMW-Cup mitspielte, unterbot sie die nötige Mindestzeit im Abschlusstraining dann locker um über zwei Sekunden. »Morgen durchzukommen ist jetzt mein großes Ziel. Auch wenn’s nach 15 Runden schwer werden wird«, stapelte die deutsche Aprilia-Pilotin vor dem Rennen noch tief.Statt nur durchzukommen, schrieb Katja Poensgen Rennsportgeschichte. Nach einer Runde an 26. Stelle, profitierte sie von zahlreichen Stürzen, kam auf allmählich abtrocknender Strecke aber auch fahrerisch immer besser in Schwung. Sie biss sich durch eine vier Mann starke Gruppe, besiegte ihre Landsleute Alex Hofmann und Klaus Nöhles und wurde nach Rang 14 als erste Frau gefeiert, die jemals in der 250-cm3-Klasse WM-Punkte geholt hat. »Die Katja ist am Schluss richtig zügig gefahren. Auf der Bremse war sie nicht berauschend, aber sie hat einen höllischen Kurvenspeed und fährt unheimlich sauber, unheimlich rund. Das war für die Bedingungen ideal«, zollte ihr der wegen zwei Motoraussetzern an die 16. Stelle zurückgefallene Aprilia-Werkspilot Klaus Nöhles Respekt. »Auch ich hatte nichts entgegenzusetzen«, anerkannte Teamkollege Alex Hofmann an 18. Position. »Mein Hinterreifen hatte sich völlig aufgelöst.«Katja Poensgen konnte ihr Glück kaum fassen. »Ich bin im siebten Himmel! Dabei war es für mich überhaupt das allererste Mal auf einer 250er im Regen, und ich hatte am Anfang eher Schiss, weil ich nicht wusste, wie die Maschine reagiert, wie die Reifen und die Bremsen sind. Mein Techniker Stefan Kirsch hat gesagt: So nach der fünften Runde halten die Reifen richtig gut, und da habe ich mich drauf verlassen und mich langsam rangetastet. Dass mich die Jungs in unserer Vierergruppe immer wieder ausbremsten, hat mich geärgert, deshalb habe ich jedes Mal ein bisschen später gebremst und probiert, was geht – bis sie halt nimmer vorbei sind!«Auch 125-cm3-Veteran Noboru Ueda tastete sich mit bemerkenswerter Umsicht von Platz acht nach vorn und feierte einen klaren Sieg. Bei seinem Vormarsch traf er auf den Sachsen Jarno Müller, der sich bei den tückischen Bedingungen des kurz nach dem Start wegen Regens unterbrochenen Rennens pudelwohl fühlte und als Neunter nicht nur die ersten WM-Punkte, sondern auch das Blaue Band des schnellsten Deutschen nach Hause brachte. »Der Regen war perfekt, da bin ich schon immer gut zurecht gekommen«, strahlte der Nachwuchsmann, dem Cheftechniker Stefan Kurfiss eine perfekt für den Regen übersetzte Maschine hingezaubert hatte. »Am Schluss habe ich nicht mal mitgekriegt, dass es schon die letzte Runde war. Sonst hätte ich noch mal richtig Pfeffer gegeben!“

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