Grand Prix Italien in Mugello (Archivversion)

Krieg und Frieden

Ralf Waldmann feierte beim Italien-Grand Prix Platz zwei, und Aprilia Erfolge in allen Klassen, die auch die rüde Attacke von Loris Capirossi auf Marcellino Lucchi nicht verhindern konnten.

Vorjahressieger Marcellino Lucchi galt als großer Favorit beim 250-cm3-Grand Prix von Mugello, doch schon auf der Startgeraden war die Fahrt des 42jährigen Veteranen zu Ende. Denn Loris Capirossi war beim Losfahren hinter Lucchi, zuckte dann zum Überholen nach rechts, knallte der Docshop-Aprilia dann aber auf gleicher Höhe plötzlich schwungvoll und ohne ersichtlichen Grund in die Seite. Lucchi stürzte, Yamaha-Pilot Toshihiko Honma schanzte über die trudelnde Maschine hinweg und ging ebenfalls zu Boden. Capirossi setzte seine Fahrt hingegen unbeschadet fort und ignorierte bei seinen Überholmanövern etliche gelbe Flaggen. Auch, als er wegen gefährlicher Fahrweise disqualifiziert wurde und sein Team auf Geheiß der Renndirektion die schwarze Flagge schwenkte, fuhr er ungerührt weiter. Erst nach sieben Runden, als der Rennleiter mit einer großen schwarzen Boxentafel und der schwarzen Flagge zum Ende der Boxenmauer marschierte und sie Capirossi förmlich unter die Nase hielt, gab der Italiener auf und fuhr an die Box. Für die Zuschauer glich sein Rennen einer Amokfahrt, doch der Sünder selbst fühlte sich unschuldig. »Lucchis Motor hatte Aussetzer und wurde langsamer. Ich wich aus und dachte, ich wäre bereits an ihm vorbei«, verteidigte sich der Weltmeister, der schon durch den Abschuß von Tetsuya Harada im WM-Finale 1998 ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war. »Auch die schwarze Flagge sah ich nicht, und meine Boxentafel war von der des Ukawa-Teams verdeckt. Es war nichts zu erkennen«, beteuerte er. »Völliger Blödsinn. Jeder, der will, kann unser Data Recording einsehen. Der Motor lief wie ein Uhrwerk«, konterte Marcellino Lucchi. Die Rennleitung entschied sich, Capirossi vom nächsten Grand Prix in Barcelona auszuschließen, außerdem wurde eine Geldstrafe von 2000 Franken verhängt. Weil sich die beiden gestürzten Piloten nicht ernsthaft verletzt hatten, glätteten sich die Wogen allerdings relativ schnell. Denn vor allem für Aprilia kam es trotz des Zwischenfalls zu einem großartigen Happy-End. Nachdem Roberto Locatelli schon das Rennen der 125er gewonnen hatte (siehe Kasten Seite 178), schlug Valentino Rossi bei den 250ern zu und fuhr um knapp drei Sekunden vorweg in die Arme seiner Fans, die in der Auslaufrunde zu Hunderten auf die Strecke strömten und ihr Pop-Idol nicht nur mit einem in Bonbonfarben getauchten Huhn, sondern auch mit einer kompletten Musikkapelle begrüßten. Ralf Waldmann hatte sich über die Grasnarbe davongemacht und feierte lieber mit seinem Team. Sein zweiter Platz war der vorläufige Höhepunkt einer Saison, in der es seit dem Armbruch von Malaysia kontinuierlich bergauf ging. »Waldmann ist zurück«, gab er nach dem ersten Podestplatz seit dem Saisonfinale 1997 in Australien eine kämpferische Losung aus. »Ich komme immer besser in Fahrt, auch Aprilia steht voll hinter mir und hat uns hier mit neuen Zylindern versorgt. Jetzt geht´s weiter aufwärts, denn fünf Prozent fehlen mir noch zu der Form, die ich Ende 1997 hatte. Auch die Superstrecken, die mir am besten liegen, kommen erst noch.« Weil er seiner »kleinen Italienerin« schon im Training anmerkte, daß sie in Tausenden von Test-Kilometern auf der Mugello-Piste herangereift war, stellte er seine schwarze Werksmaschine ohne große Mühe in die erste Startreihe, und selbst der Start selbst klappte diesmal problemlos. »Ich bin super weggekommen und wäre bestimmt als Vierter in die erste Kurve eingebogen. Doch ich war direkt hinter Marcellino, als der Unfall passierte und mußte im Bruchteil einer Sekunde reagieren«, schilderte Waldi. »Ich wich nach links aus und ging vom Gas, deshalb fiel ich kurzzeitig an die elfte Stelle zurück.« Dann gab es allerdings kein Halten mehr. Binnen vier Runden verschaffte er sich freie Fahrt, schloß auch die Lücke zum entschwundenen Trio an der Spitze im Nu und betrachtete genüßlich, wie Tohru Ukawa und Loris Capirossi mit mangelndem Hinterradgrip kämpften. »Die beiden habe ich nacheinander auf der Geraden gepackt, dann wollte ich Rossi einfangen - aber dazu hat´s nicht mehr gereicht.« Platz zwei war aber auch schon eine stramme Leistung, und für die Moral von Waldi und seinem deutsch-österreichischen Team hatte der Erfolg eine ähnliche Bedeutung wie der sensationelle vierte Platz für Tetsuya Harada im Halbliterrennen.Schon im Training hatte der kleine Japaner mit seiner V2-Aprilia die Konkurrenz förmlich ausradiert und an beiden Tagen mit klaren Bestzeiten zugeschlagen. Elf Kilometer pro Stunde langsamer als die schnellsten Vierzylinder, machte Harada seinen Rückstand auf der Geraden locker in den Kurven wett. Einer von Haradas Tricks war es, superweiche Qualifikationsreifen von den 250ern aufziehen zu lassen, die wie Kaugummi auf der Strecke klebten und wie in der Formel 1 auf einer fliegenden Runde zerschmolzen. Doch die Aprilia-Mannschaft hatte auch für die Renndistanz auf härteren Reifen einiges zu bieten. Der Zweizylinder, 1994 erstmals im Einsatz und wegen ständiger Rückschläge immer wieder mit Teilrückzügen ins Werk zurückbeordert, verfügt mittlerweile über rund 150 gesunde PS. Die Kinderkrankheiten wurden nach und nach ausgeräumt. Paradestück von Aprilia ist freilich die gelungene Aerodynamik und ein Fahrwerk, das vor allem in schnellen Kurven Sicherheit und Stabilität vermittelt.Den Rest erledigt Tetsuya Harada, der als Fahrer immer noch eine Ausnahmeerscheinung darstellt und nur drei Rennen Eingewöhnungszeit brauchte, um den Halbliter-Kollegen mit Platz drei in Frankreich die erste Lektion zu erteilen. »Gut, gut - ich fange an, mich auf der 500er wohlzufühlen«, rieb er sich schon nach seinem Husarenstück im Training die Hände. »Die Halbliter-Version fährt sich im Prinzip wie die 250er, hat aber viel mehr Power und läßt sich wegen des breiteren Hinterreifens schwerer durch S-Kurven fädeln. Der Schlüssel zum Erfolg liegt mehr im Beschleunigungsvorgang als in der schieren Topspeed. Denn wegen des geringen Gewichts hebt die Aprilia leicht das Vorderrad. Du mußt in allen Situationen vorsichtig mit dem Gasgriff umgehen.« Beim Herausbeschleunigen aus der Kurve war Harada der Konkurrenz ebenbürtig, doch beim reinen Gasgeben auf der Geraden konnten die Vierzylinder-Piloten die Gewalt von 200 PS in die Waagschale werfen. »Ein kleiner Vorsprung am Start, dann wäre die Sache geritzt«, malte er sich vor dem Rennen aus. Denn wie erwartet wurde Harada beim Losfahren von der Meute verschluckt und kurvte nach einer Runde an zwölfter Stelle herum. Von dort schwirrte er wie ein lästige Fliege um die schwerfälligere Konkurrenz, überholte fast jeden, der Rang und Namen hatte und lief nach einer furiosen Jagd als Vierter ein. Selbst die Vierzylinder-Suzuki von Kenny Roberts junior war an diesem Tag langsamer, worauf sich der Amerikaner von Harada demütigen und auf Platz fünf verdrängen lassen mußte. Max Biaggi, dem erst am Freitagmorgen ein Draht aus dem kleinen Finger der in Frankreich schwer lädierten linken Hand gezogen worden war, quälte sich mit einem verkürzten Kupplungshebel, einem zusätzlichen Stützkissen am Tank und jeder Menge Schmerzen auf den 13. Trainingsplatz. Nach einem fulminanten Start im Rennen tauchte er jedoch plötzlich an der Spitze auf und ließ auch dann nicht locker, als Alex Crivillé zum Überholen ansetzte. Bis zum Schluß blieb Max hartnäckig am Hinterrad des Spaniers, holte zwischendurch sogar noch ein paarmal zum Gegenschlag aus und wurde mit seinem tollen zweiten Platz zum Held des Tages. Doch trotz aller Schmerzmittel war Biaggi nach Erreichen der Zielflagge körperlich am Ende, und die Heerscharen der Fans, die nun zum zweiten Mal auf die Strecke stürmten, mußten ihre Party ohne Stargast feiern. Denn Biaggi entzog sich dem Zugriff der wilden Meute gekonnt: Erst fuhr er im Slalom durch den Aufmarsch hindurch, dann parkte er seine Yamaha an der Boxenmauer, sprang vor der hinterherrennenden Meute über die Boxenmauer und verschwand hinter einem herunterratternden Garagentor in Richtung Fernseh-Interview und Siegerehrung.
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Parc fermé (Archivversion)

Simon CrafarKein Grip,keine ZukunftSimon Crafar, Überraschungssieger des England-Grand Prix 1998, stieg zu Beginn der neuen Saison von Dunlop auf Michelin um und findet seither keinen Grip. »Meine Yamaha fühlt sich völlig fremd an, keine Einstellung paßt mehr, und was wir auch versuchen: Es wird nichts besser«, klagte der Neuseeländer schon vor Wochen. Weil Crafar auf der Stelle tritt, wurde Teammanager Peter Clifford aktiv: Seit einem Test des Österreichers Andreas Meklau, auf Wunsch von Red Bull-Manager Thomas Überall in Brünn durchgeführt, ist die Suche nach einem schnelleren Ersatzfahrer offenkundig. Clifford verhandelte sogar mit Ex-Suzuki-Star Daryl Beattie.Pantani-SkandalLucchitrauertDocshop-Pilot Marcellino Lucchi konnte sich über die Trainingsbestzeit der 250-cm3-Klasse nicht so richtig freuen, nachdem sein Freund Marco Pantani kurz vor dem Ende des Rad-Klassikers Giro d`Italia wegen Dopingverdachts ausgeschlossen worden war. »Drei Wochen den Giro anzuführen und zwei Tage vor Schluß disqualifiziert zu werden, ist unglaublich. Ich verstehe seine Enttäuschung, denn ich bin sicher, daß er unschuldig ist«, erklärte Lucchi, der selbst mindestens 50 Kilometer pro Tag mit dem Fahrrad zurücklegt und gelegentlich mit Pantani trainiert.Blumenkind RossiBaldPorno-Star?Valentino Rossi, in Mugello ganz in grellbuntem Stil der 70er Jahre mit großen grünen Pop-Blumen und der Aufschrift »Valentipeace & Love« unterwegs, betreibt hinter seinem friedlichen Hippie-Dasein harten Vertragspoker. Zwei Fristen, die Ende 1999 auslaufenden Verträge mit Aprilia zu erneuern, ließ er bereits ungenutzt verstreichen, denn laut engen Freunden ist er eher an einem Direkteinstieg bei Honda in der Halbliterklasse interessiert. Als er nach mißglücktem Abschlußtraining frustriert von seiner Maschine stieg, kam es zu einem weiteren attraktiven Angebot: »Du hast Charisma und Ausstrahlung. Im Winter könntest du in einem meiner Filme mitspielen«, offerierte Tinto Brass, ein erfolgreicher italienischer Soft-Porno-Produzent.Suzuki 500Weiter mitBig BangBei Vorsaisontests in Phillip Island schlug Kenny Roberts junior dank einem »Screamer«-Motor mit regelmäßiger 90-Grad-Zündfolge mit Sensationszeiten zu, doch schon beim ersten Grand Prix in Sepang wurde das Aggregat wegen Handlingproblemen in Spitzkehren wieder ausgebaut. In Mugello fand ein zweiter Wiederbelebungsversuch der aggressiveren Motorvariante statt, doch abermals wurde sie schon nach dem ersten Tag wieder gegen die gutmütige Big Bang-Variante mit 25-Grad-Zündfolge ausgetauscht.Mugello-StreckeDer Kursder ZukunftDie 5,245 Kilometer lange Mugello-Strecke, bald für einen von Rom über Florenz nach Bologna fahrenden Superzug untertunnelt, wird auch auf der Erdoberfläche zielstrebig für die Zukunft gerüstet. In einer neuen Kommandozentrale für die Renndirektion sind nicht weniger als 52 Monitore installiert, mit denen sich Strecke samt Auslaufzonen lückenlos überblicken lassen. Neben einem neuen, 32 Meter hohen Radio- und Mobilfunk-Sendeturm ist außerdem ein schickes kleines Clubhaus mit 30 bis 40 Betten geplant.

125er (Archivversion)

Aprilia-Pilot Roberto Locatelli schlug beim Heimspiel in Mugello mit der Pole Position und dem zweiten Saisonsieg zu.
Grimmiger geht´s nimmer in der 125-cm3-Klasse: Beim Zieleinlauf in Mugello hingen zwölf Mann aneinander. WM-Leader Masao Azuma, acht Runden vor Schluß noch in Führung, wurde im Endspurt von Emilio Alzamora abgedrängt und wurde Siebter; Lucio Cecchinello, in der Anfangsphase in Führung, landete auf Rang neun; Arnaud Vincent, in der vorletzten Runde noch Erster, mußte sich mit Platz fünf zufriedengeben.Gleichzeitig wurden ein paar Helden nach vorn gespült, die von ihren Fans bislang schmerzlich vermißt worden waren. Noboru Ueda, von seiner schweren Handverletzung genesen, stürmte auf Platz drei. Marco Melandri, bislang von einem Handbruch gehandicapt, feierte als Zweiter den ersten Erfolg des Jahres. Und Sieger Roberto Locatelli stieg wieder im Teufelskostüm aufs Podest und lachte sich ins Fäustchen. »Auch die Leute, die mich nicht leiden können, mußten nach dem Frankreich-Sieg zugeben, daß ich gut gefahren bin. Jetzt kann ich erstmals über den WM-Titel nachdenken«, strahlte der Aprilia-Star.

Die Deutschen (Archivversion)

Waldi frohlockte, die übrigen deutschen Piloten erlebten in Mugello ein Wechselbad der Gefühle.
Alexander Hofmann hat seinen Ehrgeiz diesmal vielleicht eine Spur übertrieben. Der talentierte 250er Privatfahrer setzte sich in seiner Gruppe an die Spitze und nahm Platz elf ins Visier, als ihm unversehens das Vorderrad wegrutschte. Flugs sprang der durchtrainierte Teenager wieder in den Sattel und kämpfte sich ohne Hinterradbremse wieder auf Platz 14, fiel aber am Ende auf Platz 16 zurück, als auch die Vorderbremse zu versagen drohte. Markus Ober lernte die schwierige Mugello-Piste ohne solche Zwischenfälle kennen und wurde für seine Beständigkeit mit einem weiteren Punkt in der Halbliterklasse belohnt. Dagegen bleiben die Einsätze der deutschen 125er Piloten ein Wechselbad der Gefühle. »Mich kotzen solche Wochenenden allmählich an«, erklärte Steve Jenkner nach seinem mageren 14. Platz. Wieder waren wegen technischer Probleme drei der vier Trainings ohne großen Nutzen verstrichen, und als er nach dem Start aus der fünften Reihe auch noch aufgehalten wurde, gab es mit schlecht laufendem Motor keine Chance, an die zwölf Mann starke Führungsgruppe heranzukommen. Auch Reinhard Stolz war nach seinem Sturz nicht gerade enthusiastisch. »Festgangen ist´s - aber die Maschine ist schon vorher nicht gescheit gelaufen«, stellte der Bayer fest. Dagegen tankte sein Landsmann Bernhard Absmeier mit Platz 21 und einer starken Fahrt im ersten Renndrittel das lange vermißte Selbstvertrauen. »Ich war pro Runde um eine Sekunde schneller als im Training. Es hat Spaß gemacht, mich an die Gruppe vor mir heranzubeißen. Erst nach einem Verbremser verlor ich den Anschluß«, schilderte Absmeier.

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