Grand Prix Italien in Mugello (Archivversion) Formel 3000

Mit dem Sieg in Mugello eroberte sich Tomomi Manako die WM-Führung bei den 125ern - vor seinem UGT 3000-Teamkollegen Kazuto Sakata.

Mirko Giansanti hätte bei seinem Sturz fast sieben auf einen Streich erledigt, denn die sieben Mann starke Führungsgruppe hing beim Italien-Grand Prix so dicht beisammen, daß die Verkleidungen aneinanderscharrten, und viel Platz zum Ausweichen gab es in der Zielkurve von Mugello nicht.Der Italiener, zwei Wochen zuvor bereits Dritter in Spanien, witterte die Chance zu seinem ersten Grand Prix-Sieg und legte sich in jener langgezogenen Bergab-Linkskehre mit dem führenden Kazuto Sakata an. Kaum hatte er sich innen vorbeigequetscht, verlor er auch schon die Kontrolle über sein Motorrrad und ging zu Boden. Sakata schanzte kunstvoll über das Vorderrad der liegenden Matteoni-Honda hinweg, behielt das Gleichgewicht und wurde noch Vierter. Nobby Ueda legte eine Gewaltbremsung hin und fiel auf Platz sieben zurück; Uedas Teamkollege Lucio Cecchinello prallte frontal gegen das umhertrudelnde Hindernis und verließ seine Givi-Honda über den Lenker.Nur Tomomi Manako hatte unerwartet freie Bahn und beschleunigte seinem zweiten Grand Prix-Sieg nach Barcelona 1996 entgegen, mit dem er auch die Führung in der Weltmeisterschaft übernahm. Die 60 000 Tifosi rund um die Strecke, die auf einen italienischen Sieg gesetzt hatten, mußten sich mit dem zweiten Platz des 15jährigen, von Ex-Aprilia-Werksfahrer Loris Reggiani protegierten Marco Melandri und Platz drei von Gianluigi Scalvini trösten.Im Lörracher Team UGT 3000 wurde dagegen gefeiert, erst in der Fahrerlager-Hospitality, später dann bei Pizza und Pasta im naheliegenden Dorf Scarperia, wo Teammanager Mario Rubatto das Rennen noch einmal geistig Revue passieren ließ. »Manako hat das Geschehen von der ersten Runde an kontrolliert. Er hätte auch ohne Giansantis Sturz gewonnen«, war er sich sicher.Zweiter nach einer Runde, hatte Manako das Geschehen im Spitzenpulk aus allen Perspektiven analysiert. »Ein paarmal ging ich in Führung, doch Mugello ist schnell und hat lange Geraden. Ein typischer Windschattenkurs - ich hatte keine Chance, den anderen zu entwischen«, erläuterte der Japaner.Deshalb ließ er sich mit seiner Honda zurückfallen und studierte die Fahrweise seiner Kollegen von hinten, um im richtigen Moment angreifen zu können. Eingangs der letzten Runde Vierter, wollte er sich die Gegner so zurecht legen, daß er ausgangs der letzten Kurve noch zwei Mann vor sich hatte und diesen Sog bis zum Zielstrich nutzen konnte. Es war kein Glück, sondern eher Irritation, daß Giansanti vorzeitig mit den Gegnern aufräumte - Manako schlug auf der Zielgeraden Haken wie ein Hase weil er fürchtete, selbst noch einmal von einem Windschattenfahrer verschluckt zu werden.Um vier Hundertstelsekunden hielt er Melandri in Schach und sonnte sich im Glück des Tüchtigen. Vier Jahre hatte der 25jährige seit seinem ersten Grand Prix gebraucht, um seine außergewöhnliche Nervenstärke und seine außergewöhnlich lockere, spielerische Fahrweise in die WM-Führung umzumünzen. Und fünf Jahre hatte sein Teammanager Mario Rubatto gebraucht, um wieder an jenem Punkt zu stehen, an dem er im Frühsommer 1993 mit Dirk Raudies stand, bevor ein im Streit geworfenes Laptop und damit auch die unschlagbare Beziehung der beiden zerbrach.Das Jahr danach hatte Rubatto als Mechaniker verbracht, bevor er 1995 binnen weniger Wochen mit einem Bankkredit und einem Budegt von gerade mal 300 000 Mark mit dem Australier Garry McCoy ins Rennen ging und die verdutzte Konkurrenz mit Sieg und WM-Führung in Malaysia schockierte. Auch diese Beziehung scheiterte, weil sich, so Rubatto, »andere einmischen und in unserem Erfolg sonnen wollten«.Doch das Verhältnis zu Manako, 1996 mit Hilfe des Lörracher Motorrad- und Zubehörgroßhändlers Ralf Schindler aufgebaut, hat Bestand, obwohl auch dieser Cocktail bisweilen gefährlich zu brodeln beginnt. »Mein Dank gilt Mario-san. Er hat das Fahrwerk perfekt hingekriegt«, frohlockte Manako nach seinem Sieg. »Manako ist ein Genie«, gab Mario-san die Komplimente zurück und hatte bei der Entgegennahme des Markenpokals am Siegerpodest Tränen der Rührung in den Augen.Manchmal steigt ihm aber immer noch die Zornesröte ins Gesicht, etwa, wenn Manako mit seinen japanischen Mechanikern in der Landessprache tuschelt und sie bei der Abstimmung der Maschine derart eigenmächtig in die falsche Richtung marschieren wie bei den ersten drei Rennen der Saison. In Japan stand Manako auf Startplatz 18, in Malaysia gelang ihm mit Müh´ und Not Startplatz sieben, in Spanien rutschte er als Neunter wieder in die dritte Reihe. Bei allen drei Rennen baute der spät konsultierte Rubatto das Fahrwerk mit Nachtschichten rechtzeitig zum Rennen um und bescherte Manako drei Podestplätze hintereinander.Daraufhin setzte sich auch bei Manako die Erkenntnis durch, daß seine souveränen Könner überfordert waren, und er überließ die Abstimmung wieder voll und ganz Rubatto. In Italien fuhr er prompt von Anfang an vorne mit, und die letzte Feinabstimmung am Startplatz geschah dadurch, daß Rubatto heimlich unter den Sitzbankhöcker faßte und die Federvorspannung um einen weiteren Klick erhöhte. »Es war gut, daß wir nichts mehr geändert haben«, strahlte Manako nach dem Rennen treuherzig.Früher wirkte das Verhältnis zwischen dem freundlich distanzierten, oft in Rätseln sprechenden Asiaten und dem in Freude und Zorn stets mit geballter Kraft auftretenden Oberschwaben wie ein Pulverfaß, das jederzeit explodieren könnte. Neuerdings sieht es so aus, als gehe die Ladung in Richtung WM-Titel los. »Wenn sich Manako nicht verletzt, ist unsere Packung unschlagbar«, verstieg sich Rubatto in eine frühe Saisonprognose.Und wenn alles richtig gemanagt wird, so Rubatto weiter, dann sind Manakos Erfolge nur der Auftakt zu einem neuen Frühling im deutschen Motorradsport. Noch gibt es das Marketingproblem, das sich bei Erfolgen japanischer Fahrer in Deutschland einstellt. Selbst Siege werden kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen, und die Massenmedien berichten kategorisch von den deutschen Fahrern, seien sie auch noch so glücklos. Wie Steve Jenkner, der sich in Mugello wegen seiner anhaltenden Fahrwerksprobleme mit dem 14. Platz begnügen mußte. »Im Sport höre ich immer nur deutsch, deutsch, deutsch. Überall sonst hört man von Globalisierung und davon, daß wir in Europa leben«, argumentiert Rubatto. UGT-Teamchef Ralf Schindler, so Rubatto weiter, hält dank Know-how, Budget und Erfolg derzeit den Schlüssel zu einer neuen Ära in der Hand. »Wenn er die Tür zur Zukunft nicht aufstößt - wer soll es denn dann tun?« fragt Mario Rubatto.Zumal die sportliche Glückssträhne noch weit über Manakos Erfolg hinausgeht. Nachwuchsfahrer Klaus Nöhles erbeutete mit Platz drei am gleichen Wochenende die Führung in der Europameisterschaft und wird als Wild Card-Pilot beim deutschen Grand Prix am Sachsenring in UGT-Farben antreten. Und selbst wenn mit Manako im WM-Kampf irgend etwas schief gehen sollte, ist immer noch Kazuto Sakata da. Der Japaner fährt zwar im italienischen Team von Stefano Cappanera, gehört dank der großflächigen UGT 3000-Aufkleber aber dennoch zu Schindlers sportlichem Imperium. Und obwohl Schindler Cappaneras Etat nach finanziellen Ungereimtheiten im letzten Jahr drastisch zusammenstrich, kämpft Sakata wie einer der Budget-Könige um die Weltmeisterschaft und verpaßte die Chance auf den dritten Saisonsieg nur wegen Giansantis Sturz. Der Grund: Der ausgekochte Sakata ist der einzige Aprilia-Pilot, der der Honda-Meute das Wasser reichen kann. Weil sich das Aprilia-Werk die Chance auf den Titel warmhalten will, darf das Cappanera-Team dort jederzeit in die Ersatzteilkiste greifen - kostenlos.

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