Grand Prix Italien in Mugello (Archivversion) Hausfriedensbruch

Max Biaggi erwies sich auf der Aprilia-Heimstrecke in Mugello als Störenfried: auf den letzten Metern bereitete er den Hausherren im 250er Rennen noch eine empfindliche Schlappe.

»Max, Du bist auch auf Honda der Größte«, hieß es auf einem der vielen Spruchbänder rund um die Mugello-Strecke. Wie sehr die italienischen Fans ihren Helden lieben, zeigte sich auch an dem Freudenfeuerwerk, das den Sieger des 250 cm³-Grand Prix von Italien wie ein Ehrensalut auf seiner Auslaufrunde begleitete.Innerhalb des Fahrerlagers war die Person des Weltmeisters weniger unumstritten. Als Max Biaggi im Herbst 1996 zu Honda wechselte, hoffte sein altes Aprilia-Team, einen lästigen Störenfried loszuwerden. Doch statt in Ruhe eine neue Mannschaft aufbauen zu können, wurde Biaggis Schatten immer länger. Immer wieder sonnte sich Max öffentlich in der Genugtuung, daß Tabaksponsor Phillip Morris nicht Aprilia, sondern ihm die Treue gehalten hatte. Max spottete, daß Aprilia gleich drei Nachfolger - Loris Capirossi, Tetsuya Harada und Stefano Perugini - aufbieten mußte, um ihn in Schach zu halten. Max fügte seinem alten Arbeitgeber gleich zum Saisonauftakt die erste, bittere Niederlage zu und war in den folgenden beiden Läufen nur verletzungsbedingt außerstande, die Erniedrigungen fortzusetzen.Doch rechtzeitig vor dem Italien-Grand Prix in Mugello war der Weltmeister wieder fit. Sein Kanemoto-Team hatte erfolgreiche, zusätzliche Testfahrten hinter sich gebracht und rechtzeitig vor Trainingsbeginn zwei nagelneue Showa-Spezialgabeln erhalten, von denen sich eine als Wunderwaffe gegen das beharrliche Vorderradstempeln an Biaggis Werks-Honda entpuppen sollte. Die Gegenseite, die Mugello als ständige Test- und Hausstrecke nutzt und ihre Vormachtstellung zu Recht gefährdet sah, rüstete nach und setzte den 40jährigen Testfahrer und Wild Card-Piloten Marcellino Lucchi als Joker dagegen. Der verteidigte im Abschlußtraining sensationell seine Pole Position, während Max Biaggi kurz vor dem Abwinken übers Vorderrad stürzte, mit Startplatz drei zufrieden sein mußte und mit Verspätung zur Pressekonferenz der vier Trainingsschnellsten erschien. Das war eine Chance, die sich Biaggis Erzfeind Loris Capirossi, an zweiter Stelle qualifiziert, nicht entgehen lassen konnte. »Dieser Hund hat mir in der heißen Phase des Trainings auf unfaire Weise die Tür zugeknallt«, sagte Capirossi.Alle Aprilia-Stars träumten davon, den Hund im Rennen auf den Platz zu verweisen, doch es sollte anders kommen. Tetsuya Harada, nach einer Runde noch Zweiter, wurde das erste Opfer und fiel nach drei Runden mit kapitalem Motorschaden wegen einer gebrochenen Kurbelwelle aus. Loris Capirossi und Marcellino Lucchi hielten erfolgreicher im Kampf um die Spitze mit und zeigten Max Biaggi immer wieder genüßlich, daß ihre Motoren schneller waren. »Als ich Biaggi auf der Zielgeraden überholte, habe ich ihm freundlich zugewinkt. Das hatte ich mit ein paar Freunden so abgemacht«, schmunzelte Lucchi.Doch am Ende war Aprilia trotz aller PS der Verlierer. Denn im Endspurt auf die lange Zielgerade gelang es Biaggi, seinen Häschern wie ein schlauer Fuchs zu entwischen - in der letzten Kurve noch zwischen den beiden, huschte er 200 Meter später um fünf Hundertstelsekunden vor Lucchi und um sieben Hundertstel vor Capirossi über die Ziellinie.Ralf Waldmann, für Italien-Feldzüge seit seinem ersten 250er Sieg 1994 in Mugello ein besonderer Joker, fuhr diesmal der perfekten Abstimmung seiner Honda im Training ständig hinterher. Nach wenig überzeugenden Tests mit dem neuen, stärkeren Honda-Chassis in Österreich trat er zwar mit dem vertrauten Motorrad seines Spanien-Sieges in Mugello an, hatte den ersten Rückschlag aber schon im ersten freien Training, als er bei Tempo 172 wegen zu ungestümen Gasgebens aus dem Sattel purzelte. Waldi blieb glücklicherweise unverletzt, plagte sich in den verbleibenden Trainings aber mit ungewöhnlich hartnäckigem Vorderradrattern ab und qualifizierte sich nur als Siebter.Erst am Samstag abend entdeckten seine Techniker einen Riß im Chassis, und nun zahlte sich wieder einmal die Erfahrung und das Können von Cheftechniker Sepp Schlögl aus: Bis tief in die Nacht wurde die Maschine um den Honda-Evolutionsrahmen herum neu aufgebaut und war im Rennen so gut, daß Waldmann nach kurzer, verwegener Aufholjagd mit Biaggi mithalten konnte und sogar zweimal in Führung ging, bevor er in der Schlußphase auf einen sicheren vierten Platz zurückfiel. »Mein Fahrwerk war etwas zu weich und die Reifen irgendwann ruiniert. Doch für die wenige Zeit, die wir im Warm-Up zur Abstimmung hatten, haben meine Leute das Motorrad super hingekriegt. Ich bin auch echt sauber gefahren - da muß ich mich selber loben«, freute sich Waldi.Pech hatte dagegen Peter Öttl in der 125-cm³-Klasse. Schon im ersten freien Training geriet er in einer im vierten Gang gefahrenen Kurve auf den tückischen weißen Begrenzungsstrich, stürzte bei Tempo 170 schwer und trug eine schmerzhafte Prellung der linken Hand davon.Angeschlagen qualifizierte er sich als 13., ging aber voll frischem Ehrgeiz ins Rennen und führte alsbald stolz den Verfolgerpulk an. Die wilde Fahrt ging gut bis zur neunten Runde: Ausgangs der Zielkurve rutschte beim Beschleunigen abermals das Hinterrad weg. Öttl brach den linken Knöchel und erhielt im Streckenspital einen Vier-Wochen-Gips, den Grand Prix-Arzt Claudio Costa sofort wieder wegschnitt, durch einen leichteren ersetzte und den nächsten Einsatz bereits beim Österreich-GP am 1. Juni in Aussicht stellte. Doch Dabeisein ist nicht immer alles: Nicht nur sein UGT 3000-Team, auch der von vorangegangenen Stürzen und Techniksorgen ausgelaugte Öttl selbst hält eine längere Ruhepause bis zum Assen-GP für angemessener.Denn um gegen die Weltbesten der 125er Klasse zu bestehen, muß man schon ein ganzer Kerl sein. Erst waren es nur Valentino Rossi, Masaki Tokudome und Jorge Martínez, die sich um die Spitze stritten. Dann gesellten sich Garry McCoy und die ungleichen UGT 3000-Zwillinge Tomomi Manako und Kazuto Sakata hinzu. Und schließlich warf sich auch noch Japan-Sieger Nobby Ueda aus der Tiefe des Raums ins Gefecht.All diese Fahrer sind gewaltige Kaliber, und bis auf die vergleichsweise zäh laufende Honda von Manako und die für bessere Beschleunigung kurz übersetzte Aprilia Sakatas hatten all diese Fahrer schnelle Maschinen zur Verfügung. Daß Valentino Rossi es dennoch schaffte, ein halbes Dutzend Weltklassepiloten wie blutige Anfänger aus dem Windschatten zu schütteln und allein auf die Flucht zu gehen, bewies einmal mehr das phantastische Ausnahmetalent des 18jährigen. Was bei den 500ern an Sport und Spannung geboten wurde, war dem traditionell turbulenten Geschehen der kleineren Klassen mindestens ebenbürtig. Anfangs schien es noch, als könne die bislang unbezwingbare Phalanx der vier Repsol-Honda-Piloten ihren Nimbus verteidigen. Tadayuki Okada führte nach einer Runde vor Alex Crivillé, Takuma Aoki und Michael Doohan, und obwohl Doohan pro Runde einen Gegner aufs Korn nahm und die Reihenfolge nach vier Runden auf den Kopf gestellt hatte, blieb das Quartett noch eng beisammen.Doch in Runde neun kam es zum ersten Zwischenfall: Crivillé, wegen mehrfacher Schäden an seinem besten Motorrad auf der langsameren Ersatzmaschine unterwegs, übertrieb seinen Ehrgeiz, verpaßte eine Kurve und mußte ins Gras. Wegen des verdreckten Vorderrads verbremste er sich am nächsten Eck gleich nochmals, geriet abermals auf Abwege und reihte sich als Zwölfter wieder ein. Bis zum Rennende kämpfte er sich zwar wieder auf Rang vier, das Podest blieb aber außer Reichweite.Zwei Runden nach Crivillés Ausritt erlebte Okada dann den haarsträubendsten Moment seiner Halbliter-Karriere. Beim Versuch, es Doohan heimzuzahlen und die Führung zurückzuholen, beschleunigte er eine Spur zu kräftig, hatte einen Highsider und wurde wie beim Rodeo über den Lenker seiner Honda gewirbelt, wobei er mit dem Helm die Verkleidungsscheibe zersplitterte. Der Japaner landete neben seiner Maschine, klammerte sich aber beharrlich am Motorrad fest und sprang bei Tempo 200 in den Sattel zurück. Nach diesem atemberaubenden Stunt zog es Okada aber vor, sich in den Schutz der Box zurückzuziehen: Sein linkes Handgelenk hatte den rohen Kräften mit einem Bruch Tribut gezollt.Doch auch Zweizylinder-Sensation Takuma Aoki freute sich nicht lange über den zweiten Platz. Wiederum fünf Runden später endete der Neuling im Kiesbett und raufte sich die Haare, weil seine NSR 500 V noch nie so gut gegangen war wie an diesem Tag. Die Fahrer, die an Stelle der Gestrandeten nach vorn aufrückten, sorgten bei zwei gedemütigten Werken für einen ersten Lichtblick und schürten bei den Fans die Hoffnung, daß es bald vorbei sein könnte mit dem tristen Einerlei der Honda-Dominanz: Luca Cadalora, seit seinen sporadischen Vorjahreserfolgen förmlich in der Versenkung verschwunden und nach einer Runde noch im hinteren Drittel des Fahrerfeldes, stürmte wie von der Tarantel gestochen nach vorn und bescherte Yamaha Platz zwei.Ebenso erleichtert war Daryl Beattie, dessen Suzuki sich ungewöhnlich gefügig in die Kurven einlenken ließ und nur in Sachen Motorleistung hinter den besten Hondas herhinkte. Dank eines seit dem Spanien-GP weiter verbesserten Kühlungs- und Ansaugsystems gelang auch Jean-Michel Bayle auf der Modenas-KR 3 mit Platz acht das bislang mit Abstand beste Resultat der Saison. Nur die beiden anderen großen Herausforderer verbrannten sich die Finger. Doriano Romboni auf der V2-Aprilia trat zwar von einem imponierenden vierten Trainingsplatz an. Doch im Rennen verpatzte er den Start, leistete sich bei der Aufholjagd einen Ausritt und mußte nach dem tollen sechsten Platz in Jerez diesmal mit einem enttäuschenden elften Rang vorlieb nehmen.Noch schlimmer erging es dem elf 500-Team. Juan Borja rollte wegen Zündaussetzern an die Box, Jürgen Fuchs gab wegen eines Getriebes auf, das sich nicht mehr schalten ließ. »Wahrscheinlich ist wieder das Primärzahnrad gebrochen«, seufzte Fuchs, der an diesem Wochenende nicht weniger als fünf kapitale Schäden erlebte und sich mit allzu optimistischen Zukunftsprognosen zurückhielt. »Bei anderen ist Licht am Ende des Tunnels - bei uns ist am Ende des Tunnels eine Schlucht...“

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