Grand Prix Japan in Suzuka (Archivversion) Triumph und Tragik

Ducatis sensationelles MotoGP-Debut beim WM-Start in Suzuka wurde vom schweren Unfall des Japaners Daijiro Katos überschattet.

Valentino Rossi gewann den Japan-Grand-Prix souverän, und auch MotoGP-Neuling Ducati hätte nach dem dritten Platz von Loris Capirossi ausgelassen feiern können. Doch nach dem Zieleinlauf herrschte statt Begeisterung nur allgemeine Bestürzung und Betroffenheit. Daijiro Kato war beim WM-Auftakt schwer verunglückt und lag in tiefem Koma. Regnerisches Wetter im Training hatte den 26-Jährigen auf den elften Startplatz zurückgeworfen. Bei Bilderbuchwetter am Renntag hatte Kato energisch auf Angriff geschaltet, war nach zwei Runden Sechster und kämpfte sich durch die Verfolgergruppe mit dem Ziel, die Lücke zu den drei Italienern Loris Capirossi, Valentino Rossi und Max Biaggi zu schließen.Doch Kato erlebte nicht einmal das Ende der dritten Runde. Eingangs der umgebauten, aber weiterhin berüchtigten Schikane vor Start und Ziel bog seine blaue Honda urplötzlich nach links in die notdürftig mit Schaumstoffpolstern ausgekleidete Betonmauer ab.Der Aufprall mit rund 200 km/h war so fürchterlich, dass Daijiro Kato mit zerborstenem Helm und gebrochenem Genick klinisch tot auf der Strecke liegen blieb. Im Ambulanzfahrzeug wurde mit verzweifelten Wiederbelebungsversuchen begonnen, doch erst 36 Minuten nach dem Eintreffen im Streckenhospital hatte man Herzschlag und Atmung so weit wieder hergestellt, dass Kato mit dem Helikopter ins Mie Medical Center in Yokkaichi gebracht werden konnte.Als Rennarzt Claudio Costa später im Pressezentrum unter Tränen von den schweren Kopf- und Brustkorbverletzungen berichtete, war klar, dass nur minimale Chancen auf eine Genesung bestanden. Neben einem schweren Blutgerinnsel im Gehirn waren der erste und zweite Halswirbel verschoben oder gebrochen. Selbst bei einer gewissen Besserung droht die Gefahr, dass Kato vom Hals abwärts gelähmt bleiben und kaum aus eigener Kraft wird atmen können. »Katos Verletzung ist so wie die von Reinhold Roth. Nur noch viel schlimmer”, bestätigte Costa in Erinnerung an den tragischen Unfall des deutschen GP-Stars, der 1990 bei Nieselregen in Rijeka mit voller Fahrt gegen einen langsam auf der Ideallinie einherrollenden Nachzügler geprallt war.Die genaue Ursache von Katos Sturz blieb unklar. Fernsehbilder gab es nicht, und wenn es sie gab, wurden sie von Promoter Dorna zurückgehalten. Auch Reifenspuren auf der Strecke, die Indikation eines blockierenden Rades, wurden nicht entdeckt.Deshalb entspannen sich die verschiedensten Versionen der Unfallursache. So wurde vermutet, Kato sei wegen eines elektronischen Gasgriffs gestürzt, der schon Valentino Rossis Teamkollege Nicky Hayden im Freitagstraining einen Sturz beschert habe. Möglicherweise sei abermals unvermutet das Gas offen geblieben.»Bullshit”, kommentierte ein Honda-Mechaniker spät am Sonntagabend mit einem nervenberuhigenden Glas Bier in der Hand. »Wir haben kein Drive-by- Wire-System, sondern ganz ordinäre Kabelzüge.” Und auch bei Katos Motorrad sei ein Defekt nach eingehendem Studium des Data Recording auszuschließen. Vielmehr war Kato nach dem letzten schnellen Linksknick, auf dem Weg zur Schikane, in einen Dreikampf verwickelt, bei dem sein ebenfalls ehrgeizig nach vorn drängelnder Teamkollege Sete Gibernau längsseits ging. Die beiden Motorräder scharrten aneinander, Gibernaus Maschine soll die Vorderbremse Katos berührt und auf diese Weise das Verhängnis ausgelöst haben, sagte einer der Konkurrenten. Ein anderer wollte Kato im Gras gesehen haben: Der plötzlich einsetzende Grip beim Wiedererreichen des Asphalts habe ein unkontrolliertes Schlingern ausgelöst.So unklar das genaue Geschehen, so klar war, wer keinerlei Schuld am Geschehen haben wollte: die Rennleitung, der Promoter und Sicherheitsexperte Franco Uncini. »Ein solcher Unfall in einer Bremszone hätte auf jeder anderen Strecke passieren können”, behauptete Renndirektor Paul Butler. Gefragt, auf welcher Rennstrecke sonst es nur wenige Meter neben Hochgeschwindigkeitsabschnitten solide Betonmauern gäbe, wusste er zunächst keine Antwort.Dass ihm dann das Wort Jerez herausrutschte, war ein klassischer Doppelfehler. Denn neben dem Ärger, den er sich mit dieser Bemerkung über die für alle Spanier und insbesondere Dorna-Chef Carmelo Ezpelta sakrosankte Jerez-Piste einhandelte, ist der Vergleich schlicht unwahr – es gibt im GP-Kalender keine vergleichbar gefährliche Strecke. An Suzukas Mauern haben sich ganze Generationen von Fahrern die Beine gebrochen. Das jüngste Opfer vor Kato war Marco Melandri, der am Freitag in einem Hochgeschwindigkeits-Rechtsknick nach der Haarnadelkurve in eine Mauer einschlug und neben einem gebrochenen Nasenbein und einem Knochenriss im rechten Oberschenkel komplizierte Verletzungen im rechten Knöchel davontrug – der Fuß wurde trotz Rennstiefel so weit abgeknickt, dass der amtierende 250er-Champion einen offenen Bruch mit verheerenden Bänderabrissen erlitt.Warum eine Entschärfung jener Kurve erst für das Jahr 2004 vorgesehen war, ist ebenso schwer zu verstehen wie die jüngsten Baumaßnahmen an der Schikane vor Start und Ziel. Das Layout wurde dort mit einer zusätzlichen Kurve so geändert, dass die Piloten nun mit weniger Tempo auf den Zielknick hinausbeschleunigen. Der Abstand zur Streckenbegrenzung, vor allem beim Anbremsen, blieb aber gleich. Freilich geben nicht nur Sicherheitsoffizier Franco Uncini, sondern auch die betroffenen Piloten selbst in Sicherheitsfragen eine meist traurige Figur ab. Als Valentino Rossi nach dem Melandri-Unfall Uncini mit ultimativen Forderungen konfrontieren wollte, fehlte von seinen Rennfahrerkollegen jede Spur. «Die anderen haben mich im Stich gelassen”, wetterte er und ergänzte: »Am liebsten würde ich nie mehr hierher zurückkehren. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, denn diese Strecke ist einer meiner Lieblingskurse. Doch er ist sehr gefährlich. Rundherum ist diese Mauer fest im Asphalt verankert, an vielen Stellen gibt es keine Ausweichmöglichkeit. Deshalb hoffe ich, dass die Werke, die Teamvereinigung IRTA und die Dorna eine Entscheidung fällen. Sonst treten wir Fahrer in Aktion. Wir dürfen nicht nach Suzuka zurückkehren!” Kenny Roberts junior forderte gar, es müssten Köpfe rollen wegen der Geschehnisse am Wochenende. «Jeder, der hier gestürzt ist, ist gegen irgendeine Wand geknallt. Das, was passiert ist, musste irgendwann passieren”, stellte er fest. Katos Teamkollege Sete Gibernau saß nach dem Rennen als Häufchen Elend in der Box und weinte in seinen Helm. »Es ist gegen jeden gesunden Menschenverstand, einen Meter neben der Piste eine Mauer aufzustellen”, meinte er. »Schon am Donnerstag habe ich zusammen mit Rossi erklärt, dass es hier Punkte gibt, wo das Motorrad geradewegs auf eine Mauer zudeutet. Wir Fahrer machen uns das nur nicht klar, weil wir auf die nächste Kurve konzentriert sind. Wir haben Geschosse, die in zwei Sekunden von 0 auf 100 und in dreieinhalb von 0 auf 200 beschleunigen. Die Rennstrecken müssen dem entsprechen!” Ein Ende der Leistungsexplosion ist vorläufig nicht in Sicht. Waren die besten Werksmaschinen bei den IRTA-Tests in Barcelona noch ebenbürtig, so legte Honda im Schock über die Bestzeit von Ducati-Werkspilot Loris Capirossi deutlich nach. »In Barcelona konnte ich mitfahren. Hier in Suzuka kann ich mich nicht einmal im Windschatten halten – Rossi zieht gnadenlos davon”, schlug Yamaha-Star Alex Barros schon bei den Suzuka-Tests eine Woche vor dem Grand Prix Alarm.In der Qualifikation herrschte bereits ab Freitagnachmittag launisches, regnerisches Wetter, das es den Piloten nicht erlaubte, nach neuen Abstimmungsvarianten zu suchen. Als am Sonntagmorgen wieder die Sonne schien, gab Barros im Warm-up zu ungeduldig Gas und stürzte in jener schnellen Rechtskurve, in der es am Freitag bereits Melandri erwischt hatte.Auch Barros schlug in die Streckenbegrenzung ein, wobei sein linkes Knie überdehnt wurde. Die Folge: üble Bänderzerrungen und Knorpelverletzungen. Obwohl er kaum gehen konnte, kämpfte er sich als bester Yamaha-Pilot auf Rang acht. Trotz des tollen sechsten Platzes von Colin Edwards auf der Dreizylinder-Aprilia gibt es im Moment nur ein Werk, das Honda das Wasser reichen kann. Ducati-Star Loris Capirossi zischte vom 15. Startplatz binnen einer Runde wie ein geölter Blitz in Führung und gab bis in die fünfte Runde hinein den Ton an, bevor er von Rossi und wenig später Max Biaggi eingefangen wurde. Bis zum Zieleinlauf verlor Capirossi trotzdem nur acht Sekunden und sicherte sich beim Renndebüt der Desmosedici einen sensationellen Podestplatz.Weil Troy Bayliss die Mannschaftsleistung durch den fünften Platz untermauert hatte, herrschte bei Ducati so viel an eitler Freude, wie es die tragischen Umstände zuließen. »Das ist am oberen Ende unserer Erwartungen”, grinste Ducati-Rennchef Claudio Domenicali. »Das Wetter hat uns das Training vermiest, wir konnten nicht so viel über die Strecke lernen, wie wir eigentlich wollten. Beide Fahrer standen in der vierten Reihe, doch ihre Starts waren einfach unglaublich.”Das «großartige Resultat im Hinterhof der japanischen Werke” entzückte auch Ducati-Präsident Federico Minoli, während bei Honda bereits über eine weitere Nachrüstung sinniert wurde. Neben zusätzlichem Tuning der V5-Maschine laufen bereits ein V6 und ein V3 auf dem Prüfstand, noch in diesem Jahr sollen entsprechende neue Prototypen getestet werden. Die einzige Leistungsdrossel ist der auf 24 Liter limitierte Kraftstofftank. So ruckelte die Kawasaki von Andrew Pitt, der sich mit seinem australischen Teamkollegen Garry McCoy ein Duell um Platz 16 lieferte, mit Ach und Krach und den letzten Benzintropfen über die Distanz, und in der Auslaufrunde blieb die Honda von Valentino Rossi stehen. Der Sieger kehrte winkend auf dem Heckbürzel von Noriyuki Haga in die Boxengasse zurück.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote