Grand Prix Japan in Suzuka (Archivversion) Mission erfüllt

Honda triumphierte zum Grand-Prix-Auftakt in allen drei Klassen. Für den 500. WM-Sieg der Marke sorgte Valentino Rossi im hochspannenden Halbliter-Rennen.

Die Forderung von Kenny Roberts war denkbar einfach: Mehr Power beim Beschleunigen wollte der Weltmeister haben, um ebenso gut wie Honda und Yamaha aus den Kurven beschleunigen und seinen Titel in der Königsklasse verteidigen zu können. Schwierig war nur die Umsetzung. Wegen größerer Überströmkanäle mussten die Zylinder des kompakten Suzuki-V4-Motors auseinander gerückt werden. Die Neukonstruktion des Gehäuses zog ein neues Design des Fahrwerks mit mehr Platz und anderen Aufhängungspunkten für den Motor nach sich. Statt zusätzlicher Leistung häuften sich während der Wintertests aber die Motorschäden, außerdem hielt das Motorrad die Spur nicht mehr. Erst bei den letzten Tests vor Saisonstart wurden versuchshalber Versteifungsstreben eingeschweißt – und schon lag die Maschine wieder wie ein Brett.Die nötige Leistung und die gewohnte Zuverlässigkeit hatte die Maschine damit beim Grand-Prix-Auftakt im japanischen Suzuka noch lange nicht. Nach acht Defekten allein am Trainingssamstag in die dritte Startreihe zurückgeworfen, kämpfte Roberts im Rennen auch noch mit einem Reifen, der sich rund um die Lauffläche aufzuspalten begann. »Wir stecken in einer Krise. Die Weiterentwicklung, auf die wir gehofft hatten, hat bislang nicht stattgefunden«, fasste der Weltmeister nach Platz sieben entäuscht zusammen.Wie man es richtig macht, demonstrierte Honda. Schon beim letztjährigen WM-Finale in Australien wurde die komplett neu konstruierte NSR 500 erstmals getestet und danach systematisch auf den Fahrstil Valentino Rossis abgestimmt. Die Mission hieß gar, die bisherige Zahl von 497 Siegen schon in Suzuka mit Triumphen in allen drei Klassen auf die vollen 500 aufzurunden, und nachdem Masao Azuma schon bei den 125ern und Daijiro Katoh bei den 250ern gewonnen hatte, schien nichts mehr unmöglich.Rossi wurde in der Anfangsphase des Rennens von Yamaha-Piloten umschwärmt, als habe er in ein Wespennest gestochen. Vor allem sein Erzrivale Max Biaggi sorgte für Spannung. Am besten vom Start weggekommen und seinerseits mächtig von seinen Markengefährten Nakano und McCoy unter Druck gesetzt, schlug der Römer immer wieder zurück und nahm Rossi aufs Korn. Einmal bedrängte er ihn eingangs der Zielgeraden derart mit dem linken Ellbogen, dass Rossi von der Strecke musste und mächtig Staub aufwirbelte, bevor er sich wieder einfädeln konnte. »Motocross bei Tempo 220 ist eine etwas zu elektrisierende Erfahrung für mich. Und weil das Manöver nicht gerade fair war, habe ich Biaggi später beim Überholen den Finger gezeigt«, schimpfte Rossi.Doch weder Biaggi noch einer der anderen sieben Yamaha-Werkspiloten konnte den dritten Honda-Sieg und die Show eines strahlenden Rossi auf einer langen Ehrenrunde verhindern. Was den Geschlagenen blieb, war die Hoffnung, den Spieß bald umdrehen zu können. »Es gab viele Feindberührungen, außerdem hätte ich fast die Maschine des stürzenden Tohru Ukawa gerammt, das hat mich zurückgeworfen«, entschuldigte sich Max Biaggi für seinen dritten Platz. Neben dem Italiener brannte vor allem auch der zweitplatzierte Garry McCoy auf Revanche. »Die vielen lang gezogenen Kurven passen eigentlich gar nicht zu seinem Fahrstil. Hier kann er nicht wie üblich frühzeitig zu driften beginnen, sonst findet er gar nicht mehr aus der Kurve heraus«, verriet McCoys Cheftechniker Hamish Jamieson. »Dafür ist unser zweiter Platz ein großartiges Ergebnis.«Weit weg vom Sieg war keiner der großen Yamaha-Stars, auch wenn Carlos Checa mal wieder ausrutschte und Vorjahresieger Norick Abe mit Platz vier zufrieden sein musste. »Vom Speed her sind wir Kopf an Kopf, die alte Regel, dass Honda uns beim Beschleunigen Meter abnimmt, gilt nicht mehr«, rieb sich Jamieson die Hände. »Höchstleistung ist längst nicht mehr das Thema, es kommt nur noch darauf an, wer die Leistung am schonendsten auf den Boden bringt und auch nach 20 Runden noch Reifengrip zur Verfügung hat.« Nur: Honda konnte das entscheidende Quäntchen in die Waagschale werfen. »Vom Speed her gibt’s kaum Unterschiede«, bestätigte Kenny Roberts senior beim Zuschauen am Streckenrand. »Doch es ist die alte Geschichte: Die Honda verzeiht im Zweikampf mehr und hat dort, wo es über 100 Prozent Einsatz hinaus geht, mehr Reserven.«Um solche Feinheiten ging es in der 250er-Klasse nicht: Daijiro Katoh gewann mit satten 18 Sekunden Vorsprung seinen vierten Suzuka-GP und bestätigte die schon während der Vorsaisontests gezeigte, geradezu stratosphärische Form im Jahr zwei seiner GP-Karriere. Aprilia tröstete sich mit den Plätzen, wobei Tetsuya Harada zum 250-cm3-Comeback nach seiner glücklosen Zeit mit dem Halbliter-V2-Projekt kräftig aufdrehte und Roberto Locatelli im Endspurt zum Zielstrich den zweiten Platz wegschnappte. Der 125 cm3-Weltmeister, der zu schnell in die Schikane eingebogen war, freute sich trotzdem über den dritten Platz zum Auftakt seiner 250er-Karriere.Als Sieger durften sich auch die deutschen Aprilia-Piloten fühlen, und zwar jeder auf seine eigene Art. Klaus Nöhles wurde von einer Grippe geschüttelt, brachte nach völlig versiebtem Start aber noch Platz 14 nach Hause. Ein Herzschlagfinale besonderer Art erlebte Alex Hofmann: Nachdem er in seiner Gruppe lange den Ton angegeben hatte, stach der Spanier Fonsi Nieto bei einer Schlussattacke in der Schikane innen rein und zertrümmerte Hofmanns vordere Bremsscheibe. Der Racing-Factory-Pilot rettete Platz zwölf ins Ziel. Teamkollegin Katja Poensgen lag wenige Minuten vor Ende des Abschlusstrainings noch klar außerhalb der Qualifikationszeit. Dann gelang der Renn-Amazone eine Show, die selbst den Auftritt im Gucci-Kleid bei der Aprilia-Teampräsentation in Italien in den Schatten stellte. »Ich habe gesagt: So, Motorrad, jetzt fahre ich mit dir, und nicht du mit mir. Ich war plötzlich locker und die Zeit war da«, freute sie sich nach dem 31. Trainingsplatz. Unverzagt fuhr Katja tags darauf das Rennen zu Ende.Weniger glücklich dagegen 250er-GP-Neuling Jarno Müller, der im Endspurt seine Honda in der Schikane wegwarf. Danach schaffte er es gerade noch, vor Philipp Hafeneger ins Ziel zu kommen, der als Schlusslicht hinter dem Feld herkurvte. »Philipp ist mental noch nicht soweit«, erklärte Temachef Olivier Liegois, der mit seiner Nummer eins, Masao Azuma, aber zufrieden sein konnte. Nachdem der lange dominante Ueda gestürzt war, schaltete Azuma im entscheidenden Moment auf Angriff und verwies Derbi-Star Youichi Ui sowie Aprilia-Pilot Simone Sanna auf die Plätze. »Zum Glück, denn die 500 Siege waren absolute Priorität – wenn ich versagt hätte, hätten mich die Honda-Leute womöglich umgebracht«, atmete Azuma auf. Ebenfalls lange versteckt blieb auch Steve Jenkner. Im Training toller Fünfter, versiebte der tapfere Sachse den Start, holte dann aber mächtig auf erkämpfte den siebten Platz. »Der Start war nicht gut, aber davon reden wir nicht – denn der nächste wird sowieso perfekt«, kommentierte er gut gelaunt.

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