Grand Prix Japan in Suzuka (Archivversion)

Max macht mobil

Ralf Waldmann stürzte bei seinem ersten 500er Grand Prix. Sein alter Rivale Max Biaggi stieg dagegen wie ein Komet zum Sensationssieger auf.

Ralf Waldmann wurde eingangs der Schikane von einem Konkurrenten bedrängt, ratterte geradeaus durchs Kiesbett und beendete die erste Runde beim Grand Prix-Saisonauftakt in Japan mit einem Sturz. »So weit hinten in der Startaufstellung war ich in den letzten zehn Jahren nicht. Das hat mich nervös gemacht«, berichtete Waldi. Ein Training hatte er wegen eines Motorschadens als Zuschauer am Streckenrand verbracht, bei den anderen sah er die schnellsten Vierzylinder mit einem Tempoüberschuß von mindestens 30 km/h an seiner Dreizylinder-Modenas vorbeibrausen und mußte sich mit Trainingsrang 17 abfinden. Teamkollege Kenny Roberts jr. war als 15. auch nicht viel schneller, erbte durch das Pech der anderen im Rennen einen mageren elften Platz und konnte Kenny Roberts senior ebenfalls nicht jenes »Wunder« bescheren, auf das der Modenas-Teambesitzer vor dem Start gehofft hatte.Daß es manchmal immer noch Wunder gibt, bewies Waldis alter 250er Rivale Max Biaggi. »Zeig´ ihnen, wozu ein vierfacher Weltmeister in der Lage ist«, raunte ihm Teamchef Erv Kanemoto am Startpatz ins Ohr, weil er wußte, daß sein Star das Selbstbewußtsein und die nötigen Nerven für den erbarmungslosen Druck der Königsklasse hatte.Prompt katapultierte sich Biaggi mit einem makellosen Start in den Führungspulk, schnellte in der zweiten Runde an den Werks-Yamaha von Norifumi Abe und Noriyuki Haga vorbei in Führung und machte sich mit fröhlicher Lässigkeit aus dem Staub. In der vierten Runde fuhr er mit vollem Benzintank zum neuen Streckenrekord, zu Rennmitte hatte er zehn Sekunden Vorsprung und zehrte anschließend von diesem Polster, bis er bei seinem 500er Debüt immer noch gut fünf Sekunden vor Tadayuki Okada als Sieger über die Linie brauste.Die anderen Profis, gedemütigt und mit ihrer klassischen Vierzylinder-Fahrkunst völlig in Frage gestellt, hinterließ Biaggi als aufgescheuchten Hühnerhaufen. John Kocinski, dem eigentlich die Rolle des Herausforderers von Weltmeister Michael Doohan zugedacht war, hatte sich im Training mehrfach die Gabel umbauen lassen, qualifizierte sich trotzdem nur als Neunter und bezeichnete seine MoviStar-Honda als schwerfälligen Eisenhaufen. Vor lauter Ehrgeiz legte er einen Frühstart hin und mußte zu einer Stop and Go-Strafe an die Box. Dabei glühte er zu schnell die Boxengasse entlang und brockte sich die nächste Zeitstrafe ein. Danach reichte es noch zu Rang 13 hinter MuZ-Star Doriano Romboni, der sich bei einem spektakulären Highsider im Training jeweils einen Zeh pro Fuß gebrochen hatte.Auch Michael Doohan fuhr nur bei den Normalsterblichen mit. Schlecht gestartet, steckte der Champion nach zwei Runden noch immer an sechster Stelle fest. Dann bog er zu ungeduldig in die erste schnelle Rechtskurve ein und wirbelte neben der Piste eine Staubfontäne auf. Der Motor seiner Repsol-Honda muß eine Menge davon geschluckt haben, denn nach einer halbherzigen Aufholjagd stellte Doohan die Maschine sechs Runden vor Schluß mit gebrochener Kurbelwelle an den Schaumstoffballen der Streckenbegrenzung ab.Hielt er seine Enttäuschung unter Kontrolle, so traktierte Norifumi Abe die Reifenstapel am Streckenrand nach einer Havarie mit wütenden Fußtritten. Mittlerweile schoben die Streckenposten seine Yamaha wieder an, worauf Abe seinen Zorn verdrängte und mit gesplitterter Verkleidung noch Rang 14 rettete. »Erst hat mich Okada, vier Runden später dann Crivillé ins Abseits geschickt. Ich hätte Zweiter werden können«, raufte sich Abe die langen, dauergewellten Haare. Die Sensation von Max Biaggi hatte sich bereits im voraus angedeutet. Nach inoffiziellen Streckenrekorden in Jerez und Barcelona hatte er auch bei den Tests der Teamvereinigung IRTA in Suzuka in der Vorwoche die schnellste Runde gedreht, bevor er seine Gegner im Abschlußtraining mit der Pole Position schockierte. »Er wird es schwer haben, dieses Tempo durchzuhalten«, so Michael Doohan, »je mehr das Motorrad mit nachlassenden Reifen zu rutschen beginnt, desto gefährlicher wird es, wenn der Reifen wieder greift. Denn wegen des neuen, bleifreien Benzins haben wir nicht mehr genügend Leistung, das Motorrad mit dem Gasgriff am Rutschen zu halten. Eine heikle Sache für uns alle. Wir werden in dieser Saison mehr Highsider sehen als in den Jahren zuvor«, beschwor der amtierende Weltmeister griesgrämig herauf.Max Biaggis Antwort auf der Strecke sprach für sich selbst. Während Doohan und seine Nachahmer wie früher spitz aufs Eck zusteuerten und sich dort gegenseitig den Weg versperrten, bevor sie wieder aufrichteten und mit qualmendem Hinterrad auf die nächste Gerade hinausbeschleunigten, vollendete Biaggi jenen Fahrstil, den auch Luca Cadalora stets als Vision gehabt hatte: weiche, runde Linien wie mit einer 250er zu wählen. »Jetzt müssen sich die anderen etwas einfallen lassen«, stellte Yamaha 125-Konstrukteur Harald Bartol fest. »Biaggis Rechnung, mit der weichsten verfügbaren Mischung einen Vorsprung aufzubauen und den Rest des Rennens reifenschonend zu Ende zu fahren, hat sich ausgezahlt«, anerkannte Yamaha-Teamchef Wayne Rainey. »Auf anderen Strecken kommst du mit einer solchen Fahrweise allerdings nicht so weit. Ich bin sicher, daß Doohan zurückschlagen wird.«Doch zunächst badete der Grand Prix-Zirkus in jener prickelnden Euphorie, die der Beginn einer neuen Ära auslöst. Ein Sieg als Halbliter-Debütant war seit dem legendären Finnen Jarno Saarinen 1973 niemandem mehr geglückt. Neider hatte Max bei seinem Husarenstück wenige; selbst der in jeder Hinsicht geschlagene Ralf Waldmann freute sich mit: »Ist doch toll, was mein alter Kampfgenosse da geleistet hat.“
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250: (Archivversion)

Die Japaner machten das 250-cm3-Rennen unter sich aus. Beim europäischen Herausforderer Aprilia lief einiges schief.
Die Wild Card-Piloten Daijiro Katoh, Shinya Nakano und Naoki Matsudo lieferten sich ein erbittertes Gefecht, und als Vorjahressieger Katoh mit seiner Castrol-Honda vor den beiden Yamaha-Werksfahrern über die Linie flitzte, war die Welt der Japaner in Ordnung. Das 48-Kilo-Fliegengewicht Katoh feierte, weil ihn der Sieg näher an die ersehnte volle Grand Prix-Saison heranbrachte. Nakano und Matsudo feierten mit, weil sie die Tür zu einem möglichen Grand Prix-Comeback der 1996 offiziell aus dem GP-Sport zurückgezogenen YZR 250-Werksmaschine aufgestoßen hatten.Bei Herausforderer Aprilia lief hingegen einiges schief. Der viertplazierte Tetsuya Harada wurde von dem Trio an der Spitze abgebürstet und klagte nach mehreren Motorschäden im Training über mangelnde Beschleunigung. Loris Capirossi wurde hinter Olivier Jacque und Suzuki-Wild Card-Fahrer Yukio Kagayama Siebter und kam zur gleichen Analyse wie seine Teamkollegen: ausreichend Topspeed, aber zuwenig Beschleunigung.Klassenneuling Valentino Rossi kam bei einer ungestümen Attacke auf den später zwölftplazierten Stefano Perugini von der Piste ab, fuhr dem Feld bis Rennmitte hinterher und schied dann mit gebrochener Kurbelwelle aus. Auch bei der Aprilia-Rennpremiere von Jürgen Fuchs war der Wurm drin. Nach einem irrtümlich vermuteten Motorschaden im Abschlußtraining - in Wirklichkeit war nur die Zündkerze kaputt - wurde seine Maschine komplett neu aufgebaut. Beim Zusammenbau bis fünf Uhr morgens unterlief den Mechanikern ein Fehler, der bis Rennbeginn nicht mehr behoben werden konnte. Fuchs startete aus der Boxengasse mit der unzureichend präparierten Ersatzmaschine und wurde 17.

125er (Archivversion)

Kazuto Sakata holte seinen ersten Grand Prix-Sieg in Japan, Kollege Tomomi Manako feierte eine fulminante Aufholjagd.
Rennveteran Kazuto Sakata hatte 1994 zwar den WM-Titel, aber noch nie den Grand Prix in Suzuka gewonnen und feierte den langersehnten Triumph um so ausgiebiger. Das eigentliche Husarenstück zum Doppelsieg für Sponsor UGT 3000 lieferten aber Tomomi Manako und sein von Mario Rubatto geführtes Honda-Team. Im Abschlußtraining von Motordetonationen auf Startplatz 18 zurückgeworfen, wurde die Maschine mit einem dickeren Auspuff vollkommen neu aufgebaut. Tags darauf ging die Aufholjagd auf der Strecke weiter: Nach einer Runde Elfter, zog Manako förmlich Kreise um seine Kollegen und blies in der letzten Runde sogar zweimal zum Angriff. »Sakata hatte deutlich mehr Power, das hat ihn gerettet. Doch ich bin trotzdem happy«, schmunzelte Manako. Marlboro-Aprilia-Werksfahrer Steve Jenkner verpaßte das Ziel, weil die Nikasilbeschichtung seines Zylinders abplatzte, reiste aber trotzdem nicht ganz unzufrieden aus Japan ab. »Nach den Tests habe ich gedacht, auweia - doch von den Rundenzeiten her lief es im Rennen super. Ich habe ruck, zuck aufgeholt und binnen zwei Runden fünf Mann überholt!« Sogar an Docshop-Pilot Masaki Tokudome war Jenkner vor seinem Ausfall längst vorbei - und der wurde immerhin Achter.

Grand Prix Japan in Suzuka (Archivversion)

Parc ferméNeuer Modenas-MotorDie letzteHoffnungKenny Roberts läßt einen neuen Modenas-Dreizylinder bauen, der Freddie Spencers Weltmeistermotor von 1983 ähnlicher ist als die derzeitige Fehlkonstruktion der britischen Tom Walkinshaw Group. Statt zwei liegender und einem stehenden hat das Aggregat künftig zwei stehende und einen liegenden Zylinder, statt einem gemeinsamen Kurbelgehäuse für zwei der drei Zylinder sind die Einheiten nun getrennt. Die Zylinder werden in streng symmetrischen Abständen von 120 Grad befeuert, eine Ausgleichswelle räumt mit den berüchtigten Killervibrationen auf. Der für den Frankreich-Grand Prix geplante Einsatz des neuen Motors wird mit Bangen erwartet: Er ist Kennys letzte Hoffnung auf einen technischen Durchbruch.Comeback in Jerez?BaylesKopfwehJean-Michel Bayle rutschte bei Vorsaisontests in Malaysia auf einem Ölfleck aus und laboriert noch immer an einem Schädeltrauma. Die ersten Wochen verbrachte er isoliert im abgedunkelten Schlafzimmer, immer noch rebelliert sein Körper gegen harmlose Aktivitäten wie Videospiele und Fahrradausfahrten mit stechenden Kopfschmerzen. Yamaha-Teamchef Wayne Rainey plante für den Weg zum Jerez-Grand Prix einen Zwischenstopp in Albacete ein, um seinem Star Testfahrten zu ermöglichen. Eine so schnelle Erholung Bayles ist allerdings keineswegs garantiert - statt eines Comebacks droht immer noch das Ende seiner Karriere.Sensation bei YamahaDer Sambavon NanbaYamahas Halbliter-Helden waren ebenso aufsehenerregend wie die kompakter gebaute und in allen technischen Details verfeinerte neue YZR 500. Der 35jährige Familienvater Kyoji Nanba, der seit zwei Jahren kein Rennen bestritten und noch nie eine 500er gesteuert hatte, wurde als Vertreter von Jean-Michel Bayle aus dem Ruhestand geholt, fuhr im Training sensationell auf Platz zwei und rutschte im Rennen nur wegen eines am Start überfluteten Vergasers auf Platz fünf. Superbike-As Noriyuki Haga, bei den IRTA-Tests der Vorwoche erstmals in den Sattel einer 500er geklettert, fuhr im Rennen nach Belieben links und rechts an Norifumi Abe vorbei, war lange Zweiter und feierte als Dritter hinter Tadayuki Okada ein tolles Grand Prix-Debüt.Aoki-BrüderRennenfür Takuma»Fahrt für mich«, feuerte Takuma Aoki seine Brüder Nobuatsu und Haruchika vor dem Suzuka-Wochenende an. Der frühere Honda-Star, seit einem Sturz auf einer Honda-Teststrecke 100 Kilometer nördlich von Tokyo querschnittsgelähmt, liegt noch im Spital und soll demnächst in eine Rehabilitationsklinik nach Amerika verlegt werden. Sein Unfall war kein Thema beim WM-Auftakt, denn Suzuki-Hoffnung Nobuatsu hatte die Presse bereits am Donnerstag gebeten, entsprechende Fragen zu vermeiden. »Die Situation ist auch so schon schwer genug. Wir wollen uns auf unseren Job konzentrieren, so gut es geht«, meinte Nobuatsu.Neuer WerksmotorBartolsBaukunstDer neueste Yamaha-Werksmotor kommt nicht aus Japan, sondern dem österreichischen Straßwalchen: Konstrukteur Harald Bartol, der die TZ 125 des Yamaha-Aral-Kurz-Teams bereits erfolgreich vom Kurzhuber zum Klassen-Standard eines quadratischen Bohrung-Hub-Verhältnisses umbaute, fertigt jetzt ein komplett neues Gehäuse. Rund zwei PS Mehrleistung sollen nicht nur sportliche Erfolge sichern, sondern auch technisch richtungsweisend sein. Hermann Kurz: »Wir rechnen damit, daß das Werk das Projekt aufgreift und künftige Motorengenerationen auf dieser Basis in Japan produziert.“

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