Grand Prix Japan (Archivversion)

Alle Neune

Wer hätte das gedacht: der japanische Jungspund Norifumi Abe räumte bei seinem Heim-Grand Prix mächtig ab und ließ der 500er Konkurrenz in Suzuka keine Chance.

Als die japanische Nationalhymne ertönte, verbarg der Jüngling auf dem Siegerpodest seine schwarzen Augen hinter der Hand, fing hemmungslos an zu weinen. Vielen der Fotografen im Zielraum und der Zuschauer auf den Rängen stiegen die Tränen in die Augen, bevor sie einen der seltenen, großen Momente im Sport ausgelassen feiern konnten: Norifumi Abe hatte in Suzuka den 500er Grand Prix gewonnen. Schon 1994 hatte Abe in Suzuka Rennsportgeschichte geschrieben, als er als Wild Card-Fahrer fast Kevin Schwantz und Michael Doohan geschlagen hätte. Obwohl der Honda-Pilot vor Erreichen der Zielflagge stürzte, wurde er in jener Dreiviertelstunde zum Weltstar. 18 Jahre alt war »Norick« damals, und als er Ende 1994 als Ersatz für den verletzten Daryl Beattie zum berühmten Roberts-Yamaha-Team stieß, wurde ihm fast schwindlig vor den Anforderungen und vor dem Erwartungsdruck, der im Team und in der dringend nach neuen Stars gierenden Öffentlichkeit herrschte. Abe stürzte gleich im ersten Training und verletzte sich. 1995 wurde es nicht viel besser, denn wo schon der erfahrene Teamkollege Luca Cadalora nicht schnell mit dieser Yamaha fahren konnte, wie hätte es der Grünschnabel im Team erreichen sollen.Vor der Saison 1996 forderte das Team eine völlige Umstellung seines Fahrstils, und als Abe in den ersten Rennen noch hinterherfuhr, zündete Teamchef Kenny Roberts seine Kritik und warf ihm Konditionsschwächen vor.Ein Sturz am ersten Tag in Suzuka und Platz elf im Abschlußtraining waren wie Wasser auf Kennys Mühlen. Keiner hätte einen Pfifferling auf Abe gewettet, und die Last auf Abes Schultern und der Druck in der Magengrube hätten größer nicht sein können, als er anderntags vor seinen Fans und vor den Augen der japanischen Konzerndirektoren zum japanischen Grand Prix an den Startplatz rollte.Doch dann zeigte der Jüngling endlich wieder einmal, aus welchem Holz er geschnitzt ist. In Runde fünf noch Fünfter, setzte er alles auf eine Karte, überholte zunächst Alex Crivillé und Alexandre Barros, um in Runde acht den staunenden Michael Doohan abzuledern und seine Führung anschließend kontinuierlich auszubauen.Obwohl er von seinen Verfolgern bald in Ruhe gelassen wurde, hatten die Fans keineswegs Langeweile. Abe brannte auf seiner feuerroten Yamaha derart wild driftend durch die 200-km/h-Kurven und zeichnete beim Beschleunigen so beeindruckende schwarze Striche auf den Asphalt, daß er vom Publikum schon nach der Hälfte des Rennens stürmischen Szenenapplaus bekam, wo immer er auch auftauchte. »Ich bin froh, daß ich nicht gestürzt bin«, atmete er nach Erreichen des Zielstrichs auf und zeigte wieder jenes weltberühmte, strahlende Lachen, bei dem die Augen im Gesicht zu verschwinden scheinen.Abe wußte auch die richtige Antwort auf die Frage nach dem Geheimnis für seinen überraschenden Erfolg. »Ich habe mir die Ratschläge von Kenny zu Herzen genommen und meinen Fahrstil Zug um Zug umgestellt. Offensichtlich habe ich jetzt den richtigen Stil gefunden«, grinste er. »Der zweite Grund ist, daß ich meine Heimstrecke hier in Suzuka kenne wie meine Westentasche. Ich wollte diesmal unbedingt einen guten Eindruck machen«.Und den hinterließ er bei allen; bei Wayne Rainey, den Chef des zweiten 500er Yamaha-Werksteams, der den Ausfall von Loris Capirossi wegen eines gebrochenen Schalthebels beklagte; bei seinen eigenen Teamkollegen Bayle und Roberts junior, die mit den Reifen verwachst hatten und als Achter und Zwölfter einliefen; und auch beim großen King Kenny selbst. »Als Abe anfing zu weinen, hätte ich fast mitgeheult«, bekannte Roberts senior. »Es war ein heißer Ritt! Er fuhr die richtigen Linien und legte in den Kurven nicht zu weit um. Das wird seinem Selbstvertrauen den richtigen Schub nach vorn geben. Er ist noch kein Michael Doohan, aber er lernt hinzu.«Der Weltmeister selbst hatte schon im Training Schwierigkeiten. Doohan qualifizierte sich an ungewohnter siebter Stelle, weil er sich darüber aufregte, daß alle Welt seinen Windschatten suchte und er stets die Lokomotive für andere spielen mußte. In der Auslaufrunde nach dem Training machte er seinen Kollegen mit ziemlich unanständigen Handbewegungen klar, was er von ihnen hielt.Als er im Rennen an der Spitze auftauchte, schien der Weltmeister wieder seine Normalform erreicht zu haben, doch kurz nach Abes Überholmanöver verließ ihn abermals der Drive. Diesmal hatte der Rückfall an die sechste Stelle freilich technische Gründe: Doohan rettete sich mit einem schleichenden Plattfuß am Vorderrad und gerade noch der Hälfte des üblichen Luftdrucks über die Runden. »Ich war hinter Alex Barros auf der Gegengeraden, als er beim Ausscheren hinter einem Gegner von der Strecke geriet. Wahrscheinlich habe ich bei dieser Aktion irgendetwas mit dem Vorderrad aufgegabelt«, vermutete Doohan.Barros verabschiedete sich wenig später mit einem Sturz aus dem Rennen und der WM-Führung, der unglückliche Luca Cadalora gab wegen heftigem Untersteuern seiner weißen Kanemoto-Honda auf und hoffte nun auf bessere Zeiten bei der Europasaison, die am 12.Mai mit dem spanischen Grand Prix in Jerez beginnt.Nach schnellen Trainingsrunden kam diesmal endlich auch Tadayuki Okada heil ins Ziel. Der Honda-V2-Pilot hielt sich lange an sechster und fünfter Stelle auf, marschierte dann im Triumphzug am erlahmenden Doohan vorbei und wurde großartiger Vierter.Damit stahl er seinem Zweizylinder-Rivalen Doriano Romboni die Show, denn im Abschlußtraining war nicht etwa Okada, sondern der Italiener mit seiner Aprilia RSV 500 im Blitzlichtgewitter der Fotografen gestanden. Okada, der das verregnete Freitagstraining auf den breiten 180-Millimeter-Walzen der V4-Maschine bestritt, weil Michelin noch keine schmalere Regenreifen-Backform für den Zweizylinder gebaut hatte, erreichte wegen Federungs- und Getriebesorgen im trockenen Abschlußtraining nur Platz acht. Romboni trumpfte hingegen mit dem zweiten Startplatz auf. »Das kühle Wetter ist für uns besser als die Äquatorhitze von Malaysia oder Indonesien. Der Motor setzt weniger hart ein und hat mehr Power, außerdem haben unsere Dunlop-Reifen mehr Grip«, erläuterte Romboni. Er erreichte nach schlechtem Start im Rennen immerhin Rang sieben - noch vor 500er Neuling Jean-Michel Bayle auf der Werks-Yamaha ,den spanischen Honda V4-Piloten Alberto Puig und Carles Checa sowie dem Japaner Shinichi Itoh auf der zweiten Zweizylinder-Honda.Den besten Start hatte der japanische Suzuki-Pilot Katsuaki Fujiwara erwischt, der nach einer gescheiterten Premiere als Ersatz des verletzten Daryl Beattie in Malaysia die zweite Bewährungsprobe als Wild Card-Pilot bestand und vier Runden lang überlegen vorausglühte. Dann fing die Zündung an verrückt zu spielen, worauf Fujiwara wieder vom Feld verschluckt wurde und nach vielen Aussetzern und der Hälfte des Rennens das Handtuch warf.Umgekehrt machte es Daryl Beattie. Bei Trainingsplatz 17 hatte er noch Mühe, in Schwung zu kommen, arbeitete sich im Verlauf des Rennens aber immer zielstrebiger nach vorn, überholte am Schluß seinen Landsmann Doohan und wurde Fünfter. Noch fröhlicher schrie Teamkollege Scott Russell auf der Auslaufrunde unter seinem Helm hervor: Nach der ersten Runde noch Siebter, buchte der frühere Superbike-Weltmeister trotz Mangel an Topspeed, aber dank viel Punch seiner Suzuki beim Beschleunigen, als Dritter den ersten GP-Podestplatz seiner Karriere. Suzuki war auch eine Überraschung in der 250er Klasse. Der mutige Noriyasu Numata ließ im Regentraining am Freitag als Zweiter aufhorchen und sorgte mit Platz drei im trockenen Abschlußtraining auf der seit 1993 von den Grand Prix verschwundenen, aber stets weiterentwickelten Suzuki RGV 250 wieder für allgemeines Erstaunen. Wie ein geölter Blitz zuckte der japanische Meister am Start davon, führte drei Runden lang und mußte dann nur noch den überlegen auftrumpfenden Max Biaggi davonziehen lassen. Den Rest des Feldes hatte Numata souverän unter Kontrolle, war vor lauter Ehrgeiz mit Platz zwei aber immer noch nicht zufrieden. »Ich wollte Biaggi unbedingt schlagen, aber meine Reifen rutschten wild durch die Gegend«, zürnte er, bevor er seinen Erfolg dann doch genoß und mit Biaggi auf dem Podest um die Wette strahlte.Der hatte sich zwar bei Aprilia zunächst mal eine Abfuhr geholt, als er auf vorsichtige Anfrage hin mal eben 2,8 Millionen Dollar für eine Saison auf der RSV 500 forderte, doch das italienische Wunderkind schafft es immer wieder, seinen Marktwert mit makellosen Rennen zu unterstreichen. Der erste Aprilia 250-Sieg auf der Honda-Hausstrecke in Suzuka kam einem Vernichtungsschlag für die japanische Konkurrenz gleich. Zumal auch Biaggis Erzrivale Tetsuya Harada mit zerzauster Kombi ohne einen Punkt von der Strecke stolperte. »Mein Fehler«, gab der Yamaha-Werkspilot zu, als er unmittelbar nach der schnellsten Rundenzeit an dritter Stelle liegend einen Highsider produziert hatte. »In einer schnellen Bergauf-Linkskurve brach das Hinterrad aus. Es passierte zu schnell für jede Reaktion«.Trotz des hohen Tempos und des an dieser Stelle knapp bemessenen Sturzraums kam der Vizeweltmeister mit einem Bruch eines rechten Mittelhandknochens davon, was Teamchef Wayne Rainey aufatmen ließ. »Ich bin vor allem froh, daß Tetsuya okay ist. Bei einem Heim-Grand Prix ruht eine Menge Druck auf den Fahrern. Aber wir können unser Ziel, den WM-Titel immer noch erreichen«.Ralf Waldmann wird seine Saisonplanung, auch nach Punkten tüchtig um die Weltmeisterschaft mitzufahren, hingegen allmählich korrigieren müssen. Im sintflutartigen Regen des Vorjahres strahlender Sieger, kam er diesmal nach einem neunten Platz im Training nicht über Rang acht im Rennen hinaus und liegt in der Tabelle derzeit nur an sechster Stelle. »So schlimm verwachst habe ich noch nie. Es ist das erste Mal, daß ich bei der Reifenwahl so richtig danebengegriffen habe«, stellte er nach Rennende fest. »Den Start habe ich voll versiebt, bin dann aber wieder herangekommen und dachte, ich könne mich in der Spitzengruppe halten. Doch ab Runde zehn bin ich so brutal gerutscht wie noch nie«.Teamkollege Jürgen Fuchs, der denselben Reifen verwendete, kam noch drei Plätze hinter Waldi ins Ziel und mußte mitansehen, wie der zweite Werksfahrer-Neuling, Olivier Jacque, hinter dem 19jährigen Wild Card-Fahrer und Honda-Star Daijiro Kato Platz vier abräumte. Dabei verpaßte der erstaunliche Franzose das GP-Podest nur wegen eines kleinen Fehlers in der letzten Runde. »Ich stand in der S-Kurve quer und verlor die entscheidenden Meter auf Kato«, schilderte Jacque. »Doch es war ein harter Kampf gegen die Japaner. Zwischendurch zerbrach ich meine Windschutzscheibe, außerdem trug ich eine schwarze Reifenspur von Kato oder Ukawa auf meiner Kombi davon«.Ähnlich hart war der Kampf in der 125-cm³-Klasse, und obwohl Masaki Tokudome in der letzten Runde auf Rang vier zurückfiel und nur durch eine Fügung des Schicksals wieder nach vorn kam, hatte er den zweiten Saisonsieg und Platz eins in der WM-Tabelle voll verdient. 15 von 18 Runden lang hatte er den Ton angegeben und die Angriffe seiner zumeist japanischen Herausforderer immer wieder erfolgreich pariert. Dann zwängten sich Aoki, Saito, Perugini und Ueda vorbei, und jetzt ging es derart drunter und drüber, daß es selbst den Eurosport-Kommentatoren die Sprache verschlug und Teambesitzer Rolf-Peter Ditter am Monitor »schier einen Herzinfarkt« erlitten hätte.Erst ließ sich Perugini in einer langgezogenen Kurve so brutal nach außen treiben, daß Saito ins Gras mußte und zu Boden ging. Später war der sonst so beherrschte Saito nur mit Mühe davon abzubringen, in die Box des Italieners einzudringen und ihm eine Tracht Prügel zu verpassen.Freilich hatte sich Perugini in der berüchtigten Schikane vor dem Erreichen des Zielstrichs bereits selbst bestraft: Ohne Feindeinwirkung brach beim Anbremsen das Hinterrad seiner Aprilia aus, Perugini kugelte ins Kiesbett, rappelte sich aber wieder auf und erreichte mit letzter Kraft als noch 13. das Ziel.Wenige Meter vor ihm kamen sich bei derselben Gelegenheit Aoki und Ueda in die Quere. Aoki verbremste sich und rutschte mit querstehendem Motorrad nach links fast von der Strecke, Ueda, der ihn eigentlich hatte außen angreifen wollen, hatte plötzlich keinen Platz mehr und verpaßte die enge Rechtskurve ebenfalls. Lachender Dritter war Masaki Tokudome. »Ich erwischte Perugini auf der Gegengeraden, hatte mich danach aber schon mit Platz drei abgefunden und konzentrierte mich nur noch auf eine möglichst enge Linie vor der Schikane, um einen eventuellen Konter abzuwehren. Das war mein Glück, denn plötzlich waren Aoki und Ueda links aus meinem Gesichtsfeld verschwunden. Ich huschte innen vorbei und hatte freie Bahn«, strahlte Tokudome. »Es ist unglaublich, daß Aoki einen solchen Fehler machte. Ich bin natüerlich überglücklich und kann es nicht fassen, hier in Japan vor meinen eigenen Fans gewonnen zu haben«. Weltmeister Haruchika Aoki nahm seine Niederlage gewohnt trocken zur Kenntnis: Er entschuldigte sich, er habe geradeaus geschaut und keine Zeit zum Bremsen gehabt.Hinter dem furchtlosen Trio erreichte Tomomi Manako, Schützling von Mario Rubatto im deutschen United Grey-Team, einen vielversprechenden vierten Platz. Fünfter wurde Manfred Geissler und buchte damit den bislang schönsten Erfolg seiner GP-Karriere. »Am Start ließ ich die Kupplung zu früh schnalzen und fiel zurück, bei meiner Aufholjagd kam mir noch einmal ein Japaner in die Quere und drängte mich ab. In den letzten Runden war ich so konzentriert, daß ich überhaupt nicht mitbekam, daß ich schon Fünfter war, erzählte Tex begeistert.Mit diesem Erfolg war der Nachwuchsmann des von Harald Eckl geleiteten Marlboro-Aprilia-Teams auch bester Deutscher, denn seine berühmten Landsleute bekleckerten sich in Suzuka aus unterschiedlichen Gründen nicht gerade mit Ruhm. Peter Öttl, der Star im deutschen Aprilia-Team, fiel nach fünf Runden toller Führung wegen gebrochener Zündkerze aus, Dirk Raudies gab nach vier Runden an aussichtsloser Stelle auf und tuckerte zur Box. »Das Hauptproblem war der Fahrer«, berichtete Dirk mit schonungsloser Selbstkritik. »Ich bin das ganze Wochenende nicht mit dem Motorrad zurechtgekommen und kann nicht einmal sagen, ob es nun an mir liegt oder an dem Karren. Wenn es so saukalt ist, wird es für mich doppelt schwierig. Ich bin brutal enttäuscht, und es tut mir leid für meine Jungs, die ohne Ende gewühlt und gerackert haben. Daß ich ohne technischen Ausfall nicht in die Punkte gekommen bin, gab´s noch nie!“
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Grand Prix Japan in Suzuka (Archivversion)

Parc fermé:GP-SpielregelnKonstrukteurean die MachtIm Tauziehen um die Macht im Grand Prix-Sport zerren nach der Teamvereinigung IRTA und der TV-Agentur Dorna nun auch die Konstrukteure an einem der vielen Seilenden. Bei einem Gipfeltreffen in Genf in der Woche vor dem japanischen WM-Lauf einigte sich die Grand Prix Manufacturers Association (GPMA) mit der internationalen Motorradsport-Föderation FIM darauf, die technischen und sportlichen Regeln im Grand Prix-Zirkus ab 1997 selbst in die Hand zu nehmen. »Dann ist es mit Fehlentscheidungen wie dem unsinnigen Ersatzmaschinenverbot oder dem neuen Gesamtgewicht bei den 125ern vorbei«, triumphierte Aprilia-Teamdirektor Carlo Pernat, dessen Firma nach Jahren der Rivalität mit Honda, Yamaha, Suzuki und Cagiva nun endlich auch der GPMA beitrat, um eine Einheitsfront gegen die selbstherrliche IRTA bilden zu können. Denn die hatte die Regeln in den letzten fünf Jahren weitgehend im Alleingang ausgeheckt und trat dabei immer wieder ins Fettnäpfchen. »Wir haben der IRTA die Hand gegeben, und sie hat den ganzen Arm genommen. Jetzt ist es Zeit, daß die FIM wieder die Regie übernimmt. Die IRTA soll sich um die Starterfelder und um die Organisation im Fahrerlager kümmern. Die Politik hat sie nicht zu interessieren«, verkündete der neue FIM-Präsident Francesco Zerbi. Die Vereinbarung mit der GPMA ist freilich nicht nur ein erfolgreicher Schlag gegen die IRTA, sondern auch ein Stück Zukunftssicherung: Bislang hielt die mittlerweile mit der IRTA verkrachte Dorna die Rechte über das Regelwerk in Händen, gab sie aber in einer Sondervereinbarung an Zerbi zurück. Einem eventuellen Verkauf der hochverschuldeten Dorna nimmt das die politische Brisanz.elf 500Big Bang,Big BudgetIRTA-Präsident und elf 500-Teamchef Michel Métraux stellt sein Unternehmertalent auch in seinem Rennstall immer wieder unter Beweis: Jetzt köderte der erfolgreiche Schweizer Geschäftsmann den Getränkekonzern Pepsi als Sponsor, der seine Softdrinks künftig über das elf-Tankstellennetz in England, Frankreich, Deutschland und der Schweiz vertreiben und einen Großteil der auf 4,5 Millionen Schweizer Franken pro Jahr bezifferten Kosten des Teams abdecken wird. Eigentlich war die Premiere der elf 500 in Pepsi-Farben schon für Suzuka geplant, wurde aber auf den Spanien-Grand Prix Anfang Mai verschoben: Pepsi präsentiert demnächst ein neues, weitgehend in blau gehaltenes Logo und wollte die Premiere nicht vorwegnehmen, die angesichts der Ergebnisse in Suzuka - Sturz für Adrian Bosshard, Ausritt und Schlußrang 18 für Juan Borja - verheerend verlaufen wäre.Eine technische Neuerung an der von einem Swissauto-V4-Motor angetriebenen elf 500 ist für den Juni geplant. Nachdem Swissauto-Konstrukteur Urs Wenger zu Saisonbeginn noch gehofft hatte, ohne das für eine sanftere Leistungsabgabe bekannte Big Bang-Prinzip auszukommen, macht sich das kleine Schweizer Motorenwerk nach dem verheerenden Reifenverschleiß in den ersten Rennen nun doch eiligst an die Entwicklung eines V4 mit eng aneinandergerückter Zündfolge und einer Ausgleichswelle wegen der zu erwartenden Vibrationen. Der Clou daran: Um die Zündfolge in kleinen Schritten variieren und das Optimum mit vertretbarem technischem Aufwand herausfinden zu können, sind Kurbelwelle und Ausgleichswelle wie bei der Honda NSR 500 verstellbar.Klassenwechsel 1996?Der Traum vonHermann KurzYamaha 125-Teamchef Hermann Kurz ist seit Saisonbeginn wahrlich nicht vom Glück verwöhnt. Ein Teil seiner Moto Cross-Piloten haderte mit Verletzungspech, seine GP-Fahrer Yoshiaki Katoh und Youichi Ui erlebten in Malaysia und Indonesien ein Desaster. In Japan kam der umtriebige Schwabe erstmals in diesem Jahr persönlich zu einem Grand Prix und stand seinen Renningenieuren Harald Bartol und Heinz Röhrich bei der technischen Revision der 125 cm-Aggregate mit Rat und Tat zur Seite - nur, um mit den Kolbenklemmern im Rennen den nächsten Tiefschlag zu erleben. Weil es ab jetzt nur noch aufwärts gehen kann, stattete kurz dem Yamaha-Werk einen Besuch ab, um das Terrain für künftige Großtaten zu sondieren. »Ui ist ein Ausnahmetalent, mit einer Intuition aus dem Bauch, die ihn vor dem Start eines Rennens in eine ganz andere psychische Ebene hebt«, erklärte Kurz. »Für den Fall, daß Tetsuya Harada Weltmeister wird und in die Halbliterklasse wechselt, habe ich den Traum, das offizielle Yamaha 250-Team zu übernehmen und Ui sowie einen zweiten, europäischen Fahrer ins Gefecht zu schicken.« Um solch ehrgeizige Projekte finanzieren zu können, ist das blitzsaubere Team mit den schönen, wie Silberpfeile daherkommenden Motorrädern auf Sponsorsuche. Derzeit ist die Elektronikfirma Toshiba als möglicher Geldgeber im Gespräch.Trennung von Yamaha?Roberts kämpftsich durchWährend das Team von Hermann Kurz und das von Wayne Rainey bei Yamaha Hochachtung genießen, kämpft Kenny Roberts mit seinem Halbliterteam um seine Stellung im Werk. Jahrelang übte er harsche Kritik am laschen Entwicklungstempo der Rennabteilung, worauf ihm heftiger Gegenwind ins Gesicht zu blasen begann. Seit Saisonende 1995 ist sein wichtigster Verbündeter Kazunori Maekawa seinen Posten als Yamaha-Rennchef los, seine Nachfolger beschränkten die Zusammenarbeit und den Informationsaustausch mit Roberts auf das notwendigste Minimum. Daß Roberts seine Europazentrale derzeit ins britische Banbury und damit in die Nähe wichtiger Formel 1-Technikbetriebe verlegt, nährte Gerüchte, wonach die jahrzehntelange Ehe zwischen Roberts und Yamaha zum Jahresende endgültig in die Brüche gehen könnte und King Kenny danach den seit Jahren gehegten Traum eines eigenen Halbliter-Projekts verwirklichen will. »Die Gerüchte interessieren mich einen Dreck. Wir haben schon im letzten Jahr allen Stürmen getrotzt und werden das auch in diesem Jahr tun. Denn wir sind immer noch das beste Team und leisten mehr an wertvoller Entwicklungsarbeit als alle anderen«, sagte er bereits während des Trainings. Dann gewann Norifumi Abe ein historisches Rennen - und landete auch für den gebeutelten Teamchef einen wichtigen Sieg.Beatties neuer LookComebackmit GlatzeKenny Roberts junior bestritt in Suzuka sein erstes Rennen der Saison und stieg zum Schutz des vor Saisonbeginn gebrochenen rechten Beines erst einmal in einen von Michael Doohan geborgten Spezialstiefel. »Ich hätte schon in Malaysia fahren können, doch wegen des ganzen technischen Aufwands hätte die Entscheidung zwei Wochen zuvor gefällt werden müssen. Und da war das Bein noch in Gips«, erzählte KR junior und hielt ein Plauderstündchen mit Daryl Beattie, der nach einem heftigen Sturz bei Testfahrten und dadurch bedingten Gleichgewichtsstörungen ebenfalls erst in Japan zum Comeback antrat. Allerdings hatten selbst die intimsten Teammitglieder Schwierigkeiten, ihren Star zu erkennen: Während Freundin Meg ihren Blondschopf schulterlang trimmte, rasierte sich Beattie die braunen Locken kurzerhand völlig vom Kopf und tauchte zum Entsetzen von Teamfotograf Yves Jamotte mit spiegelblanker Glatze auf. Vermutungen, der Kahlschlag habe medizinische Gründe gehabt, dementierte Beattie. »Ich hatte einfach Langeweile«, grinste der Australier.

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