Grand Prix Katalonien in Barcelona (Archivversion)

Frère Jacque

Die Chesterfield-Yamaha-Stars dominieren die 250er-WM: Olivier Jacque gewann in Barcelona, Shinya Nakano baute seine WM-Führung aus.

Das ungemütliche Nieselwetter beim Katalonien-Grand-Prix jagte dem tatendurstigen Ralf Waldmann keinen Schrecken ein. »Die Motorleistung lässt sich neuerdings sehr angenehm dosieren. Seit dem Le Mans-Grand-Prix weiß ich: Ich kann mit der Aprilia auch im Regen sehr schnell fahren”, rieb er sich die Hände.Nur an den weißen Markierungsstrich auf der Startlinie dachte er nicht. Waldi fiel aus der ersten Reihe mit hilflos durchdrehendem Hinterrad tief ins Mittelfeld zurück, blies dann zu einer fulminanten Aufholjagd und war nach zwei Runden bereits an sechster Stelle. Seiner Pechsträhne fuhr er trotzdem nicht davon: Schon in Le Mans und Mugello gestürzt, rutschte sein Motorrad nun abermals unbarmherzig übers Vorderrad ins Aus. Wenigstens hatte die Maschine kaum Kratzer, so dass er wieder aufspringen, weiterfahren und noch den siebten Platz retten konnte. Den geplanten Sieg im 250er-Rennen holte allerdings einer seiner Erzrivalen ab. Olivier Jacque, von Ralf Waldmann ob seiner wenig rücksichtsvollen Überholmanöver schon vor Jahren »Jacque attack” genannt, machte dabei auch vor seinem jungen japanischen Teamkollegen Shinya Nakano nicht halt. 19 Runden lang fuhren die beiden Chesterfield-Yamaha-Silberpfeile auf der zunächst nassen, dann aber auf der Ideallinie allmählich abtrocknenden Strecke wie das doppelte Lottchen hintereinander her. Dank weicher Regenreifen führte Nakano zunächst souverän, kam mit der Zeit jedoch zunehmend unter Druck von Jacque und Honda-Star Tohru Ukawa, die etwas härtere Hinterradmischungen gewählt hatten. Eingangs der 20. Runde, am Ende der Zielgeraden, witterte Ukawa seine Chance und scherte aus dem Windschatten aus, um sich innen in Führung zu bremsen. Jacque fühlte sich ebenfalls eingeladen und versuchte sein Glück noch weiter innen. Nebeneinander schlingerte das Trio auf den viel zu schmalen trockenen Streifen am Eingang der ersten Kurve zu. Nakano wurde nach außen auf den feuchten Asphalt abgedrängt, überbremste das Vorderrad, fuhr geradeaus und konnte den Sturz mit ausgestrecktem Bein gerade noch verhindern. Jacque hatte innen das bessere Ende für sich, machte im Finale nochmals kräftig Druck und gewann souverän. Auf dem Podium traf sich das Trio wieder, doch Nakano war nicht im Geringsten beleidigt über den entgangenen Sieg. »Nach zwei Trainingsstürzen war es mir sowieso am wichtigsten, sicher ins Ziel zu kommen. Ich freue mich, dass Olivier endlich mal wieder gewonnen hat”, meinte der 22jährige Japaner vergnügt. Auch Teamchef Hervé Poncharral rang erfolgreich um Fassung. »Ein solches Rennen mitanzuschauen ist für kein Teammitglied leicht”, rieb er sich die Schweißperlen von der Stirn. »Doch wirklich, es freut sich jeder für Olivier. Er ist nun in seiner sechsten WM-Saison, war die letzten beiden Jahre verletzt, und wird jetzt endlich wieder stark. Es gibt nichts, was er sich sehnlicher wünscht, als Weltmeister zu werden.” Das verbindet die beiden Chesterfield-Piloten, den wilden Einzelgänger Jacque und den zuvorkommenden, freundlichen Nakano. Trotz der Rivalität im Kampf um den WM-Titel und trotz der unterschiedlichen Charaktere herrscht beispielhafte Harmonie im Team. Vielleicht, weil die beiden viel zu gut und viel zu stolz sind, um sich auf das Nieveau teaminterner Grabenkriege herabzulassen. Vielleicht auch, weil beide den aufrichtigen Poncharral viel zu gut kennen, um Diskussionen um Teamstrategien oder gar Teamorders heraufzubeschwören. »Wir werden niemals dem einen oder anderen Vorteile verschaffen, weil er Franzose oder Japaner ist oder weil er in der WM-Tabelle ein paar Punkte mehr hat”, hält Poncharral kategorisch fest. »Zum Rennfahren braucht man Geld, deshalb kümmere ich mich um Sponsoren, um den Betrieb am Laufen zu halten. Darüber hinaus bin ich aber Sportsmann!” Als solcher ist es für Poncharral von viel größerer Bedeutung, dass seine Fahrer seit Saisonbeginn mit der Konkurrenz um die Wette fahren können: »Uns fehlt zwar immer noch Motorleistung und Topspeed, aber dafür ist die Leistungsentfaltung besonders gleichmäßig und das Fahrwerk glänzend ausbalanciert. Mugello und Barcelona waren eigentlich Angststrecken für uns. Doch es hat sich wieder mal gezeigt, dass gute Rundenzeiten nicht nur auf der Geraden zustandekommen!” Während alle großen spanischen 500er-Stars in Barcelona auf der mittlerweile wieder nassgeregneten Piste stürzten, stand der überlegene Sieg von Kenny Roberts nur zu Rennmitte kurz in Frage, als der mächtig aufholende Alex Barros vorbeidrängelte. Wenige Kurven später war freilich Roberts wieder vorn, während Barros mit stotterndem Motor ausrollte - ein Pfennigartikel, ein kleiner Plastikstecker an der Lichtmaschine, war durchgeschmort. Auf trockener Piste ist es Roberts gewohnt, mit Spätbremsmanövern, grimmigen Schräglagen und extrapräzise ins Getriebe gehämmerten Schaltvorgängen Anschluss an die motorisch überlegene Konkurrenz zu suchen. »Uns fehlt Beschleunigung im Bereich unter 11000 Umdrehungen. Ich kann die Suzuki nicht mit dem Hinterrad lenken, und deshalb müssen wir sie so abstimmen, dass beide Räder brav hintereinander in der Spur laufen”, erklärte Roberts. »Nur eine Handbreit weit sliden zu können macht auf einer 500er einen gewaltigen Unterschied. Es bedeutet, dass du die Rennstrecke optimal nutzen und durch die frühe Richtungskorrektur auch fünf Prozent früher Gas geben kannst. Diese fünf Prozent früheres Gasgeben bedeuten fünf km/h mehr Speed, und die wiederum münzen sich in eine Zehntelsekunde um.”Im Nassen aber hat Roberts diese Sorgen nicht und kann stattdessen die perfekte Fahrwerksbalance seiner Suzuki in die Waagschale werfen. Dank der widrigen Bedingungen in Jerez und Barcelona konnte er seine Stellung als WM-Favorit deshalb ausgerechnet in der spanischen Höhle des Löwen festigen. »Meine anderen Rivalen machen mir wenig Sorgen”, zog Weltmeister Crivillé Zwischenbilanz. »Doch Kenny zieht in der WM-Wertung davon. Das gefällt mir nicht.”
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Grand Prix Katalonien (Archivversion) - Großer Stolz

Youichi Ui hatte sich zum sechsten Mal in dieser Saison für die erste Startreihe qualifiziert und war der große Favorit fürs Heimspiel der spanischen Derbi-Werksmaschinen. Doch dann raste er auf nasser Piste schon in der berüchtigten ersten Doppelkurve nach der Startgeraden ins Verderben. Sein italienischer Stallgefährte Manuel Poggiali rollte mit Getriebeschaden aus. Pablo Nieto, der dritte Mann im Team, wurde von Ui fast mit umgerissen und zu einem Ausritt gezwungen, holte aber prächtig auf und hatte vier Runden vor Schluss schon einen Podestplatz vor Augen. Dann rutschte auch er aus und rettete mit zerfledderter Maschine gerade noch den sechsten Rang ins Ziel. Der Außenseiter wurde trotzdem als großer Held gefeiert.Im Vasco-Rossi-Aprilia-Team schob sich ebenfalls die Nummer zwei nach vorn. Der Trainingsschnellste Roberto Locatelli stürzte, sein 22-jähriger Teamkollege Simone Sanna katapultierte sich dagegen aus der dritten Startreihe in die Spitzengruppe und gewann souverän seinen ersten Grand Prix.Bei nicht weniger als zwölf Stürzen war Sattelfestigkeit mehr gefragt als schnelle Rundenzeiten. Während Steve Jenkner nach Rennmitte an achter Stelle abschmierte, erntete Reinhard Stolz dank umsichtiger Fahrweise als Fünfter den lange ersehnten ersten Erfolg der Saison.

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