Grand Prix Katalonien in Montmeló (Archivversion) Sag niemals nie

Nach einem Ausritt ins Kiesbett schien der GP Katalonien für Ralf Waldmann bereits gelaufen. Doch am Ende holte er sich noch den Sieg - und die WM-Führung.

Ralf Waldmann hat gute Karten im Kampf um die 250-cm3-Weltmeisterschaft. Er ist WM-Leader, und die letzten beiden Rennen finden auf der Südhalbkugel statt, wo er sich ohne den europäischen Medienrummel aufs Fahren konzentrieren kann. Außerdem liegen ihm die beiden Strecken zum großen Grand Prix-Finale in Indonesien und Australien. Der Joker im großen Spiel ist jedoch Ralf Waldmann selbst. Im letzten Jahr noch ein Außenseiter, der immer nur auf Fehler des übermächtigen Max Biaggi reagierte, mauserte er sich in dieser Saison zu einem Angreifer, der von Rennen zu Rennen besser wurde und nun auch den stärksten Gegnern das Fell über die Ohren zieht. Nie war Waldi so schnell, so angriffslustig und so wertvoll wie heute. Selbst seinem eigenen Marlboro-Honda-Team erteilte Waldi mit seinem Sieg beim Grand Prix von Katalonien vor den Toren Barcelonas eine Lektion. »Ehrlich gesagt: Ich hatte aufgegeben. Ich hätte niemals gedacht, daß er nach seinem Ausritt nochmals so aufdrehen würde«, gab Cheftechniker Sepp Schlögl zu. Keiner dachte es. Die Zuschauer nicht, die Fotografen und Fernsehleute nicht, und nicht einmal Ralf Waldmann selbst. »Der Start von Jacque war sehr gut, aber ich war nicht viel dahinter und habe in der zweiten Runde die Führung übernommen. Vor dem Rennen war ich nervös, weil so viel auf dem Spiel stand, und vielleicht wollte ich deshalb noch schneller fahren, obwohl der Grip noch nicht da war. Deshalb ist ein dummer, dummer Fehler passiert. Ich war zu spät auf der Bremse, ruckelte durchs Kiesbett und habe schon gedacht: Das holst du nie mehr auf...« Man soll niemals nie sagen. An achter Stelle reihte sich Waldi wieder ein, erspähte bei der nächsten Zieldurchfahrt einen Sieben-Sekunden-Rückstand auf seiner Boxentafel und schnallte seine Siebenmeilenstiefel an. Schon sechs Runden später spürte er bereits wieder den Windschatten der Führungsgruppe, nach weiteren zwei Runden hatte er Loris Capirossi, Olivier Jacque, Tohru Ukawa und Tetsuya Harada überrumpelt und nur noch den Weltmeister vor sich. Und während Ralf Waldmann »in dieser Aufholphase voll konzentriert war und mit prima Drifts aus den Kurven fuhr«, war es nun Max Biaggi, der nervös wurde. »Biaggi wollte, daß ich ihn überhole, aber diesen Gefallen habe ich ihm nicht getan, weil ich meine Reifen ziemlich ruiniert und er deutlich mehr Grip hatte. Ich bin dicht hinter ihm geblieben und bin auf der Geraden manchmal sogar aufrecht hinter ihm hergefahren. Er hat sich mindestens sechsmal pro Runde nach mir umgedreht«, schilderte Waldi. Sein Plan, den Weltmeister« zu jagen und mürbe zu machen«, ging in der letzten Runde auf. Zweimal qualmte er innen an Biaggi vorbei, bevor sich der irritierte Italiener beim Herausbeschleunigen verschaltete und die Führung endgültig preisgeben mußte. »Ich habe statt des zweiten Gangs den Leerlauf erwischt. Das hat mich 50 Meter gekostet«, jammerte Biaggi und setzte hinzu, er hoffe auf mehr Glück im letzten Rennen. Waldi konterte sofort. »Du warst schon dreimal Weltmeister, auf den vierten Titel kommt´s nicht an - du kannst mir ruhig einen abgeben«, schlug er vor. Biaggi grinste und lobte ein weiteres Mal, wie sauber und perfekt Ralf gefahren sei. Das hatte er schon nach Waldis Pole Position am Samstag getan. Immer wieder steckten die beiden Marlboro-Honda-Piloten kichernd die Köpfe zusammen, und es war klar, daß Biaggi ein Weltmeister Waldmann im Zweifelsfall lieber wäre als ein Champion namens Harada. Der fegte auf seiner bärenstarken Aprilia laut Biaggi mit einem Überschuß von 30 Stundenkilometern durch die Gegend, hatte dafür aber mit dem Fahrwerk Ärger. »Beim Gasgeben fing sofort das Hinterrad an zu rutschen, und ich mußte weite Bögen fahren, um genügend Schwung zu haben«, beschwerte sich Harada nach dem vierten Trainingsplatz ebenso wie nach dem vierten Platz im Rennen. Trotzdem ist für den Japaner bei drei Punkten Rückstand auf Waldmann im Titelkampf noch alles drin. Sein Aprilia-Teamkollege Valentino Rossi feierte den bereits vorzeitig errungenen WM-Titel in der 125er Klasse mit einer Nummer eins, die er sich am Hinterkopf in seine neue, leuchtendblau gefärbte Kurzhaarfrisur hatte rasieren lassen - und mit einem weiteren Sieg. Dafür rückte der geschlagene Kazuto Sakata die Firmenpolitik ins Zwielicht und schmollte, Rossi werde ständig mit den besten Teilen verwöhnt, während seine UGT 3000-Aprilia seit dem Zündkerzenbruch am Nürburgring aus zweitklassigen Teilen zusammengesetzt werden müsse. Zu Rennmitte bereits über alle Berge, war Sakata in den letzten Runden wegen immer eklatanter werdendem Leistungs- und Drehzahlschwund auf Platz zwei zurückgefallen. Nicht viel hätte gefehlt, und er wäre auch noch von Noboru Ueda geschluckt worden, der sich in einem fünfköpfigen Verfolgerpulk durchsetzte und den achten Podestplatz des Jahres sicherstellte. UGT-Honda-Pilot Tomomi Manako hätte seine Chancen im Kampf um die Vizeweltmeisterschaft gern durch eine Wiederholung seines Vorjahressieges verbessert, mußte sich aber wegen Motordetonationen mit Platz fünf abfinden. Tex Geissler verpaßte den Start und zog sich deprimiert in die Box zurück, weil in der Besichtigungsrunde der vordere Bremsanker gebrochen war. Youichi Ui stürzte nach einem Zusammenstoß mit Masao Azuma, mußte handgreiflich werden, um seine silberne Kurz-Yamaha aus den Händen der Streckenposten zu befreien und hetzte mit gebrochener Rippe auf den 18. Platz. Der niedergeschlagene Dirk Raudies (siehe Seite 152) kam einen Platz vor Ui ins Ziel und verpaßte damit ebenso die Punkteränge wie Deutschlands Halbliter-Hoffnung Jürgen Fuchs auf Platz 16. »Auf der Geraden ging mein Motorrad wie eine Granate. Ich konnte mich trotzdem nicht an die anderen hinbeißen. Beim Anbremsen aus 300 km/h fehlte mir Konzentration«, schilderte Fuchs. Wegen seines Brünn-Sturzes litt er noch unter Schwindelgefühlen, außerdem hatte er sich bei Gattin Tini mit einer schweren Erkältung angesteckt. Auch Tadayuki Okada brachte die Kraft seiner Repsol-Honda im Kampf um die Vize-Weltmeisterschaft nicht richtig auf den Boden. Zum ersten Mal hatte der Japaner den Doohan-Motor mit klassischer Zündfolge in einem Rennen ausprobiert und fiel mit Traktionsmangel auf Rang sechs zurück. In der Auslaufrunde zog er sich auch noch einen Reifenschaden zu und mußte seine Maschine dem Abschleppfahrzeug überlassen. »Das nächste Mal fahre ich wieder mit der Big Bang-Variante«, kündigte Okada an. Weil sein härtester Konkurrent Nobuatsu Aoki auch nur Fünfter wurde, kam Okada in der Tabelle glimpflich davon. Denn die Podestplätze hinter Seriensieger Michael Doohan waren fest in spanischer Hand: Sowohl Carlos Checa als auch der unter Handschmerzen leidende Alex Crivillé gingen in dem abwechslungsreichen Rennen mehrmals in Führung und begeisterten die spanischen Fans am Ende mit Platz zwei und drei.

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