Grand Prix Katalonien in Montmeló/E (Archivversion) Mad Max

Max Biaggi fuhr den Katalonien-Grand Prix nach den eigenen Spielregeln zu Ende - und feierte einen Sieg, der keiner war.

Der japanische Suzuki-Pilot Katsuaki Fujiwara bohrte sich beim Start der Halbliterklasse wie ein Torpedo durchs Feld. Viel zu schnell raste er auf die erste S-Kurve der Catalunya-Strecke zu und trat zu heftig auf die Hinterradbremse. Seine Maschine stellte sich quer und räumte die Yamaha von Jean-Michel Bayle von der Piste. Die trudelnden Motorräder gerieten in die Spur von Alex Crivillé und rissen die Honda des spanischen Nationalhelden mit sich, und fast hätte der Domino-Effekt auch noch John Kocinski, Ralf Waldmann und Eskil Suter erwischt. Bayle wurde bei dem Startunfall von einer wahren Schrottlawine begraben, spürte seine Beine nicht mehr und hatte starke Rückenschmerzen. Beim Eintreffen im Medical Centre kehrte das Gefühl jedoch zurück, nach einer eingehenden Untersuchung gaben die Ärzte dann Entwarnung: Bayle hatte sich nur den Rücken, das Steißbein und den Ellbogen geprellt.Auch Unfallverursacher Fujiwara kam mit tiefen Aufschürfungen im linken Fuß und acht Stichen im genähten linken Ellbogen noch relativ glimpflich davon. Alex Crivillé brachte seine Maschine zwar nochmals ruckelnd in Schwung, suchte aber nach einer Runde den Schutz der Box, um zwei beschädigte Finger der linken Hand und seine hoffnungslos verbogene und demolierte Repsol-Honda den entsprechenden Spezialisten zu überantworten. »Bayle traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich wußte nicht, wie mir geschah”, erklärte der Lokalmatador. »Einer meiner Finger ist angebrochen, doch das schert mich wenig, denn ich bin im letzten Jahr mit einer schlimmeren Handverletzung vorn mitgefahren. Was mich mehr ärgert, ist die Situation in der Tabelle: Heute hätte ich gewinnen können”, fügte Crivillé hinzu, der die Trainingsbestzeit markiert hatte.Sein einziger Fehler war ein schlechter Start.Alex Barros und Max Biaggi waren den Tumulten dagegen durch einen perfekten Blitzstart entwischt und kamen aus der ersten Runde zurück, noch während Sanitäter und Streckenposten mit dem Abtransport verletzter Fahrer und havarierter Maschinen beschäftigt waren. Während an der Unfallstelle selbst und am Bremspunkt davor gelbe Flaggen geschwenkt wurden, scherte Max Biaggi bei Tempo 300 aus dem Windschatten des Brasilianers aus, schob sich nach einem Spätbremsmanöver an Barros vorbei und fädelte sich als Erster in den Rechtsknick der S-Kurve ein.Allerdings war er dabei einen Tick zu schnell und verpaßte die richtige Linie für den anschließenden Linksknick. Barros traf die Ideallinie hingegen präzise, huschte etwa auf Höhe der letzten gelben Flagge durch die Lücke und war wieder vorn. »Ganz automatisch”, wie er später beteuerte. »Ich hätte in voller Schräglage bremsen und eine ganze Reihe neuer Gefahren heraufbeschwören müssen, um hinter Biaggi zu bleiben.”Renndirektor Roberto Nosetto ließ die drei vorhandenen Perspektiven dieser Szene wieder und wieder über seinen Bildschirm im Zeitnahmeturm flimmern, bevor er den Teams in der 16. Runde, nach mehr als der Hälfte der Renndistanz, ein folgenschweres Urteil durchfunken ließ: Stop and Go-Strafe wegen Überholens unter gelber Flagge - für beide Piloten.Barros fügte sich in sein Schicksal, saß die zehn Sekunden am Ende der Boxengasse ab und machte sich wieder an die Verfolgung. Am Ende wurde er Siebter und verkroch sich in die Box. »Ich hatte keine Ahnung, was los war - erst meine Mechaniker klärten mich auf, daß die Zeitstrafe etwas mit den gelben Flaggen in der zweiten Runde zu tun hatte”, berichtete der Brasilianer und trauerte einem sichergeglaubten Podestplatz, wenn nicht sogar dem Sieg hinterher.Auch Max Biaggi wußte nicht, was er verbrochen hatte - nur war seine Reaktion ganz anders. Typisch Max eben. Drei Runden lang ignorierte er das »Pit”-Signal seiner Crew, und als der Rennleiter dann auf die Strecke hüpfte und die schwarze Flagge in den Wind hielt, ignorierte Max auch seine Disqualifikation. Statt anzuhalten, rasierte er auf der Zielgeraden so messerscharf am Rennleiter vorbei, daß dieser sich wie ein Stierkämpfer mit einem schnellen Sprung zur Seite rettete.Max brauste mit Vollgas weiter und schaffte es im Endspurt sogar nochmals, den mittlerweile führenden Mick Doohan zu überholen. Der Weltmeister war lange von Norick Abe aufgehalten worden,schloß die ansehnliche Lücke zur Spitze dann in Rekordzeit, war am Ende aber klug genug, Biaggi seines Weges ziehen zu lassen - denn er wußte ja, daß der Römer längst außer Konkurrenz um die Strecke kreiste.Nur Biaggi selbst mochte das nicht anerkennen. Als Meister theatralischer Gesten gönnte er sich eine besonders lange und besonders triumphale Auslaufrunde und spielte den Verwunderten, als er statt zum Podest ins Fahrerlager zurückdirigiert wurde. »Ich bin sprachlos und bitter enttäuscht von dem, was heute passiert ist. Ich habe gewonnen, doch mir fehlen die 25 Punkte, die zu einem Sieg gehören. Natürlich habe ich das Pit-Signal gesehen, verstand aber nicht, worum es ging.”Weiterzufahren und in einer für ihn völlig unklaren Situation »den Beweis anzutreten, wer der Schnellste ist”, war aus der Sicht Biaggi eine logische Konsequenz. Er fühlte sich im Recht und handelte danach. Das gleiche nahm allerdings auch Renndirektor Roberto Nosetto für sich in Anspruch. »Im letzten Jahr verunglückte Regis Laconi am Ende der Startgeraden in Österreich schwer. Als das Feld in voller Fahrt aus der ersten Runde zurückkam, stoben die Ärzte am Unfallort wie verängstigte Lämmer auseinander. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe, die Beachtung gelber Flaggensignale strikt durchzusetzen«, erklärte Nosetto.Das mögliche Strafregister reicht dabei wachsweich von einer Geldbuße bis hin zum befristeten Lizenzentzug, und weil große Teams von ein paar tausend Schweizer Franken Strafe nicht merklich getroffen werden, hielt Nosetto »eine sportliche Sanktion« für angemessen.In Wirklichkeit schoß er weit übers Ziel hinaus - denn das offenste und spannendste WM-Finale der modernen Rennsportgeschichte auf diese Weise zu zerstören, brachte nicht nur die Fahrer, sondern auch die für die Millionenbudgets verantwortlichen Teamchefs gegen Nosetto auf. Gleich nach Rennende legten beide betroffene Teams einen Protest gegen die Zeitstrafe ein, der vorläufig abgewiesen wurde. Die Berufung wird nun bem Weltverband FIM verhandelt und könnte damit enden, daß der Zeitverlust des weitgehend schuldlosen Barros - sein »automatisches« Überholmanöver war bereits außerhalb der Gefahrenzone - von seiner Gesamtlaufzeit subtrahiert wird und der Brasilianer im Nachhinein den drittplazierten Norick Abe oder den zweitplazierten Tadayuki Okada verdrängt.Spannender ist die Frage, was der zivile Ungehormsam von Max Biaggi nach sich ziehen wird. Das Urteil des Rennleiters, so die verbreitete Ansicht im Fahrerlager, sei wie eine Tatsachenentscheidung im Fußball zu werten und damit zu respektieren. »Da kannst du nicht einfach weiterkicken«, so Exweltmeister Dieter Braun. Carmelo Ezpeleta, Chef des WM-Vermarkters Dorna, sah das aber anders. Denn während das Rennen noch lief und im Fahrerlager wilde Spekulationen über eine drakonische Strafe für Biaggi bis hin zu einer Sperre für das nächste Rennen in Australien aufbrandeten, machte sich der Spanier berechtigte Sorgen um seine Show. »Biaggi muß beim nächsten Rennen in Phillip Island unbedingt dabei sein”, setzte er sich gegen manche Betonköpfe in der FIM durch - und erreichte, daß Biaggi für das Mißachten der schwarzen Flagge mit einer vergleichsweise lächerlichen Buße von 5000 Schweizer Franken davonkam.Die entgangenen Punkte bringt das freilich auch nicht zurück. »Ich sah die schwarze Flagge für Max und dachte: Wir können ein bißchen Glück gebrauchen«, schilderte der im bisherigen Saisonverlauf von drei Ausfällen heimgesuchte Sieger Mick Doohan in der offiziellen Pressekonferenz. »Mir war klar, daß Max unter seinem Helm vor Wut schnauben würde, deshalb habe ich ihn nicht wieder überholt, als er sich kurz vor dem Ende vorbeiquetschte.«Erst als er sich unbeobachtet fühlte, ließ Doohan genau verlauten, was sich hinter dieser Vorsicht verbarg. »Ich an Biaggis Stelle hätte mich runtergefahren - das hätte den Gleichstand wiederhergestellt«, sagte der Australier, der nun mit 21 Punkten Vorsprung auf Biaggi bei drei noch ausstehenden Rennen beste Chancen auf die erfolgreiche Titelverteidigung hat.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote