Grand Prix Macau 2002 (Archivversion) Geschichten vom Pferd

Mit Vollgas durch die Stadt, Leitplanken überall, null Sturzraum. Sind die lebensmüde oder völlig ballaballa? Eine Runde mit Wiederholungstäter Markus Barth klärt alles.

Auf der Rückbank des japanischen Mietwagens erklingen eigenartige Töne. »Mmmh, mmmh, aua, hua.« Gemächlich und so, als hätte er nichts gehört, bugsiert Rennprofi Markus Barth die Fuhre durch den Stadtverkehr. Der MOTORRAD-Testfahrer feixt, er weiß, worauf er sich einlässt, wagt das Abenteuer Macau zum fünften Mal. Brummend im Fond und sukzessive immer bleicher werdend: Hans Herber, der in der Langstrecken-Weltmeisterschaft seine Kreise zieht. Es gibt immer ein erstes Mal. Auch für unseren Hans, der ist Macau-Novize. Weil vor den Motorrädern schrille Formelautos und breitschlappige Tourenwagen ihre Kreise ziehen und sich gewisser Karbonteile entledigen, bleibt den Einspurartisten wenig Trainingszeit, sich an die Tücken des »Monaco des Ostens« zu gewöhnen. Da kommt Hans die Runde im Toyota mit dem streckenkundigen Markus gerade recht.»Hans, Ausgang Mandarin-Kurve schrabbst du manchmal mit der Fußraste an der Mauer lang – so mit 220 Sachen. Dann durchladen, brav die Leitplanken die paar Zentimeter neben dir ignorieren und beim Lisboa rechtzeitig den Anker werfen.« Ein Mobiltelefon randaliert. »Ja, Herber am Apparat, ach Markus, halt doch mal an.« Der bleiche Hans gönnt sich eine Auszeit und dirigiert mitten im chinesischen Verkehrsgewühl eine seiner Baustellen in Deutschland. An dieser Ecke, wo das Hotel Lisboa steht, sollte Hans sich besonders konzentrieren. Am Renntag ein heikles 90-Grad-Rechteck für Spätbremser, steppt hier 24 Stunden am Tag der Bär. Auffallend viele hübsche Mädchen trippeln im Lisboa ihre Runden ab. Wirtschaftlich und politisch genießt Macau im Reich der Mitte einen Sonderstatus. Bis 1999 war es eine Kolonie Portugals, dann erfolgte die Rückgabe an China. Rechtsgelenkte Automobile, Touristenrikschas, 1,8 Millionen Roller. Keine Fahrräder – zu gefährlich. Auf den Straßen herrscht Anarchie. Hans hat fertig, der Automatikschlitten rollt weiter. Nicht lange. Ein Montagetrupp blockiert die Straße, vernietet und verschweißt Leitplanken praktisch die ganzen 6,12 Kilometer der Strecke lang. Sturzraum? Fehlanzeige. »Pass bloß auf die Zebrastreifen auf, die sind schmieriger als ein Strandcasanova.« Noch mehr der Tipps, Herr Barth? »Bevor die Rennautos drübergedonnert sind, hast du null Grip.« Hans nickt. Die Automatik quält sich an einem furchtbaren Steilstück – Subida de San Francisco. »Unter der Brücke, die Rechts geht viel schneller, als es jetzt aussieht.« Markus übertönt den Motor. »Dann festhalten und Vollgas.« Hans schweigt bedeutungsvoll. »Klarer Fall für Big Balls, wie die Engländer sagen«, setzt Markus einen drauf und vergisst hinzuzufügen: Ein kleiner Dachschaden tut es auch. »Jetzt nur nicht zu früh einbiegen. Wenn es klemmt, Schultern einziehen, du berührst sehr oft die Leitplanken.« Armer Hans. »Über diesen Fleck da vorne bin ich noch nie drüber. Ob der rutschig ist oder nicht, wollte ich nie ausprobieren.« Hans presst die Lippen aufeinander. »Warte mal.« Markus haut die Mücke rein, schaut angestrengt aus dem Fenster. »Hier muss ein Buckel sein, der schlägt dir fast den Lenker aus der Hand. Egal, du wirst es eh merken, fährst ja automatisch darüber.«So langsam füllt Markus seine Geschichten mit Gesichtern. »Da unten ist der Toni Heiler mal eingeschlagen, sollte man nicht nachmachen, aber die Bremswellen von den Autos sind echt fies.« »Mmmmh.« Hans bleibt einsilbig. Im Gegensatz zu Markus. »Da vorne ist eine alternde deutsche Rennhoffnung leicht unkoordiniert in den Reifenladen gedonnert.« Lacht und ergänzt: »Heute verkauft er Motorräder mit Heizgriffen.« Geschäftiges Treiben in den Boxen. Überseekisten, Rennsprit in kleinen Tonnen. Auch die Truppe um Markus Barth ist heftigst am werkeln. Drei Eidgenossen, angeführt von Tuner Emil Weber, der im grünen Kawasaki T-Shirt ein bisschen wie Mister Bean vom Mars aussieht, polieren eine Maschine. Als stolzes Rennpferd war die Kawasaki ZXR 750 vor Jahren in der Superbike-WM gestartet, nun, da sie auf die Altersweide abgeschoben werden soll, hat Emil ihr noch mal mächtig Qualm in die Nüstern gedrückt. Das Reglement in Macau? Fahr, was du willst, Hauptsache, es geht vorwärts. Und das möglichst schnell. Markus schlendert durch die Box und erklärt dem Immobilienmakler und Aushilfsmechaniker der Weber-Truppe, Marc Schnydrig, seine Macau-Philosophie: »Hier haben doch alle Schiss, aber die Karre geradestellen und den Hahnen spannen, das bringt dich definitiv vorwärts.« »Das ist alles?« fragt Marc. »Nein, handlich muss der Bock sein und stabil logischerweise auch, dann passt es.«Darüber, welches Motorrad hier das beste ist, gibt es im Fahrerlager offensichtlich Meinungsverschiedenheiten. Yamaha YZF-R1, Suzuki GSX-R 1000, Honda Fireblade, V2 sowie V4-Zweitakter und natürlich.... booam, booam. Böse bellend meldet eine Ducati ihren Anspruch an auf die Platzhirschrolle im Revier. Alles wunderschön heiß gemachte Motorräder, aber die Ducati von Michael Rutter brüllt raus, wo der Hammer hängt.»He Brian«, ruft Markus in die Nachbarbox » heute wieder golfen?« »Klar« antwortet der Schotte namens Morrison mit Prinz-Eisenherz-Frisur. »Dein Motor, gemacht«? fragt Markus. »Alles Standard«, kontert der Sieger von Spa, Bol d’Or und Le Mans. »Standard«, grient Markus und hält sich den Zeigefinger unters rechte Auge. Rennfahrer sind Herzchen. Immer mehr Teams lassen ihre Motorräder warm laufen, und die Spannung steigt.Nächtens in Macau zieht ein mördermäßiger Magnet. Fahrer, Mechaniker und Fans brauchen sich nicht verabreden. Alle treffen sich in einem schäbigen Hochhausviertel. Zum Kollektivdoping in einer Tränke, die da heißt »The Irish Bar«. Wer Isle-of-Man-Helden allerintensivst erleben will, muss hier hin. Mehr und näher geht nicht. Die, die nicht mehr fahren - oder können -, hängen gerahmt an der Wand, die anderen am Tresen. Die deutsche Truppe wird von den Ton angebenden Briten und Iren mit lautem Hallo begrüßt. Die alten Bekannten Barth, Heidger, Jerzenbeck – und auch der Neue, Hans Herber. »Der Körper nimmt sich, was er braucht«, meint Markus. Viele Flaschen bitterer Hopfenmedizin brachten dann auch Hans die Sprache zurück. »Ich fahr’ dir beim Training hinterher, Markus.« Die geröteten Augen blitzen. »Musst dich eben ein bisschen beeilen«, tönt’s von Markus zurück.Am Donnerstag sind frühmorgens beim Training erst die 125er dran, danach freies Training fürs Hauptrennen, den Macau Grand Prix. In der Stadt pulsiert das Leben, als ob jeden Tag Rennen wär’, während sich die Blicke der Fahrer langsam verengen. Adrenalin putscht sie hoch, verdrängt die Erinnerungen und die Folgen der einen oder anderen durchwachten Nacht. Dennoch: Benny Jerzenbeck lässt seine GSX-R gleich ganz in Rauch aufgehen. Despektierlich »der Dicke« genannt, bleibt Isle-of-Man-Legende David Jefferies schon nach 300 Metern mit Motorschaden liegen. Verschwitzte Piloten analysieren ihre Sektionszeiten, haben kein Auge mehr für die Mädels, die jetzt im Abseits stehen.Jetzt ist definitiv Schluss mit lustig. Auch unsere Helden Markus und Hans feilen an neuen Linien. Zeittraining in Macau – irgendwie erinnert das an gehetzte Tiger, die durch den Käfig rennen. Über den Leitplanken haben fleißige Chinesen Maschendraht gespannt. Die ganze Konzentration, aller Mut müssen in die paar schnellen Trainingsrunden rein. Über den Ölfleck drüber oder mit einem Schlenker dran vorbei? Niemand nimmt den Fahrern die Antwort auf diese Frage ab. Rutter und seine 998 sind unglaublich schnell. »In der Bergsektion nimmt die Ducati mir zwei Sekunden ab, an mir liegt’s nicht«, sagt Markus. Der ist dennoch starker Vierter. Und Hans? Er ist glücklich, hat sich qualifiziert. Nieselregen, Absage des Rennens für Samstag. Zu gefährlich. Nerven liegen blank, Sonntag ein verkürztes Programm. »Heute Nacht träumte ich von einem Highsider in der Bergsektion.« Und genau an dieser Stelle bleibt im Rennen dann der zündende Funke von Markus’ Kawa aus. Defekt am Schaltboxautomat. Frank Heidger schafft Platz 11, unser Herber Hans findet noch ordentlich Sekunden, wird mit seiner Suzuki 24. – für einen Rookie nicht schlecht. Rutter gewinnt dominant, Mc Guinnes und Jefferies folgen mit Respektabstand. Nächstes Jahr findet Macau das fünfzigste Mal statt. Stellt sich nur die Frage: Mit oder ohne Hans?

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