Grand Prix Macau (Archivversion)

Straßen-Theater

Leitplanken statt Auslaufzonen, Hochhausmauern statt Kiesbetten: Auf dem Stadtkurs von Macau findet seit 1967 ein Motorradspektakel der besonderen Art statt. MOTORRAD-Testchef Gerhard Lindner war mit einer Suzuki GSX-R 750 dabei

Ich glaub’, das war kein guter Plan. Welcher Teufel muß mich geritten haben, hier in Macau, mitten in einer portugiesisch-chinesischen Großstadt, ein Motorradrennen fahren zu wollen. Sicher, Formel eins in Monaco, mit Vollgas durch die Stadt, hautnah an jubelnden Zuschauern und kalten Mauern vorbei, das ist geil. Doch da sitze ich auf dem Sofa vorm Fernseher. Jetzt bin ich vor Ort, mittendrin in dem unbeschreiblichen Trubel und doch irgendwie allein.Nur gut, daß kaum Zeit bleibt, sich selbst zu bemitleiden. Schon werden Kollege Markus Barth und ich auf eine weitere Schlüsselstelle dieser außergewöhnlichen, 6,2 Kilometer langen Strecke vorbereitet. »Zwei Gänge runter, spät einlenken und dann bis an die Mauer hinaustragen lassen. Und ja nicht zu früh einlenken, sonst klebt ihr an der Mauer«, warnt uns Altmeister Peter Rubatto. Sehr beruhigend.Und so wahr. Wer sollte es besser wissen als Rubatto. Zwölfmal ist er hier bereits gefahren, seit zwei Jahren kümmert er sich um deutsche Piloten wie Markus und mich. Er kennt jeden Winkel der Strecke und vor allem die Gefahren - von denen es sehr viele gibt.Nach weiteren drei Runden im Mietwagen haben wir genug gesehen: genug Leitplanken, genug Straßenmarkierungen und genug öltriefende Autos und Busse. Außerdem haben wir noch genug Arbeit in der Box, die Motorräder müssen aus den Transportboxen gepackt und für das erste Training am nächsten Morgen vorbereitet werden.Die Nacht davor - der Horror. Bislang dachte ich immer, ich sei ein abgebrühter Hund. Denkste. Keine zwei Stunden kann ich schlafen. Die Gedanken kreisen um den Kurs. Immer wieder Peters Worte: Achtung hier, Vorsicht da, bloß nicht zu spät und ja nicht zu früh. Um vier Uhr morgens ist Schicht. Licht an und das Rennprogramm studiert. Die Amis sind mit Graves und Lopez vertreten. Who the fuck is Graves? Nie gehört, aber gemeinsam haben die beiden mehr nationale Titel gewonnen, als ich in meiner langen Laufbahn schon verpaßt habe. Und die Engländer. Alles Isle of Man-Profis. Bennett, McGuinness, Simson und Rutter. Letzterer stand vergangenes Jahr auch bei einem Superbike WM-Lauf auf dem Treppchen. Nein, diese Lektüre beruhigt auch nicht.Endlich ist diese Nacht vorbei. Wir sind wieder an der Strecke, treffen die letzten Vorbereitungen für das freie Training. Und dann geschieht das, was nur Rennfahrer kennen und verstehen: Kaum bellt der Motor der Werks-GSX-R und der Oberkörper duckt sich hinter die flache Verkleidungsscheibe, ist alles wie weggeblasen. Die schweißnassen Hände sind trocken, das mulmige Gefühl im Magen weicht angespannter Konzentration.Mit jeder Runde prägt sich die Strecke besser ins Gedächtnis ein. Die Linie wird flüssiger, ich traue mich immer weiter an die hohen Dreifachleitplanken heran. Und lerne langsam die brutalen Löcher, Wellen und Sprunghügel kennen, von denen man gestern im Auto nicht mal etwas ahnen konnte. Ich gebe alles, bin Sechzehnter - und enttäuscht. Zehn Sekunden fehlen auf den Rundenrekord.»Ruhig bleiben«, meint Peter, »die meisten waren schon öfter hier, das wird noch.« Ich versuche, dem Altmeister zu glauben. Kai und Rainer, meine ständigen Wegbegleiter auf Rennen machen sich daran, die Fahrwerksabstimmung in Richtung Rübenacker zu trimmen.Peter hatte recht. Freitag 7.30 Uhr (habe übrigens schon etwas besser geschlafen), erstes Zeittraining, dritter Platz. Mehr Grip, ein nahezu perfekt abgestimmtes Fahrwerk, an allen Ecken volle Tribünen mit jubelnden Zuschauern und saumäßige Lust am Fahren. Es fehlen nur noch 3,5 Sekunden zum Rundenrekord.9.30 Uhr, zweites Zeittraining. Es fehlen nur noch 1,8 Sekunden. Nur dumm, daß auch die anderen schneller werden. Dennoch Platz vier, erste Startreihe, bester Neuling, die Sensation - sagt Peter. 30 Grad im Schatten, Luftfeuchte wie im Treibhaus, ich bin fertig.Markus hat seinen Job noch besser gemacht. Er hat seinen Konkurrenten im Training mal eben so 2,5 Sekunden eingeschenkt: Platz dreizehn in der Gesamtwertung und mit Abstand der schnellste 600er Mann im Feld. Ach so, nur zum Verständnis: Hier im fernen Asien gibt es keine Regeln. Hier fahren die pfeilschnellen R1 aus den USA gegen Zweitakt-GP-Bikes, Superbikes und 600er Supersportmaschinen. Gewertet wird in zwei Klassen: 600 Supersport und no Limits.Samstag, jetzt gilt’s. Noch ein paar Fahrwerksänderungen im Warm-up getestet und für gut befunden. Zweitschnellste Zeit. Hat zwar nichts zu sagen, wirkt aber beruhigend.9.50 Uhr. Start. Nicht brillant, doch für meine Verhältnisse recht ordentlich. Als Sechster geht es nach dem langen Vollgasstück bergauf in den verwinkelten Teil der Strecke. Erster - Zweiter - Erster - Zweiter. Schalten schon bei 10 000/min, das Vorderrad ist kaum auf dem Boden zu halten. Überholen sei in diesem Teil der Piste unmöglich, meinte Peter. Diesmal hat er nicht recht. Ich presse mich vorbei. Wo und wie? Keine Ahnung. Ist später auch nicht mehr so wichtig.Es geht weiter nach vorn. In Runde fünf schnappe ich McGuinness auf dem schnellsten Zweitakter, einer 500er V2 Honda vom englischen Millar Team. Danach freie Bahn. 1,3 Sekunden schneller als der Rekord. Die beiden englischen Werks-RC 45 von Simpson und Rutter kommen näher. Letzte Runde, ich bin dran am zweitplazierten Ian Simpson. Nach der langen Geraden werde ich es tun. Aus dem Windschatten heraus. Kein Wenn und Aber, ich bin mir sicher. Es ist die einzige Stelle, an der es eine Auslaufzone gibt, wenn etwas schiefläuft. Aus Tempo 285 runter auf 60.Es läuft schief. Zwei Meter zu spät reingehauen oder nicht hart genug zugepackt oder... was weiß ich. Ich muß geradeaus. Umdrehen, der Motor stirbt ab, mit letzter Kraft wieder anschieben, aufspringen, verbockt. Jetzt kommt auch noch McGuinness vorbei. Beim Versuch, den Platz auf dem Treppchen zurückzuholen, rutscht mir auch noch zwei Kurven vor dem Ziel das Hinterrad weg. Murphys Gesetz nennt man das, glaub’ ich. Markus hatte mehr Glück. Platz drei bei den 600ern - alle Achtung.
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Ergebniskasten (Archivversion)

Gesamtwertung1. Michael Rutter (GBR) Honda RC 45, 14 Runden in 35.56,800 min = 143,0 km/h, 2. Ian Simpson (GBR) Honda RC 45, 36.03,087 min, 3. John McGuinness (GBR) Honda V2, 36.19,806 min, 4. Mark Miller (USA) Yamaha R1, 36.37,802 min, 5. Dean Ashton (GBR) Yamaha R1, 36.40,238 min, 6. Roger Bennett (GBR) Suzuki GSX-R 750, 7. Chuck Graves (USA) Yamaha R1, 8. Grant Lopez (USA) Yamaha R1, 9. Felisberto Teixeira (POR) Suzuki GSX-R 750, 10. Max Vincent (GBR) Kawasaki ZX-7RR;Schnellste Runde: Rutter in 2.30,869 = 146,03 km/h (Rekord)Supersport 6001. Rui Reigoto (POR) Kawasaki ZX-6R, 14 Runden in 37.43,862 min = 136,2 km/h, 2. Paul Brown (GBR) Honda CBR 600, 37.57,304 min, 3. Markus Barth (D) Suzuki GSX-R 600, 38.01,765 min, 4. Luis Teixeira (POR) Honda CBR 600, 5. Luis Cuna (POR) Kawasaki ZX-6R;Schnellste Runde: Reigoto in 2.39,061 min = 138,51 km/h

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