Grand Prix Madrid in Jarama/E (Archivversion) Caramba Jarama

Beim Madrid-Grand Prix krachte es gewaltig - auf der Jarama-Strecke ebenso wie bei den Böllerschüssen der begeisterten Fans.

Nach dem Halbliterrennen in Jarama wollte einer der eifrigen spanischen Journalisten von Carlos Checa wissen, ob er sein Glück dem Pech der anderen zu verdanken habe. Doch der 25jährige Katalane war auf der Hut. »Warum stellst Du die Frage nicht umgekehrt? Vielleicht sind die anderen nur deshalb in Schwierigkeiten geraten, weil sie versucht haben, mir hinterherzukommen!« konterte Checa keck. So locker und brillant wie im verbalen Schlagabtausch mit den Medien zeigte sich Carlos Checa auch im Gefecht auf der Rennstrecke. Vom Start weg schob er die Nase seiner blau-weißen, mit Sternen übersäten MoviStar-Honda als Erster in den Wind und bog unbedrängt in die erste Kurve ein.Drei Meter hinter ihm kam es zu den ersten Tumulten. Max Biaggi war einen Tick zu spät auf der Bremse, kam von der Ideallinie ab und versperrte auch dem außen fahrenden Mick Doohan den Weg in die Kurve. Leider bahnte sich auf dieser Spur auch noch die Red Bull-Yamaha von Simon Crafar ihren Weg und rasierte Doohans linke Flanke mit solcher Wucht, daß der Lenkerstummel abbrach. »Ich hatte ihn immer noch in der Hand, als ich zu Boden ging«, schilderte Doohan. »Ich verstehe wirklich nicht, warum Leute, die auf diesem Niveau Rennen fahren, bereits in der ersten Kurve gewinnen wollen«, zeterte der Weltmeister, der das Training klar dominiert hatte und sich etwas Besseres vorstellen konnte, als sein angebrochenes linkes Handgelenk von Grand Prix-Arzt Claudio Costa bandagieren zu lassen. »Doohan knallte mir aus heiterem Himmel in die Seite. Es überrascht mich, daß er mich zum Sündenbock macht«, verteidigte sich Crafar. Noch in der gleichen Runde krachte es zum zweiten Mal. Auf einem berüchtigten Bergabstück langte der schlecht gestartete und deshalb übereifrige Alex Barros zu spät in die Bremse und torpedierte John Kocinski von der Piste. Mit blutdurchtränktem linkem Handschuh kletterte der Amerikaner über den Zaun und sagte die geplanten Trainingsfahrten zu den Acht Stunden von Suzuka sofort ab - sein linker kleiner Finger war bis auf den Knochen angeschliffen. Teamkollege Checa aber behielt seine Führung, und er verteidigte sie auch gegen die Angriffslust von Luca Cadalora. Der zerbrechlich wirkende Italiener, der normalerweise mit den Fingerspitzen fährt, leistete auf der winkligen Jarama-Piste Schwerstarbeit und prügelte seine Werks-Yamaha förmlich in Checas Windschatten. »Von Anfang an hat das Motorrad einen wilden Tanz aufgeführt. Beim Bremsen war die Kiste unstabil, dafür gab es viele andere Stellen der Strecke, an denen ich schneller fahren konnte als Checa«, schilderte Cadalora. Vier Runden vor Schluß war der Tanz vorbei: Bei einem Angriff auf Checa machte der Yamaha-Motor schlapp. Von der Leistung seines Teamkollegen beeindruckt, fühlte sich nun auch Norick Abe zu einer Großtat motiviert und übernahm Cadaloras zweiten Platz samt der Aufgabe, Checa das Leben schwer zu machen. Doch auch diesen Angreifer hielt der Spanier bis zum Zielstrich souverän unter Kontrolle. Dann ging er auf eine jener triumphalen spanischen Ehrenrunden, bei denen der Boden unter den Salven der Feuerwerkskörper zittert. Diesmal bebte die Erde noch stärker als sonst, denn hinter dem jubelnden Checa bog Sete Gibernau ausgangs der berühmten Angel Nieto-Kurve ab zu den Fans und schleuderte Helm, Handschuhe und Stiefel ins grölende Publikum. Nach fünf tristen Resultaten hatte er in dem Kurvenlabyrinth endlich die Vorteile seiner leichten Zweizylinder-Honda ausspielen und hinter Checa und Abe Platz drei erbeuten können. Schließlich betrat auch noch Alex Crivillé die Bühne, reichte Sieger Checa den Arm und machte die Inszenierung in der Angel Nieto-Kurve komplett.Denn so dramatisch die Ereignisse um Doohan, Kocinski und Cadalora auch waren, das Duell zwischen Checa und Crivillé haftete den 70 000 Fans immer noch als einsamer Höhepunkt im Gedächtnis. Bis Rennmitte hatte Crivillé seinen Landsmann eng beschattet. Eingangs der 14. Runde schaltete er den Reflex, der bei knapp 300 km/h normalerweise zur Betätigung der Bremse führt, eigensinnig aus und schielte statt dessen zu Checa hinüber, der schräg vor ihm auf das Ende der Zielgeraden zusteuerte. Als bei Checa längst die Reifen qualmten, raste die Repsol-Honda immer noch mit Höchstgeschwindigkeit weiter. Der Genuß, den Rivalen innen überholt zu haben, war jedoch von kurzer Dauer. Crivillé schoß über die Kurve hinaus ins Kiesbett, verlor zwölf Sekunden und reihte sich als Achter wieder ein. Bei seiner Aufholjagd wurde er von Cri-vi-llé-Sprechchören begleitet; als er den mit Abstimmungsproblemen kämpfenden Max Biaggi überholt, am Ende noch den fünften Platz gesichert und seine WM-Führung verteidigt hatte, wuchs der Applaus zur Orkanstärke an. Und eine problematische Veranstaltung, die eigentlich nur als Notnagel für den abgesagten Portugal-Grand Prix ins Programm gerutscht war und den Organisatoren wegen der veralteten Anlagen der 31 Jahre alten Strecke jede Menge Kopfschmerzen bereitet hatte, mauserte sich zu einem perfekten Tag und einer historischen Fiesta.Nie zuvor war die spanische Motorradnation in der Königsklasse derart dominant. Nie zuvor standen zwei Spanier in einem Halbliterrennen gemeinsam auf dem Podest. Nie zuvor hatte es einen spanischen WM-Leader bei den 500ern gegeben. Und noch nie zuvor stritten zwei Spanier in der härtesten aller Motorradkategorien so ernsthaft um den Titel mit. Denn die Qualitäten von Alex Crivillé, Sieger in Jerez und Le Castellet, sind trotz seines Fehlers unbestreitbar. »Es war meine eigene Schuld. Der Druck und mein Siegeswillen haben mir einen Streich gespielt. Ich hätte einfach abwarten sollen«, raufte sich der Honda-Werkspilot die Haare, tröstete sich aber mit seinen fünf Punkten Vorsprung in der Tabelle. Carlos Checa ist derzeit Dritter in der Wertung, hat in dem engen Vierkampf mit Biaggi, Crivillé und Doohan jedoch ebenfalls längst die Spitze ins Visier genommen. »Bei einem Grand Prix bist du von einer Meute wilder Hunde umgeben. Der, der am aggressivsten um sich beißt, gewinnt«, hatte er in einem Zeitungsinterview schon vor dem Training formuliert.In Jarama zeigte Checa schon mal die Zähne - und schwor, auch später noch kraftvoll zuzubeißen.

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