Grand Prix Malaysia in Johor Bahru (Archivversion) Hitzschlag

Als Max Biaggi im 500er Rennen müde wurde, griff der hitzefeste Mick Doohan an - und demonstrierte in der Tropenglut Malaysias die alte Überlegenheit.

Aus der Abneigung gegen seine neue Werks-Honda machte Mick Doohan auch beim Grand Prix in Malaysia keinen Hehl. »Das Motorrad ist schlapp und fühlt sich an wie eine große 250er, denn das Werk ist mehr damit beschäftigt, Ersatzteile für die Heerschar der Kunden herzustellen als den Problemen mit dem Bleifreisprit zu Leibe zu rücken«, so der Australier. »In der Geschichte der Halbliterklasse waren die Rundenzeiten noch nie so eng beieinander, denn eine wilde 500er zu fahren war eine echte Herausforderung. Heutzutage ist es ein zahnloser Production Racer, der für viele leichter zu fahren ist«, klagte er über seine 500er NSR, die nach der vom Reglement vorgeschriebenen Umstellung auf bleifreies Benzin rund zehn PS verloren hat und ihre Kraft jetzt sanfter einsetzt. »Das Motorrad produziert nicht mehr die gewohnte Power. Die Verbindung zwischen Gasgriff und Hinterrad ist elastisch, und wenn du tapfer genug bist, in diese Grauzone vorzustoßen und in den Kurven früher aufzudrehen, kannst du bessere Rundenzeiten zustandebringen. Doch mir fällt es schwer, mich auf diesen Fahrstil umzustellen.«Seinen Siegeswillen hat dieser Ärger nicht erschüttern können. Noch immer schwingt sich der vierfache Weltmeister morgens um sechs Uhr zu mehrstündigem Fitneßtraining aufs Fahrrad oder den Sitz seiner Rudermaschine, noch immer hält er seine fettarme Diät mit Pasta ohne Sauce, und noch immer sind die Muskeln des 32jährigen wie aus Marmor gemeißelt.Doohan hat eine bessere Kondition als jeder andere Motorradrennfahrer, und in der Tropenglut von Malaysia spielte er diesen Vorteil bei Temperaturen bis zu 36 Grad im Schatten und extremer Luftfeuchtigkeit genüßlich aus. Max Biaggi führte und schien das Tempo zu diktieren, doch Doohan hielt ihn am Haken wie ein Angler den Raubfisch und wußte, daß er nur abzuwarten brauchte, um seine zappelnde Beute einholen zu können.Nach zwei Dritteln der Renndistanz war es soweit. Biaggis Widerstand erlahmte, seine Rundenzeiten wurden langsamer. Doohan schob sich mühelos vorbei, hatte sofort einen kleinen Vorsprung und baute ihn bis ins Ziel mit der alten, uhrwerksartigen Präzision auf 2,6 Sekunden aus. »Das Renntempo war von Anfang an nicht so hoch wie erwartet, doch ich hätte Max nicht überholen können, ohne uns beide zu gefährden. Notfalls hätte ich es am Rennende mit Gewalt versucht. Aber nach 20 Runden ließ Biaggi so nach, daß ich auf diesen Plan verzichten konnte«, freute sich Doohan.Ein Spaziergang war das Rennen trotzdem nicht für den Weltmeister. Schon ganz zu Anfang hatte er eine Schrecksekunde, als Kohji Nanba vor seiner Nase ausrutschte und er der trudelnden Yamaha des Japaners nicht mehr ausweichen konnte. Doohan beugte sich über seine Verkleidung und prüfte, ob seine Vorderbremse noch vorhanden war, bevor er sich an Biaggis Fersen heftete. Und am Ende hatte die Tropenhitze auch den Vorzeigeathleten zermürbt. »Ich hatte Krämpfe im rechten Unterarm und mußte die Vorderbremse statt mit einem mit zwei, später sogar mit drei Fingern bedienen. Ich konnte die Kraft nicht mehr richtig dosieren und fürchtete, das Vorderrad zu blockieren«, schilderte Mick.Biaggi versuchte hingegen, den Tribut an die extremen Bedingungen zu vertuschen und machte dabei keine glückliche Figur. »Nach meinen beiden Trainingstürzen war ich heute etwas vorsichtiger«, meinte der Italiener, der am Samstag zweimal ausgerutscht war. »Ich wollte auf jeden Fall Punkte holen, stellte aber schon frühzeitig fest, daß ich in zwei Kurven nicht die passende Getriebeübersetzung hatte. Als meine Reifen abbauten, verlor ich beim Beschleunigen aus diesen Ecken eine Menge Zeit. Deshalb habe ich die Führung verloren und nicht, weil ich müde wurde«, versicherte der Halbliter-Neuling.Daß er nach Doohan auch noch von dem hochmotivierten Carlos Checa gestellt und auf Platz drei verdrängt wurde, erklärte Biaggi ebenfalls mit Getriebesorgen. »Platz zwei war weitgehend unter Dach und Fach, doch sechs Runden vor Schluß klemmte in der Zielkurve plötzlich das Getriebe. Ich konnte nicht mehr hochschalten und bin die Zielgerade im dritten statt im fünften Gang entlanggetrödelt. Das hat mich zwei Sekunden gekostet und Checa erlaubt vorbeizufahren«, behauptete er in der Siegerpressekonferenz. Doohan saß daneben, grinste und schnitt spöttische Grimassen, weil er derartige Schaltprobleme für die blühende Phantasie seines geschlagenen Rivalen hielt.Wobei sich Biaggi für nichts hätte zu entschuldigen brauchen. »Nach zwei Rennen mit der WM-Führung nach Europa zurückzukehren, das ist mehr, als wir uns in unseren kühnsten Träumen ausgemalt hatten«, erklärte Teamchef Erv Kanemoto. »Nach seinem Sieg beim WM-Start in Japan hat Max Gott sei Dank den Kopf auf den Schultern und die Füße fest auf dem Boden behalten. Er ist ein äußerst intelligentes Rennen gefahren und hat das Beste aus der Situation gemacht«, zollte er seinem Star Respekt.Von solchen Erfolgen ist das Modenas-Team von Kenny Roberts um Lichtjahre entfernt, doch feierte Ralf Waldmann nach dem Desaster von Japan wenigstens einen ersten Etappensieg und fuhr seinem erfahrenen Teamkollegen Kenny Roberts jr. mit dem neunten Platz erstaunlich locker auf und davon. »Ralf fährt beim Beschleunigen aus der Kurve einen runden Bogen und nutzt die ganze Fahrbahnbreite optimal aus. Ich habe einen eckigeren Fahrstil, und wenn ich genausofrüh aufdrehen will, geht mir der Platz aus«, anerkannte Kenny jr. »Ich bin happy, daß beide Fahrer das Ziel erreicht haben«, atmete Kenny senior nach dem Teilerfolg vor seinen asiatischen Sponsoren erleichtert auf. »Ralf hat seine Sache phantastisch gemacht. Nach dem Japan-GP dachte ich, wir hätten eine schwierige Saison vor uns, doch ich hätte mir keinen besseren Fahrer wünschen können. Schon jetzt fängt er an, uns bei der Weiterentwicklung der Maschine die nötigen Impulse zu geben«, fügte Roberts hinzu, weil Waldi eine verstärkte Schwinge verlangt und damit auf Anhieb schnellere Rundenzeiten zustandegebracht hatte.»Es wird noch besser«, gab sich Waldi selbst kämpferisch. »An den neuen Motor, der Ende Mai kommen soll, stelle ich vorläufig keine himmelhohen Erwartungen, denn daß eine Neukonstruktion auf Anhieb perfekt funktioniert, das gibt es im Rennsport selten. Doch allein beim Fahrwerk ist noch eine halbe Sekunde pro Runde drin, wenn wir das Einlenkverhalten verbessern und unsere Gabelprobleme beseitigen können.«Sein Top-ten-Ergebnis hatte allerdings auch mit einer ganzen Serie prominenter Ausfälle zu tun. Bereits in der ersten Runde gingen die Honda-Stars Tadayuki Okada und Alex Barros sowie Yamahas neue Hoffnung Simon Crafar auf dem teilweise staubigen Asphalt zu Boden. In Runde zwei erwischte es Nanba, und als Norick Abe fünf weitere Runden später wegen eines Motorschadens abgeworfen wurde, war das Yamaha-Werksteam bis auf den mit einer Wild Card antretenden Norihiko Fujiwara aufgerieben.Dagegen erlebte der als WM-Mitfavorit angetretene John Kocinski, in Japan mit zwei Stop and Go-Strafen völlig von der Rolle, als Fünfter seinen ersten Lichtblick. »Nach sieben Runden ging die Motorleistung in den Keller, vor allem auf den Geraden war die Maschine ziemlich kraftlos«, schilderte der Superbike-Weltmeister. »Doch insgesamt werden wir stärker. In Europa greife ich voll an!“

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote