Grand Prix Malaysia und Japan (Archivversion) Auf und nieder

Für 250er Weltmeister Max Biaggi begann die Grand Prix-Saison mit Höhen und Tiefen. Auch Vize Ralf Waldmann hat schmerzhafte Erinnerungen an den WM-Start in Malaysia und Japan.

Ein Tag, nachdem die alte Saison zu Ende ging, begannen Ralf Waldmann, Olivier Jacque und Tohru Ukawa für die neue zu trainieren. Die komplett neu gebaute NSR 250 war leichter zu fahren, hatte mehr Durchzug, und nach Monaten intensiver Vorbereitung hofften die drei etablierten Honda-Stars, beim Grand Prix-Auftakt 1997 in Malaysia die Nase vorn zu haben. Doch Ralf Waldmann erlebte schon im ersten Training einen Rückschlag. Auf dem Weg zu einem Boxenstopp wurde er ausgangs einer engen Rechtskurve von einem Highsider überrascht. Bei der Rutschpartie über den rauhen Asphalt schliff sich der Vizeweltmeister derart den Knöchel des rechten Mittelfingers auf, daß die Strecksehne beschädigt wurde und man den Knochen durchschimmern sah. Wegen dieser Behinderung langte er zweimal zu kräftig in die Bremse; einmal im Zeittraining, was zu einem zweiten Sturz übers Vorderrad führte, einmal in der zweiten Rennrunde an genau der gleichen Stelle. Diesmal war Waldi klug genug, die Maschine aufzurichten und den sichereren Weg durchs Kiesbett zu suchen. Als 17. reihte er sich wieder ein, setzte zu einer beherzten Verfolgungsjagd an und wurde am Ende wenigstens noch Vierter. »Mein bestes Ergebnis seit fünf Jahren auf dieser Strecke. Und eine deutlich bessere Ausgangsposition als im Vorjahr«, rechnete er in Rückerinnerung an seinen damaligen Startverzicht wegen eines Schlüsselbeinbruchs vor. Zahlte Waldi seiner Verletzung Tribut, so wurden Tohru Ukawa und Olivier Jacque in Malaysia Opfer eines Wetterumschwungs. Im Abschlußtraining sorgte eine glühende Tropensonne für Temperaturen von 38 Grad im Schatten und 55 Grad auf dem Asphalt. Am Sonntag morgen kühlte Regen die Luft auf 28 Grad ab, und obwohl der Himmel ab Mittag wieder heller wurde, nieselte es bei der Startaufstellung der 250er Klasse immer noch.Waldi traf mit seinen handgeschnittenen Slicks die richtige Entscheidung. Jacque und Ukawa rückten dagegen mit zu weichen Intermediates aus und rutschten immer hilfloser durch die Gegend, je trockener die Strecke wurde. Bei Jacque versagte nur der Vorderreifen, weshalb er noch den dritten Platz unter Dach und Fach brachte. Bei Ukawa schmierten beide Räder weg, so daß er selbst 250- cm³-Neuling Haruchika Aoki vorbeilassen mußte und sich mit Platz sechs begnügte. Daß ausgerechnet Max Biaggi gewann und die Kollegen mit einem klaren 14-Sekunden-Vorsprung düpierte, machte die Niederlage besonders schmerzhaft. Der von Aprilia zu Honda gewechselte Weltmeister hatte erst Ende Januar, später als jeder Markenkollege, mit der Saisonvorbereitung angefangen und war belächelt worden, weil er auf allen Teststrecken zunächst einmal um zwei Sekunden unter den Bestzeiten blieb. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit und für Journalisten nicht zu sprechen, grübelten Biaggi und Teamchef Erv Kanemoto darüber nach, wie man der Honda die Fahreigenschaften von Biaggis alter Aprilia anerziehen könne, die nicht nur besonders verwindungssteif war, sondern dank einem extrem steilen Lenkkopfwinkel auch außergewöhnlich behende um die Ecken flitzte.Zum Entsetzen der Mannschaft von Ralf Waldmann gelang es dem Kanemoto-Team sogar, Honda zum Bau eines an Steuerkopf und Schwinge verstärkten Spezialrahmens zu bewegen. Biaggis Rückstand schrumpfte zehntelsekundenweise, und bei letzten Tests in Malaysia zwei Wochen vor dem Saisonauftakt gelang den Technikern der endgültige Durchbruch. Biaggi legte plötzlich Super-Zeiten vor und pulverisierte im GP-Training seinen eigenen alten Rundenrekord. Als es am Startplatz plötzlich zu nieseln aufhörte, ließ er frech und regelwidrig nach dem Drei-Minuten-Signal auf handgeschnittene Slicks umwechseln. Die fällige Strafe von 5000 Schweizer Franken steckte der Multimillionär locker weg - viel wichtiger war sein überlegener Sieg und der fällige Seitenhieb in Richtung Aprilia, den er sich für diesen Moment ausgedacht hatte. »Drei Siege hintereinander, dann ein Wechsel von Marke und Team - und wieder dasselbe Resultat«, strahlte der Dschungelkönig. Und Aprilia-Teamdirektor Carlo Pernat grämte sich, weil auch seine beiden hochdekorierten Topangestellten es nicht geschafft hatten, Biaggi in die Schranken zu verweisen. Loris Capirossi büßte schon im Training über eine Sekunde ein, vermasselte den Start aus zweiter Reihe und fuhr an die Box, weil sein Motor langsamer wurde. Tetsuya Harada kämpfte wie Olivier Jacque mit einem wegschmierenden Vorderrad, mußte Biaggi schon in der ersten Runde ziehen lassen und rettete nur dank seiner unerreicht präzisen Fahrweise Platz zwei.Wenigstens. Denn damit war für Aprilia zwar eine Schlacht, noch nicht aber der Krieg verloren. Wichtiger noch: Harada hatte den Nimbus des Topfahrers wiederhergestellt, den er mit seiner unehrenhaften Entlassung bei Yamaha im August 1996 vorübergehend eingebüßt hatte.Sein unerschrockener Kampf gegen den Mangel an Vorderradgrip war zudem die beste Visitenkarte für den Japan-Grand Prix in der Woche darauf und paßte zu der Zuschauerwerbung, die seine Landsleute in den anderen Klassen betrieben.Denn schon im bis zur Hälfte verregneten 125-cm³-Rennen trumpften die Japaner in Malaysia groß auf. UGT 3000-Star Tomomi Manako auf der Werks-Honda von Mario Rubatto preschte am Start als Erster durch die Gischt und führte über zwei Runden, bevor er wegen einer zu weichen Federung den Hinterreifen zerfledderte und auf Platz sieben zurückfiel. UGT 3000-Teamkollege Kazuto Sakata auf der Werks-Aprilia des italienischen Parallelteams sprang in die Bresche und machte sich mit Valentino Rossi auf und davon. Erst ein Bremsfehler in der letzten Kurve des Rennens erlaubte dem furchtlosen italienischen Teenager das letzte, entscheidende Überholmanöver, Sakata wurde mit knappem Rückstand Zweiter.Yamaha-Kurz-Pilot Youichi Ui war im Training bärenstark auf Platz drei gefahren, donnerte im Rennen aber gegen Manakos Auspuff und stürzte. Vizeweltmeister Masaki Tokudome lag bis zur letzten Runde auf Rang drei, fühlte sich auf den falschen Reifen jedoch »wie beim Dirt Track« und wurde noch auf Platz fünf verdrängt.Doch es waren immer noch genügend starke Japaner da, um auch seinen Posten auszufüllen: Denn im Endspurt war plötzlich Noboru Ueda auf bei diesen Bedingungen überlegenen Dunlop-Reifen zur Stelle und holte sich einen Platz auf dem Podest.Ebenso toll trieben es die Japaner in der Halbliterklasse. Vierzylinder-Aufsteiger Tadayuki Okada hielt im Training selbst Weltmeister Mick Doohan in Schach und holte mit einer halben Sekunde Vorsprung die Pole Position. Im Rennen stritt er zunächst um die Führung, bevor die Antriebswelle des elektronisch betriebenen Power Valve-Auslaßsystem abbrach und er sich mit fehlender Motorleistung auf Rang zehn mühte.Statt Okada begeisterte nun sein Nachfolger Takuma Aoki das Publikum. Von der japanischen Superbike-Meisterschaft auf die Zweizylinder-Honda NSR 500 V befördert, fuhr der mittlere der drei Aoki-Brüder so rücksichtslos vor der Weltelite her, daß er alsbald seine Reifen ruiniert hatte, Meter um Meter zurückfiel und am Schluß noch von Luca Cadalora, dem besten der anwesenden Yamaha-Piloten, auf Rang fünf verdrängt wurde. Zutiefst betrübt über den entgangenen Podestplatz, mußte Takuma nach Rennende von seinem älteren Bruder Nobuatsu getröstet werden. Dem war eine Sensation gelungen: In seinem ersten Halbliterrennen auf jener Piste, auf der er einst einen seiner ersten 250er GP gewonnen hatte, düste Nobuatsu als Dritter direkt aufs Treppchen und machte den Erfolg des Aoki-Trios komplett. »Takuma legte los, als ginge das Rennen über vier Runden«, schmunzelte Michael Doohan, der das turbulente Rennen am Ende doch wieder in überzeugendem Stil vor seinem ewigen Rivalen Alex Crivillé unter Dach und Fach gebracht hatte.Sieger des turbulenten Rennens war am Ende wieder Mick Doohan vor seinem ewigen Rivalen Alex Crivillé.Neu an der gewohnten Überlegenheit des Weltmeisters war nur die Motorvariante: Bis auf die glücklose »elf«-Truppe rückte Doohan als einziger ohne Big Bang-Triebwerk, sondern mit klassischer Zündfolge aus, weil er der einzige der Driftkünstler ist, der weniger Durchzug im mittleren Bereich und das zusätzliche Temperament bei voller Drehzahl effektiv in Vortrieb umsetzen kann.Doohan zeigte sich auch eine Woche später im japanischen Suzuka als unantastbarer Meister seines Fachs. Okada stürmte zwar abermals auf die Pole Position und baute nach einem Blitzstart einen imponierenden Zwei-Sekunden-Vorsprung auf. Doch als sich der vorsichtig gestartete Doohan erst einmal an den Aoki-Brüdern und Alex Crivillé vom fünften auf den zweiten Platz vorgeschoben hatte, begann Okadas Vorsprung auch beim Japan-GP alsbald wieder zu schrumpfen.Ab Rennmitte herrschte wieder die alte Rangordnung. Doohan führte, wehrte eine Schlußattacke Crivillés in der berühmten, engen Schikane von Suzuka mit einem gekonnten Spätbremsmanöver ab und feierte den zweiten Saisonsieg vor seinem spanischen Rivalen. Okada machte das Repsol-Honda-Trio auf dem Podest komplett und war fair genug, seine Niederlage nicht auf die Reifen zu schieben. »Ich machte am Anfang zu sehr Druck und wurde müde. Erst dachte ich, es wäre leicht, vorn zu bleiben. Aber die beiden belehrten mich eines besseren - sie sind kühl, erfahren und fahrerisch perfekt.«Takuma und Nobuatsu Aoki machten den Honda-Erfolg in Suzuka komplett, den Konkurrenzfabrikaten blieb nur das Scherbenlesen. Vor allem die Yamaha-Direktoren waren bitter enttäuscht, hatten sie doch auf einen neuen Sieg von Norifumi Abe gehofft. Aber manche Wunder wiederholen sich nicht: Nach einem Start aus der dritten Reihe war Abe zwar auf Anhieb Sechster, blies dann jedoch nicht zur Jagd, sondern fiel mit Reifensorgen auf Platz sieben zurück. Teamkollege Sete Gibernau stürzte, Superbike-Weltmeister Troy Corser rutschte gemeinsam mit Juan Borja von der Piste, und der elftplazierte Luca Cadalora klagte wieder einmal über ein wegrutschendes Vorderrad.Auch bei den 125ern hatte Yamaha außer Yoshiaki Katohs sechstem Platz wenig zu feiern. Youichi Ui glühte wie schon in Malaysia in die erste Startreihe, stürzte aber im Warm-Up. Bei der Überprüfung seiner Maschine vergaß ein Mechaniker eine Zylinderschraube, worauf schon am Startplatz Kühlwasser ins Motorgehäuse rann und Ui gleich gar nicht starten konnte.Mario Rubattos Schützling Tomomi Manako war im Warm-Up an der gleichen Stelle von seiner Honda gestürzt und ging mit Kreuzschmerzen und einer Oberschenkelprellung ins Rennen. Anfangs noch in der Spitzengruppe, fiel er wegen eines verbrauchten Hinterreifens aus Platz zwölf zurück und überließ es wie schon in Malaysia seinem italienischen Aprilia-Kollegen Kazuto Sakata, die Kohlen für UGT 3000 aus dem Feuer zu holen. Mit einem schlechtlaufendem Motor, aber flammendem Ehrgeiz hielt sich Sakata in der Spitzengruppe und übernahm einmal kurz die Führung, wurde aber sofort wieder von den schnelleren Verfolgern verschluckt und war mit Platz zwei noch gut bedient.Denn zum einen kam ihm das Pech Valentino Rossis zugute. Der Malaysia-Sieger stritt sich bis zwei Runden vor Schluß erbittert gegen eine japanische Übermacht um den Sieg, stürzte dann aber ausgangs der Schikane und betrachtete den Rest des Rennens deprimiert an die Leitplanken gelehnt.Zum andern war Noboru Ueda einfach unschlagbar. Schon in der ersten Runde hatte er das halbe Feld überholt, stürmte dann unerschrocken und mit heftig wackelnder Maschine weiter nach vorn und übernahm vor 50 000 begeisterten Zuschauern in Runde zwölf zum ersten Mal die Führung. Exweltmeister Dirk Raudies war zu diesem Zeitpunkt längst aus dem Rennen und berichtete vom schlimmsten Sturz seiner Karriere: »Gleich nach dem Start hat es einen Wild Card-Fahrer vor mir quergestellt. Ich habe ihn mit der Bremse berührt, worauf mein Vorderrad blockierte. Mich hat´s der Länge nach überschlagen.« Ein schrottreifes Motorrad, ein gebrochener Mittelhandknochen und eine Gehirnerschütterung waren die Folgen des spektakulären Abflugs. Uedas erster Suzuka-Sieg seit 1991 hatte allerdings einen Schönheitsfehler. Nach einer verkürzten Besichtigungsrunde war Ueda zurück in die Box gefahren, um die Übersetzung dem kräftig blasenden Wind anzupassen. Mit Verspätung rauschte er aus der Boxengasse auf die Warm-Up-Runde und ignorierte die rote Ampel. Bei der Startaufstellung blieb er zwar hinter dem Feld, überholte aber das Pace Car. Zwei Regelverstöße, für die der Japaner 1500 Schweizer Franken Strafe berappen muß. Zunächst wollte Aprilia mit einem Protest reagieren. Denn für die kleine italienische Marke gab es in Suzuka wenig zu feiern. Nach Rossis Sturz fiel Vizeweltmeister Masaki Tokudome wegen eines gebrochenen Kabels am Power Valve auf Rang 13 zurück. Bei den 500er hatte Alessandro Gramigni nach einem verheerenden 23.Startplatz das Handtuch geworfen und desillusioniert seinen Startverzicht bekanntgegeben. Und bei den 250ern verpaßte Tetsuya Harada einen Sieg, der 18 von 19 Runden zum Greifen nahe schien. Der Japaner führte eine Gruppe seiner wilden Landsleute überlegen an, wurde in der Schikane jedoch wegen denselben Fehlzündungen, die schon Loris Capirossi zurückgeworfen hatten, von zwei Honda-Werksfahrern überrumpelt. »In der letzten Runde wurde mein Motor langsamer. Die beiden kamen näher, als ich dachte, und haben mich beim Anbremsen überrascht. Welche Schande!« raufte sich Harada die Haare.Daß nicht Max Biaggi und Olivier Jacque, sondern Tohru Ukawa und der am Ende siegreiche Wild Card-Fahrer Daijiro Kato so energisch auftraten, lag an den Havarien des Trainings. Biaggi wurde nach seinem Höhenflug von Malaysia jäh und schuldlos auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen, als im ersten freien Training der Motor seiner Honda festging. Der Italiener stürzte schwer, renkte sich das linke Schlüsselbein aus und hatte etliche Prellungen, biß sich aber trotzdem durchs Training und sicherte als Siebter im Rennen wertvolle Punkte. »Die Schmerzen in meiner Schulter waren kaum auszuhalten, vor allem beim Bremsen. Vielleicht habe ich zuviel riskiert, doch ich bin eben so, und die Fans lieben mich dafür«, sagte Biaggi.Olivier Jacque stürzte im Warm-Up am Sonntag morgen ausgangs der Schikane, trug eine Gehirnerschütterung und ein gebrochenes linkes Schlüsselbein davon und mußte auf den Start verzichten.Ohne den Franzosen und mit den Rückschlägen von Harada und Biaggi sah Ralf Waldmanns Überseebilanz am Ende viel besser aus als nach dem 13. Trainingsplatz wegen eines beharrlich ratternden Vorderrads befürchtet.Doch sein Team fand für die Abstimmung des Motorrads ebenso eine Lösung wie Therapeut Andreas Kos für Waldis seit dem Malaysia-Sturz lahmenden rechten Mittelfinger, den er kurzerhand mit Tape am Ringfinger befestigte. »Ich bin voll zufrieden«, strahlte Waldi nach seinem fünften Platz. »Mein Start war gigantisch, ich bin abgegangen wie ein Düsenjäger. Im Rennen waren dann nur Japaner um mich herum. Eine wilde Horde!“

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