Grand Prix Mugello/I (Archivversion)

Alles oder nichts

Beim Mugello-Grand Prix stritten sich drei Italiener um den Halblitersieg. Das große Finale war ein Kampf um alles oder nichts.

Der Dreikampf von Loris Capirossi, Valentino Rossi und Max Biaggi war so inspirierend, dass sich der Streckensprecher bereits an den Imola-Grand-Prix 1972 erinnert fühlte, bei dem die Italiener Agostini, Pagani und Spaggiari ein historisches Podium in der Halbliterklasse besetzt hatten. Der Vergleich kam zu früh. Rossi und Biaggi hätten sich besinnen und den Triumph mit dem souveränen Capirossi teilen können. »Doch das hat das italienische Herz nicht zugelassen”, wie Exweltmeister Dieter Braun schmunzelnd analysierte.Statt sich mit Podestplätzen zu bescheiden, setzten Capirossis Verfolger auf alles oder nichts. Rossi zwängte sich an Capirossi vorbei, bog wenig später zu schnell in die tückische Bergab-Rechtskurve »Casanova” ein und verlor die Kontrolle übers Vorderrad. Unspektakulär, aber unerbittlich ging die gelbe Nastro-Azzurro-Honda auf Tauchstation. Rossi gelang es, die kaum beschädigte Maschine wieder aufzurichten und einen zwölften Platz ins Ziel zu bringen, doch die große Feier seiner Fans aus Tavullia, die nach dem Abwinken zu Hunderten auf die Strecke fluteten, fiel ins Wasser.»In dieser Kurve habe ich Ende 1996 einen ähnlichen Sturz gebaut. Es gibt dort eine Bodenwelle, und wenn du mit vollem Tempo ankommst, ist der Abflug vorprogrammiert”, erklärte Loris Capirossi. »Das war keiner jener Fehler, über den du dir noch tagelang die Haare raufst”, analysierte Rossi selbst. »Vielleicht bin ich zu schnell eingebogen, vielleicht war es auch diese kleine Senke, die das Vorderrad aus der Spur hebelte. Wenigstens bin ich bis zu diesem Moment gut gefahren. Ich habe das Rennen trotz allem genossen”, meinte er.Rossis wichtigster Trost war, dass sich auch sein Erzfeind Max Biaggi an Capirossi die Zähne ausbiss. Nach Rossis Sturz ließ Biaggi den eigenen 50-Meter-Rückstand auf Capirossi mit wilden Spätbremsmanövern auf Null zusammenschrumpfen und ging für ein paar Kurven in Führung. In der langgezogenen »Arrabiata”-Bergaufkurve schlug Capirossi zurück, wobei die Verkleidungen der beiden für mindestens 30 Meter aneinanderscharrten.Richtig krachte es in der folgenden »Scarperia”-Rechtskurve. Biaggi blieb beim Einbiegen mit dem Handbremshebel am Heck der Capirossi-Honda hängen, worauf auch sein Vorderrad jegliche weitere Bodenhaftung verweigerte. Wie Rossi gelang Biaggi eine relativ weiche Landung, mit kräftiger Anfahrhilfe der Streckenposten erreichte er noch als Neunter das Ziel. »Die Honda waren auf der Geraden so schnell, dass ich mir andere Linien suchen musste, um nicht zu viel an Boden zu verlieren – im letzten Jahr waren wir noch Kopf an Kopf”, erklärte Biaggi. »Die Berührung mit Capirossi kam völlig überraschend. Ich ahnte, dass er sich in den letzten Kurven breit machen würde, doch ich rechnete nicht mit einem so harten Bremsmanöver. Alles in allem habe ich wenigstens bewiesen, daß ich noch zur Stelle bin!” Denn in der WM-Wertung lassen sich Biaggis Qualitäten nun wirklich nicht ablesen: Nach vier Rennstürzen hintereinander dümpelt der als WM-Favorit angetretene Römer derzeit an 14. Stelle der Wertung.Umgekehrt ist Capirossi der Mann der Stunde. Für die neue Saison im Honda-Satellitenteam von Sito Pons untergekommen, das sich durch den von GP-Promoter Dorna vermittelten Sponsor Emerson über Wasser halten konnte, zeigte sich der vermeintliche Nachteil zweitklassigen Materials schnell als Vorteil. Während das offizielle Werksteam an den Kinderkrankheiten der 2000er-Motorräder herumdokterte und den zu giftigen Motor schließlich entnervt gegen Vorjahresmodelle austauschte, hatte Capirossi von vornherein das bewährte 1999er-Modell zur Verfügung und sammelte von Rennen zu Rennen größeres Selbstvertrauen.Ein Jahr zuvor in Mugello noch mit schwarzer Flagge, Schimpf und Schande aus dem 250er-Rennen gejagt, verwandelte er seinen Heim-Grand-Prix nun in eine gelungene Demonstration souveräner Überlegenheit. »Ich hatte schon frühzeitig drei Sekunden Vorsprung und dachte darüber nach, ob ich auf und davon fahren sollte. Dann entschied ich mich, auf die anderen zu warten, denn ich fühlte mich stark genug, das Rennen bis zur Ziellinie auszufechten”, erklärte Capirossi.So stark die Honda-Leasingkunden auftraten, so hilflos fuhr das Repsol-Team hinterher.Okada wurde als zweitbester Honda-Pilot Achter, Gibernau Zehnter. Alex Crivillé, in Le Mans noch als Sieger gefeiert, buchte im Rennen den dritten Sturz des Wochenendes, nachdem er seine beiden Motorräder schon im Abschlusstraining zertrümmert hatte. »Er muss seinen Kopf sortieren. Er ist nicht bei der Sache”, stellte Cheftechniker Gilles Bigot fest und schickte seinen Star statt zu den für Montag anberaumten Vorderreifentests nach Hause.Weil auch Kenny Roberts seiner Form hinterherfuhr, die frühe Führung verspielte und unlustiger Sechster wurde, feierte ein Außenseiter seinen bislang größen Tag: Aprilia-Zweizylinderpilot Jeremy McWilliams wurde hinter Carlos Checa Dritter.
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Grand Prix Italien (Archivversion) - 125/250: Stevies Wunder

Steve Jenkner feierte das beste GP-Resultat seiner Laufbahn. Das deutsche 250-cm3-Aufgebot wurde völlig aufgerieben.
Steve Jenkner drehte beim 125er-Grand-Prix von Italien groß auf: Nach einer Runde erst an 15. Stelle, sicherte er sich nach einer turbulenten Aufholjagd den vierten Platz, das beste Resultat seiner dreieinhalbjährigen Grand-Prix-Karriere. Während in seiner Box gelacht und gefeiert wurde, gerieten sich die Italiener Lucio Cecchinello und Manuel Poggiali in die Haare: Der 31-jährige Honda-Pilot und der 17-jährige Derbi-Nachwuchsmann waren in der letzten Runde vor Jenkners Augen gestürzt und beschuldigten sich gegenseitig, die Ideallinie versperrt zu haben. »Die Fahrer an der Spitze sind so oft ineinandergerannt, da habe ich gedacht, da wird in der letzten Runde bestimmt eine Lücke frei – und siehe da”, schmunzelte der tapfere Sachse.Das 250-cm3-Rennen wurde hingegen zum Desaster. Ein Regenschauer kurz vor dem Start sorgte für dubiose Streckenverhältnisse. Insgesamt gab es zehn Stürze, dabei wurden auch alle drei deutschen Fahrer ausradiert.So hatte sich Ralf Waldmann bereits in Führung geschoben, als ihm unversehens das Vorderrad wegrutschte. »Alles schien in Ordnung, mein Start war gut, das Motorrad sauschnell auf der Geraden – ich hätte gewinnen können”, haderte er mit seinem Ausfall. Beim Sturz seines Teamkollegen war womöglich eine Benzinspur im Spiel. »Ich habe gelb-rote Flaggen gesehen. Allerdings in der Bremszone, nicht am Kurvenausgang. Leider habe ich dort schon wieder voll reingehalten”, schilderte Klaus Nöhles seinen Weg ins Desaster.Am schlimmsten erwischte es Alex Hofmann. »Ich bin in der ersten Runde bewusst vorsichtig gefahren und war völlig überrascht, als ich plötzlich durch die Luft flog”, erinnert sich der Aprilia-Pilot. Beim Sturz zog er sich einen V-förmigen, doppelten rechten Schienbeinbruch zu. Um acht Uhr am Sonntagabend wurde der Bruch bereits in der Klinik von Grand-Prix-Arzt Costas in Imola genagelt, drei Tage später kehrte der 20-Jährige nach Bochum zurück und bereitet sich aufs Comeback vor. »Ich trete aber erst an, wenn ich wieder völlig fit bin”, schränkte er ein.

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