Grand Prix Österreich in Zeltweg (Archivversion) Prinzenrolle

Der GP Österreich wurde zum Triumph für die Kronprinzen: Alex Crivillé schlug Michael Doohan, Ralf Waldmann gewann bei den 250ern, Grünschnabel Ivan Goi wurde als jüngster Sieger aller Zeiten gefeiert.

Max Biaggi schoß Olivier Jacque schon vor der zweiten Kurve des 250er Laufs von Österreich ab, und der Franzose, dem gleiches schon beim Frankreich-Grand Prix mit Jürgen Fuchs widerfahren war, reagierte beleidigt. »Ich sollte mir eine Zielscheibe aufs Heck meines Motorrads malen«, zeterte der Trainingsschnellste. »Ich bin bitter enttäuscht, denn diese Strecke liegt mir ebenso wie meiner Honda. Wenn ich mir die Rundenzeiten anschaue, wäre ich Waldmann mit Sicherheit davongefahren.« Der Weltmeister war sich seiner Schuld nur eingeschränkt bewußt. »Waldmann führte, doch vor der zweiten Kurve waren Jacque und ich schon drauf und dran, ihn anzugreifen. Jacque schätzte die Entfernung falsch ein. Als er merkte, daß er nicht an Waldmann vorbeikam, ging er nochmals voll in die Bremsen. Ich war direkt hinter ihm und bremste ebenfalls, so stark es ging. Doch die Karbonbremsscheiben waren noch nicht richtig auf Temperatur, deshalb rauschte ich ihm ins Heck«, erklärte Biaggi. »Mir tut der Arm weh, sonst bin ich okay. Doch das WM-Duell mit Waldmann wird allmählich gefährlich.« Denn die Lücke, die dieser Unfall hinter Waldi aufriß, war groß genug, um dem HB-Honda-Star eine sorglose Alleinfahrt und den dritten Saisonsieg zu ermöglichen. »Ich habe es ja immer gesagt: In der Weltmeisterschaft kann alles passieren«, triumphierte Waldi. »Alles lief bestens. Ich hatte einen Superstart und konnte deshalb von Anfang an sehr schnell fahren, denn wenn du im Kampf gegen andere von der Ideallinie abkommst, wird es hier sehr rutschig. Biaggi hat einen Fehler gemacht, wahrscheinlich war er wegen seiner vielen Vertragsverhandlungen nervös. Es tut mir leid für Max, doch es ist gut für alle, daß die Weltmeisterschaft jetzt wieder offener ist.« Auf 28 Punkte verkürzte Waldi den Rückstand in der Tabelle. Sein Teamkollege Jürgen Fuchs buchte hinter dem Überraschungszweiten Luis d´Antin den dritten Platz im Rennen und den dritten Podestplatz seiner Karriere, mit dem der Werksfahrerneuling auf den erstaunlichen dritten WM-Rang vorstieß. »Der Platz war ein Geschenk«, räumte er ehrlichkeitshalber ein. »Biaggi und Jacque sind direkt vor meiner Nase gestürzt. Nach dieser Schrecksekunde wollte ich aufschließen, hatte aber gleich einen gewaltigen Vorderradrutscher und mußte zurückstecken. Mein Motor setzte zu hart ein, gleichzeitig war das Fahrwerk zu weich. Am Schluß kam mir Tohru Ukawa noch gefährlich nahe.« Fuchs rettete sich um knapp zwei Sekunden vor dem Benetton-Star über die Linie, bescherte dem scheidenden Hauptsponsor HB, der auch als Geldgeber der Veranstaltung auftrat, einen großen Erfolg und sich selbst eine glänzende Ausgangsposition fürs kommende Geschäftsjahr - Senkrechtstarter Fuchs hat derzeit mindestens ebenso viele Angebote in der Tasche wie der etablierte Waldmann. Vielleicht werden auch die Zukunftsperspektiven von Dirk Raudies wieder erfreulicher. Im 125-cm³-Lauf kämpfte er sich auf Platz zwei und feierte das bislang beste Resultat der Saison. »Mit all diesen jungen Leuten um mich herum fühle ich mich selbst wie neugeboren«, schmunzelte Raudies, gab den Rücktritt vom Rücktritt bekannt und erklärte, er werde 1997 auf jeden Fall weiterfahren. Der 16jährige Ivan Goi wurde als jüngster GP-Sieger aller Zeiten gefeiert, der 17jährige Valentino Rossi feierte Platz drei und seinen ersten Podestplatz mit einem langen, spektakulären Wheelie aufrecht in den Fußrasten stehend. Eigentlich hatten die Aprilia-Asse Masaki Tokudome und Stefano Perugini das Rennen unter sich ausmachen wollen. Beide waren felsenfest überzeugt, den Österreich-GP gewinnen zu können, doch beide wurden zum Opfer desselben Defekts. Perugini schied schon nach der Hälfte des Laufs wegen einer gebrochenen Zündkerze aus. Tokudome hatte den Spitzenpulk mit einem lockeren Dreh am Gasgriff außen herum unter Kontrolle gebracht und lag zu diesem Zeitpunkt komfortabel in Führung. Fast drei Sekunden trennten ihn von seinen Verfolgern, als er in der vorletzten Runde ebenfalls plötzlich dramatisch zurückfiel, wenn er auch mit Ach und Krach noch als Vierter vor dem nach harter Aufholjagd auf Rang fünf plazierten Peter Öttl die Linie querte. »Der Motor drehte nur mehr 12000 Touren. Es war dasselbe wie in Assen: Zündkerzenbruch«, bestätigte Tokudome und war kaum damit zu trösten, daß er wegen des grippekrank ausgeschiedenen Haruchika Aoki intakte WM-Chancen behielt. »Man könnte auf der Sau hinausreiten«, schüttelte auch Teambesitzer Rolf-Peter Ditter nach dem vierten technischen Defekt der Saison erbost den Kopf. Aprilia-Cheftechniker Jan Witteveen kam zu einem Krisengespräch in die Box, denn neben den Keramikbrüchen an Tokudomes und Peruginis Zündkerzen sprang auch Valentino Rossis Motor beim Geräuschcheck nach dem Zieleinlauf plötzlich nicht mehr an: Bei ihm war die Massenelektrode abgefallen. »Das ist kein Problem der Zündkerzen, sondern der Motoren. Die Vibrationen und Detonationen der Aprilia-Aggregate sind unerreicht«, wehrte sich Peter Kellner vom Zündkerzen-Hersteller NGK. Die drehschiebergesteuerten Aprilia-Einzylinder laufen eben nicht so butterweich wie die mit einer Ausgleichswelle versehenen Membranmotoren der Konkurrenz. Und schon gar nicht so lammfromm wie die Honda-Vierzylinder, die Michael Doohan und Alex Crivillé dem nächsten Triumph entgegentrugen.Seit seinem mißglückten Schlußangriff in Jerez war der Spanier folgsam wie ein zweiter Schatten hinter Doohan hergefahren, und bis zur letzten Runde sah es auch in Österreich so aus, als bliebe die Vormachtstellung des Weltmeisters unangetastet.Doch dann nahm Crivillé sein Herz plötzlich in beide Hände. Vor der letzten Doppelkurve hatte Doohan einen leichten Vorderradrutscher und kam von der Ideallinie ab. Blitzschnell reagierte Alex und stach in die Lücke. Mit breiten Ellbogen scharrte er an seinem Repsol-Teamkollegen vorbei und gewann, worauf sich die spanischen Journalisten unter dem Siegerpodest heiser schrien vor Freude. Denn an diesem Sieg waren zwei Dinge bemerkenswert. Crivillé, 125-cm³-Weltmeister 1989 auf einer Cobas, hatte das Fahren im Pulk, die Kämpfe auf engstem Raum und die ständige Suche nach kleinen Lücken und neuen Linien in der kleinsten Klasse schon immer als die wertvollste Schule für seine spätere Karriere bezeichnet. Jetzt bewies er diese Zweikampfstärke und fügte Doohan eine Schlußspurt-Niederlage zu, wie er sie seit den Zeiten von Wayne Rainey und Kevin Schwantz nicht mehr hatte wegstecken müssen. »Wir haben uns mit den Ellbogen berührt, das stimmt. Doch der Kampf war völlig fair«, beteuerte Crivillé. Daß der Weltmeister beim Vorderreifen verwachst hatte, schmälerte Crivillés Erfolg nicht. Immer wieder drängte Doohans Honda in Richtung Kurvenaußenrand, ein Symptom, das auch Luca Cadalora an seiner Honda feststellte und sich hinter Norifumi Abe mit Platz vier begnügte. »Ich könnte mich ohrfeigen - hier wäre ein Sieg dringewesen«, gab Cadalora zu Protokoll. Geht die Erfolgskurve des Italieners nach wie vor auf und ab wie eine Achterbahn, so etabliert sich Abe immer mehr als konstante Größe in der Halbliter-Weltelite. Beflügelt vom dritten Platz in England, sauste der Japaner schon wieder aufs Podest und in die Herzen der Yamaha-Manager, die an den anderen drei Neulingen der Klasse nur wenig Freude haben. Auch von den Zweizylinder-500ern war wenig zu sehen. Aprilia-Tester Marcellino Lucchi fuhr bei seinem ersten Halbliter-Einsatz in Vertretung von Doriano Romboni ebenso hinterher wie die Honda-Vertreter Tadayuki Okada und Shinichi Itoh, die Hinterreifenprobleme und zuwenig Leistung auf dem langen Bergaufstück nach der Startkurve beklagten.Gespann-Exweltmeister Rolf Biland wartet ebenfalls weiterhin auf den ersten Saisonsieg. Auf nasser Piste am Samstag nachmittag führte der Schweizer zwar für über zehn Runden, fiel dann auf allmählich abtrocknender Piste jedoch auf Platz drei zurück. »Die Motorleistung setzte zu abrupt ein. Mein Hinterreifen war noch früher am Ende als der der andern«, erklärte er enttäuscht. Die Schweizer Brüder Paul und Charly Güdel hielten sich dagegen tapfer an der Spitze und wehrten die wütenden Angriffe von Weltmeister Darren Dixon bis ins Ziel bravourös ab. Und das, nachdem sie zu Beginn wegen eines Bremsproblems ins Kiesbett getrudelt waren und erst einmal das halbe Feld hatten überholen müssen.

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