Grand Prix Rio in Jacarepagua (Archivversion) Ich bin so frei

Manuel Poggiali holte nach 44 Jahren wieder einen WM-Titel für Gilera – auf einer Maschine, bei der Konstrukteur Bartol alle technischen Freiheiten hatte.

Romolo Ferri gewann 1956 den deutschen 125-cm3-Grand-Prix auf Gilera. Der bei 12000/min 19 PS starke Viertakt-Twin trug ihn auf der Stuttgarter Solitude zu einer schnellsten Runde mit 138,855 km/h Schnitt. Gegen den übermächtigen Carlo Ubbiali auf MV Agusta reichte es am Saisonende jedoch nur zur Vizeweltmeisterschaft.Die Mission, die dem Italiener damals nur zur Hälfte glückte, wurde nun erfüllt. 45 Jahre später, beim Finale der Grand-Prix-Saison 2001 in Rio de Janeiro, holte Manuel Poggiali endlich den 125er-Titel für Gilera, wobei er es wegen widerlichen Nieselwetters und seines geringen Restbedarfs von nur noch drei WM-Punkten mit einem vorsichtigen fünften Rang bewenden ließ. »In dieser hartumkämpften Klasse kannst du nicht immer so auftreten wie Rossi bei den 500ern«, bedauerte er angesichts der phänomenalen Serie seines Landsmanns, der den von Regen unterbrochenen Halbliterlauf von Rio mit dem elften Saisonsieg abschloss. »Ich fühle mich unwohl im Nassen, und als mir in der fünften Runde bei einem Vorderradrutscher der Lenker einklappte, gefror mir das Blut in den Adern«, gestand der Rennprofi aus San Marino. Erstaunlich abgebrüht für einen 18-Jährigen, brachte er sein Motorrad dann doch heil über die Distanz, bevor er eine kräftige Party steigen ließ. »Ich könnte noch drei Rennen gebrauchen«, ließ dagegen Derbi-Pilot Youichi Ui wissen, der sich nach dem vierten Sieg hintereinander ein paar Tränen aus den Augen wischte, weil es trotz insgesamt sechs Erfolgen doch nicht für den Titel gereicht hatte. »Er fiel zu Saisonmitte in ein Leistungsloch«, bedauerte Harald Bartol, der die baugleichen Gilera- und Derbi-Renner konstruiert hat. »Trotzdem ist der Youichi in meinem Herzen Champion. Er arbeitet seit sechs Jahren mit mir und hat sehr viel zum Erfolg beigetragen.« Zunächst wirkten sie gemeinsam im Yamaha-125-Team des Schwaben Hermann Kurz, dann wurden Bartol und Ui zu den Schlüsselfiguren beim Derbi-Comeback 1999. Bartol brachte einen ursprünglich für Yamaha gedachten Membranmotor in das Projekt ein, der die Konkurrenz seit dem ersten Einsatz eines neuen Motorgehäuses und eines neuen Spezialgetriebes beim diesjährigen Brünn-Grand-Prix endgültig in Grund und Boden fährt. Über 55 PS bei 12 600/min sind die neue Messlatte für Honda und Aprilia. »Alles nur, weil ich die völlige Freiheit hatte, das zu verwirklichen, was ich für richtig hielt«, reibt sich Bartol die Hände. Freilich sind die ersten beiden Plätze in der WM auch für das Gilera-Derbi-Doppelteam eine Bilanz, die nur schwer zu übertreffen ist. Neben der Ausrüstung eines Juniorenteams in Italien gibt es deshalb bereits ein neues, noch höheres Ziel: Die Teilnahme an der GP1-WM. »In den nächsten Wochen mache ich den Businessplan. Danach brauchen wir zwei Jahre, um das Projekt auf die Beine zu stellen«, verrät Harald Bartol. Auch in der Königsklasse hat der Name Gilera Tradition: Zwischen 1950 und 1957 holte das Werk aus der Nähe von Mailand sechs 500er-WM-Titel mit Umberto Masetti, Geoff Duke und Libero Liberati.

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