Grand Prix Sachsenring (Archivversion) In weiter Ferne...

...oder ganz nah dran? Deutschlands Motorradsportler wollen endlich wieder ein Wörtchen im GP-Zirkus mitsprechen. Gut so – meinen 80 000 Fans am Sachsenring und MOTORRAD.

Die eng geschnittene Lederkombi lässt den Jubel von Steve Jenkner fast verhalten wirken. Doch die Burnouts vor den prall gefüllten Tribünen überzeugen auch die letzten Zweifler: Steve ist glücklich. Glücklich über den dritten Platz in der 125er-Klasse hier am Sachsenring. Glücklich darüber, dass er dieses Resultat im beinharten Clinch mit Weltmeister Manuel Poggiali erobert hat – im Fotofinish und dem Vorsprung von einer Tausendstelsekunde. Glücklich, dass ihn der enorme Druck, nur ein paar Steinwürfe von seinem Haus in Hohenstein-Ernstthal entfernt brillieren zu müssen, nicht zermürbt hat. Und er ist glücklich, dass ihm diese Chance überhaupt noch gegeben wurde. Denn noch vor 18 Monaten hatte dem 26-jährigen Sachsen der unfreiwillige Rücktritt gedroht. Damals, als er nach Platz elf im WM-Klassement im Team des ADAC Sachsen von Jarno Müller ersetzt wurde. Doch Ralf Schindler, Gründer der so genannten United-Grey-Handelskette, einer Vereinigung von Grau-Händlern, hatte an ihn geglaubt – und letztlich Recht behalten. Nach der ersten Hälfte dieser Saison liegt der jungenhaft wirkende Familienvater auf dem starken vierten WM-Rang. Weil Schindler, hemdsärmelig auftretender Teamchef sowie Rennfan durch und durch, Mut bewies. Sich nicht mit verloren Geglaubtem abfinden wollte und den kleinen Steve in das, in Kooperation mit einer italienischen Equipe gegründete, so genannte UGT 3000-Abruzzo-Team steckte. Und nicht nur die 80 000 enthusiastischen Fans, die den deutschen Grand Prix am Sachsenring wieder zu einem Highlight der WM-Saison werden ließen, begeistert das Engagement des südbadischen Selfmade-Unternehmers. Auch MOTORRAD schätzt Initiativen, die sich nicht mit dem tristen Status quo – außer Jenkner befindet sich derzeit kein Deutscher unter den Top Ten einer GP-Klasse - abfinden wollen: nämlich das UGT-Team, das sich zu einem fixen Element in der WM-Szene mausert. Die Dark Dog Challenge des ADAC, die mit einem aufwändigen Engagement Talente zu künftigen WM-Fahrern formen möchte. Und den im Rahmen der GP und Endurance-WM ausgetragenen BMW-Boxer-Cup, weil er beweist, dass mittlerweile auch hiesigen Herstellern eine Präsenz auf der Plattform der Grand Prix etwas bedeutet.So wie damals bei Ralf Waldmann. Fünfzig Podestplätze, zwanzig GP-Siege und zwei Vize-WM-Titel hatte das Fahrtalent in den 15 Jahren seiner Karriere geholt. Nach der Saison 2000 aber war Schluss. Keine Sponsoren, kein Team, Rücktritt. Doch Autorennen im Porsche Carrera Cup waren nicht sein Ding. Nun jubelten sie wieder, die Fans: Waldi is back. Wieber belebt von UGT, mit einem Schmalspur-Budget von 40 000 Euro für drei Rennen. Platz elf beim Comeback in Assen begeisterte – und der Auftritt des jovialen, immer noch kindlich begeisterten 36-Jährigen am Sachsenring erst recht. Kein Reservemotorrad, kein Honorar, eine, nur für die EM aufgebaute Viertelliter-Aprilia, drangvolle Enge in der Box – Waldi scherte sich nicht drum. Ganz im Gegenteil. Der Weg zurück zu den Wurzeln führte nach oben. Platz neun beim wegen Regens abgebrochenen 250er-Lauf beweist, was möglich ist, wenn die Moral stimmt. Nun soll die Sommerpause bis zum GP in Brünn am 25. August genutzt werden, um mit zusätzlichen Sponsoren die restliche Saison finanziell abzusichern.Mit seinem Status quo will sich auch Alexander Hofmann nicht abfinden. Trotz ansprechender Resultate im vergangenen Jahr (Platz zwölf in der 250er-WM), dreht der gebürtige Allgäuer in dieser Saison Däumchen. Allerdings: Seit vier Rennen schnuppert der 22-Jährige wieder GP-Luft – und gleich die dünne, ganz, ganz oben in der MotoGP-Klasse. Als Ersatzfahrer im Red-Bull-Yamaha-Team für den verletzten Garry McCoy holte der eloquente Profi auf Anhieb Platz elf in Assen. Weil sich dort ausgerechnet Star Loris Capirossi den Arm brach, heuerte West-Honda-Teamchef Sito Pons den vier Fremdsprachen kundigen Hofmann gleich für zwei Auftritte auf der NSR 500 an. Jedoch mit teils ähnlichen Voraussetzungen wie Waldi: kein Honorar und keine Testfahrten. Obendrein belastete die kühle, ergebnisorientierte Arbeitsweise eines Top-GP-Teams zusätzlich. Doch Alex nahm´s locker, gewöhnte sich mit Platz 17 in England - sturzfrei - an die 200 PS starke Rakete und krempelte in Sachsen die Ärmel vollends hoch. Im Zeittraining verlor der in Bochum lebende Ex-Motocrosser gerade mal 1,2 Sekunden auf die Pole Position von Olivier Jacque und sorgte im Rennen für die Sensation: Platz zehn. Zumindest aus aktueller Sicht aber ohne Happyend. Capirossi wird bis Ende August wieder einsatzfähig sein. Bleibt zu hoffen, dass Hofmann sich mit diesem Bravourstück für einen Platz in einem attraktiven Team für die Saison 2003 empfehlen kann.Vergleichsweise gelassen können die Herren des BMW-Boxer-Cup ihre Auftritte angehen. Doch die im Gegensatz zum GP-Fahrerlager nebenan herrschende, bayerisch-urige Atmosphäre täuscht. Markus Barth, im Nebenjob übrigens des öfteren Tester bei MOTORRAD, kann ein Lied davon singen. Zwar gewann der Schwabe den Auftakt des Boxer-Cup in Donington, kam aber kurz vor dem Sachsenring bei den Rennen in Barcelona und Assen unter die Räder. Mehrere gebrochene Rippen und verschobene Rückenwirbel belegen, dass selbst in der Gentlemen-Liga »Krieg herrscht,« wie der 29-Jährige das ausdrückt. Für den Heimauftritt biss der schwer Gezeichnete dennoch die Zähne zusammen. Nach der Trainingsbestzeit zollte der Semiprofi den Blessuren allerdings im halbstündigen Rennen am Samstagabend Tribut: Platz sechs lässt Raum für die Hoffnung auf bessere Tage. Das Prinzip Hoffnung schlechthin verkörpern allerdings die Mädels und Jungs der neu geschaffenen Dark Dog Challenge. Zwischen 13 und 19 Jahre alt und mit identischen Honda RS 125 Production Racern ausgerüstet, mussten sich die Jungspunde für den großen Auftritt auf ein Zeitraffer-Programm einlassen. Ein Training und ein Rennen, mehr gab der straffe GP-Zeitplan für die Youngster nicht her. Und selbst wenn es nach einem sturzbedingten Abbruch des ersten Laufs doch deren zwei wurden, scheint die Talentdichte enorm. Denn mit dem 16-jährigen Stephan Ulrich stand im fünften Lauf der Serie zum fünften Mal ein neuer junger Mann ganz oben auf dem Siegerpodest. Als Sieger fühlten sich aber wenig später nicht nur Stephan oder der in der Challenge Führende, der 17-jährige Matti Seidel, sondern alle. Denn bei einer vom ADAC und Honda organisierten Fete für die Jung-Heizer schaute das Idol aller Nachwuchsrennfahrer, 500er-Weltmeister Valentino Rossi, höchstpersönlich vorbei. Und selbst wenn die Junioren fahrerisch vom großen Meister noch in weiter Ferne agieren, nach einem kräftigen Händedruck, dem obligatorischen Autogramm und dem Gruppenbild mit dem »Doktor« waren sie jetzt schon dort, wo Waldi schon war und Alex, Markus und Steve gern einmal hinkommen möchten: ganz nah dran an einem Champion.

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