Grand Prix Schottenring (Archivversion)

Schotten-Rock

Heavy Metal aus offenen Auspufftüten – das und vieles mehr bietet der Oldtimer-Grand-Prix Mitte August im hessischen Schotten. Bikes und Bike-Legenden aus acht Jahrzehnten sind auf dem Stadtkurs am Start.

Gut zwei Dutzend Motorräder donnern im Formationsflug an der Post vorbei. Auf der langen Geraden parallel zum Flüsschen Nidda werden die Bikes ungehemmt hochgedreht. Verkehrszeichen und Zebrastreifen bleiben unbeachtet, die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h im Innenstadtbereich sowieso. Beim Fließengeschäft Kress in der Seestraße wirft sich die wilde Meute gewagt in eine Rechtskurve und röhrt den kurzen Anstieg zur Pizzeria Da Toni hinauf, deren Gartenterrasse man hinter Gittern und Strohsäcken verbarrikadiert hat, als drohe ein Hochwasser der Nidda. Hochwasser? Nein. Ausnahmezustand? Ja. Traditionell am dritten Wochenende im August – in diesem Jahr also am 18./19. August – fällt im hessischen Luftkurort Schotten der Startschuss zum Schottenring-Grand-Prix. Gut 300 Teilnehmer mit historischen Renn- und Sportmaschinen aus acht Jahrzehnten nehmen dann wieder den 1,4 Kilometer langen Stadtkurs unter die Räder. Dazu gibt’s verschiedene Sonderläufe mit bekannten Stars zu sehen. Im vergangenen Jahr bevölkerten 16 000 Oldie-Fans das 4000 Einwohner zählende Städtchen im hessischen Vogelsberg. »Endlich mal was los in Schotten«, freute sich Familie Fritzgers, die vom Balkon ihrer Wohnung das Renngeschehen aus nur 30 Metern Abstand verfolgen kann. Die Luft überm Rennkurs vibriert, die Flagge fällt, die Vintage-Klasse prescht über die Zielgerade. Bewundernde Zuschauerblicke gleiten noch mal über Schmuckstücke wie DKW SS 500 oder Rudge Whitworth. Dann ist es für einen Moment still. Bis sich, etwa eine Minute später, die Roaring Fifties und Sixties der Klasse F bis 175 cm3 am Vorstart versammeln. Es geht Schlag auf Schlag. Elf Solo- und drei Gespannklassen absolvieren samstags ihre 13 Minuten dauernden Trainingsläufe im Fünf-Minuten-Takt.Um die Mittagszeit wird es dann eng am Ring. Begeisterte Zuschauer pilgern in langen Kolonnen von einer Kurve zur nächsten. So richtig Platz haben da eigentlich nur die Anwohner mit Einfamilienhaus und Garten. Bisweilen führt der Rennkurs direkt an einem Jägerzaun vorbei, hinter dem sich gepolsterte Gartenmöbel nebst Grill gruppieren. Dort sitzt die gesamte Familie und schaut. Oropax sind spätestens dann angesagt, wenn August Hobl auf der »Singenden Säge« die Start-Ziel-Gerade in Angriff nimmt. Der heute 70-jährige Ingolstädter fährt wie der Teufel. Schließlich wurde er auf der DKW 350 RM 1955 und 1956 Deutscher Motorradmeister, 1956 Vizeweltmeister. Die DKW, Baujahr 1954, leistet rund 45 PS bei sagenhaften 13 000 bis 14 000 Umdrehungen pro Minute. Das hält kein Trommelfell aus.Abends kurz nach sieben ereignete sich vergangenes Jahr im Fahrerlager eine Art Urknall. Ein Zuschauer wird Opfer einer Stichflamme, die dem monströsen Auspuff der NSU Bison 2000 entweicht. Resultat: abgesengte Haare am Oberschenkel. Aber was soll’s. Die Bison - eine schier bis zur Unkenntlichkeit umgebaute NSU-Konsul - läuft. Wenn auch nur wenige Augenblicke. Unglaubliche 2000 cm3 hat Konstrukteur Franz Lang in einen Zylinder gepackt. »Weil das erste Motorrad ja auch nur einen Zylinder hatte...« Ein ausgeschlachteter Flugzeug-Sternmotor diente als Organspender. Im Präsentationszelt von »Audi-Tradition« stehen Raritäten wie der NSU-Rennmax mit Delphinverkleidung, Baujahr 1953, die NSU 501 SSR Bullus mit Seitenwagen, Baujahr 1932, und die DKW SS 500 von 1929. Am Sonntag ist es dann so weit. Um 8.15 Uhr starten die Wertungsläufe. Ob Trainingslauf oder Wertungslauf, hinsichtlich Geschwindigkeit, Spannung und Unterhaltungswert unterscheidet sich das Geschehen für den Laien sowieso nur dem Namen nach. Helmut Neumann, der Vorstand des Veranstalterclubs, erklärt, um was es in Schotten eigentlich geht. Und wird wegen schallender Endtopf-Fanfaren nur von wenigen verstanden. In Schotten wird kein Rennen gefahren, es handelt sich um eine Gleichmäßigkeitsprüfung. Nicht wer zuerst über die Ziellinie hobelt, hat gewonnen, sondern wer am gleichmäßigsten fährt. Drei Runden werden gestoppt. Der Fahrer weiß nicht, welche. Tachos wie Uhren sind untersagt. Man fährt nach Gefühl. Feurig wie die Spaghetti all’arrabbiata in der Pizzeria Da Toni präsentieren sich die MV Agusta auf dem Ring. Ein Mythos. Pepperonirot beschwört die italienische Liga die ruhmreichen Zeiten des Grand-Prix-Rennteams unter il Conte Agusta herauf. In der Mittagspause laden die Fahrer der Renngespanne zur Probefahrt im Seitenwagen, und auch der Laie kann nun über den Schottenring donnern. Bäuchlings wie eine Flunder im Beiwagen liegend, rast man mit einer Handbreit Abstand über den Asphalt. Bedrohlich nah fliegen in den Kurven die Strohsäcke vorbei, unmittelbar darüber die Gesichter der Zuschauer. Das ist Schotten: Renngeschehen zum Anfassen.Während sich das Festzelt am Nachmittag zur Siegerehrung füllt, wandern Strohsäcke und Metallgitter vom Straßenrand auf ein paar Lkw. »Da Toni« wird befreit. Und dann die Post. Seltsam, über eine Rennstrecke zu laufen, die nun nach und nach wieder zur Straße wird. Mit Verkehrsschildern, die wieder Beachtung finden. Neben der Straße blubbert die Nidda. Man hat sie das ganze Wochenende nicht gehört. Schotten kehrt in die Normalität zurück.
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Schottenring-Oldtimer-GP: Vorschau (Archivversion) - Ticket-Service

Schotten hat eine lange Tradition im Motorradsport. Bereits 1925 wurde das erste Motorrad-Rennen »Rund um Schotten« gestartet. 1953 fand auf dem Straßenkurs im Vogelsberg der Grand Prix von Deutschland als WM-Lauf statt. Seit 1989 erinnert man einmal im Jahr an die glorreichen alten Zeiten: beim Oldtimer-Grand-Prix auf dem 1,4 Kilometer langen Rundkurs mitten in der Stadt. In diesem Jahr geht das klangvolle und illustre Spektakel am 18. und 19. August über die Bühne. Für MOTORRAD-Leser lohnt sich die Fahrt ins Hessische besonders, denn wir haben ein attraktives Paket für die Oldie-Fans geschnürt. Es kostet 25 Mark und enthält neben der Eintrittskarte fürs gesamte Wochenende einen Gutschein für eine Bratwurst und ein Getränk sowie einen Tourentipp für die Anfahrt. Außerdem sind spezielle Tribünenplätze reserviert, und es steht ein Campingplatz mit sanitären Anlagen zur Verfügung. 500 solcher Kombitickets bieten wir an. Wer Bock auf den Schotten-Rock hat, sollte also schnell beim MOTORRAD ACTION TEAM, Stichwort »Schottenring-GP«, 70162 Stuttgart, ordern. Wichtig: Der Bestellung muss ein Verrechnungsscheck in entsprechender Höhe beiliegen.

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