Grand Prix Spanien in Jerez (Archivversion) Tricks und Hattricks

Valentino Rossi (Foto) und Daijiro Katoh machten in Jerez lupenreine Hattricks perfekt – und hinterlassen zunehmend demoralisierte Gegner.

Alex Crivillé stand in Jerez allen guten Vorsätzen zum Trotz auf dem niederschmetternden zwölften Startplatz, und so schien auch beim Heimspiel des im letzten Jahr jäh abgestürzten 500er-Weltmeisters von 1999 keine Besserung in Sicht. Doch plötzlich schienen dem gefallenen Engel der spanischen Fans neue Flügel zu wachsen. Bis zu Rennmitte rackerte er sich bereits auf den fünften Platz und erbte Rang vier, als Loris Capirossi ins Kiesbett ratterte. Als er unter dem Jubel aus 120 000 Kehlen schließlich an Shinya Nakano vorbei auf Platz drei steuerte, war jener Held wieder auferstanden, dessen Namen sich so schön rhythmisch – Cri-vi-llé, Cri-vi-llé – skandieren lässt. Mit einer spanischen Flagge, auf die ein großer, schwarzer Bulle gemalt war, ging er auf eine genüssliche Ehrenrunde, und auf dem Podest lag er sich mit Valentino Rossi in den Armen und warf Kusshände ins Publikum. »Mein Dank gilt den Fans, die mir immer geholfen haben. Und meinem Team und Honda, die auch in schwierigen Zeiten an mich glaubten«, erklärte der Spanier, und ausnahmsweise war das keine Höflichkeitsfloskel. Schon vor seinem letzten Sieg 2000 in Le Mans war Crivillé unter dem Druck des Weltmeistertitels in eine persönliche Krise mit schweren psychosomatischen Störungen und medizinisch unerklärbaren epileptischen Anfällen geraten. Erst die Entthronung durch Kenny Roberts machte den Weg frei, dass Crivillé wieder ganz allmählich zu sich selbst finden konnte. »Seit dem Rennen in Südafrika, seit ich von den Rundenzeiten wieder mit der Spitze mitfahren konnte, habe ich wieder Spaß am Fahren und das nötige Selbstvertrauen für den Erfolg. Jetzt müssen wir nur noch das Training und meine Startplätze verbessern«, rieb er sich die Hände. Markengefährte Valentino Rossi ist hingegen schon am Optimum angelangt. Ein lupenreiner Hattrick mit drei Siegen hintereinander, garniert mit Pole Position und neuer Rekordrunde in Jerez sowie mit satten 31 Punkten Vorsprung in der WM-Tabelle, das war ein Paket, wie es selbst die glühendsten Valentino-Fans nicht zu träumen gewagt hatten. Und anders als zu den Zeiten von Mick Doohan kommt trotz gleicher Überlegenheit nicht die geringste Langeweile auf. Musste der Südafrika-Zweite Loris Capirossi in Jerez wegen mangelnden Vorderreifengrips ins Kiesbett, so war es diesmal Norick Abe, mit dem Rossi ein munteres Katz-und-Maus-Spiel trieb. Doch wie beim Duell mit Max Biaggi in Suzuka und wie beim Zweikampf mit Capirossi in Welkom wusste Rossi auch in Jerez auf jeden Angriff die passende Antwort: Weil sich Rossi zwischendurch verbremst hatte, durfte sich Abe für sieben von insgesamt 27 Runden über die Führung freuen, doch als es im Endspurt drauf ankam, zog Rossi lässig auf 2,3 Sekunden davon. Mittlerweile beherrscht der Italiener das Halblitergewerbe ebenso gut wie früher die 125er- und die 250er-Klasse. Abgesehen von Außenseiter Abe und Supertalent Shinya Nakano auf Platz vier, sah Yamaha unerwartet uralt aus. Carlos Checa, nach einem Crash mit seiner privaten Yamaha R1 angeschlagen ins Wochenende gegangen, stürzte im Training schon wieder zweimal und war froh, als 14. heil im Ziel angekommen zu sein. Garry McCoy, der eine neue Freundin hat und sich nachsagen lassen muss, er treibe sich zu viel auf Parties statt im Gymnastikraum herum, landete auf dem neunten Platz. Sein Teamkollege Noriyuki Haga wurde 12. und fand kein taugliches Set-up, ebenso wenig wie Max Biaggi, der über 20 Sekunden auf seinen Erzrivalen Rossi verlor und mit dem tristen elften Platz zufrieden sein musste. »Das Motorrad funktionierte nicht. Es ließ sich nicht steuern. Auf mindestens zwei Dritteln der Strecke hielt es die Spur nicht, die ich wählen wollte. Wenn du keine enge Linie fahren kannst und wie von einem Gummiband nach außen gezogen wirst, kannst du auch nicht attackieren und überholen«, seufzte der Römer. Am Freitag hatte er eine seiner üblichen Presse-Audienzen gegeben, wirkte auf dem Sofa seiner Team-Hospitality inmitten der Journalistenschar aber eher wie ein Patient auf der Couch eines Psychiaters. »Ich habe schon 1998 in meinem ersten Jahr in der Halbliterklasse Rennen gewonnen. Ich weiß doch, wie man eine 500er fährt«, hatte er es nötig, sein Können zu beteuern. Denn im Rennsport ist es nicht anders als im wirklichen Leben: Wenn es gut läuft, ist auch der Mensch in Topform, und der Erfolg wird zum Selbstläufer. Wenn es schlecht läuft, leidet das Ego, das angeschlagene Selbstvertrauen führt zu weiteren Rückschlägen und kann eine verheerende Abwärtsspirale in Gang setzen. Deshalb eilt Rossi derzeit von Sieg zu Sieg, während Biaggi über die Gleichbehandlung von allzu vielen Yamaha-Werkspiloten jammert. Solche Gegensätze finden sich auch im deutschen Lager. Die Racing-Factory-Piloten Katja Poensgen und Alex Hofmann fahren immer frecher mit den 250er-Rivalen um die Wette. Die 24-jährige Renn-Lady ging im Sattel ihrer 250er-Aprilia mit dem gewohnten, ernsthaften Ehrgeiz zur Sache. »Ich habe vier starke Männer hinter mir gelassen«, stellte sie nach Platz 23 voller Stolz fest. »Dabei war ich immer auf der sicheren Seite, hatte keine einzige Situation, in der ich das Glück beanspruchen musste. Mein einziges Problem: Der Motor ist um sechs Grad zu heiß geworden, und ich habe das Klebeband zum Wegreißen nicht gefunden.« Auch Teamkollege Alex Hofmann drehte im Rennen auf, als habe er sich in ein Wespennest gesetzt, nahm sich in der letzten Runde Naoki Matsudo auf der letztjährigen Yamaha-Werksmaschine zur Brust und wurde Elfter. Klaus Nöhles ließ er erneut weit hinter sich, und wie Biaggi hat auch Nöhles Mühe, sich am eigenen Schopf aus dem Morast zu ziehen. Experimenten mit dem eigenen Set-up folgte eine Rückkehr zu den Erfahrungswerten aus Ralf Waldmanns Zeiten und ein Crash im Abschlusstraining, weil Nöhles zwar schneller fahren konnte, dafür aber den Grenzbereich nicht mehr so präzise spürte wie zuvor. »Ich habe mich nach gutem Start mit De Gea verhakt und einige Plätze verloren. Das halbe Rennen über habe ich mich geplagt, um wieder schneller zu werden und die Lücke zu schließen. Schmerzen von dem Sturz hatte ich direkt nicht, aber ich denke, dass vielleicht noch ein bisschen im Kopf drin gesessen ist, es nicht ganz so rutschen zu lassen«, meinte er nach Platz 14 nachdenklich. Wehrte Daijiro Katoh den Ansturm der anderen Aprilia-Werkspiloten mit dem dritten Saisonsieg ab, so rasten die Favoriten der 125-cm3-Klasse geradewegs ins Drama. Trotz etlicher Vorwarnungen seines überstrapazierten Vorderreifens steckte Derbi-Werkspilot Youichi Ui nicht zurück und bezahlte im Kampf um Platz zwei gegen Masao Azuma mit einem Sturz. Doch auch der führende Manuel Poggiali ließ sich von dem Japaner ins Bockshorn jagen und produzierte in der letzten Runde einen spektakulären Highsider. Die deutschen Fahrer waren ebenso wenig vom Glück verfolgt. Jarno Müller kam als 18. ins Ziel, Steve Jenkner, auf seiner UGT-Aprilia glänzend aufgelegt, scheiterte an einem Kolbenklemmer, und Philipp Hafeneger tuckerte mit überhitztem Motor an die Box.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote