Grand Prix Spanien in Jerez (Archivversion) Locker vom Hocker

Ralf Waldmann (im Bild vor Yamaha-Werkspilot Olivier Jacque) gibt sich so entspannt und locker wie noch nie - und ließ sich auch bei seiner Fahrt zum Sieg in Spanien durch nichts und niemanden nervös machen.

Der Schock beim Saisonauftakt in Südafrika schlug Wellen. Ralf Waldmann war nach vielversprechenden Vorsaisontests nur Siebter geworden und redete vom Aufhören. »Lange mache ich das nicht mehr mit. 15 Jahre Rennsport sind genug”, rutschte es dem 33-Jährigen im ersten Frust heraus, und in deutschen Tageszeitungen wurde der Abgesang auf eine Ära angestimmt.»Schreibt den alten Mann nicht zu früh ab”, empfahl dagegen Chesterfield-Yamaha Teamchef Hervé Poncharral, dessen Wunderwaffe Shinya Nakano den deutschen Rennveteranen um fast eine Minute distanziert hatte. Und tatsächlich war schon beim zweiten Lauf in Malaysia alles ganz anders. »Wenn’s so läuft, kann ich noch zehn Jahre fahren”, rieb sich Waldi nach dem dritten Startplatz die Hände und bewährte sich auch im Rennen als bester Aprilia-Fahrer. Die Steigerung setzte sich fort. In Japan stürmte Waldmann mit der 250er-Werks-Aprilia schon wieder in die erste Startreihe und verblüffte selbst seinen langjährigen Cheftechniker Sepp Schlögl: »Hätte ich nicht gedacht, dass er hier so weit vorn dabei ist. Damit hat Waldi bewiesen, dass er immer noch so schnell ist wie eh und je.” Und so ungestüm: Nach missglücktem Start trieb er es zu bunt und stürzte bei seiner Aufholjagd in der Schikane.Den ersten Europa-Grand-Prix verwandelte Ralf Waldmann dafür jedoch zu einer Demonstration souveräner Überlegenheit. Schnellster in allen vier Trainings, zischte er diesmal auch am Start mit der Spitzengruppe los und kam als Dritter aus der ersten Runde zurück. In der zweiten Runde war das Rennen dann entschieden: Der führende und bislang fehlerlose Nakano leistete sich einen Sturz, Waldi schwenkte wenig später an dessen Teamkollegen Olivier Jacque vorbei auf die Überholspur und machte aus dem Spanien-Grand-Prix eine genüssliche Alleinfahrt. Von Rücktritt war nach dem 19. GP-Sieg und dem Ende einer zweieinhalbjährigen Durststrecke keine Rede mehr. Eher von der Weltmeisterschaft. «Ich habe immer gesagt, dass im Rennsport alles passieren kann”, zog sich der Deutsche auf die Frage nach seinen Titelchancen mit gekonnter Diplomatie aus der Affäre. »Schade um die Punkte von Japan. Die hätten wir jetzt gut gebrauchen können”, dachte Sepp Schlögl in die gleiche Richtung. Waldi ist nach dem vierten GP WM-Fünfter mit 34 Punkten Rückstand auf den führenden Daijiro Katoh, der in Jerez dank der offiziellen Februar-Tests auf der spanischen Piste mit Platz zwei glänzen konnte. Weil dem GP-Neuling die meisten anderen Europa-Strecken fremd sind, gilt Katoh freilich nicht als ernsthafter Titelkandidat. Doch auch im Team von Shinya Nakano brauen sich die ersten Wolken zusammen, nicht nur wegen des Rennsturzes. Olivier Jacque sorgte nach dem Japan-Grand-Prix für Unmut, weil er Yamaha verdächtigte, Nakano exklusiv mit besseren Teilen auszurüsten. Der Argwohn des Franzosen ist unbegründet: Bei dem fliegengewichtigen Japaner wird das Leistungsmanko der YZR 250 nicht so deutlich, Yamaha kämpft in Wirklichkeit immer noch mit dem alten PS-Mangel und hat für keinen seiner beiden 250-cm3-Werksfahrer konkurrenzfähige Teile in der Schublade. Dafür klappt in Waldis Aprilia-Germany-Team seit Neuestem alles wie am Schnürchen. Bei Tests zunächst hochgelobt, hatte sich das fahrerische Wohlbefinden mit dem jüngsten Modell der Aprilia-Werksmaschine beim ersten direkten Vergleich mit der Konkurrenz in Malaysia als trügerisch herausgestellt. Die 2000er-Version ließ sich zwar leichter in die Kurven einlenken, hatte dafür aber weniger Traktion beim Herausbeschleunigen, worauf Waldmann für die ersten Rennen flugs auf das Chassis der Vorjahresmaschine zurückgriff. In Jerez wurde endgültig auf zwei Modelle von 1999 zurückgerüstet, und der deutsche Grand-Prix-Star atmete auf, weil er für die Abstimmungsarbeit wieder zwei völlig gleiche Motorräder zur Verfügung hatte.Noch bahnbrechender als die technischen sind freilich die atmosphärischen Modifikationen im Team. Der Trott früherer Jahre, in denen Waldi und sein Team immer im Schatten noch besserer Fahrer wie Max Biaggi oder Valentino Rossi standen, ist einem neuen Lebensgefühl gewichen. Dank der Rückendeckung aus dem Werk scheint auch das Aprilia-Germany-Team immer südländischere Gewohnheiten anzunehmen. Es darf gelacht werden, Fotografen und Journalisten sind in der engen Box willkommen, der einst verbittert auf seine Stoppuhr konzentrierte Teamchef Dieter Stappert geht im Pressezentrum aus und ein, um im Internet zu surfen und aktuelle Lifestyle-Fotos seines neuen Schützlings Klaus Nöhles durchzukabeln.Der ist ohnehin ein Segen fürs ganze Team. Nöhles ist hochtalentiert und fuhr mit seiner Standardmaschine in Jerez direkt hinter den Werkspiloten Melandri und Lucchi auf Rang acht. Auf dem Weg dorthin demütigte er Jason Vincent und Franco Battaini mit heldenhaften Ausbremsmanövern - jenen Battaini, der vor Saisonbeginn zum weiteren Kreis der WM-Favoriten gerechnet wurde.Nöhles war aber auch vorher schon auf Wolke sieben. Glücklich, dass er Grand Prix fahren kann, froh, ein so gutes Team mit einem so erfahrenen Cheftechniker erwischt zu haben, scheinen seine rotgefärbten Haare förmlich Funken zu sprühen vor lauter Vergnügen. Das steckt so an, dass er nicht nur zu Waldi, sondern auch Waldi zu ihm marschiert, um nach den Trainings ein paar Takte zu plaudern und sich über die richtigen Reifen und die besten Linien zu unterhalten. So leutselig war Ralf Waldmann mit einem Teamkollegen noch nie.Und so locker machte er auch noch nie seinen Job. »In Japan war ich nervös, deshalb habe ich dort den Start verpatzt. Hier in Jerez bin ich klar Schnellster, deshalb bin ich auch nicht nervös - und deshalb werde ich morgen ohne Probleme davonbrausen”, kündigte Waldmann nach dem Abschlusstraining launig an und hielt sein Versprechen am Sonntagnachmittag mühelos ein.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote