Grand Prix Spanien in Jerez (Archivversion) Ende-Legende

Ein schwerer Trainingssturz beendete die fünfjährige Vorherrschaft von Mick Doohan in der Königsklasse. Die möglichen Thronfolger Alex Crivillé und Max Biaggi stritten sich beim Jerez-Grand Prix um den Sieg.

In der fünften Runde des ersten Zeittrainings am Freitag ereilte Mick Doohan das Verhängnis. Auf einem der nach Regenschauern immer noch glitschigen weißen Begrenzungsstreifen, vor denen Cheftechniker Jerry Burgess noch ausdrücklich gewarnt hatte, keilte die Repsol-Honda bösartig aus und schleuderte ihren Fahrer über den Lenker. Der spektakuläre Sturz, bei dem das Motorrad wie ein Ping Pong-Ball dem Fahrer durchs Kiesbett hinterherhüpfte, endete in der Streckenbegrenzung. Jerez ist eine schöne, klassische Arena, in der die Zuschauer auf Naturtribünen nah bei ihren Helden sitzen, und weil die Auslaufzonen nicht überall modernen Maßstäben entsprechen, sind viele Gefahrenpunkte mit weichen Airfences gesichert. Ausgerechnet an jener Stelle ausgangs eines bergab führenden Linksknicks gab es diese Luftpolster nicht. Doohan landete in Reifenstapeln, die zu allem Überfluß auch noch durch solide Sperrholz-Werbetafeln abgehängt waren, und während er nach vergleichbaren Stürzen normalerweise voll selbstkritischem Zorn in Richtung Box davonstapft, blieb er diesmal regungslos liegen.Es sah nicht gut aus, und es war auch nicht gut. Der Weltmeister erlitt zahlreiche Prellungen, einen Schlüsselbeinbruch, eine durch eine Schraube an der Streckenbegrenzung verursachte Schulterverletzung und einen Bruch des linken Handgelenks. Das Schlimmste war jedoch ein Bruch des rechten Schienbeinkopfs, eines relativ porösen Knochenstücks, das sich unter der Wucht eines solchen Aufpralls stark verformt.Doohan wurde zunächst in ein Krankenhaus in Sevilla gebracht, dann nach London und später nach San Francisco geflogen, wo ein dreiköpfiges Ärzteteam unter Leitung des berühmten Sportchirurgen Arthur King eine Rekonstruktion der Kniegelenkspfanne mit organischem Zement vorbereiteten. 60 Tage Heilungszeit wurden als absolutes Minimum veranschlagt und ein theoretisches Comeback für den Brünn-Grand Prix am 22. August hochgerechnet. »Meine Karriere wird nicht in einem Ambulanzfahrzeug enden. Ich werde wieder fahren«, ließ Doohan kämpferisch wissen. Doch ob der 34jährige Australier, fünffacher Weltmeister, zigfacher Dollarmillionär und bald Vater einer Tochter, nochmals die mentale Kraft zur vollständigen Überwindung einer schweren Verletzung aufbringt, wird nicht nur von seinen Gegnern bezweifelt. »Der Mick Doohan von 1999 ist nicht mehr der von 1992«, erinnerte sein Freund, der Grand Prix-Arzt Claudio Costa, an den Beinbruch von Assen, der Doohan nach dem Pfusch der holländischen Ärzte einen mehrjährigen Leidensweg und ein weitgehend steifes rechtes Fußgelenk beschert hatte. »Damals war er 40 Tage nach einer Verletzung, die eigentlich ein Jahr Pause bedeutet hätte, wieder im Sattel. Doch diese Entschlossenheit sehe ich nicht mehr in seinen Augen.«So sehr man über ein Comeback spekulieren konnte, so unstrittig war der Verlust des WM-Titels und so schockiert war selbst die Konkurrenz, daß die Ära Doohan womöglich auf diese Weise zu Ende geht. Fünf Jahre lang hatte der Australier die Königsklasse nach Belieben beherrscht, und vor der Saison 1999 hatte sich die Konkurrenz von Suzuki und Yamaha mit aller Kraft und allen Ressourcen gerüstet, dem Monarchen endlich das Zepter aus der Hand zu nehmen. Kenny Roberts junior hatte den Palast mit seinen Siegen in Malaysia und Japan als Erster gestürmt, und nun war plötzlich niemand mehr da, den man vom Thron stoßen konnte. »Wenn es nach mir ginge, würden wir die Weltmeisterschaft so lange unterbrechen, bis Mick wieder gesund ist«, meinte Roberts, weil er wußte, daß ein Sieg im Rennen viel, ein Sieg über Doohan jedoch noch mehr bedeutet.Die Werks-Suzuki ist mittlerweile so perfekt ausbalanciert, daß Nobuatsu Aoki zu seinem berühmten Teamkollegen in die erste Startreihe stürmen konnte. Im Rennen zahlte der Japaner allerdings seiner Übermotivation Tribut, stürzte gleich in der zweiten Runde und erlitt einen Handgelenksbruch. Weil er Kenny Roberts mit ins Kiesbett riss, war das Desaster fürs Suzuki-Team perfekt: Der 25jährige Amerikaner nahm mit angebrochenem Sitz als 20. die Verfolgung auf und kämpfte sich an die achte Stelle vor, nur um auf den letzten Runden abermals zurückzufallen. Sein Motor hatte beim Ausritt zuviel Staub geschluckt und begann auf einem Zylinder auszusetzen. »Jetzt beginnt die WM für mich von vorn«, schnaubte Roberts nach dem 13. Platz und dem Verlust der Tabellenführung.Denn Alex Crivillé, der schon in den ersten beiden Rennen fleißig gepunktet hatte, ließ sich den Triumph beim Heimspiel durch nichts und niemanden verderben. Drei Runden brauchte er, um sich gegen John Kocinski und den erstaunlich aufmüpfigen Regis Laconi freie Bahn zu verschaffen. So fehlerlos, wie er sich an die Spitze durchschaufelte, hielt er sich auch unter dem Dauerdruck von Max Biaggi, der am Hinterrad der Repsol-Honda auf seine Chance lauerte.Doch Crivillé blieb unangreifbar, wurde nach dem Zieleinlauf von 150 000 ekstatischen Fans förmlich auf Händen getragen und feierte nicht nur den dritten Sieg in Jerez, sondern auch die Führung in der Weltmeisterschaft. Sete Gibernau, der als Dritter mit der V2-Werks-Honda Tadayuki Okada und Norick Abe auf Distanz hielt, feierte kräftig mit. Einziger Wermutstropfen in der spanischen Fiesta blieb der blasse zehnte Platz von Carlos Checa, der das ganze Wochenende über mit Fahrwerksproblemen gekämpft hatte.Dafür fuhr sein Yamaha-Teamkollege Max Biaggi endlich aufs Podest. »Jemand rammte mich in der zweiten Runde, als Beweis trage ich immer noch Reifenspuren auf dem Leder«, schilderte der Italiener. »Danach hatte ich Mühe, den Anschluß zu finden, geschweige denn an Alex vorbeizukommen. Hier in Jerez ist er unerhört stark.«Vielleicht ist er nicht ganz so stark beim nächsten Rennen in Paul Ricard, wo Biaggi den ersten Triumph des Jahres anpeilt. Beim Frankreich-Grand Prix will sich auch Luca Cadalora zu Wort melden, der die MuZ-Weber vom 15. Startplatz auf Rang acht im Rennen bugsierte und Motorenkonstrukteur Urs Wenger das beste Ergebnis seit dem sechsten Platz von Jürgen Fuchs 1997 in Brasilien bescherte.

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