Grand Prix Spanien in Jerez (Archivversion)

Nah dran

Alex Crivillé war mit seiner 500er Honda ganz nah dran am Heimsieg beim Grand Prix in Spanien. Doch dann nahten seine Fans - und mit ihnen das Unheil.

»Cri-vi-llé, Cri-vi-llé«, skandierten die Fans und wurden vom Streckensprecher derart aufgestachelt, daß sie gellend pfiffen und noch lauter brüllten, als Michael Doohan aufs Podium kletterte und seinen Pokal in Empfang nahm. Doch es war schon zu spät und nicht wieder gutzumachen, was sie ihrem traurigen Helden angetan hatten.Alex Crivillé hatte beim Jerez-Grand Prix nahezu das ganze 500er Rennen über geführt und hielt seine 20, 30 Meter Vorsprung auch noch, als fünf Runden vor Schluß die ersten Anhänger aus der berüchtigten »Pelouse«-Kurve über die Zäune kletterten.Bedrohlich wurde die Situation erst, als immer mehr Zuschauer die Absperrungen niederstürmten, um ihrem Idol nahezukommen. In der letzten Runde standen sie auf der Ideallinie Spalier, zündeten Raketen und feierten eine Party, bei der sie die heranfauchenden Halbliterraketen wie harmlose Gäste begrüßten.Crivillé mußte das Tempo drosseln, verlor seinen Vorsprung und seine Konzentration, und als ihn Michael Doohan wenige hundert Meter später in der letzten Kurve innen überholte, ging nach dem Sieg auch noch der zweite Platz verloren. Crivillé gab etwas zu früh und etwas zu zornig Gas und wurde mit einem fürchterlichen Highsider von seiner Maschine gewirbelt. »Es war unglaublich. Ich war voll konzentriert und damit beschäftigt, meinen Vorsprung vor Mick zu verteidigen, als ich plötzlich Kanonenschläge und Raketen auf der Fahrbahn losgehen sah. Von überall her strömten Leute auf die Piste. Wenn ich nicht gebremst und zwei Gänge heruntergeschalten hätte, hätte ich mit Sicherheit jemanden über den Haufen gefahren«, schilderte Crivillé, nachdem er sich statt bei der Siegerzeremonie im Klinikmobil einfand, um seine Prellungen untersuchen zu lassen. »Ich verlor nicht nur meinen kleinen Vorsprung, sondern auch jegliche Konzentration. Ich verbremste mich in der letzten Kurve, und als sich Mick innen reinzwängte, habe ich voller Wut Gas gegeben und wurde abgeworfen. Mick trifft keinerlei Schuld, sondern die Leute - die sind völlig verrückt geworden!«Doohan war Crivillé im Windschatten gefolgt und hatte sich gewundert, daß der Spanier das Tempo nahezu unvermindert beibehielt. »Ich war nicht ernsthaft beunruhigt, weil ich immer noch dachte, die Streckenposten würden die Fans wieder zurückdrängen. Statt dessen war es in der letzten Runde wie in der Rallye-Weltmeisterschaft, wo die Autos auf eine regelrechte Menschenmauer zurasen. Glücklicherweise sahen uns die Leute mit 200 km/h daherkommen und realisierten noch rechtzeitig, daß ein Zusammenstoß nicht nur kitzeln würde«, schilderte der Weltmeister.Daß Alex Crivillé nach seinem Überholmanöver in der letzten Kurve verlorenging, war Doohan gar nicht bewußt. In der Auslaufrunde schaute er sich suchend nach dem Repsol-Honda-Teamkollegen um, um ihm zu Platz zwei zu gratulieren. Erst als sich die Fans in der Pelouse wie eine drohende Mauer vor ihm aufbauten und die Feuerwerkskörper um ihn herum wie feindliches Flakfeuer einschlugen, bog er zu einer Abkürzung in die Wiese ab. »Wenn ich gewußt hätte, daß Alex hinter mir zu Boden gegangen war, hätte ich mein Bike irgendwo geparkt und wäre zu Fuß Richtung Fahrerlager geflüchtet«, meinte Doohan, zu dem beim Schlußspurt Richtung Podest nochmals eine Salve halbvoller Bierdosen von der Haupttribüne hinabregnete.Weil die Rennleitung hilflos zugeschaut hatte, anstatt den Lauf rechtzeitig abzubrechen, versuchte das Honda-Weksteam im ersten Ärger noch, den Stand der vorletzten Runde als offizielles Rennergebnis durchzudrücken, zog den Protest aber wenig später zurück. Juristisch war der Zusammenhang zwischen den Fans auf der Piste und Crivillés Sturz nicht haltbar, außerdem hätte eine Ergebniskorrektur internen Unfrieden gestiftet.Denn immerhin folgten zwei weitere prominente Honda-Vertreter auf den Plätzen. Tadayuki Okada feierte nach dem dritten Startplatz auch Rang drei im Rennen und damit den ersten Podestplatz für die 500er Zweizylinder-Honda. Trotz des Erfolgs blieb Okada jedoch hinter den hochgesteckten Erwartungen mancher Fachleute zurück, die den ersten Sieg des V2-Motors auf der winkligen Jerez-Piste prophezeit hatten.Auch der Trainingsvierte Doriano Romboni verpaßte auf dem Aprilia RSV 400-Twin die mögliche Sensation, weil das Fahrwerk im Rennen plötzlich unbeherrschbar bockte. Nach einem Ausritt ins Kiesbett hatte er keine Lust mehr und hörte auf.Dagegen schaffte sein Landsmann Luca Cadalora schon wieder das nächste Husarenstück. In Japan war der Italiener wegen des ständigen Untersteuerns seiner Kanemoto-Honda im Protest an die Box abgebogen und hatte beklagt, daß Service und Entwicklungstempo der Federungsfirma Showa nach seinem Malaysia-Sieg auf seltsame Weise nachgelassen hatten. Nachdem er Yamaha den Rücken gekehrt und auf eigene Rechnung die Marke gewechselt hatte, bot er jetzt auch Honda die Stirn, baute statt des Showa-Originals kurzerhand eine Öhlins-Gabel ein und fuhr fröhlich auf Platz zwei.Nicht minder mutig war die Modifikation, die HB-Cheftechniker Sepp Schlögl an der 250er Werks-Honda von Ralf Waldmann vorgenommen hatte. »Als Waldi in Malaysia wegen seines Schlüsselbeinbruchs pausierte, hatten wir viel Zeit, die anderen Honda-Werksfahrer vom Streckenrand zu beobachten. Dabei wurde uns schnell klar, daß wir etwas unternehmen mußten«, erzählte Schlögl.Nach dem Indonesien-GP hatte er eine von Waldis beiden Maschinen nach Deutschland mitgenommen, den Rahmen im Bereich der Schwingenaufnahme auseinandergesägt und ihn so umgebaut, daß das im neuen NSR-Modell schräggestellte Federbein wieder senkrecht stehen durfte und auch die bewährte Hebelumlenkung des Vorjahrs wieder Platz hatte. Die Geheimhaltung des Projekts glückte so gut, daß nicht einmal den Technikern der Honda-Rennabteilung HRC in Suzuka aufgefallen war, daß eine von Waldis Maschinen fehlte.Erst bei der offiziellen Premiere in Jerez wurde Honda von dem Umbau in Kenntnis gesetzt, machte angesichts der umwerfenden Resultate aber gute Miene zum subversiven Spiel. Waldi war im Training Zweiter und im Rennen hinter dem gewohnt überlegenen Duo Max Biaggi und Tetsuya Harada einmal mehr der beste Honda-Pilot.Kurioserweise wurde die technische Bedeutsamkeit des Umbaus ausgerechnet von Waldis Teamkollegen Jürgen Fuchs in Frage gestellt. Ohne den Fahrwerksumbau und ohne Schlögls Hilfe, dafür aber endlich einmal mit konkurrenzfähigen Zylindern ausgestattet, wühlte sich Jürgen Fuchs von Platz acht auf Platz vier und scheiterte am Star des Teams nur deshalb, weil Waldi immer breiter wurde und in den letzten beiden Runden energisch Kampflinie fuhr. »Heute paßte alles, ich hatte keine Schweißperle auf der Stirn. Doch wenn du auf eine gelbe Maschine und in der Zielkurve auf einen riesigen HB-Heißluftballon zubremst, denkst du dir: Wenn du jetzt einen Teamkollegen runterfährst, rappelt´s in der Kiste. Das wäre ein Kopfschuß gewesen - einfach idiotisch«, verzichtete Fuchs auf riskante Manöver. Der Ehrgeiz der sonst so temperamentvollen Franzosen Olivier Jacque und Jean-Philippe Ruggia hatte sich schon am Freitag morgen gelegt: Beim Einfahren in den allerersten Runden leisteten sie sich brachiale Stürze.Auch die 125er Stars Peter Öttl und Tex Geissler stürzten im Training und blieben mit Platz elf und zwölf im Rennen unterhalb ihrer Normalform. Öttl, weil er den Start vermasselte, bei seiner Aufholjagd einen Highsider hatte, dabei die Windschutzscheibe zerschlug und anschließend zurücksteckte. Geissler, weil er gleich zwei Highsider fabrizierte und zudem mit einem zu fett laufenden, schlecht aus den Kurven ziehenden Motor kämpfte.Noch frustrierter war Dirk Raudies: Buchstäblich nach jedem Training hatte er das streikende Getriebe gewechselt und sich die besten Zahnräder fürs Rennen aus dem halben Fahrerlager zusammengeborgt, am Ende landete er trotz aller Mühe nur auf dem 13. Platz. »Weil wir das ganze Wochenende am Getriebe rumgefummelt haben, fehlte die Zeit für das restliche Set-Up. Doch mir fehlt auch das Gefühl für das Motorrad. Schreib´ ruhig, der Fahrer taugt nix mehr«, seufzte er aus der Tiefe seiner Krise. »Der Aoki gewinnt, und ich geh´ ein wie noch mal was...«Tatsächlich schaffte es der 20jährige Weltmeister wieder einmal mit seinem untrüglichen siebten Sinn, aus einem wahren Hexenkessel als strahlender Sieger hervorzugehen. Aus der dritten Reihe gestartet, mogelte er sich in der letzten Kurve an Volksheld Emili Alzamora vorbei und gewann ein Fotofinish, bei dem die ersten fünf Fahrer binnen zwei Zehntelsekunden über die Linie flitzten.Publikumsliebling Jorge Martínez sah zwei Runden vor Schluß ebenfalls wie der Sieger aus, wurde dann aber zu einem ähnlich tragischen Helden wie Alex Crivillé und kugelte sich eingangs der schnellen Startkurve dank eines urplötzlichen Rutschers im Kiesbett. »Irgend etwas brach am Motorrad. Als wir später nachschauten, stellte sich heraus: Es war die vordere Karbonbremsscheibe«, berichtete der vierfache Weltmeister. »Kein Mensch kann sich vorstellen, wie gern ich heute gewonnen hätte. Ich bin am Boden zerstört.“
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Grand Prix Spanien in Jerez (Archivversion) - Parc fermé

FIM und EcclestoneGemeinsameZukunft?Bernie Ecclestone, neuer Steuermann des spanischen WM-Vermarkters Dorna, wird nun auch von der internationalen Motorradsport-Föderation FIM als starker Mann im GP-Sport akzeptiert. FIM-Präsident Francesco Zerbi erklärte in Jerez, er sei sich mit Ecclestone über die gemeinsame Marschrichtung einig geworden, und redete von einer möglichen Elefantenhochzeit zwischen FIM und dem Automobil-Weltverband FIA. »Künftig werden die verschiedenen Motorsportarten auf höchster Ebene zwischen FIA-Präsident Max Mosley und mir koordiniert. Motorrad-Grand Prix, Superbike-WM und Formel 1 werden die Stützpfeiler einer geeinsamen Zukunft sein«, erklärte Zerbi.Bislang ging Ecclestone wenig rücksichtsvoll mit Konkurrenzserien um, weshalb sich Zerbi auch so umfassend wie möglich gegen einen Machtmißbrauch des britischen Formel 1-Königs absicherte. So bestand Zerbi nachdrücklich darauf, daß Ecclestone zwar das Marketing und die Fernsehrechte für die Dorna managen dürfe, die sportlichen und technischen Regularien jedoch von der Dorna wieder in die Hände der FIM übergehen müßten.Bislang hatte die Teamvereinigung IRTA diese Rechte als Statthalter der Dorna ausgeübt, ist nun aber endgültig entmündigt. »Dieser Weg ist falsch. Wenn alles in die Hände von Ecclestone gelegt wird, hat der Motorradsport keine Zukunft«, erklärte IRTA-Präsident Michel Métraux und berief für den Mugello-GP eine IRTA-Generalversammlung ein.Wild Card am RingHofmann aufWerks-SuzukiBeim Grand Prix am Nürburgring am 7. Juli geht der dreifache deutsche Superbike-Meister Andy Hofmann mit der offiziellen Werks-Suzuki RGV 500 an den Start. Gerüchte, Hofmanns Pro Superbike-Rivale Udo Mark werde nun auf einer offiziellen Yamaha YZR 500 ins Gefecht geschickt, bestätigte Mitsui Deutschland allerdings nicht. Sprecher Karl-Heinz Vetter: »Ein solches Motorrad ist nicht zu kriegen.«Waldis SchreckRollerexplodiertRalf Waldmann erlebte die erste Schrecksekunde schon am Tag vor Trainingsbeginn, als an seinem hingebungsvoll auf Tempo 120 getrimmten Aprilia-Roller die Fliehkraftkupplung explodierte. »Ich habe den Roller im Stand drehen lassen und mir angeschaut, wie die Automatik funktioniert. Plötzlich flog der Motor auseinander«, schilderte Waldi, der etliche blutende Wunden und einen verbrannten Oberschenkel davontrug. »Wahrscheinlich hatte der Motor zuviel PS. Jetzt kann ich ihn wegschmeißen.«Vier VerletzteGeister-JeepKaum war das 125-cm³-Rennen gestartet, rollte ein herrenloser Nissan Patrol der »Guardia Civil« ohne Handbremse den Abhang hinter der ersten Spitzkehre hinunter. Der Geister-Jeep mähte einen Zaun sowie mehrere Zuschauer nieder und landete in einem Graben. Die Bilanz: vier Verletzte, davon einer mit Becken- und Beinbrüchen.Biaggis PechMotorhomeblieb stehenAuf Anraten von Kevin Schwantz kaufte sich Max Biaggi ein 16 Meter langes amerikanisches Motorhome. Das 600000 Dollar teure Gefährt wurde im Hafen von Venedig gelöscht, doch vorläufig mußte der Aprilia-Star auf den Luxus verzichten: Bei der Anreise nach Jerez kam das gute Stück keine 300 Kilometer weit und blieb bereits in Genua mit Motorschaden stehen.ThunderbikesScheschosSorgenIm ersten Lauf zur Thunderbike-Trophy für Serien-600er donnerte der neue Rubatto-Kawasaki-Star Stefan Scheschowitsch wegen einer schlecht abgestimmten Vordergabel nur auf den enttäuschenden elften Platz. Das Fotofinish um den Sieg gewann der Franzose William Costes (Honda) um eine Zehntelsekunde vor seinem Landsmann Adrien Morillas (Yamaha).

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