Grand Prix Südafrika in Welkom (Archivversion) Vom Himmel hoch

Honda-Werkspilot Sete Gibernau holte beim Südafrika-Grand-Prix Pole Position und Sieg. Sein verstorbener Teamkollege Daijiro Kato fuhr als unsichtbarer Lotse mit.

Um ein Haar wäre es beim Südafrika-Grand-Prix schon wieder zu einer Katastrophe gekommen. Colin Edwards stürzte beim Start des MotoGP-Rennens, der hinterherfahrende Jeremy McWilliams wich aus und schrammte mit der Gabel seines Proton-Zweitakters den Lack vom Helm des Amerikaners, bevor er selbst zu Boden ging. »Bei der Startaufstellung stand ich auf einer Spur, die sonst nie benutzt wird. Ich schaute auf den Boden und sah so viel Dreck wie auf einer Motocross-Piste”, berichtete Edwards. »Sowie ich die Kupplung los ließ, keilte meine Maschine aus und warf mich ab. Jeremys Reaktion hat mein Leben gerettet.”Vielleicht half auch der gute Geist von Daijiro Kato ein bisschen, der auf allen Motorrädern mitfuhr. Wie Blumen auf einer Frühlingswiese sprießten Aufkleber und Aufnäher mit der Startnummer 74 auf den Motorrädern aller drei Klassen, und auch sonst war der zwei Wochen nach seinem schweren Sturz in Suzuka seinen Verletzungen erlegene Japaner beim zweiten WM-Lauf der Saison ständig präsent.So machte sich die Angst, die seit dem Kato-Unfall unter den Fahrern umging, in einem Gipfeltreffen aller MotoGP-Piloten mit Carmelo Ezpeleta, Chef des WM-Promoters Dorna, und Sicherheitsvertreter Franco Uncini Luft. »Wir werden künftig auf jeder Strecke solche Meetings abhalten und offen über alle Sicherheitsfragen und mögliche Verbesserungen diskutieren. Ich bin froh, dass wir dieses Forum geschaffen haben«, erklärte Ezpeleta.»Unbewusst haben wir immer gedacht, dass wir als die Besten, die Piloten im Rampenlicht, gewissermaßen unzerstörbar sind. Doch die Kato-Tragödie hat uns alle wachgerüttelt”, meinte Max Biaggi. «Derzeit wollen alle Verbesserungen, die einen solchen Unfall verhindern können. Diese Stimmungslage jetzt nicht auszuschöpfen wäre unverantwortlich. Ich bin mir sicher, dass uns viele Leute für verrückt halten wegen der Dinge, die wir auf der Piste veranstalten. Wirklich verrückt wären wir, wenn wir diese Situation nicht für einen entscheidenden Schritt in Sachen Sicherheit nutzen würden.”Das Gresini-Team war wenige Tage nach Katos Tod noch nicht in der Stimmung für öffentliche Statements und trat erst durch Sete Gibernaus Pole Position ins Rampenlicht. »Ich habe seinen Antrieb gespürt. Kato verlieh mir Flügel«, jubelte der Spanier, bevor ihm sein weinender Teammanager Fausto Gresini um den Hals fiel.Das Wunder setzte sich fort, als Gibernau tags darauf abermals davonstürmte und seinen ersten Grand-Prix-Sieg auf trockener Strecke sicherstellte. Nach dem Zieleinlauf und auf dem Podium reckte er wieder und wieder die Arme gen Himmel und wiederholte: »Ich habe abermals gespürt, wie mir Kato beim Fahren half«, berichtete er. »Ich bin nur die sichtbare Speerspitze einer überwältigenden Hommage an Daijiro und seine Familie. Dieser Sieg ist für ihn, und er gibt mir gleichzeitig die Chance, den Blick in die Zukunft zu richten und Kato in fröhlicher Erinnerung zu behalten. Ich hoffe, dass ich künftig mehr solcher Momente des Triumphs erleben kann, doch es wird nichts geben, was diesem Tag je gleich kommt.«Gibernaus Sieg bestätigte nicht nur die bekannte Kaltblütigkeit des Spaniers, sondern auch mehr Talent, als ihm bisher allgemein zugestanden wurde. Sein härtester Gegner kam dabei nicht etwa aus dem Honda-Lager, sondern von Ducati: Weil Loris Capirossi zu hektisch Gas gab und gleich zweimal ins Gras fuhr, bevor er mit seiner Öl verlierenden Ducati an die Box tuckerte, hatte diesmal Teamkollege Troy Bayliss die Ehre, ganz vorne mitzumischen. Zwölf Runden lang verteidigte er eisern die Führung, und als Gibernau endlich einen Weg vorbei gefunden hatte, machte der Australier Valentino Rossi das Leben schwer.In den Kurven etwas schwieriger zu beherrschen, auf der Geraden aber pfeilschnell, war die Ducati Desmosedici auch für den Weltmeister eine hart zu knackende Nuss. Erst sechs Runden vor Schluss drängelte sich Rossi auf den zweiten Platz und war zu spät dran, den enteilten Gibernau noch zu überholen. »Ein schöner Sieg für Sete und sein Team. Ein paar Runden noch, und vielleicht hätte ich ihn erwischt. Ganz sicher bin ich mir jedoch nicht - ich hatte zu harte Reifen drauf«, gestand Rossi.Ähnliche Probleme verhinderten den lang ersehnten ersten Sieg von Steve Jenkner bei den 125ern. »Im Training zerrieb meine Aprilia alle Reifen, die wir üblicherweise aufziehen. Deshalb wählte ich fürs Rennen die härteste Mischung, die wir finden konnten. Leider hatte die nicht genügend Grip und wurde auch im Rennverlauf nicht besser. Ich konnte nie richtig im Windschatten mitfahren. Es war kraftraubend und materialtötend«, berichtete er. Erst in der letzten Runde, als der bis dato überlegen führende Youichi Ui seinen Sieg mit völlig aufradierten Reifen verspielte, sicherte sich der Sachse noch den dritten Platz und einen fantastischen zweiten Rang in der WM-Tabelle, mit nur einem Punkt Rückstand auf WM-Leader und Laufsieger Daniel Pedrosa.Während sich Christian Gemmel auf seiner Castrol-Honda 250 nach dem 18. Platz ebenfalls über einen Aufwärtstrend freute, waren die beiden anderen deutschen Teilnehmer im Pech: Dirk Heidolfs Aprilia ging fest, Katja Poensgen gab nach einem Trainingssturz wegen Schulterschmerzen im Rennen auf.

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