Grand Prix-Teamchefs (Archivversion) Die grauen Eminenzen

Die Stars ziehen ihre Show auf der Piste ab, hinter den Kulissen ziehen andere die Fäden: ehemalige Renngrößen wie Kenny Roberts etwa, aber auch eher unbekannte Teamchefs wie Peter Clifford oder Garry Taylor.

Sie nennen sich Team-Chef, Team-Manager oder Team-Eigentümer, und so unterschiedlich wie die Bezeichnungen sind auch die Funktionen, die sich dahinter verbergen. Eines ist jedoch allen gemeinsam: Sie stehen für eine Organisationseinheit, ein Team und wirken eher im Hintergrund. Oft sind es Persönlichkeiten mit eigener Rennsport-Historie: so beispielsweise die ehemaligen amerikanischen 500er Weltmeister Kenny Roberts und Wayne Rainey oder der Deutsche Mario Rubatto, Mitte der 80er Jahre erfolgreicher TT-F1- und Superbike-Pilot. Genauso häufig sind als Galionsfigur eines Grand Prix-Teams aber auch weniger prominente Leute zu finden: der Engländer Garry Taylor etwa, langjähriger Mittelpunkt der 500-cm3-WM-Aktivitäten des Suzuki-Werks, sein Landsmann Peter Clifford, der das Red Bull-Yamaha-WCM-Team lenkt, oder Hermann Kurz, Motorrad-Händler aus dem schwäbischen Rosenberg, der für das Yamaha-GP-Engagement in der 125er Klasse verantwortlich ist.Was aber tun diese Menschen beim Grand Prix wirklich? Wirken sie als reine Organisatoren? Als motivierende Lichtgestalten? Als geniale Geldbeschaffer?Mit seinem Motorradhandel ist Hermann Kurz noch lange nicht ausgelastet. Der 48jährige Familienvater kann spontan die Frage beantworten, seit wann er sich als Team-Chef betätigt: »3. Oktober 1975.« Bis 1993 kassierten seine Fahrer auf nationaler Ebene 20 Moto Cross- und Enduro-Titel. 1985 und 1986 organisierte Kurz zusätzlich die Suzuki-Superbike-Auftritte in der DM mit den Fahrern Ernst Gschwender und seinem heutigen Team-Chef-Kollegen Mario Rubatto. Anfang 1996 fragte Yamaha dann an, ob er sich nicht um die 125er Grand Prix-Einsätze des Werks kümmern wolle. Kurz, noch immer im Off Road-Sport aktiv, stampfte innerhalb von drei Tagen eine neue Team-Organisation aus dem Boden.Die Team-Chefs, die hier etwas näher beleuchtet werden, wissen, was es bedeutet, ein Rennfahrzeug unter Wettbewerbsbedingungen zu bewegen. »Für mich ist es von höchster Wichtigkeit, wie ein Rennfahrer denken und fühlen zu können«, sagt der ehemalige Off Road-Pilot Kurz, »das kann nur jemand, der selbst gefahren ist.«So klinkt sich Kurz intensiv in die Teambesprechungen ein: »Ich will hören, sehen und fühlen, was abgeht.« Dafür hält er sich aus dem »operativen Geschäft« an der Rennstrecke weitgehend raus: »Das erledigt Team-Manager Erich Zürn. Ich bin für die finanzielle und strategische Leitung zuständig.«Hermann Kurz betrachtet sich als Team-Eigentümer – wie auch Weltstar Kenny Roberts. Der 47jährige versucht, mit einem selbstentwickelten, in England gebauten Motorrad in der 500er WM erfolgreich zu sein. Bislang knabbert er hartes Brot, die Ergebnisse lassen zu wünschen übrig. »Es ist der Fahrer, der ein Motorrad gut oder schlecht aussehen läßt«, sagt Roberts. Aber er steckt in einem Teufelskreis. Passen die Resultate nicht, winken die Top-Piloten ab. Ohne Top-Piloten gibt’s keine Top-Resultate...Doch Roberts ist Visionär, was auf der Rennstrecke passiert, interessiert ihn nur am Rande. »Das erledigt Team-Manager Chuck Aksland.« Roberts interessiert sich in erster Linie für eines: die unter seiner Regie entwickelte Modenas KR3-Rennmaschine. »Ich arbeite mehr am Motorrad als mit den Fahrern. Für unsere Dreizylinder-Maschine suche ich nach einem bestimmten Kompromiß zwischen Leistung und Fahrbarkeit.« Er ist davon überzeugt, auf dem richtigen Trip zu sein: »Wir spielen in einer anderen Liga als der Rest. Zum Rennteam haben wir eine Entwicklungs- und Produktionsabteilung – wie in der Formel 1.« Wohl deshalb war Chuck Aksland nicht bereit, ein Organigramm herauszurücken.Peter Clifford mußte nur einige Tasten auf seiner Computertastatur drücken, um ein solches Diagramm zu produzieren. Der ehemalige Motorrad-Journalist aus London, der unter anderem 18 Bücher über den Zweirad-Rennsport schrieb, leitet das Team Red Bull- Yamaha-WCM seit 1997 als Sportdirektor in enger Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Team-Eigentümer Bob McLean. Obwohl Clifford in seiner Jugend nur gelegentlich Rennen fuhr, hat er Benzin im Blut. »Meine erste Motorsport-Veranstaltung besuchte ich im Alter von sechs Wochen«, weiß der 43jährige Brite, »mein Vater war Streckensprecher und fuhr deshalb oft zu Rennen.« Für den Clifford ist eigene Rennerfahrung unbedingt erforderlich, um ein guter Teamchef sein zu können - ganz im Gegensatz zu den Ex-Rennstars Kenny Roberts und Wayne Rainey, die in diesem Punkt erstaunlicherweise anders denken.Wie Clifford hängt sich auch der querschnittsgelähmte Rainey kaum in die Arbeit seines Yamaha-Halbliter-Werksteams an der Rennstrecke rein. In faszinierender Weise vermittelt der inzwischen 38 Jahre alte Amerikaner den Eindruck, daß er trotz – oder wegen? – seiner Verletzung allein durch sein Charisma die Mannschaft zu einer harmonischen Truppe geformt hat. Er sieht seinen Hauptauftrag darin, sein immenses Wissen über den Grand Prix-Sport den vom wirklichen Geschehen doch recht weit entfernten Ingenieuren des Yamaha-Werks zu vermitteln. »Wann immer möglich«, so Rainey, »schleppe ich sie mit raus an die Rennstrecke. Ich sehe mehr als andere Leute, versuche ihnen zu erklären, was die unterschiedlichen schwarzen Striche, die ein Honda-Werksfahrer und einer meiner Leute beim Herausbeschleunigen aus einer Kurve auf den Asphalt malen, für eine Bedeutung haben.«Mario Rubattos emotionale Bindung an sein Team ist noch stärker als die von Wayne Rainey. Drei Jahre arbeitete er in der 125-cm3-Weltmeisterschaft mit dem japanischen Fahrer Tomomi Manako zusammen, 1998 führte er ihn bis in greifbare Nähe des WM-Titels. Rubattos Schmerz darüber, daß Manako diese Liaison aufkündigt, ist begreifbar: »Wir beide sind ein perfektes Team.« Rubatto war sich sicher, immer schon zu wissen, was seinen Schützling plagte, wenn der an die Box kam. Die Verständigung mit Manako erfolgte in einem für Außenstehende schwer zu verstehenden Schwäbisch-Japanisch-Englisch-Kauderwelsch.Derartige Hingabe ist bei Suzuki-Team-Manager Garry Taylor nicht zu spüren. Er ist in diesem Job bereits seit 1981 aktiv und der dienstälteste Team-Vorstand im Kreis der hier vorgestellten Herren. Sicher der Erfahrenste, vielleicht auch der Abgebrühteste? Gut möglich, denn Garry Taylor wollte nie Chef eines Motorrad-GP-Teams werden. Von 1969 an fuhr der 49jährige Automobil-Clubrennen und half den Organisationsteams: »Fahrer, Streckenposten, Schrauber und Rennsekretär – es gibt wohl nur einen Job, den ich im Fahrerlager noch nicht gemacht habe: Rennarzt.« Taylor hat eine Marketing-Ausbildung und reagierte natürlich, als ihm ein Stellenangebot für einen »PR-Manager für ein GP-Team« auf den Tisch flatterte. Im Glauben, es könne sich nur um eine Formel-1-Offerte handeln, ging er zum Vorstellungsgespräch. Taylor: »Dann nannte der Typ Namen. Es mußten Rennfahrer sein, aber ich kannte keinen von ihnen. Bis er schließlich sagte: Barry Sheene. Da wußte ich: falsche Baustelle.« Taylor übernahm den Job trotzdem.Ebensowenig wie seine Kollegen kann er sich der Magie des Sports entziehen. Im Büroraum seines Renn-Trucks hängt die Kopie eines »Hägar«-Comics. Hägar: »Es ist egal, ob Du gewinnst oder verlierst – es geht darum, wie Du dein Spiel gemacht hast.« Fragt Sven Glückspilz: »Wer sagt das?« Antwortet Hägar: »Ein Verlierer.“

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