Grand Prix-Testfahrten (Archivversion) Sorgen für die Supermacht

Die Werks-Honda haben Probleme - und Michael Doohan ist stocksauer.

Bei den ersten Überseetests im australischen Phillip Island war John Kocinski noch um eine Sekunde zu langsam, doch eine Woche darauf in Eastern Creek bei Sydney schlug der Außerirdische erstmals zu und demütigte Michael Doohan (1.30,51), Carlos Checa (1.30,55) und Alex Crivillé (1.30,60) mit einer Bestzeit von 1.30,29 Minuten. »Die erste Runde ging klar an mich«, lachte er sich ins Fäustchen, nachdem die Topstars der Halbliter-WM die letzte Viertelstunde der offiziellen Honda-Tests in ein hitziges Gefecht wie beim Abschlußtraining eines Grand Prix verwandelt hatten.Klarer Verlierer war der Weltmeister, der sich unter dem ungewohnten Druck einen Ausrutscher leistete und kommentarlos mit quietschenden Reifen aus dem Fahrerlager davonqualmte.Was Michael Doohan störte, hatte er bereits vorher zu Protokoll gegeben. »Normalerweise fühlt sich eine 500er nach einer so langen Pause an wie eine Rakete, doch dieses Motorrad zieht keine Wurst vom Teller. Es ist frustrierend. Honda hat mehr Zeit damit verbracht, Piloten unter Vertrag zu nehmen als an den Maschinen zu arbeiten. Mehr Fahrer bedeuten mehr Arbeit für die Techniker in Japan, und das kann nicht funktionieren. Honda ist eine großartige Firma - aber diesmal haben sie sich getäuscht!«Derzeit werden drei Motoren erprobt. Typ A ist der klassische Big Bang, Typ B jener Evolutionsmotor mit 180 Grad Zündabstand zwischen beiden Zylinderpaaren, den Doohan in der letzten Saison erfolgreich eingesetzt hat. Typ C schließlich ist eine Variante, bei der alle vier Zylinder wie bei den NSR 500-Modellen zwischen 1984 und 1988 hintereinander im Abstand von jeweils 90 Grad befeuert werden. Die offiziellen Werksfahrer Doohan, Crivillé, Okada und Kocinski bevorzugen diese Variante und bescheren den Honda-Ingenieuren damit ein gewaltiges Problem: Während der Big Bang-Motor 2000 Kilometer ohne große Inspektion übersteht, müssen die neuen Kurbelwellen beim Typ C nach gerade mal 500 zur Revision ins Werk zurück.Hinzu kommt, daß die Motoren allein schon durch den Bleifreisprit rund vier Prozent an Leistung eingebüßt haben und in der australischen Sommerhitze von 37 Grad im Schatten weitere zehn Prozent der ehemals über 200 PS dahinschmolzen. Auf der Zielgeraden mußte die 500er um zehn km/h kürzer übersetzt werden als beim letzten Grand Prix in Eastern Creek, was nur Max Biaggi seinen Job als Halbliter-Neuling etwas einfacher machte. »250er war hübsch, doch diese 500er ist ein richtiges Motorrad - eine Maschine für Männer«, schwärmte er angesichts der Schubkraft aus vier Zylindern. Biaggi, der sein Sponsorpaket mit Marlboro Italien und der Mineralölfirma Q8 erst spät unter Dach und Fach gebracht hat, trainierte auf Einladung von Honda mit Tadayuki Okadas Maschine, stellte aber auf Anhieb sein überragendes Talent unter Beweis und blieb nur um eine Sekunde hinter der Bestzeit zurück. »Ich bin überrascht, wie locker mir das Fahren von der Hand geht. Ich bin überzeugt, daß ich vorne mithalten kann«, meinte er zufrieden, auch wenn er sich bis zur Lieferung seiner eigenen Maschinen bis März gedulden muß.Bis dahin wird sich Honda auch mit der 250er etwas einfallen lassen müssen. Die Honda-Werksfahrer waren zwar begeistert vom Chassis der komplett neukonstruierten Maschine, das mehr Feedback liefert und spurtreuer denn je um die Kurven zirkelt. Doch die Motorprobleme waren noch gravierender als bei der 500er und sorgten in Eastern Creek für einen Rückstand von nicht weniger als 20 km/h im Vergleich zu den alten Werten.Dabei ist der Motor klar den pfeilschnellen Aprilia-Aggregaten nachempfunden: Wie die Italiener verwendet Honda bei der 250er nun zwei Kurbelwellen, hier wie dort führen die Auspuffsysteme auf geradlinigem Weg nach hinten. Um den weit aufgespreizten V2 möglichst weit nach vorn rücken zu können, wurden die Kühler an die Flanken der Maschine verschoben, wo sie dank größerer Öberfläche trotz ihrer ungünstigen Stellung effektiver funktionieren.Olivier Jacque und Sepp Schlögl-Schützling Stefano Perugini sowie Tohru Ukawa und Haruchika Aoki teilten sich jeweils eine der beiden zur Verfügung stehenden Prototypen, waren aber mit den alten Modellen schneller.

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