Grand Prix Tschechien in Brünn (Archivversion) Die gelbe Gefahr

Fünfmal hatte Valentino Rossi seinen Erzfeind Max Biaggi (3) in dieser Saison schon besiegt. In Brünn reichte die pure Präsenz der gelben Honda, um den Gegner ins Verderben zu hetzen.

Das Vorderrad rutschte weg, der Lenker klappte ein, und obwohl Max Biaggi noch mit einem letzten verzweifelten Reflex den Ellbogen abspreizte, raspelte die rote Werks-Yamaha über die Grasnarbe. Der römische Kaiser ging danach zwar nochmals in die Schlacht und rettete den zehnten Platz, trotzdem hinterließ der 500er-Grand-Prix von Tschechien in Brünn tiefe Kratzspuren in seiner heilen Welt.Bis zu jener verflixten 13. Runde war es reibungslos gelaufen in den vergangenen Wochen. Zuerst war da der Sieg am Sachsenring, mit dem er seinem Erzrivalen Valentino Rossi auch in der WM-Wertung auf den Pelz rückte. Dann kam es zu sensationellen Tests mit der Yamaha-M1-Viertaktmaschine. Obwohl der GP1-Renner von 230 auf 189 PS gedrosselt worden war und weniger PS hatte als eine 500er, rannte er dank des kräftigen Durchzugs auf der kurzen Brünn-Zielgeraden um satte zehn km/h schneller als die YZR, ermöglichte Rekord-Rundenzeiten, ging vor allem aber besonders schonend mit den Reifen um.Eine Performance, die auch den Viertakt-Kritiker Biaggi überzeugte und eine glänzende Zukunft verhieß – zumal Honda bei der Entwicklung der V5-Maschine noch krass hinterher hinkt. Der Motor leistet zwar derzeit 227 PS bei 14 000/min und soll noch auf 250 PS bei 16 000/min aufgerüstet werden, doch Masse und Sitzposition wurden so weit nach vorn gerückt, dass der Fahrer kaum die Instrumente sieht und die Maschine beim Gasgeben selbst auf der Geraden schlingert.Der Brünn-Grand-Prix bedeutete für Biaggi ebenfalls keine Rückkehr zum Alltag. Schon sechsmal hatte er auf der Piste, die mit ihren schnellen, flüssig ineinander übergehenden Kurvenkombinationen seinem Fahrstil entgegenkommt, gewonnen, und nach der Pole Position wollte er Rossi ein weiteres Mal die Hölle heiss machen. Doch diesmal hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Rossi kam zwar wie üblich schlechter vom Start weg, war aber schon ab Runde fünf auf Biaggis Fersen, und je näher er rückte, desto absehbarer wurde Biaggis Niederlage. Dass er diese nicht akzeptieren wollte, führte zum Sturz – und einer Vorentscheidung in der WM, da Rossis Führung vor den letzten sechs Rennen von zehn auf 29 Punkte angewachsen ist. »Schon am Samstag habe ich Stellen ausgemacht, an denen Rossi schneller unterwegs war. Ich dachte, es sei keine gute Strategie, ihn überholen zu lassen«, wand sich Biaggi bei der Schilderung seines Fehlers. »Deshalb habe ich versucht, Rossi durch Gasgeben in Schach zu halten, bis ohne Vorwarnung das Vorderrad wegrutschte. Auf dem Podium waren am Ende drei Honda. Um vorne zu bleiben, musste ich solche Risiken eingehen. Ich habe schon nach dem Sachsenring-GP gesagt, dass es nicht leicht sein wird, mehr Pisten zu finden, die uns derart entgegenkommen.«Die Leistung des zweitplatzierten Alex Crivillé, dessen Motor für den Brünn-GP mit Spezialteilen für bessere Beschleunigung auf das Niveau der Rossi-Maschine gehievt wurde, bestätigte Biaggis Thesen ebenso wie der dritte Platz von Loris Capirossi. Valentino Rossi bewies sein Ausnahmetalent nicht nur mit einem perfekten Rennen, sondern auch damit, dass er aus der Niederlage vom Sachsenring gelernt hatte. Konzentriert wie noch nie peitschte er sich selbst und sein Team durch die eigentlich verhassten Trainingstage, verkürzte den Rückstand auf Biaggi von Freitag auf Samstag von 1,5 auf 0,15 Sekunden.So hatte er den Gegner trotz seines verhaltenen Starts von Anfang an im Auge. »Ich wusste, dass ich von Anfang an angreifen musste, um gegen Biaggi auf dieser Piste eine Chance zu haben. Zunächst war ich Dritter und bin dann mit 101 Prozent Einsatz gefahren, um ihn nicht entwischen zu lassen. Bis ich Biaggis Hinterrad erreichte, hatte ich dann den neuen Rundenrekord in der Tasche«, schilderte Rossi seine Jagd. Wie Biaggi hatte auch 125er-Pilot Simone Sanna zu hoch gepokert, als er in der Zielkurve etwas von der Ideallinie abkam, zu hart beschleunigte und dem 18-jährigen Spanier Toni Elias mit seinem Sturz die Tür zum zweiten Saisonsieg öffnete. Insgesamt ging’s wieder einmal drunter und drüber. Einer, der im Getümmel starke Nerven zeigte, war der tapfere Steve Jenkner. Vor 44 000 jubelnden Zuschauern zwängte sich der Aprilia-Werkspilot für zwei unvergessliche Runden an die Spitze und wurde dann wieder eingefangen. Sannas Sturz brachte ihn im Finale um die geplante Revanche, am Ende freute sich der Sachse aber trotzdem über den zweiten Podestplatz seiner Karriere. »Ein schönes Gefühl, das Rennen für mehr als zwei Sekunden anzuführen«, schmunzelte Stevie Wonder. »Mir war klar, dass Lucio Cecchinello und Toni Elias mich nicht so einfach gewinnen lassen würden. Wie man gesehen hat, muss ich an meiner Bremserei noch ein bisschen üben. Doch dann kann’s schon mal passieren, dass wir ganz oben stehen!« Bei den 250ern machten sich dort gleich zwei Aprilia-Werkspiloten breit, die die Fahrstabilität der italienischen Werksmaschinen in den langgezogenen Kurven genüsslich auskosteten. Der Trainingsschnellste Tetsuya Harada huschte schon in Runde zwei an WM-Leader Daijiro Katoh vorbei und auf Nimmerwiedersehen davon. Marco Melandri ließ sich für die endgültige Attacke auf den Honda-Star bis zur letzten Runde Zeit. »Wir haben in der Tabelle immer noch 35 Punkte Vorsprung. Auf dieser flüssigen Strecke hat Aprilia intensiv gearbeitet, in zwei Wochen in Portugal sieht’s schon wieder ganz anders aus«, beruhigte Angel Nieto, der Generalmanager des Honda-Teams seine Leute. Auch Klaus Nöhles lief zu besserer Form auf, kämpfte den amtierenden 125-cm3-Weltmeister Roberto Locatelli nieder und wurde Elfter. Sein Plan, vor Alex Hofmann ins Ziel zu kommen, erfüllte sich dabei auf ganz unvorgesehene Weise: Der Aprilia-Privatfahrer war schon am Startplatz mit gebrochenem Getriebe stehengeblieben.

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