Grand Prix Tschechien in Brünn (Archivversion) Der römische Feldherr

Max Biaggi meldete sich in Brünn mit einem überlegenen Sieg zurück. Doch nicht nur deshalb gilt der Römer als Feldherr in seinem Team.

Carlos Checa, der 2001 unbedingt drei Millionen Dollar verdienen will, war wegen des Gerangels um eine Suzuki-Offerte so unkonzentriert, dass er in Brünn zwei Trainingsstürze baute und vom unrühmlichen 15. Startplatz im 500er-Rennen auf Rang elf fuhr.Umso heller war das Licht, in dem sein Yamaha-Teamkollege Max Biaggi stand. Mit der Kunst, das Gas weich zu- und wieder aufzurollen und sein Motorrad in den kompliziert ineinander verwobenen, schnellen Kurven unspektakulär am Limit zu bewegen, holte er den sechsten Sieg in Brünn. »Der hat mehr Feingefühl als jeder andere in dieser Klasse«, anerkannte ein Techniker von Norick Abe, der sein Motorrad gleich in der ersten Runde im Kies versenkt hatte. Dabei war die bisherige Saison nicht gerade nach dem Geschmack des 33fachen Grand-Prix-Siegers verlaufen. Eine schmerzhafte Leistenzerrung und eine abgesprungene Antriebskette hatten Biaggi den Saisonstart in Südafrika verdorben. Ab Suzuka häufte er vier Rennstürze hintereinander auf, den peinlichsten davon in Jerez, als er seine Yamaha bereits in der Aufwärmrunde beerdigte.Dass er jetzt wieder gewann, hatte nur wenig mit Neuentwicklungen an der Werks-Yamaha oder dem neuen 16,5-Zoll-Vorderreifen zu tun, den er seit drei Rennen einsetzte. »Ich bin ruhiger geworden. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, und schaue der Zukunft mit weniger Ungeduld entgegen. Dafür arbeite ich noch härter, noch zielstrebiger für den Erfolg”, tönte Biaggi. Auch Teammitglieder wisperten, der Sieg sei einzig und allein auf eine positivere Einstellung von Biaggi selbst zurückzuführen.Ein Zuckerschlecken wird die Arbeit mit dem Römer jedoch auch in Zukunft nicht. Wie in allen seiner früheren Teams regiert er als uneingeschränkter Despot, der sein Umfeld entweder mit knallharten Forderungen oder üblen psychologischen Tricks auf Trab bringt. Eine von Biaggis Spezialitäten ist zum Beispiel, Verabredungen zu treffen und sie dann nicht einzuhalten – nur um herauszufinden, wie sehr und wie lange sich die Untertanen demütigen lassen. Biaggi treibt sein Spiel auf allen Ebenen. Im letzten Jahr setzte er das Werk so lange unter Druck, bis seine englischsprachige Mechanikercrew durch Italiener ersetzt wurde – nur, um dieses Jahr schon wieder nach fremder Hilfe Ausschau zu halten. In Assen fragte er bereits mal seinen früheren Teamchef Erv Kanemoto, ob er ihm nicht aus der Patsche helfen wolle. Der hatte die Zusammenarbeit mit Biaggi freilich noch frisch genug in Erinnerung und winkte dankend ab. »Dass ein Angestellter die Personalpolitik macht und das Werk auch noch dazu zwingt, einen Versuchsmotor mit nur einer Kurbelwelle zu bauen, ist ein Unding. Doch im Marlboro-Yamaha-Team haben alle einen Halswirbelschaden – vom ständigen Kopfnicken”, meinte ein Kollege Kanemotos.Deshalb hat sich Biaggi vorläufig auch damit arrangiert, so weiter zu machen wie bisher. Sponsor Marlboro bestätigte in Brünn, dem Italiener auch in Zukunft die Treue zu halten. Mit Yamaha gibt es bereits eine mündliche Absprache. »Auf einer Honda wäre ich vielleicht erfolgreicher. Doch ich habe die Herausforderung mit Yamaha angenommen und bleibe hier wohl auch in Zukunft. Die Entwicklung ist zwar nicht so sprunghaft verlaufen, wie ich mir das gewünscht habe, doch die Yamaha ist gewiss kein schlechtes Motorrad”, erklärte Biaggi. Er setzt Yamaha aber schon wieder unter Druck – und will erst dann einen neuen Vertrag unterschreiben, wenn ihm bestimmte Weiterentwicklungen schriftlich garantiert werden.Da hat das Red-Bull-Team an dem unkomplizierten Garry McCoy mehr Freude. Schon vor dem Rennen in Brünn wurde ein neuer Zwei-Jahres-Vertrag besiegelt. Zur Feier des Tages glühte der Australier dann mit seinen spektakulären Drifts auf den dritten Platz. »Wir hatten bisher zu wenige Gummimischungen für mein bevorzugtes 16,5-Zoll-Hinterrad. Erst jetzt haben wir allmählich all die Varianten, die wir brauchen”, klärte McCoy auf, warum er acht Rennen lang keinen Podestplatz geschafft hatte. »Unser Ziel bleibt, weniger zu driften und dafür mehr Vortrieb zu erzielen.” Das Weniger an Drifts blieb relativ. Der hinterherfahrende Rossi freute sich so an McCoys spektakulären Slides, dass er erklärte, das Zuschauen sei eigentlich eine bezahlte Eintrittskarte wert.Rechtzeitig vor Schluss fuhr Rossi dann an die zweite Stelle, setzte sich damit auch in der WM an den zweiten Platz und schürte die schlimmsten Alpträume von Leader Kenny Roberts, der Titel könne ihm vielleicht doch noch durch die Lappen gehen. »Ohne die nötige Power verhungern wir auf schnellen Strecken wie in Brünn”, stimmte der Suzuki-Pilot sein altes Klagelied an.Mit dem vierten Platz war er noch relativ gut bedient. Denn Loris Capirossi, der sich bei einem Trainingssturz einen Mittelhandknochen gebrochen hatte, fiel wegen der Schmerzen auf Platz fünf zurück und war nach dem Rennen so erschöpft, dass er in der Box ohnmächtig wurde. Weltmeister Alex Crivillé, der alle Gerüchte über einen Suzuki-Transfer mit einem neuen Ein-Jahres-Vertrag bei Repsol-Honda hinwegfegte, hatte sich sogar einen Sieg vorgenommen, musste sich aufgrund eines schlecht laufenden Motors aber mit Platz sieben hinter Sete Gibernau abfinden.Wie Crivillé plant auch Aprilia-Renndirektor Jan Witteveen bereits fürs nächste Jahr. Entgegen aller Gerüchte, das Halbliterteam werde sich wegen der immensen Kosten und dem Mangel an Erfolg zurückziehen, bringt Witteveen ständig neue Evolutionsteile. In Brünn fuhr Jeremy McWilliams mit einer elektronischen Benzineinspritzung, die nach zwei Jahren Entwicklungszeit endlich zuverlässig funktionierte, auf Rang neun. »Mein Motorrad war so kräftig wie die Suzuki. Nur der Start war problematisch”, freute sich der Ire.Feierte Aprilia mit Roberto Locatelli durch einen Sieg über Derbi-Star Youichi Ui die Führung in der 125er-Klasse, so war gegen Yamaha auch bei den 250ern kein Kraut gewachsen. Von einer Hand- und einer Wirbelverletzung genesen, siegte dieses Mal wieder Shinya Nakano. Teamkollege Olivier Jacque wurde hinter Tohru Ukawa Dritter, an der Tabellenspitze liegen die beiden Chesterfield-Silberpfeile Kopf an Kopf. »Nakano und Jacque sind nicht nur zwei Topfahrer, auch ihre Motorräder gehen mittlerweile richtig gut”, staunte Ralf Waldmann, der nach »zwei, drei Fehlerchen” den Anschluss an die Spitze verloren hatte und Fünfter wurde. Waldis Teamkollege Klaus Nöhles hielt die Zuschauer mit einer furiosen Aufholjagd in Atem: Nachdem er seinen Motor am Start abgewürgt hatte und wieder anschieben musste, erbeutete der Publikumsliebling noch den neunten Platz. Auch Alex Hofmann gab sich erstmals seit seinem Beinbruch in Mugello die Ehre – und steuerte seine Aprilia beim Comeback behutsam auf den 19. Platz.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote