Grand Prix Tschechien in Brünn (Archivversion) Feier und Flamme

Ralf Waldmanns Auftritt beim Brünn-Grand Prix war eine Show der Weltklasse. Die Dramatik des Halbliterrennens erinnerte eher an einen Rambo-Film.

Valentino Rossis Zukunft ist immer noch im Ungewissen. Bei Honda hatte er zwar mit Prominenten wie Mick Doohan Kontakt, wartete bislang aber vergebens auf ein direktes Angebot des Werks für die 500er-Klasse. Aprilia drängt ihn zu einem Drei-Jahres-Vertrag, den Rossi auf gar keinen Fall unterschreiben will. Der 20-jährige Superstar will als 250-cm3-Weltmeister möglichst schon in der nächsten Saison, notfalls aber im Jahr 2001 in die Königsklasse aufsteigen, hat aber keinerlei Interesse an Aprilias Halbliter-Twin. Falls Rossi noch ein Jahr bei den 250ern bleibt, stehen den Rennfans spannende Duelle bevor. Falls er geht, wird Ralf Waldmann zum alleinigen König bei Aprilia. Denn in Brünn, dem zehnten von 16 Grand Prix, fand Waldi nach neun Fehlversuchen endlich zu jener Weltklasseform zurück, die ihn 1996 und 1997 zum größten Herausforderer Max Biaggis gemacht hatte. Erstmals seit der Rückkehr in die 250er-Klasse fuhr er auf die Pole Position. Erstmals kam es im Rennen zu dem lange erwarteten Zweikampf mit dem italienischen WM-Leader, und obwohl Rossi im Endspurt doch noch die Nase nach vorn brachte, war Waldis zweiter Platz wie ein Sieg. Die Entscheidung war kein Katz- und-Maus-Spiel, sondern ein offener Schlagabtausch, in dem beide Stars jenseits aller Limits fuhren. Der unverdrossene Rossi bezahlte seine Angriffslust mit einem gefährlichen Abstecher über die Grasnarbe. Umgekehrt hatte Waldi einen heftigen Rutscher, als er sich in der Schlussrunde zu ehrgeizig an die Fersen seines Markengefährten heftete. Dass es nicht zum ersten Saisonsieg reichte, hatte technische Ursachen. Vom Start weg streikte die elektronische Zündunterbrechung, die das Hochschalten mit voll geöffnetem Gasgriff erlaubt. »Ich musste wie beim normalen Motorrad jedesmal das Gas zurückdrehen und konnte deshalb nicht so effektiv beschleunigen wie die anderen. Um das auszugleichen, musste ich später bremsen und schneller durch die Kurven fahren. Das wiederum beschädigte die Reifen - und deshalb hatte ich am Schluss keine Chance zur Gegenwehr«, schilderte Waldi die Zusammenhänge. Alles andere funktionierte wie aus dem Bilderbuch, und neben Waldis Rundenzeiten beeindruckte auch die Gelassenheit, mit der sich das Team auf den Brünn-Einsatz vorbereitete. So verwendete Valentino Rossi bei Tests in Mugello und beim Training in Brünn einen neuen, weiter versteiften Rahmen, ließ aus Furcht vor frühzeitigem Reifenverschleiß fürs Rennen am Sonntagmorgen dann aber doch wieder das alte Chassis einbauen. Das Waldi-Team sparte sich diese Experimente von Anfang an. Mehr Interesse als an einem neuen Rahmen zeigte das Team an neuen Vergasern mit Powerjets zur Gemischanreicherung im mittleren Drehzahlbereich. Bei Starts mit diesem Typ war die Erfolgsquote höher als mit den Standardvergasern, weshalb das Team geringfügige Einbußen bei der Spitzenleistung in Kauf nahm und das neue Modell auch im Rennen einsetzte. Am Sonntagmorgen verfielen die Techniker dann auf einen besonders cleveren Trick: Für den kurzen ersten Gang, in Brünn ohnehin nur zum Starten gebraucht, schalteten sie die Powerjets einfach ab und schafften das leidige Problem drohender Motorüberfettung beim Losfahren auf elektronischem Weg aus der Welt. Waldi zuckte davon wie ein Pferd, dem man eine Distel unter den Sattel geschmuggelt hat, und war selbst »ganz verdattert«, dass er sich auf dem Weg zur ersten Kurve vor Rossi befand. Auch Waldmanns ehemaliger Konkurrent Max Biaggi war im 500er-Rennen lange an der Spitze. An seiner Werks-Yamaha gab es markante Modifikationen. Der Italiener verwendete ein neues, im Lenkkopfbereich verstärktes Chassis, außerdem lieferte Öhlins eine neue Gabel, deren Hydrauliksysteme für Zug- und Druckstufe auf geheimnisvolle Weise voneinander getrennt sind und die derzeit weltweit patentiert wird. Im Rennen wurde er gegen Schluss von Alex Crivillé übertölpelt und in der letzten Runde auch noch von Tadayuki Okada und Kenny Roberts vorgeführt. Der Rodeo-Stil, mit dem Roberts dem Italiener im letzten Bergaufstück in die Seite knallte, war dabei ebenso bemerkenswert wie der Mut Okadas, der mit einem Doppelschlag in der letzten Runde erst Biaggi, dann auch noch WM-Leader Crivillé abservierte und mit geballter Faust den zweiten Saisonsieg feierte. Mehr als das hektische Finale dürfte den Zuschauern freilich der dramatische Beginn des Rennens in Erinnerung geblieben sein. Der Engländer Jamie Whitham stürzte in der zweiten Runde, seine explodierende Modenas spie einen spektakulären Feuerball, und das flammende Inferno des ausgelaufenen Benzins setzte sogar die Airfences neben der Strecke in Brand. Erst 75 Minuten später, als notdürftig Strohballen aufgeschichtet waren und die Renndirektion für die trotz aller Bindemittel immer noch gefährliche Stelle ein Überholverbot ausgesprochen hatte, erfolgte der Neustart. Neben Jamie Whitham, der einen Beckenbruch und einen angeknacksten Wirbel erlitt, war auch das MuZ-Weber-Team im Pech. Jürgen van den Goorbergh verpasste das womöglich beste Rennergebnis für das deutsch-schweizerische Projekt. Am Samstag war der Fliegende Holländer wie schon in Barcelona zu allseitigem Erstaunen auf die Pole Position gesegelt. Beim ersten Start lief immer noch alles nach Plan, weil Goorbergh im Gedränge der ersten Kurve kaltblütig auf die Außenspur schwenkte und abermals an der gesamten Weltelite vorbei in Führung ging. Doch beim Neustart war es mit der Konzentration vorbei. »Mein Start war nicht so gut, ich wurde abgedrängt, und auch danach kämpfte ich mehr mit mir selbst als mit meinen Gegnern«, haderte er nach dem 13. Schlussrang. Während van den Goorbergh wenigstens die Zähne zusammenbiss und das Rennen zu Ende fuhr, verzichtet Teamkollege Luca Cadalora schon lange auf Kämpfe gegen sich selbst. Nur an 17. Stelle qualifiziert, kam er am Sonntagmorgen zu spät zum Warm-up und gab nach einer Rennrunde auf. Am Sachsenring noch hellauf begeistert von der MuZ-Weber, hatte er an einer weiterentwickelten Motorvariante keinen Gefallen gefunden und klagte, das Team habe ohne Tests zu viel verändert. In Brünn zu bleiben und die nächsten Tage zu Probefahrten und der Findung einer neuen Grundabstimmung zu nutzen war freilich unter seiner Würde. Daraufhin platze Teamchef Rolf Biland der Kragen. Zwei Tage nach dem Rennen gab`s die schriftliche Kündigung für Cadalora.

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