Grand Prix Tschechien in Brünn (Archivversion) Der Unsichtbare

Ralf Waldmann wurde schon im Training zum Brünn-Grand Prix von seinen Kollegen übersehen - und verschwand auch im Rennen nach den ersten tollen Runden aus dem Rampenlicht.

»Könnt ihr mich alle sehen?« fragte Ralf Waldmann besorgt und nahm erleichtert zur Kenntnis, daß die Runde der Fotografen und Journalisten bei der Pressekonferenz der vier Trainingsschnellsten seine Anwesenheit registrierten. Denn für manche seiner 250-cm³-Rivalen war der Vizeweltmeister beim Brünn-Grand Prix offensichtlich unsichtbar. »Wie Luft«, meinte Waldi händeringend.Wie sonst war es zu erklären, daß Waldis alter Rivale Olivier Jacque der roten Marlboro-Honda im verregneten ersten Training ohne auch nur den Versuch eines Ausweich- oder Bremsmanövers ins Heck donnerte. Und wie sonst war es zu erklären, daß Waldi im Rennen erneut von hinten gerammt wurde. Diesmal übersah Max Biaggi seinen Honda-Markengefährten, wobei beide mit Glück einem Sturz entgingen.Anschließend drängte der Italiener an Waldi vorbei auf Platz zwei und begann, dem führenden Olivier Jacque zuzusetzen. Waldi fiel Meter um Meter zurück, verlor mit dem Windschatten auch die Chance auf den Sieg und wurde statt dessen von Tetsuya Harada und Tohru Ukawa geschluckt. Nur weil Ukawa in der letzten Runde stürzte und vor der Weiterfahrt etliche Sekunden einbüßte, rettete Waldi am Schluß noch den vierten Platz.Schnell kursierten kunterbunte Theorien über die Ursache der Niederlage. Daß Biaggis Rammstoß den Auspuff und damit auch die Leistungskurve der Waldi-Honda geknickt habe, entpuppte sich schnell als Legende. Nur am Kettenritzel waren schwarze Reifenspuren zu erkennen, am Motorrad selbst wurden keine Schäden festgestellt.Auch Waldmanns Vermutung, seine Werksmaschine sei zu lange übersetzt gewesen, erwies sich als haltlos. »Wenn du am Kurvenausgang nicht mehr richtig beschleunigen kannst, ist es klar, daß du auf den Geraden kaum mehr in den sechsten Gang kommst«, klärte Waldis Cheftechniker Sepp Schlögl auf.Blieb die Frage, warum der Honda-Pilot nach starkem Beginn ab Halbzeit nur mehr so schwer auf Tempo kam. »Der Hinterreifen löste sich auf. Ich konnte kaum Gas geben und hatte mehrmals üble Quersteher. Es war unmöglich hinterherzukommen«, schilderte Waldi. Weil die Mischung die gleiche war, mit der das deutsche Grand Prix-As in England gewonnen hatte, hatte Sepp Schlögl nicht den Dunlop-Reifen selbst, sondern das Set-Up im Verdacht. »Ich glaube, daß die Federung dem Reifen so zugesetzt hat. Die Abstimmung war eine Lotterie für alle.«Und daran war wiederum das Wetter schuld: ein Temperatursturz von 20 Grad und immer wieder Regenschauer, so daß die Piloten erst am Sonntag mit Slicks ausrücken. Ralf Waldmann, der Brünn früher häufig als Teststrecke genutzt hatte und ausgerechnet 1997 nach Zeltweg und Barcelona auswich, war dabei der Pechvogel. Max Biaggi, der in diesem Jahr als einziger der 250er Stars ausgiebige Probefahrten in Brünn erledigt hatte, konnte seinen Vorteil genüßlich ausspielen. »Wenn Biaggi nach seinen Tests nicht weiß, welches Set-Up und welchen Reifen er nehmen muß, kann er sich einsargen lassen«, formulierte Waldi.Dem Weltmeister blieb das Begräbnis erspart. Nach einer hektischen letzten Runde, in der die Führung viermal wechselte, flitzte er vor Olivier Jacque über die Linie und feierte seinen vierten Saisonsieg, mit dem er auch ein paar kräftige Dissonanzen im Team überspielte.Ein Zankapfel war die von Biaggis Vater Pietro aufgebrachte Verschwörungstheorie, Federungsspezialist Showa lasse Biaggi wegen der Geschäftsbeziehungen zu Aprilia mit seinen Gabelproblemen im Stich. Das zog einen schriftlichen Protest der beleidigten Showa-Manager und ein umfangreiches Entschuldigungsschreiben des geplagten Biaggi-Teamchefs Erv Kanemoto nach sich. Delikater noch war, daß Biaggi seine Mechaniker laut italienischen Presseberichten als »Zigeunerbande« verunglimpft hatte. Doch der Erfolg heilt viele Wunden. Zigeunerbaron Enrico, Biaggis Cheftechniker, trug seinen Star auf Händen zum Podest von Brünn, wo sich Biaggi und Kanemoto vor den Augen der Welt die Hände reichten. Max blieb auch moralischer Sieger über Tetsuya Harada, der ihm den angebotenen Handschlag auf dem Podest wegen alter Feindseligkeiten verweigerte. »Ich möchte meinem Team gratulieren - wir haben an diesem Wochenende gut zusammengearbeitet«, sagte Biaggi gönnerhaft.Die wohl erstaunlichste Zusammenarbeit fand allerdings zwischen Alex Crivillé und Grand Prix-Arzt Claudio Costa statt. Der Spanier stieg erstmals seit seinem Assen-Unfall wieder in den Sattel seiner 500er Repsol-Honda und hatte noch solche Schmerzen in der demolierten linken Hand, daß er nach dem siebten Platz im Abschlußtraining aufgeben und seinen Startverzicht fürs Rennen bekanntgeben wollte.Das war genau nach dem Geschmack von Dr. Costa. Nicht weniger als fünf Stunden nahm er den Spanier mit einer Gesprächstherapie und mentalem Training in die Mangel und brachte das flackernde Licht der Leidenschaft wieder zum Lodern.Im Rennen brauste Alex von Platz acht auf Rang vier, und als er sein Motorrad im Parc fermé abstellte, drückte er Costa als Dankeschön seinen Helm in die Hand. »Dieses Ergebnis ist für mich wie ein Sieg. Denn jetzt bin ich sicher, daß ich wieder fahren kann«, jubelte Crivillé.Selbst Nobuatsu Aoki wäre nicht mehr lange vor dem aufrückenden Spanier sicher gewesen. Der Japaner brachte seinen dritten Platz gerade noch rechtzeitig unter Dach und Fach und feierte ebenfalls wie nach einem Sieg, weil sein Landsmann Tadayuki Okada sich nicht mit der nächsten Niederlage gegen Seriensieger Mick Doohan abfinden wollte und Platz zwei im Rennen sowie in der WM-Wertung durch einen Sturz in der letzten Runde verlor.Jürgen Fuchs war schon in Runde 13 schuldlos zu Boden gegangen: Ein Schlauchbinder für das Kühlwassersystem des unteren Zylinders hatte sich gelöst, worauf Wasser aufs Hinterrad sprühte. »Leider hatte ich wegen des Wasserverlusts schon frühzeitig mit massivem Leistungsverlust zu kämpfen«, schilderte Fuchs. »Sonst hätten wir schon mitgebrutzelt - ich war bereits an Daryl Beattie vorbei!«Dafür brutzelte im Rennen der 125-cm³-Klasse Steve Jenkner mit. Als sei der Kampf um den Sieg (siehe Seite 148) nicht schon so spannend genug, stieß der tapfere Sachse tollkühn in die Spitzengruppe vor und sicherte sich mit Platz sieben das mit Abstand beste Resultat seiner ersten GP-Saison. »Sonst bin ich immer einen Schritt hinterher, doch diese Strecke kenne ich vom Testen. Und das macht bei mir ganz viel aus«, verriet er sein Geheimnis. »Den Sakata habe ich außenherum auf den Kerbs überholt, den Tokudome habe ich ausgebremst. Es war Wahnsinn!“

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote