Grand Prix Tschechien in Brünn (Archivversion) Hurra, die Schule brennt

In der Pressekonferenz erzählte Jorge Martínez, er habe sich verschaltet. Zehn Minuten später flüsterte er, sein Aprilia-Werksmotor habe kurz geklemmt.Doch in Wirklichkeit lief Aspars Aprilia wie ein Uhrwerk. Den Sieg beim 125-cm³-Lauf in Brünn verpaßte der 34jährige, mit allen Wassern gewaschene vierfache Weltmeister nur deshalb, weil der halb so alte Grünschnabel Valentino Rossi noch energischer am Gas drehte. Während Dirk Raudies den Start vermurkst hatte und Zehnter wurde, Peter Öttl mit nachlassender Motorleistung auf Rang sieben und Masaki Tokudome wegen Reifensorgen auf Rang 13 rutschte, überholte Rossi binnen zwei Runden das halbe Feld. Unbekümmert stach er in Lücken, die keine waren, überholte innen und außen und profitierte von dem Respekt, den er sich mit seiner grimmigen Fahrweise verschaffte.Auch im Duell mit Martínez erfand er die Ideallinie neu, ratterte in jeder zweiten Kurve über die Bordsteine und hielt die rechte Hand trotz monströser Rutscher unbekümmert in Vollgasstellung.Auf dem Podest duschte er Martínez und den trotz eingedellten Auspuffs stark aufholenden Tomomi Manako mit Champagner ab, dann sonnte er sich im Rampenlicht der italienischen Medien. »Ein wunderschönes Rennen. Ich versuchte wegzufahren, statt dessen bekam ich es mit Martínez zu tun. Aber das störte nicht weiter, denn auch der zweite Platz wäre für mich wie ein Sieg gewesen«, blubberte Rossi und wurde mehrfach von Vater Graziano, selbst ein GP-Star Ende der 70er Jahre, abgeküßt.Solche Ausbrüche an Vaterliebe sind eher selten bei den Rossis, denn Valentino geht längst seinen eigenen Weg. »Der braucht mich nicht. Wahrscheinlich wäre es ihm am liebsten, ich würde gar nicht zu den Rennen kommen«, schmunzelte Graziano. Auf eigene Faust handelte Valentino einen längerfristigen Vertrag mit seinem agv-Aprilia-Team aus, der ihn auch 1997 noch an die 125er Klasse bindet. Gegen den Willen von Graziano verließ er die Schule, weil ihm das Leben eines gutbezahlten Profis mit viel Freizeit lieber ist, als in der Schule Mathematik zu büffeln. »Aber ich lerne Englisch. Denn das ist wichtig«, hält Valentino fest.Die Lust am Plaudern ist bei ihm ebenso stark ausgeprägt wie die am Herumtoben. Schon als Dreikäsehoch knatterte er mit einem Mini-Crosser durch die Gegend, fuhr als Elfjähriger mit Pocket Bikes die ersten Wettbewerbe und freute sich über die Wheelies, die man mit den zwölf PS kräftigen und 17 Kilogramm leichten Winzlingen auf den Asphalt zaubern konnte. 1993 stieg er in die 125- cm³-Produktionsmeisterschaft ein und gewann 1994 den Titel, 1995 wurde er EM-Dritter und italienischer Meister, jetzt ist er GP-Sieger und bereits ein umjubelter Star, fröhlich, frech und bei allem, was er tut, ständig am Limit.Der 16jährige Ivan Goi hatte schon zwei Wochen zuvor in Zeltweg seinen ersten GP-Sieg hingelegt, doch Talent und Jugend sind auch wirklich das einzige, was die beiden Italiener verbindet. Rossi trägt nahezu schulterlange Locken, bei Gois Irokesenschnitt sprießt das streichholzlange Haupthaar senkrecht in die Luft. Der flamboyante Rossi schreibt die Schule in den Wind und genießt das Leben, der zurückhaltende Goi will das letzte von drei Berufsschuljahren hinter sich bringen. »Jetzt habe ich schon so viel Zeit investiert, da wäre es Unsinn, vorzeitig abzubrechen«, sagt Ivan Goi.Diese Vernunft läßt er auch auf der Rennstrecke walten. Während Aprilia-Werksfahrer Rossi beim Fahren die Ellbogen nutzt und mit seiner wild wackelnden und rutschenden Maschine die abenteuerlichsten Haken schlägt, fährt Honda-Pilot Goi blitzsauber, unspektakulär und effizient. Rossi stürzt oft, Goi so gut wie nie.Wie die Großen redet Ivan Goi davon, eine perfekte Abstimmung sei wichtiger als eine schnelle Runde, und selbst sein eigenes Team wundert sich, wo der 16jährige die Abgeklärtheit und Treffsicherheit bei Aussagen zu Fahrwerk und Motor hernimmt. 1993 und 1994 bestritt der Sohn eines Motorradmechanikers die ersten Produktionsmaschinenrennen, hatte in der offenen spanischen Meisterschaft 1995 die ersten nennenswerten Ergebnisse, jetzt läuft er seinem erfahrenen spanischen Teamkollegen Emilio Alzamora bereits den Rang ab, auch wenn er in Brünn wegen eines Wackel-Fahrwerks nur Neunter wurde.Er hat ja aber noch genügend Zeit, zum Seriensieger zu werden wie Max Biaggi. Der zeigte sich vom Schreck des Österreich-Sturzes ebenso erholt wie sein Unfallpartner Olivier Jacque. Erst setzte sich der 250er Weltmeister, dann der Franzose von den Verfolgern ab, am Ende buchten sie unbehelligt die Plätze eins und zwei und sorgten im HB-Honda-Team trotz Ralf Waldmanns drittem Platz für Ernüchterung.Denn eigentlich hatte Waldi in Brünn auf den nächsten Sieg gehofft, schrieb diesen Plan aber schon nach Biaggis überlegener Pole Position in den Wind. Daß ihm auch noch Jacque davonfuhr, lag an einem zu weichen Hinterreifen und einer zunächst nicht funktionierenden Hinterradbremse. »Es sind immer noch vier Rennen zu fahren, und ich versuche weiterhin ganz klar, nach vorn zu kommen. Aber ich gebe zu: Die Chancen schwinden«, meinte Waldi.Weil auch Jürgen Fuchs in die erste Startreihe vorgestoßen war, brach Teamchef Dieter Stappert am Samstag den nächsten lautstarken Streit vom Zaun, indem er Fuchs dazu aufforderte, im Rennen hinter Waldi zu bleiben. Doch der Ärger lohnte nicht: Fuchs wurde von Tohru Ukawa besiegt und landete enttäuscht auf Platz fünf. »Ich fahre hier mit enormem Kurvenspeed. Doch dazu hatte ich im Rennen wegen der ständigen Kämpfe keine Gelegenheit«, gab der Bayer zu Protokoll.Wie man solche Kämpfe gewinnt, führte keiner besser vor als Alex Crivillé in der Halbliterklasse. Folgsam wie ein Lamm hielt er sich bis zur letzten Kurve hinter seinem Honda-Teamkollegen Michael Doohan auf, gab beim Beschleunigen aber etwas früher Gas und ging außenherum längsseits mit dem Weltmeister.Der übliche Jubel in der Auslaufrunde entfiel, weil keiner wußte, wer das Rennen gewonnen hatte. Erst das Zielfoto zeigte, daß Crivillé zwei Tausendstelsekunden oder etwa eine Handbreit vor Doohan über die Linie geflitzt war. »Einmal zu gewinnen ist nichts Ungewöhnliches. Doch zwei Siege hintereinander, das bedeutet schon was«, jubelte der Spanier.Doohan, der in Österreich noch gute Miene zum bösen Spiel gemacht hatte, stand mit versteinertem Gesichtsausdruck auf dem Podest und war beleidigt. »Es ist frustrierend, nach so viel Führungsarbeit auf diese Weise verlieren zu müssen. Alex kann zwar hinter mir herfahren, aber er ist nicht in der Lage, sich allein auf den Weg zu machen«, grantelte der Australier. An zwei darauffolgenden Test-Tagen nahm die Spannung zwischen den beiden noch zu: Grimmig verbesserte Doohan Crivillés neuen Rundenrekord um sieben Zehntelsekunden und stürzte, der Spanier legte fünf Zehntel zu und stürzte ebenfalls.Freilich gingen nicht nur die großen Honda-Rivalen mit frischem Schwung ins letzte Saisondrittel. Suzuki-Star Scott Russell führte sechs fabelhafte Runden lang und wurde am Ende Dritter, was nicht nur dem Team, sondern auch seiner Moral erheblichen Auftrieb gab. Zu Beginn des Wochenendes wollte er noch sein Motorhome verkaufen und nach Amerika zurück, nach dem Rennen war vom Ende seiner GP-Karriere keine Rede mehr.Auch die Yamaha-Asse drehten gewaltig auf. Kenny Roberts junior verpaßte seinen ersten Podestplatz als Vierter nur um anderthalb Sekunden, Loris Capirossi wurde nach toller Aufholjagd Fünfter, der Trainingsschnellste Jean-Michel Bayle erbeutete trotz Traktionsproblemen Platz sechs. Und selbst der elftplazierte Norifumi Abe wurde tüchtig gefeiert: In der zweiten Runde hatte er nämlich einen haarsträubenden Ausritt gehabt, war weit abgeschlagen Letzter und kämpfte sich wieder heldenhaft heran. Solche Einsatzfreude wurde bei Luca Cadalora schmerzlich vermißt: Nach drei lustlosen Runden tuckerte er mit seiner Kanemoto-Honda an die Box und trollte sich, ohne mit einer Menschenseele geredet zu haben.Dagegen schaffte Rolf Biland den langersehnten Durchbruch. Obwohl er keine WM-Chancen mehr hatte, teilte er die Fluten des verregneten Gespannrennens wie Moses das Wasser und buchte den ersten Saisonsieg. »Ich habe schon gar nicht mehr gewußt, wie´s geht«, schmunzelte der Schweizer Ex-Weltmeister. »Im Gegensatz zu Zeltweg hatten wir eine ganz andere Balance, und das war ein Schritt in die richtige Richtung. Man wird ja in jedem Rennen schlauer, trotz des hohen Alters.«Darren Dixon und Andy Hetherington hatten auf Intermediate-Reifen gesetzt und verteidigten ihren WM-Titel abgeschlagen mit dem vierten Platz. »Leider hat es wieder zu regnen angefangen. Der Hinterreifen sieht jetzt noch aus wie neu«, meinte Dixon nach dem Rennen. »Doch alles in allem sind wir würdige Weltmeister. Wir haben Biland ein paarmal gezeigt, was eine Harke ist!“

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