Grand Prix Valencia/E (Archivversion) Arnaud der Abenteurer

Arnaud Vincent kämpfte sich als Außenseiter zur Weltspitze – und feierte beim großen Finale in Valencia den Titel der 125er-Klasse.

Arnaud Vincent rollte nach seinem zweiten Platz beim Valencia-Grand Prix zu jener Stelle am Streckenrand, wo Régis Laconi und eine Handvoll weiterer Freunde auf ihn warteten. Doch anstatt die Nationalflagge zu packen und auf die Ehrenrunde zu gehen, ließ der 27-jährige Franzose erst einmal schluchzend den Kopf auf den Tank sinken, weil er nicht fassen konnte, daß die Prophezeihung seines Vaters wahr geworden war. »Eines Tages wirst du Weltmeister«, hatte Philippe Vincent gesagt, als sein Sprössling die Gegend um die Heimatstadt Nancy mit seinem ersten Moped unsicher machte. Eigentlich am liebsten mit dem Fahrrad in einsamen Wäldern unterwegs und Motorenlärm eher abgeneigt, war Arnaud nur durch Zufall bei Familienferien auf den Spaß am Gasgeben gekommen, investierte das verwandtschaftliche Geld, das man als 14-Jähriger für die heilige Kommunion bekommt, dann aber sofort in eine Yamaha YZ 80 und tauschte die Stollenreifen des Mini-Crossers umgehend in Straßen-Pneus um.Immer mit Vollgas unterwegs, schwebte Arnaud in ständiger Gefahr, einmal unter den Leitplanken oder einem Bus zu enden. Der Besitzer des Motorradgeschäfts, bei dem er nach der Schule anheuerte, riet Vincent denn auch, sein Glück lieber auf abgesperrter Strecke, bei einem Bergrennen, auszuprobieren. So begann die Karriere des Franzosen, und sein unaufhaltsamer Aufstieg wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn er ihn nicht mutterseelenallein erkämpft hätte. Ohne jede Hilfe karrte Vincent 1995 seine erste Yamaha TZ 125 im Auto zu den Rennen der französischen Meisterschaft. Für die nächste Saison versetzte er alles, was er hatte, um sich in ein professionelles Aprilia-Team einkaufen zu können, wurde französischer Vizemeister und im Jahr darauf Landes- und sogar Europameister. Das war die Eintrittskarte ins Grand-Prix-Fahrerlager, wo es fünf Jahre dauern sollte, bis er im Aprilia-Team des Italieners Fiorenzo Caponera endlich auf Titelkurs einbog. Vincent holte in dieser Saison fünf Siege und zehn Podestplätze, punktete bei allen Rennen und brachte auf diese Weise Dunlop und Aprilia hinter sich, bei denen das chronisch geldknappe Caponera-Team keineswegs erste Wahl gewesen war. Dabei war Abenteurer Vincent, der im Januar die Rallye Paris-Dakar bestreiten will, auch in diesem Jahr ein krasser Außenseiter gewesen. Er hatte nur eine Maschine zur Verfügung und lebte von den Zuschüssen einiger weniger privater Sponsoren, weil selbst die Preisgelder in die Teamkasse zurückflossen. Vielleicht war es ganz gut, dass er bei seinem schillernden Teamchef nicht auf der Gehaltsliste stand, denn sonst hätte es womöglich Streit gegeben wie mit seinem Landsmann Randy de Puniet, der von Caponera aus dem Vorjahr noch 50 000 Euro zu bekommen hatte und die Motorräder des Teams beim Frankreich-Grand-Prix polizeilich beschlagnahmen ließ, bis er endlich seinen Scheck in der Hand hatte. Vincent steckte den Stress ebenso weg wie die Enttäuschung beim Motegi-Grand-Prix, wo sein stolzer Punktevorsprung wegen eines gebrochenen Auspuffs in sich zusammenschmolz, und erst jetzt, nach dem großen Finale, zeigte sich, welche Last der kleine Franzose auf den Schultern getragen hatte. Vincent weinte bei der Ehrenrunde, bei den ersten Interviews und noch hemmungsloser auf dem Podest, wo er völlig aufgelöst neben dem glückstrahlenden Laufsieger und Lokalmatador Daniel Pedrosa auf die Hymne wartete. Zum Heulen war die Stimmung auch im Gilera-Team. Mit einem Sieg hätte Manuel Poggiali seinen WM-Titel vielleicht noch verteidigen können, leistete sich in der fünften Runde aber einen Ausritt und schaffte es wegen einem Defekt an der Zündunterbrechung für schnelle Schaltmanöver nicht mehr, zur Spitze aufzuschließen. »Ich habe diese Saison bewiesen, dass ich nach wie vor der beste Fahrer bin. Doch um Weltmeister zu werden, braucht man auch Glück«, meinte Poggiali, der als prominentester Sportler seines Landes künftig von der Regierung San Marinos unterstützt wird und entweder auf eine Honda oder Aprilia 250 umsteigt. Für Gilera-Konstrukteur Harald Bartol, der künftig bei KTM unter Vetrag steht, endete die Saison ebenfalls unerfreulich. Denn die im Team von Giampiero Sacchi verbleibenden Techniker hatten dem Österreicher verboten, die von ihm gebauten Maschinen nochmals anzufassen. Allerdings sind Bartols Zylinder und auch andere Details wie die Zündanlage spezielle Entwicklungen, die nicht ohne weiteres kopiert werden können. »In spätestens zwei Monaten werden’s auf allen Vieren angekrochen kommen«, kündigte Bartol grimmig an.

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