Grand Prix Valencia/E (Archivversion) Guten Rutsch

Neben Sieger Garry McCoy brachte vor allem Publikumsliebling Valentino Rossi Stimmung ins 500er-Rennen. Aber auch hinter den Kulissen ist einiges in Bewegung.

Manchmal sind auch Verlierer Helden. So hatte Valentino Rossi seinen WM-Rivalen Kenny Roberts schon überholt, als er vier Runden vor Ende des Valencia-Grand-Prix schwungvoll von seiner Nastro Azzurro-Honda stürzte. »Zuerst war ich beleidigt. Doch die Fans haben mir derart applaudiert, dass ich Helm und Handschuhe in die Ränge schleuderte, was ich sonst niemals tue”, berichtete der Italiener. »Kenny zu überholen war meine einzige Chance, den Titelkampf noch offen zu halten”, hakte er seinen Übereifer ab. Bereits zu Rennmitte hatte Valentino nach einem Angriff auf Roberts das Schicksal mit einem Vorderradrutscher herausgefordert. Das rechte Knie und Ellbogen am Boden, das linke Bein wie einen dürren Ast über die Sitzbank in den blauen spanischen Himmel gespreizt, hatte er sich irgendwie heil aus jener Rechtskehre gestohlen. »Fahrkönnen war das nicht. Mein einziger Verdienst war, dass ich weiterhin den Lenker festgehalten habe. Irgendwie hat sich die Kiste wieder beruhigt”, gestand er später. Genau das gab dem im Rennen zweitplatzierten und in der WM wohl uneinholbaren Kenny Roberts - beim nächsten Lauf in Rio de Janeiro genügt ihm ein sechster Platz zum Titel - Gelegenheit, das alte Klagelied von der Überlegenheit der Konkurrenz anzustimmen. »Die Honda-Fahrer stellen in der Kurve die unmöglichsten Dinge an, doch das Motorrad verzeiht nahezu alles. Wir können die Suzuki nicht so abstimmen - denn am Kurvenausgang fehlt die nötige Leistung, uns aus dem Schlamassel herauszuziehen”, dozierte der Beinahe-Champion. Garry McCoy scheinen derartige Probleme fremd zu sein. Nach seinem Portugal-Sieg schlug er in Valencia mit der Yamaha gleich noch einmal zu, nahm am Anfang klug auf seine Reifen Rücksicht und fuhr in der zweiten Halbzeit dann in gewohnt spektakulärer Manier auf satte fünf Sekunden davon. »Vor einem Jahr hat er hier seinen ersten Podestplatz auf einer 500er erzielt, jetzt, 16 Rennen später, landet er einen überzeugenden Sieg. Wir dürfen noch mehr erwarten”, zog Cheftechniker Hamish Jamieson Bilanz. »Es zahlt sich aus, dass wir von Anfang an auf 16,5-Zoll-Felgen gesetzt haben und diesen Weg konsequent weitergegangen sind. Seit wir genügend Reifenmischungen zur Auswahl haben, funktioniert das Motorrad überall. Die Änderungen am Set-up, die wir seit Saisonbeginn gemacht haben, sind so minimal, dass sie keiner Erwähnung wert sind. Die Yamaha ist eben ein sehr gutes Motorrad”, fügte er hinzu. So, wie Garry McCoy mit seiner Yamaha und der Konkurrenz derzeit umspringt, keimen bei seinen Fans berechtigte Hoffnungen für künftige Titelkämpfe auf. Die Euphorie hat auch das Umfeld erfasst. Die Geldgeber stehen Schlange, ebenso die Fahrer, seit durchgesickert ist, dass Red-Bull-Yamaha-Teamchef Peter Clifford den in diesem Jahr erfolglosen Regis Laconi womöglich ersetzen will. Einer der Kandidaten ist der Brite Neil Hodgson, ein anderer der flamboyante Noriyuki Haga, der nicht nur das Team, sondern die ganze GP-Szene aufwerten würde. Seit Antena 3-Teambesitzer Luis d´Antin am Sonntag nach dem Rennen Jose-Luis Cardoso als neuen Teamkollegen von Norick Abe vorstellte, sind auch die letzten Zweifel an der Besetzung der anderen drei Yamaha-Teams ausgeräumt. Schockwellen löste freilich die Nachricht aus, neben den offiziellen Werkspiloten Biaggi und Checa würde auch das Tech 3-Team mit den bei den 250ern siegreichen Nakano und Jacque in Marlboro-Farben gehalten. Die Budgetierung zog nämlich empfindliche Sparmaßnahmen nach sich: Sowohl das Racing-Factory-Team mit Alex Hofmann als auch Ralf Waldmann müssen künftig auf Marlboro-Dollars verzichten. »So was muss man wegstecken. Ich bin in keinster Weise deprimiert. Ich habe mich für eine super Unterstützung zu bedanken und führe jetzt schon viel versprechende Verhandlungen für die nächste Saison”, erklärte Racing-Factory-Manager Dieter Theis. Für die Karriere Ralf Waldmanns passte der Marlboro-Rückzug allerdings zu den unklaren Zukunftsperspektiven. Schon zuvor hatten Aprilia und Teammanager Dieter Stappert auf empfindlichen, für Waldi unannehmbaren Gehaltskürzungen bestanden. »So schlecht war mein Jahr nicht. Ich habe als Einziger Siege für Aprilia geholt, im Nassen war ich sogar der Allererste, der auf dem Ding gewonnen hat. Das erfüllt mich mit Stolz. Trotzdem fallen die Türen zu für mich. Die Neuen sind halt nicht so teuer. Doch ich fahre nicht für das Geld, das mir angeboten wurde«, beschrieb er seine Situation bei Aprilia. Wie immer in aussichtslosen Lagen zeigte er besonderen Humor und besondere Angriffslust. In der Hoffnung, der Renndirektor würde die Startampel so flugs von Rot auf Grün umschalten wie bei den 125ern, fuhr Waldi nach Gefühl aus der zweiten Reihe los, hatte beim offiziellen Startsignal schon alle Mann überholt und führte das Rennen für wenige freudige Augenblicke souverän an. Nach Absitzen seiner zehnsekündigen Stop-and-go-Strafe wegen Frühstarts wurde er noch 13., ließ sich nach der Rückkehr zur Box aber keinerlei Enttäuschung anmerken. »Das war der beste Start, den ich je mit der Aprilia gemacht habe!” brüllte er begeistert. Mit der gleichen Unverdrossenheit plant er seine sportliche Zukunft. Sollte er tatsächlich als GP-Pilot aufhören, stehen Tourenwagenrennen auf dem Programm. Und eine Beratertätigkeit bei MZ, wo Geschäftsführer Petr-Karel Korous mit einem im Werk entwickelten Rahmen, japanischen V4-Motoren und zwei Fahrern ein Grand-Prix-Comeback plant. Doch auch als GP-Pilot sind noch nicht alle Chancen dahin. Der Belgier Olivier Liegois, Chef des Benetton-Playlife-Teams mit Azuma und Giansanti in der 125-cm3-Klasse, will zu den 250ern aufsteigen und dachte dabei an die australische Nachwuchshoffnung Anthony West. Weil Wests trinkfester Vater einen Streit mit dem australischen Shell-Advance-Teammanager Jeff Hardwick vom Zaun brach, fehlt nun allerdings ein Hauptsponsor.In Valencia kam es daraufhin zu einem Treffen mit der Honda Racing Corporation, in dem Liegois Ralf Waldmann als Alternative vorschlug. Die Honda-Manager waren sofort Feuer und Flamme und erklärten ihn zur Nummer eins, falls er denn zu haben sei. Die Tatsache, dass es auch für Waldi noch keinen Sponsor gab, schien zunächst weniger wichtig. Denn der Mann, der die Idee hatte und die losen Enden zusammenknüpfte, sprühte vor Zuversicht. »Honda, Liegois und Waldi - eine ideale Kombination. Waldi ist das Synonym für Motorradsport in Deutschland. Ohne die 500er-Aufsteiger Nakano, Jacque und Ukawa wäre er auf einer Honda im nächsten Jahr klarer 250er-WM-Favorit und ein super Werbeträger. Ständige Fernsehpräsenz wäre garantiert”, war die Vision von Andy Leuthe. Seit dem Okay von Honda ist Leuthe auf Sponsorsuche, und dass er dabei Erfolg hat, ist bei der Überzeugungskraft des deutschen Grand- Prix-Weltenbummlers und derzeitigen Managers von Olivier Liegois nicht ausgeschlossen. Bei den 125ern trumpfte der Italiener Roberto Locatelli in Valencia selbstsicher auf und fuhr seinem Titelrivalen Youichi Ui im Rennen und in der WM davon. Denn der Derbi-Star hatte zu harte Reifen erwischt und musste sogar noch Masao Azuma vorbeilassen. Um ein Haar wäre Ui sogar hinter seinem Teamkollegen Pablo Nieto auf Platz vier gelandet – was eine Stallorder aber noch rechtzeitig verhinderte.

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